2. Juli 2013
Brustkrebs rechtzeitig erkennen

Vorsorge auf dem Prüfstand

Seit Angelina Jolies Brustamputation überlegen viele Frauen: Ist dieser Schritt sinnvoll, um das Brustkrebs-Risiko zu senken? Muss auch ich zum Gentest? VITAL beantwortet drängende Fragen.

Brustkrebs
© iStockphoto
Brustkrebs

Hat Angelina Jolie Mut bewiesen? Oder war das operative Entfernen beider Brüste eine „Panikhandlung“ des Hollywood-Stars? So nennt es Alice Schwarzer, Deutschlands bekannteste Feministin. Einfache, eindeutige Antworten darauf gibt es nicht. Aber Fakten, die jede Frau kennen sollte, bevor sie so eine schwere Entscheidung trifft.

Welche Zahlen liegen bislang vor?

Pro Jahr erkranken etwa 72 000 Frauen in Deutschland neu an Brustkrebs. Bislang sind zwei Gene bekannt, die das Erkrankungsrisiko eindeutig er höhen können: BRCA1 und BRCA2. Jeder Mensch trägt zwei Varianten der beiden Gene in sich. Ist eine krankhaft verändert, liegt das Risiko, dass z.B. die Mutter ein defektes Gen an die Tochter vererbt, rechnerisch bei 50 Prozent.

Wie riskant sind mutierte Brustkrebs-Gene?

Fachleute gehen davon aus, dass eine von zehn Frauen in ihrem Leben an Brustkrebs erkrankt. Dagegen entwickelt sich bei acht von zehn Frauen mit
mutiertem BRCA-Gen ein bösartiger Tumor in der Brust, bei sechs von zehn in den Eierstöcken (Ovarien). Diese Zahlen bekam auch Angelina Jolie von
ihren Ärzten zu hören.

Wann ist ein Gentest sinnvoll?

Die medizinischen Leitlinien raten u. a. zu einem Test, wenn in der Familie „mindestens drei Frauen an Brustkrebs erkrankt sind“, „mindestens eine Frau mit 35 Jahren oder jünger an Brustkrebs erkrankt ist“ oder „mindestens eine Frau an Brustkrebs und eine Frau an Eierstockkrebs erkrankt ist“.

Wie läuft der Gentest ab?

Ihnen wird eine Blutprobe entnommen. Wegen der Überlastung der Labore kann es aber mehrere Monate dauern, bis das Ergebnis Ihres Gentests vorliegt. Auch das macht das begleitende Beratungsgespräch extrem wichtig. Was erfahre ich durch den Test? Will ich das überhaupt wissen? Wie gehen
meine Familie und ich damit um? Psychologen und Humangenetiker helfen Ihnen, diese und ähnliche Fragen für sich zu beantworten. Der Test kostet ca. 1500 Euro, bei familiärer Vorbelastung zahlt Ihre gesetzliche Krankenkasse.

Was bedeutet das Testergebnis?

Große Erleichterung, wenn keine BRCA-Veränderungen gefunden werden. Aber erkranken könnten Sie trotzdem. Früherkennung bleibt Pflicht. Schlägt der
Test an, ist das kein Grund zur Panik. Betroffene sollten sich erneut beraten lassen und in Ruhe abwägen. Die Brustamputation senkt das Erkrankungsrisiko zwar um 90 Prozent, ist aber nur eine Möglichkeit. Infrage kommen auch engmaschige Untersuchungen alle sechs Monate oder das Einnehmen von Medikamenten.

Wo finde ich weitere Infos?

Zum Beispiel beim BRCA-Netzwerk, Telefon 0151/20 11 96 51, www.brcanetzwerk.de, oder beim Krebsinformationsdienst in Heidelberg, Telefon
0800/4 20 30 40, www.krebsinformationsdienst.de und www.dkfz.de.

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Früh erkannt, früh gebannt

Die Brustkrebs-Früherkennungsmethoden im Überblick:

Methode - Tastuntersuchung

Die Frauenärztin kontrolliert die Brüste und die Lymphknoten in den Achselhöhlen mit den Händen, um Verhärtungen aufzuspüren, und begutachtet auch Form und Umfang der Brüste. In immer mehr Praxen führen blinde Medizinische Tast - untersucherinnen (MTU) den 30-minütigen Test durch.

Christine Kuhl
© Chrstine Kuhl
Professor Dr. Christine Kuhl, Spezialistin für Mammadiagnostik und Leiterin der Klinik für diagnostische Radiologie an der Universitätsklinik Aachen.

Vorteile
Bewährte, einfache und nebenwirkungsfreie Untersuchung, die jede Frau – idealerweise einmal im Monat – auch zu Hause durchführen kann.

Nachteile
Löst häufig „falschen Alarm“ aus. Das heißt: Die Ärztin, häufiger die Frau selbst, ertastet eine Veränderung, die aber nicht bösartig ist.

Geeignet für
Frauen ab dem 20. Lebensjahr.

Wie oft
Sofort zum Arzt, wenn beim Selbstabtasten etwas auffällt. Sonst einmal im Jahr hingehen.

Kosten
Kassenleistung. Der Check bei einer MTU kostet 30 bis 50 Euro.

Urteil der Expertin
Wichtig, denn durch das Selbstabtasten entwickelt die Frau ein Gefühl für ihre Brust (engl.„breast awareness“). Für eine sichere Früherkennung reicht die Tastuntersuchung allein aber nicht aus.

Methode - Mammographie

Nacheinander werden beide Brüste zwischen einem „Objekttisch“ und einer Plexiglasscheibe leicht zusammengedrückt und so geröntgt. Früher wurde dabei ein Film belichtet (analog), bei der modernen digitalen Mammographie werden die Bilder stattdessen per Computer erstellt und gespeichert.

Vorteile
Etabliertes Verfahren, das auch nur wenige Millimeter kleine Tumoren und Brustkrebs-Vorstufen aufspüren kann.

Nachteile
Das Zusammendrücken der Brust tut weh. Die Auswertung hängt sehr von der Erfahrung der Ärztin ab. Strahlenbelastung für den Körper.

Geeignet für
Frauen ab 40. Zwischen 50 und 69 Jahren ist die Teil nahme am bundesweiten Screening möglich(Infos auf www.mammo-programm.de).

Wie oft
Im Rahmen des Screenings alle zwei Jahre.

Kosten
150 Euro. Das Screening ist kostenlos.

Urteil unser Expertin
Mammographie ist die Basis der Früherkennung. Weil sich aber 20 bis 30 Prozent aller Brustkrebs-Erkrankungen bei unter 50-Jährigen entwickeln und dann besonders rasch und aggressiv wachsen, wäre eine Mammographie für Frauen ab 40 Jahre wünschenswert.

Möglichkeiten zur Brustkrebs-Vorsorge

Methode - Ultraschall (Mammasonographie)

Mit einer Sonde sendet die Ärztin kurze Schallwellenimpulse in das Brustgewebe, die von dort unterschiedlich stark reflektiert werden. Daraus berechnet ein Computer ein zwei- oder dreidimensionales Bild.

Vorteile

Keine Strahlenbelastung. Spürt auch Veränderungen in der Achselhöhle, dicht an der Brustwand und in sehr dichtem Brustgewebe auf.

Nachteile

Die Zuverlässigkeit hängt stark von der Erfahrung der Ärztin ab. Vorstufen von Brustkrebs werden häufig nicht entdeckt. Keine Kassenleistung.

Geeignet für

Junge Frauen mit dichtem Brustgewebe, Patientinnen mit unklarem Mammographieoder Tastbefund, sehr großer oder kleiner Brust.

Wie oft

Ab dem 40. Lebensjahr einmal im Kalenderjahr.

Kosten

50–70 Euro, Abrechnung nach der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ).

Urteil unser Expertin

Brustkrebs-Vorstufen, die ausnahmslos heilbar sind, werden per Ultraschall nicht zuverlässig erkannt. Aber Ultraschall ist wichtig für Frauen mit noch dichtem Brustgewebe. Ein 3-D-Ultraschall bringt im Vergleich zu einem 2-DUltraschall keine verbesserte Früherkennung.

seitliche Brust einer Frau
© Gettyimages
seitliche Brust einer Frau

Methode - Automatisierter Brustvolumen-Scan

Kurz ABVS, eine Weiterentwicklung des bekannten Ultraschalls. Beim ABVS führt nicht der Arzt die Sonde über die Brust, sondern computergesteuert das Gerät. Nach zehn Minuten ist die Untersuchung abgeschlossen.

Vorteile

Gleichbleibende Qualität der Bilder, laut Hersteller besonders geeignet für dichtes und knotiges Brustgewebe.

Nachteile

Ob das System dem „normalen“ Ultraschall wirklich überlegen ist, steht noch nicht fest. Studien dazu fehlen. Erst 16 Geräte in Deutschland.

Geeignet für

Da es sich um ein neues System handelt, liegen noch keine konkreten Empfehlungen vor.

Wie oft

Einmal im Jahr.

Kosten

150 Euro, keine Kassenleistung.

Urteil unser Expertin

Zu einer verbesserten Früherkennung führt dieses Verfahren nicht. Ein automatisierter Ultraschall ist im Zweifelsfall sogar weniger sicher als ein Ultraschall, bei dem der Radiologe persönlich den Schallkopf führt und zeitgleich die Bilder auf dem Monitor begutachtet.

Die Brustkrebs-Vorsorge ernst nehmen

Methode - Digitale Infrarotthermographie

Krebszellen teilen sich öfter als gesunde Körperzellen. Tumoren produzieren deshalb mehr Wärme als das umgebende Brustgewebe. Diese Temperaturunterschiede werden mithilfe computergestützter Infrarotkameras sichtbar gemacht, die sogar Differenzen von 0,005 °C erkennen.

Vorteile

Keine Strahlenbelastung.

Nachteile

Unklare Studienlage. In einigen versagte die Methode komplett. Auch unsere Expertin lehnt sie ab.

Geeignet für

Keine Empfehlung. Die US-Aufsichtsbehörde FDA warnt vor dem Einsatz der Thermographie.

Wie oft

Keine Empfehlung.

Kosten

Ca. 100 Euro, keine Kassenleistung.

Urteil unser Expertin

Diese Methode wurde in den 1980er-Jahren häufig angewandt. Weil dadurch aber keine konkreten Hinweise auf Brustkrebs gewonnen werden, eignet sie sich nicht zur Früherkennung.

Methode - Magnet-Resonanz-Tomographie (MRT)

Auch Kernspintomographie genannt. Beeinflusst die Wassermoleküle im Körper mit einem starken Magnetfeld. Da Brustkrebstumoren einen anderen Wasserstoffgehalt haben als gesundes Gewebe, werden sie auf den Auswertungsbildern sichtbar.

Vorteile

Keine Strahlenbelastung, erkennt auch sehr kleine Tumoren.

Nachteile

Das Kontrastmittel kann Nebenwirkungen verursachen (Übelkeit, Hitzeempfinden). Schlägt auch oft bei ungefährlichen Veränderungen an.

Geeignet für

Frauen unter 30 mit familiärer Vorbelastung, Patientinnen mit Brustimplantaten oder in Therapie.

Wie oft

Alle ein bis zwei Jahre, bei familiärer Vorbelastung ggf. häufiger.

Kosten

Ca. 500 Euro, Kassen zahlen nur in Ausnahmefällen.

Urteil unser Expertin

Wegen der hohen Kosten kommt die MRT zurzeit noch nicht als Routineuntersuchung in Betracht. Sie besitzt aber unbestritten die höchste Sensitivität.

Vorsorge-Methoden sind in ständiger Entwicklung

Methoden - Niedrigdosis-Phasenkontrast- Computertomographie

Ein Verfahren, das erst 2012 vorgestellt wurde. Im Vergleich zum üblichen CT arbeitet es mit energiereicheren Röntgenstrahlen. Treffen die auf Gewebe, kommt es zu „Verschiebungen“ – die dann ausgewertet werden.

Vorteile

Kontrastreiche 3-D-Bilder, geringere Strahlenbelastung (zum Vergleich: Bei der Mammographie ist sie viermal, beim üblichen CT 25-mal höher).

Nachteile

Das Verfahren ist noch nicht für die Praxis zugelassen. Die nötigen Geräte sind bislang zu groß, um in Kliniken eingesetzt zu werden.

Geeignet für

Da es sich um ein neues System handelt, liegen noch keine konkreten Empfehlungen vor.

Wie oft

Noch keine Empfehlung.

Kosten

Stehen noch nicht fest.

Urteil unser Expertin

Das Verfahren bietet eine weiter verbesserte Röntgendiagnostik. Aber noch ist diese technische Entwicklung nicht so weit ausgereift, dass ein Einsatz in der Klinik oder Praxis möglich wäre.

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