Wirkstoffe der See Schnecken, Algen und Arzneistoffe

Erste Medikamente aus den blauen Tiefen gibt es bereits. Die Hoffnung ist groß, noch viele neue Wirkstoffe zu finden, die heilen können.

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Meeresschnecken-Gift gegen unerträgliche Schmerzen

Vielleicht haben Sie ihre Gehäuse schon einmal am Strand im Urlaub gefunden oder im Hafenbasar gekauft. Kegelschnecken sind farbenfroh und wunderbar gemustert – zu schön, um unauffällig zu sein. Ein Signal für Forscher, denn auffallend schöne Spezies verfügen oft über besondere Mittel. Kegelschnecken haben in einem Zahn giftige Harpunen, mit denen sie blitzschnell kleine Fische töten können. Überraschend war, dass schon winzige Mengen extrem wirksam sind. Der medizinische Effekt war für die amerikanischen Entdecker und selbst für die US-Zulassungsbehörde FDA eine Sensation. Denn klinische Studien belegten eine tausendfach stärkere Schmerzdämpfung als bei Morphinen – ohne deren Suchtpotenzial. Auch in Deutschland wird „Prialt“ seit 2006 in Krankenhäusern angewendet.

Mikro-Algen bekämpfen Keime auf der Haut

Ein Händeschütteln reicht oft schon – und gefährliche multiresistente, also kaum mehr zu bekämpfende Bakterien werden weitergegeben. Gerade in Krankenhäusern geht die Angst vor diesen Keimen um, denn für Patienten in geschwächtem Zustand können sie tödlich werden. Sie lösen Lungenentzündungen, toxische Schocks, Blutvergiftung oder oder Wundbrand aus. Prof. Lindequist entwickelte mit ihrem Team eine Salbe mit Wirkstoffen, die sie in der Ostsee gefunden haben. Diese Algen-Essenz ist in ihrer Mikrostruktur so glitschig, dass sich Bakterien und Viren auf der Haut nicht mehr festhalten können, geschweige denn vermehren. Einen ganzen Tag hält die Wirkung an, und die Creme hat außerdem einen pflegenden Effekt. Sie wird von der Firma Heitland & Petre hergestellt und hat den Weg in die Apotheken gefunden. Auch für Neurodermitiker könnte die Salbe interessant sein. Aber, so Prof. Lindequist: „Die Zulassung als Medizinprodukt ist ein langwieriger und teurer Prozess.“

Wirkstoffe werden zur Arznei

Vor der Zulassung zum Arzneimittel stehen viele Schritte. Es beginnt mit einem schonenden Eingriff in die Natur. Sind die Kleinstlebewesen mögliche interessante Kandidaten für eine medizinische Nutzung, werden Extrakte hergestellt. Dann probiert man aus, ob sie in der Reagenzschale etwa Krebszellen oder Erreger bekämpfen können. Danach muss sich zeigen, ob sich der Wirkstoff vermehren lässt. Dabei gibt es vier Möglichkeiten: per Aquakultur züchten, synthetisch nachbilden, die genetische Information in andere Zellen übertragen und diese dann vermehren oder direkt kultivieren, wie bei manchen Mikroorganismen möglich. Für all diese Verfahren gibt es erfolgreiche Beispiele. Doch nach der Entdeckung, der Analyse und der Vermehrung kommen noch viele Tests mit Anwendungen am Menschen. So wird es wohl erst in einigen Jahren eine Flut von Arzneien aus dem Meer geben.