20. April 2010
Hilfe durch Hyperthermie

Hilfe durch Hyperthermie

Spezielle Tiefenwärme, auch Hyperthermie genannt, erzeugt im Körper künstliches Fieber. Immer mehr chronische Krankheiten können damit geheilt werden. 

Frau mit Fieber
© Yuri Arcurs - Fotolia
Frau mit Fieber

Als der Schmerz weg war, konnte ich es anfangs kaum fassen. Ich kannte das Gefühl gar nicht mehr“, erinnert sich Isabell Hardke. Seit Jahren hatte die 41-jährige Kölnerin unter Schmerzen im Unterbauch gelitten. Die Diagnosen reichten von chronischer Blasenentzündung bis Darminfektion – sie hatte eine wahre Ärzte-Odyssee hinter sich. Organische Ursachen wurden nicht gefunden. Ein Mittel gegen das Ziehen und Stechen aber auch nicht.

Bis Isabell Hardke auf Hyperthermie aufmerksam wurde – und darauf, was spezielle Wärmeverfahren z.B. mittels Mikro-, Radiowellen oder Infrarotstrahlen alles können. „Bisher war mir Hyperthermie nur aus der Krebstherapie ein Begriff. Ich wusste, dass Tiefenwärme neben Bestrahlung und Chemotherapie eingesetzt wird und mutierte Zellen außer Gefecht setzen kann“, sagt die Bibliothekarin.

Die Natur imitieren

Das ist in der Tat der herkömmliche Anwendungsbereich der Hyperthermie. Weniger bekannt: Moderates künstlich erzeugtes Fieber wirkt bei vielen chronischen Beschwerden schmerzlindernd und heilend. Das Spektrum reicht von Asthma über Migräne bis zu Neurodermitis oder Rheuma. „Das Prinzip dahinter ist einfach und ahmt lediglich die Natur nach. Denn Fieber ist eine hilfreiche Reaktion des Körpers, die, sofern die Temperatur nicht lebensbedrohlich hoch ist, nicht unterdrückt werden sollte“, sagt der Bochumer Arzt Dr. Hüseyin Sahinbas, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Hyperthermie in Wilhelmshaven.

Abwehrkräfte stärken

Abwehrkräfte stärken

Natürliches Fieber, aber auch eine künstlich leicht erhöhte Körpertemperatur fördern die Abwehrreaktion des Organismus und trainieren das Immunsystem. Dass damit vor allem bei chronisch Erkrankten oft etwas nicht stimmt, weiß man heute aus zahlreichen Untersuchungen. Denn Patienten mit langjährigen Beschwerden haben häufig auch jahrelang nicht gefiebert.

Wie Isabell Hardke. „Als ich Kind war, gab es gegen Fieber immer ein Zäpfchen. Später habe ich Infekte, die oft mit erhöhter Temperatur verbunden waren, auch sofort medikamentös behandelt“, erinnert sie sich. Ein nachhaltiger Fehler, denn wird sie immer gleich eingedämmt, verlernt der Körper irgendwann die wichtige Selbstregulation des Fieberns. Er ist nicht mehr in der Lage, innerlich „aufzukochen“, zu entgiften und sich von Krankheitserregern und Stoffwechselresten richtig zu befreien.

Gesund im Wärmezelt

Bei einer Temperatur zwischen 38 und 39 Grad arbeiten die Immunzellen am effektivsten. Die Blutgefäße werden durchlässiger und Abwehrzellen gelangen leichter in erkrankte Körpergewebe. Die Sauerstoff- und Blutzufuhr zu Organen und Geweben wird verbessert, Muskulatur und Gefäße entspannen. „Hyperthermische Behandlungen unterstützen diese Prozesse und stoßen langfristig die Fähigkeit des Organismus zum Fiebern, damit zur Selbstheilung an“, so Dr. Sahinbas. Wichtig dabei: Sowohl bei natürlicher als auch bei provozierter Hitze ist die Körperkerntemperatur erhöht, weshalb man sie nicht mit der nur oberflächlich wirkenden Wärme einer Sauna oder Wärmflasche vergleichen kann.

Bei manchen Beschwerden bietet sich die lokale Hyperthermie an, etwa bei schmerzenden Gelenken, manchmal auch bei Harnwegsinfekten. Mittels Radio- oder Mikrowellen wird der entsprechende Bereich ca. 30 Minuten lang auf bis zu 39 Grad erwärmt.

Fit mit sanfter Medizin

Fit mit sanfter Medizin

Am häufigsten nutzen Ärzte jedoch die Ganzkörperhyperthermie. Dabei liegt der Patient in einer Art wärmespeicherndem Zelt auf einer Liege, die von unten mit Infrarotwärmelampen bestrahlt wird. Bis maximal 39 Grad heizen sie den Körper auf, was permanent überwacht wird. Auch Puls und Blutdruck werden während der rund 90-minütigen Behandlung kontrolliert, der hitzebedingte Flüssigkeitsverlust durch eine Elektrolyt-Infusion ausgeglichen.

„Häufig fühlen sich die Patienten schon nach wenigen Behandlungen so stabil, dass sie oft Schmerzmittel, Kortisonsalben und viele medikamentöse Therapien weitgehend reduzieren können“, sagt Dr. Sahinbas. Zwischen 200 und 500 Euro kostet eine ambulante Wärmebehandlung, bisher zahlen nur private Krankenversicherungen. Geeignet ist die moderate Hyperthermie grundsätzlich für jeden. Nur Schwangere und Menschen mit frischen Thrombosen und fortgeschrittenen Herz-Kreislauf-Erkrankungen sollten darauf verzichten. Die Nebenwirkungen sind gering: Leichte Kreislaufstörungen können auftreten, manchmal schwitzt der Patient noch einige Stunden nach der Behandlung. Isabell Hardke war ihre Beschwerden nach acht Sitzungen los. Für sie ein unendlicher Gewinn an Lebensqualität. Auch wenn sie die Kosten von knapp 2000 Euro selbst tragen musste: „Ich bin schmerzfrei – und das ist jeden Cent wert!“

Lindert und hilft heilen

Regt an, lindert und hilft heilen

Hyperthermie wirkt auch präventiv, um die allgemeine Infektanfälligkeit zu reduzieren. Drei bis fünf Behandlungen, übers Jahr verteilt, können den Organismus dabei unterstützen, fit und abwehrbereit zu bleiben.

Bei Dauerstress oder dem Burn-out-Syndrom sinkt die Leistungsfähigkeit des Körpers. Künstliches Fieber mobilisiert neue Kräfte.

Auch bei Sportverletzungen, Quetschungen oder Brüchen trägt Überwärmung dazu bei, dass Gewebe schneller regenerieren können und Schmerzen gelindert werden.

Adressen & Tipps

Therapeuten: Die Deutsche Gesellschaft für Hyperthermie e.V. bietet unter www.dght-ev.de ein nach Postleitzahlen geordnetes Ärzte- und Klinikverzeichnis. Infos: www.hyperthermie-bochum.de verschafft einen guten Themenüberblick

Die Kosten werden von den Kassen nur in der stationären Krebstherapie getragen. Andere Indikationen müssen gesetzlich Versicherte selbst finanzieren. Dennoch lohnt die Nachfrage bei der Krankenkasse, da manche Leistungen auch über den üblichen Rahmen hinaus gezahlt werden.

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