Wahrnehmung und Charakter "Schubladen" hinterfragen

Fragen Sie sich manchmal, wer Ihnen guttut und wer Sie früher oder später enttäuschen wird? Wenn wir die Menschen in unserer Nähe sorgfältig wahrnehmen, finden wir die Antworten

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„Schubladen“ hinterfragen

Wen wir wirklich in unserem Gegenüber sehen, entscheiden sogenannte implizite Persönlichkeitstheorien: eigene Vorstellungen, welche konkreten Eigenschaften eine Person haben sollte. Nach einer Studie der kanadischen Sozialpsychologen C. Hoffmann, I. Lau und D. Johnson verbinden viele von uns mit einer „Künstlernatur“ jemanden, der kreativ ist, launisch und ernsthaft, aber auch temperamentvoll und einen eher unkonventionellen Lebensstil pflegt. Jedenfalls in unserer westlichen Welt. In der Vorstellung der Chinesen zum Beispiel existiert ein solcher Persönlichkeitstypus nicht. Die Kultur und unsere eigene Geschichte bestimmen die Erwartung, mit der wir auf den anderen zugehen. Schon bevor wir ihn kennenlernen, haben wir eine ganze Menge Informationen über ihn als Mitglied einer sozialen Gruppe.

Diese Stereotype betonen meistens eine Eigenschaft ganz besonders. „Männer sind nicht multitasking-fähig“, heißt es pauschal. Dem Einzelnen wird das nicht gerecht. Eine Schattenseite vieler Stereotype: Sie verallgemeinern stark und zum Teil sogar falsch. Sie haben aber auch eine gute Seite: Sie strukturieren unsere innere Abbildung der Welt. Darum richten wir im Kopf soziale Kategorien ein, „Schubladen“. Eine für „unflexible Beamte“, eine andere für „zerstreute Professoren“ oder vielleicht auch für „spleenige Künstler“. Egal welche Etiketten wir verwenden, jeder nutzt ein mentales Ablagesystem, um neue Eindrücke einzuordnen. Ansonsten würde uns die tägliche Flut an Informationen überschwemmen.

Ob Sie nun diese Bilder im Hinterkopf haben oder andere, Sie können keinem Gegenüber vorurteilsfrei begegnen. Es sei denn, Sie erkennen das Stereotyp und ignorieren es dann bewusst. Die Sozialwissenschaftlerin Patricia Devine von der University of Wisconsin bezeichnet diese Strategie als „kontrollierte Informationsverarbeitung“. Stellen Sie sich vor, Sie sind Personalchefin. Im Vorstellungsgespräch sitzt Ihnen ein älterer Bewerber gegenüber. Skepsis steigt in Ihnen auf, weil er die 50 längst überschritten hat. Achtung, Stereotyp! Jetzt könnten Sie sich sagen: „Es ist nicht fair, ihn wegen seines Alters abzulehnen.“ Für einige Zeit würde das Vorurteil verdrängt – und der Bewerber bekäme eine Chance. Ein großer Schritt in Richtung Toleranz. Zumindest auf den ersten Blick.

Denn an Ihrer inneren Einstellung hätte diese Strategie vermutlich nichts geändert. Was würde Sie von Ihrer Meinung wirklich abbringen? Argumente? Mehr Informationen über Arbeitnehmer mit Etikett „Ü50“? Wahrscheinlich weder noch. Vorurteile werfen wir meist erst dann über Bord, wenn uns die eigene Erfahrung dazu zwingt. Also durch Kontakt mit älteren Kollegen im Arbeitsalltag. Vielleicht in einem Projekt, wo alle gemeinsam ein Ziel erreichen sollen. Da zählen dann persönliche Stärken: Erfahrungen, Kompetenz, Ideen. Von jedem – egal ob jung oder alt.

Autor: Kerstin Jähne

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