25. Januar 2012
Hydrotherapie: So geht Kneippen Zuhause

Zuhause kneippen

Aktuelle Studien belegen eindrucksvoll, wie gut die berühmte Hydrotherapie von Pfarrer Kneipp wirkt. Das Tolle: Viele Anwendungen können Sie ganz einfach im eigenen Bad für sich nutzen.

Fußbad
© Kzenon / Adobestock
Fußbad

Am 16. November 1849 läuft ein 28-jähriger Mann mit Tuberkulose keuchend ans Ufer der Donau. Er reißt sich alle Kleider vom Leib und taucht bis zum Hals in das eisige Wasser, zählt laut bis drei, entsteigt den Fluten, zieht sich an und rennt davon. Wie viele Menschen den Mann an jenem Freitag entsetzt beobachtet haben, ist nicht überliefert. Sein Name schon: Sebastian Kneipp (1821–1897). Sein waghalsiger Selbstversuch gilt als Geburtsstunde der nach ihm benannten Hydrotherapie („Wasserkur“). Die umfasst Wechselbäder, Waschungen, Wickel, Güsse, Bürstenmassagen und das Wassertreten.

Bereits nach vier Wochen, belegt eine Studie der Uni Halle-Wittenberg, bewirken die gezielten Kälte- und Wärmereize, denen der Körper bei einer Kneipp Kur ausgesetzt ist, dass wir vermehrt Abwehrzellen bilden. Der kalte „Kneipp’sche Oberguss“ verhindert, dass Patienten mit der chronischen Lungenkrankheit COPD allzu oft unter Infekten leiden. Bei Knie- oder Hüftarthrose fördern kalte und warme Güsse die Beweglichkeit. Außerdem haben sie einen Anti-Schmerz-Effekt, der bis zu drei Monate lang anhält. Der Clou: Um die Heilkraft des Wassers zu erleben, müssen Sie nicht unbedingt in einer der vielen Kneipp-Kliniken einchecken. Viele Anwendungen können Sie zu Hause genießen und diverse Alltagsbeschwerden lindern. VITAL hat für Sie die perfekte Kneipp-Kur zusammengestellt. Wasser, marsch!

Die 5 Methoden der Kneippschen Ganzheitstherapie

Die Therapie des Pfarrers Kneipp setzt sich aus fünf „Bausteinen“ zusammen – und ist bis heute das einzige ganzheitliche naturheilkundliche Verfahren in Europa. Das Fünf-Säulen-Prinzip der Kneippkuren umfasst die Hydro-, Phyto-, Bewegungs-, Ernährungs- und Ordnungstherapie:

  1. Wasser: Das wichtigste Element ist die Hydrotherapie. Hierbei handelt es sich um verschiedene Wasseranwendungen. Bei Waschungen, Wickeln, Güssen, Bädern mit Wasser in unterschiedlichen Temperaturen oder Wassertreten wird der Kreislauf und die Durchblutung angeregt und das Immunsystem gestärkt. Beschwerden wie Bluthochdruck oder Schmerzen lassen sich lindern.
  2. Kräuter: Kneipp behandelte seine Patienten mit circa 50 unterschiedlichen Kräutern. Sie kommen z. B. in Form von Kräuterkissen zum Einsatz oder als warmer Heublumensack, der den Gästen am frühen Morgen im Hotelbett auf einen gereizten Magen gelegt wird. Natürlich finden sich auch viele Kräuter im Essen.
  3. Bewegung: Aktivität macht den Körper leistungs- und widerstandsfähiger und schützt vor Übergewicht bzw. baut es ab. Gymnastik, Nordic Walking, Aquajogging, Wandern oder Radeln eignen sich prima.
  4. Ernährung: Kneipp plädierte für abwechslungsreiche, vollwertige Kost mit vielen Ballaststoffen und komplexen Kohlenhydraten (Vollkorn, Gemüse, Obst, Salate) – gern fantasievoll zubereitet und fein schmeckend.
  5. Psychische Balance: Die Harmonie von Körper, Geist und Seele ist Voraussetzung für ein gesundes Leben. Deshalb gehören zu einer Kneippkur Angebote wie Meditation, richtiges Atmen oder Aromamassage ebenso wie eine harmonische Umgebung.

Die wichtigsten Regeln für das Kneippen zu Hause

Wer sich an einige simple Regeln hält, wird mit optimaler Wirkung der Anwendungen belohnt:

  1. Mit „kaltem Wasser“ ist eine Temperatur von 8 bis 12 °C gemeint. Bei warmen Güssen werden 34 bis 38 °C erwartet. Anfänger starten im oberen Bereich.
  2. Die Haut muss sich warm anfühlen. Ideale Raumtemperatur: um 20 °C.
  3. Nach einer kalten Anwendung die behandelte Körperpartie bzw. den ganzen Körper bewegen und wärmen.
  4. Nicht direkt vor oder nach dem Essen kneippen.
  5. Nur die Körperteile entkleiden, die behandelt werden sollen.
  6. Keine kalten Güsse abends vor dem Schlafengehen.

Mit Kneipp-Anwendungen gegen Schlafstörungen

Auch Schlafstörungen können mithilfe von Kneippkuren gelindert werden. Das wurde sogar in einer Studie der Ludwig-Maximilians-Universität München belegt.

Viele Schlafprobleme gehen nämlich auf innere Unruhe, Stress und Reizüberflutung zurück. Mit Behandlungen auf der Basis der drei Säulen der Kneippschen Lehre gingen die Schlafstörungen der Studienteilnehmer um 30 Prozent zurück. Bei den drei Basen handelt es sich um Bewegung, innere Ordnung und die bekannten Wassergüsse.

Gerade Güsse mit kaltem Wasser helfen beim Einschlafen, da sie die Körpertemperatur verringern. Einen erheblichen Einfluss hat aber vermutlich vor allem die Therapie zur inneren Ordnung, mit der Gedankenkreisläufe durchbrochen werden und die Betroffenen besser abschalten und dementsprechend einschlafen können.

Kneipp-Methode: Gesichtsguss für straffe Haut

Der Schönheitsguss von Kneipp sorgt für straffe Gesichtshaut! Die Erfrischungskur kann mehrmals täglich angewandt werden und entspannt zusätzlich.

So funktioniert der Kneipp Gesichtsguss

Der Kneipp‘sche Gesichtsguss belebt Körper und Geist, indem er die Durchblutung der Haut fördert. Er wirkt gegen Kopfschmerzen und Abgeschlagen, hilft bei müden Augen und verbessert das Hautbild. Um deutliche Verbesserungen zu sehen, sollten Sie den Schönheitsguss etwa vier Wochen lang zwei Mal täglich anwenden.

  1. Während der Behandlung sollten Sie langsam durch den Mund ein- und ausatmen.
  2. Der Schönheitsguss wird in der Badewanne angewandt, da Sie einen Duschkopf benötigen.
  3. Legen Sie sich ein Handtuch um den Hals und beugen sich nach vorn.
  4. Drehen Sie das Wasser nicht voll auf, sondern auf einer angenehmen Druckstärke.
  5. Setzen Sie den kühlen Wasserstrahl zuerst an der rechten Schläfe an und führen Sie ihn über die Stirn zur linken Schläfe. Anschließend geht es wieder zurück.
  6. Nun wird die eine Gesichtshälfte drei Mal von oben nach unten mit dem kühlen Wasserstrahl begossen, als nächstes ist die andere Seite dran.
  7. Die Anwendung wird mit drei kreisenden Bewegungen über dem gesamten Gesicht beendet.
  8. Zum Schluss sollten Sie sich nicht abtrocknen, sondern das Wasser nur sanft mit den Händen abstreifen.

Wann eine Kneipp-Therapie nicht geeignet ist

  • Kneippanwendungen dürfen nicht bei Personen durchgeführt werden, die sich in einem Zustand befinden, der eine besondere Klinik-, Krankenhaus- oder Isolierbehandlung notwendig macht, oder die keine körpereigene Regulation im Sinne einer Reizbeantwortung besitzen (zum Beispiel bei Tuberkulose, schweren Infektionskrankheiten oder Diabetes Typ II)
  • Des weiteren sollten Anwendungen vor oder nach dem Essen, sowie direkt nach körperlicher Anstrengung vermieden werden. Warten Sie hier mindestes eine Stunde.
  • Kaltanwendungen sind Tabu! Der Patient sollte nicht frieren, keine kalte Haut haben oder sich in einem Raum unter 18 Grad aufhalten.
  • Substanzen, die sich auf die Blutgefäße auswirken, wie Nikotin, Kaffee oder Schwarztee sollten ebenfalls nicht direkt vor oder nach der Anwendung konsumiert werden.

Mit Kneipp fit in den Tag

Kalte Waschung: Power für den Tag

So geht’s: Tauchen Sie morgens einen saugfähigen Lappen in kaltes Wasser und waschen Sie den noch bettwarmen Körper zwei Minuten lang in dieser Reihenfolge zügig ab: rechter Arm, Brust, Rücken, linker Arm, rechtes Bein, linkes Bein, Fußsohlen. Nicht abtrocknen, sondern das Wasser mit den Händen abstreifen. Noch 30 Minuten im Bett ruhen. Jetzt anziehen – und ab in den Tag!

Das passiert: Kaltwasser wirkt aufs vegetative Nervensystem, reguliert den Blutdruck, fördert die Durchblutung und regt Stoffwechsel sowie Darm an. Tipp: Eine Waschung am Abend mit lauwarmem Wasser lässt Sie gut schlafen.

Kalter Guss für die grauen Zellen

So geht’s: Den Duschkopf vom Schlauch entfernen, ein Handtuch um den Hals legen und über die Badewanne beugen. Jetzt den kalten Wasserstrahl mit ca. zehn Zentimeter Abstand an die rechte Schläfe führen, über die Stirn langsam bis zur linken Schläfe wandern, das Gesicht zwei- bis dreimal umkreisen, anschließend den Wasserstrahl erst quer vom rechten Nasenflügel zum rechten Wangenknochen, dann quer vom linken Nasenflügel zum linken Wangenknochen führen. Augen geschlossen halten.

Das passiert: Der weiche Strahl legt sich wie ein Mantel auf die Haut, fördert die Gehirndurchblutung, macht munter, lindert Kopfschmerzen, Migräne und fieses Pochen im Zahn.

Kalte Kniegüsse machen Beine

So geht’s: Im Sitzen oder Stehen den kalten Strahl aus dem Schlauch der Handbrause (ohne Duschkopf) vom Rücken des rechten Fußes außen am Bein bis knapp übers Knie führen. Kurz verweilen und eine möglichst große Fläche des rechten Unterschenkels „begießen“. Danach den Wasser strahl an der Innenseite des rechten Beines bis zur Ferse führen. Das Gleiche links, beide Beine im Wechsel, bis sich eine leichte Hautrötung zeigt. Das Wasser mit den Händen abstreifen, warme Wollsocken überziehen und die Beine kräftig bewegen.

Das passiert: Der Kältereiz zieht die Blutgefäße im Oberund Unterschenkel zusammen und trainiert die Muskeln in den Gefäßwänden. Der Effekt hält bis zu acht Stunden an, schützt vor Schwere gefühl, Besenreisern und Krampfadern. Auch gegen einen zu niedrigen Blutdruck können kalte Kniegüsse helfen.

Hydrotherapie bei Erkältung

Wechselbad: Erkältungsviren hassen es

So geht’s: Füllen Sie einen Eimer mit warmem und einen mit kaltem Wasser – so hoch, dass es Ihre Waden später zur Hälfte bedeckt. Jetzt beide Füsse für 5 bis 10 Minuten ins warme Wasser stellen, danach höchstens 30 Sekunden ins kalte tauchen. Dreimal wiederholen und mit einem kalten Bad beenden. Füsse nicht abtrocknen, sondern kräftig bewegen oder im Bett aufwärmen. Tipp: Zugleich können Sie den Armen in zwei Schüsseln ein Wechselbad gönnen.

Das passiert: Wechselnde Temperaturreize trainieren die Blutgefäße, den Kreislauf und die Lymphbahnen. Außerdem werden vermehrt Abwehrzellen gebildet, Erkältungsviren sind chancenlos.

Bürsten: Nicht nur für die Schönheit

So geht’s: Morgens den nackten Körper mit einer langstieligen weichen Bürste (ca. 10 Euro, in Drogerien) im Sitzen oder Stehen in dieser Reihenfolge massieren: von der rechten Fußsohle aufwärts Richtung Herz bis zur rechten Achselhöhle, dann vom linken Fuß herzwärts zur linken Achsel. Anschließend von der rechten Hand bis zur rechten Schulter und von der linken Hand bis zur linken Schulter bürsten. Zum Schluss im Uhrzeigersinn über den Oberkörper und den Rücken streichen. Nicht zu kräftig drücken! Leichte Rötungen sind okay, Kratzer nicht. Brustwarzen, Gesicht und entzündete Hautpartien aussparen. Nie länger als fünf Minuten bürsten. Danach wie gewohnt duschen, um gelöste Hautpartikel zu entfernen.

Das passiert: Bürsten verbessert nicht nur das Hautbild. Es entlastet auch das Herz, reguliert Blutdruck und Lymphsystem. Alle, die unter kalten Händen oder Füssen leiden, sollten möglichst täglich zur Bürste greifen.

Infos & Heilbäder

Verband Deutscher Kneippheilbäder und Kneippkurorte, Kölner Straße 13, 53902 Bad Münstereifel, Tel. 0 22 53/54 46 88, www.kneippverband.de (mit Kurort-Finder) Kneipp-Bund e.V., Adolf-Scholz-Allee 6–8, 86825 Bad Wörishofen, Tel. 0 82 47/3 00 20, www.kneippbund.de (Dachverband von mehr als 600 Kneipp-Vereinen in Deutschland)

So geht’s: Ein Leintuch in warmes Wasser tauchen, gut auswringen und um die schmerzende (nicht geschwollene!) Körperpartie wickeln. Mit einem trockenen Flanelloder Wolltuch fixieren. Legen Sie sich bequem aufs Sofa oder ins Bett und decken Sie sich zu. Wichtig: Auf die Stirn ein kleines nasskaltes Tuch legen. Entfernen Sie den Wickel, wenn das Leintuch auszukühlen beginnt. Bei Bedarf den Wickel wieder aufwärmen und noch zweimal anlegen.

Das passiert: Die Gefäße weiten sich, dadurch wird die betroffene Körperpartie stärker durchblutet, und Schmerzbotenstoffe können schneller abtransportiert werden. Das löst Verspannungen, Krämpfe und beruhigt die Organe. Nicht anwenden bei Diabetes, akuten Gelenkentzündungen oder Tumorschmerzen.

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