31. Dezember 2010
Yoga auf den Andamanen

Yoga auf den Andamanen

Nichts tun, nichts denken – hört sich nach purer Entspannung an, fällt aber verdammt schwer. In einem Yoga-Seminar auf den Andamanen stellte sich VITAL-Autorin Christine Mühlenhof ganz neuen Herausforderungen.

© Frank Gerritsma - iStockphoto

Still sitzen. Klingt einfach – ist es aber nicht. Selbst an einem Ort wie diesem: ein schlichter Holzpavillon auf Havelock Island, einer der 204 Andamanen-Inseln, die wie verlorene Puzzlestücke im Golf von Bengalen verstreut liegen, etwa 1000 Kilometer östlich von Indien.

Abgelegener geht es kaum, bezaubernder allerdings auch nicht: kilometerlange weiße Sandstrände mit türkisfarbenem Wasser treffen auf dichten Urwald, purpurrote Papageien flattern von Ast zu Ast – ein Ort, der aussieht, als hätte Robinson Crusoe ihn persönlich ausgesucht. Die perfekte Kulisse für meinen Selbstversuch: eine Woche lang bewusst nichts tun, nichts denken, den Geist völlig entleeren. Natürlich könnte ich mich dafür auch an den Strand legen, doch das wäre nichts für mich. Stattdessen habe ich mich zu einem sogenannten Yoga-Retreat (engl. für Rückzug, Einkehr) mit dem vielversprechenden Titel „Divine Paradise” (göttliches Paradies) angemeldet, das mir dabei helfen soll, äußere und innere Ruhe zu finden. Gemeinsam mit 37 anderen Neugierigen sitze ich also mit gekreuzten Beinen auf einem Kissen und warte gespannt auf den Beginn des Programms.

Kursleiter Madhukar begrüßt uns mit einem langen „Oooom“ und einem noch längeren Schweigen. „Stille ist die höchste Lehre. Wahrheit kann nicht in Worten beschrieben, aber in Stille übertragen werden“, sagt er nach einer gefühlten Ewigkeit. Sehr kryptische Sätze sind das, manche gucken verwirrt, als wären sie irgendwie auf der falschen Insel gestrandet. Und schon jetzt ist klar: Das wird kein normaler Erholungsurlaub.

Welche Wahrheit steckt in der Stille?

WELCHE WAHRHEIT STECKT IN DER STILLE?

Madhukar lehrt Jnana-Yoga, das „Yoga des Wissens”, die achte und höchste Stufe im Yoga, mit dem Ziel, den Geist zu beruhigen. „Es geht um Selbsterkenntnis und um die wichtigste Frage überhaupt: Wer bin ich?”, erklärt Madhukar, der sich als Vermittler der „Advaita”-Philosophie sieht, einer uralten spirituellen Lehre über das Wesen der Wirklichkeit. Diese ist formbar, sie existiert nicht im objektiven Sinne, sondern nur subjektiv – und somit liegt es in der Macht des Einzelnen, die Wirklichkeit zu gestalten. Noch klingt alles sehr abstrakt, doch in den nächsten Tagen kommen wir hoffentlich dahinter, um was es wirklich geht.

Zweimal am Tag treffen wir uns mit Madhukar zum „Satsang“, was so viel bedeutet wie „Zusammensein in Wahrheit”. Jeder Satsang verläuft anders: Mal sprechen wir angeregt, mal bleiben wir zwei Stunden lang still sitzen. Vorher hatte ich keinen Schimmer davon, welche Kraft es erfordert, tatsächlich zwei Stunden lang bewegungslos zu verharren. Schweiß strömt, Körperteile jucken, die Haut kribbelt – doch das ist noch nichts im Vergleich zum Aufstand im Kopf. „Nichts denken”, lautet die Ansage. Eigentlich genau das, was ich mir immer gewünscht habe. Einfach mal den Kopf abstellen und weg damit. Aber von wegen! In zwei Stunden kann man locker die gesamte eigene Biografie im Geist rückwärts drehen. Oder vorwärts. Brüten über Vergangenes. Planen der Zukunft. Dabei habe ich keine Riesenprobleme: Job, Beziehung, Freunde, Wohnung – alles da. Dennoch stelle ich mir als geborene Grüblerin ständig Fragen nach dem Sinn: Bin ich wirklich in meinem Leben zu Hause? Habe ich den richtigen Mann? Was ist aus den Träumen meiner Jugend geworden?

Auch auf meinen langen Spaziergängen dreht sich die Gedankenspirale im Kopf weiter. Es gibt kaum Ablenkung, bis auf ein paar Obst- und Gemüsestände, ansonsten nur Reisfelder, Bananenplantagen und natürlich diesen fantastischen Urwald. Stundenlang betrachte ich die mächtigen, riesigen Mammutbäume, die da schon seit Jahrhunderten stehen, unangreifbar und stark. Kein Handy stört die Stille, keine E-Mail wartet auf dringende Antwort, kein Krimi fesselt meine Gedanken. Dafür tauchen andere Geschichten auf, von denen ich glaubte, sie seien längst in der hintersten Ecke meiner Erinnerungen vermodert: Trennungen, Versöhnungen, Verletzungen. Andere u Teilnehmer empfinden ähnlich. In den Satsangs geht es genau um diese gedanklichen Quälgeister: Eine Frau erzählt, dass sie seit Jahren nicht mehr mit ihrem Vater spricht. Madhukar fragt, was sie in diesem Moment für den Vater empfindet: „Ich vermisse und liebe ihn”, lautet die Antwort – und damit auch die Lösung. Vergangenheit kann nicht rückgängig gemacht werden, doch die Gegenwart kann gestaltet werden. Madhukar hinterfragt, spiegelt, seziert. Das ist manchmal hart, manchmal fließen Tränen. Auch bei mir.

Warum zählt nur der Moment?

WARUM ZÄHLT NUR DER MOMENT?

Ganz sachte lüftet sich auf dieser Insel ein Schleier im Kopf. Ob das an der Umgebung liegt oder an den Satsangs? Jedenfalls schaffe ich es tatsächlich, meine kreiselnden Gedanken allmählich zu stoppen. Weil sie unwichtig sind. Weil ich einsehe, dass ich mich zu stark über mein Tun identifiziere, mit Dingen, die ich machen will, soll, muss. Immer bemüht um Anerkennung, gefangen in Ansprüchen. Laut Advaita-Lehre sollen wir aber nicht danach suchen, was vermeintlich fehlt. Weil alles bereits in uns steckt: Liebe, Glück, Freiheit. Dafür muss man nur alle Aufmerksamkeit auf das Jetzt lenken, den Moment mit allen Sinnen wahrnehmen.

Sieben Tage dauert es, bis ich diese einfache Weisheit verinnerlichen kann. Und das wirkt wie eine Verschönerungsbrille: Die Farben leuchten intensiver, die Bäume im Dschungel sehen noch mächtiger aus, die Luft fühlt sich weicher an, der Sprühnebel des Meeres kühler. Überall entdecke ich Schönheit, auch in mir selbst. So bin ich gar nicht traurig, als wir diese Insel der Stille nach einer Woche verlassen. Denn ich habe sie dabei. Im Kopf und im Herzen.

VITAL-Reiseplaner

DER VITALREISE- PLANER

Ankommen: Direktflüge von Europa nach Chennai oder Kalkutta in Indien ab ca. 480 Euro, zum Beispiel mit Air India. (www.airindia.de). Von dort aus gibt es täglich Inlandsflüge nach Port Blair, z.B. mit Indian Airlines, Jet Airways, Kingfisher oder Air Deccan, ab ca. 35 Euro.

Unterkommen: Die Cottages des „Barefoot at Havelock Jungle Resorts“ sind aus Naturmaterialien wie Stroh, Holz und Blättern gestaltet. Das Wasser wird natürlich aufbereitet. Preis pro Person und Nacht inkl. vegetarischer Halbpension: ab ca. 90 Euro.Informationen unter www.barefootindia.com

Programm: Das nächste „Divine Paradise”-Retreat auf den Andamanen findet vom 12.–22. März 2010 statt. Preis: 900 Euro. Auch andere Orte und Termine sind möglich. Informationen unter www.madhukar.org

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