Reise Welche Wahrheit steckt in der Stille?

Nichts tun, nichts denken – hört sich nach purer Entspannung an, fällt aber verdammt schwer. In einem Yoga-Seminar auf den Andamanen stellte sich VITAL-Autorin Christine Mühlenhof ganz neuen Herausforderungen.

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WELCHE WAHRHEIT STECKT IN DER STILLE?

Madhukar lehrt Jnana-Yoga, das „Yoga des Wissens”, die achte und höchste Stufe im Yoga, mit dem Ziel, den Geist zu beruhigen. „Es geht um Selbsterkenntnis und um die wichtigste Frage überhaupt: Wer bin ich?”, erklärt Madhukar, der sich als Vermittler der „Advaita”-Philosophie sieht, einer uralten spirituellen Lehre über das Wesen der Wirklichkeit. Diese ist formbar, sie existiert nicht im objektiven Sinne, sondern nur subjektiv – und somit liegt es in der Macht des Einzelnen, die Wirklichkeit zu gestalten. Noch klingt alles sehr abstrakt, doch in den nächsten Tagen kommen wir hoffentlich dahinter, um was es wirklich geht.

Zweimal am Tag treffen wir uns mit Madhukar zum „Satsang“, was so viel bedeutet wie „Zusammensein in Wahrheit”. Jeder Satsang verläuft anders: Mal sprechen wir angeregt, mal bleiben wir zwei Stunden lang still sitzen. Vorher hatte ich keinen Schimmer davon, welche Kraft es erfordert, tatsächlich zwei Stunden lang bewegungslos zu verharren. Schweiß strömt, Körperteile jucken, die Haut kribbelt – doch das ist noch nichts im Vergleich zum Aufstand im Kopf. „Nichts denken”, lautet die Ansage. Eigentlich genau das, was ich mir immer gewünscht habe. Einfach mal den Kopf abstellen und weg damit. Aber von wegen! In zwei Stunden kann man locker die gesamte eigene Biografie im Geist rückwärts drehen. Oder vorwärts. Brüten über Vergangenes. Planen der Zukunft. Dabei habe ich keine Riesenprobleme: Job, Beziehung, Freunde, Wohnung – alles da. Dennoch stelle ich mir als geborene Grüblerin ständig Fragen nach dem Sinn: Bin ich wirklich in meinem Leben zu Hause? Habe ich den richtigen Mann? Was ist aus den Träumen meiner Jugend geworden?

Auch auf meinen langen Spaziergängen dreht sich die Gedankenspirale im Kopf weiter. Es gibt kaum Ablenkung, bis auf ein paar Obst- und Gemüsestände, ansonsten nur Reisfelder, Bananenplantagen und natürlich diesen fantastischen Urwald. Stundenlang betrachte ich die mächtigen, riesigen Mammutbäume, die da schon seit Jahrhunderten stehen, unangreifbar und stark. Kein Handy stört die Stille, keine E-Mail wartet auf dringende Antwort, kein Krimi fesselt meine Gedanken. Dafür tauchen andere Geschichten auf, von denen ich glaubte, sie seien längst in der hintersten Ecke meiner Erinnerungen vermodert: Trennungen, Versöhnungen, Verletzungen. Andere u Teilnehmer empfinden ähnlich. In den Satsangs geht es genau um diese gedanklichen Quälgeister: Eine Frau erzählt, dass sie seit Jahren nicht mehr mit ihrem Vater spricht. Madhukar fragt, was sie in diesem Moment für den Vater empfindet: „Ich vermisse und liebe ihn”, lautet die Antwort – und damit auch die Lösung. Vergangenheit kann nicht rückgängig gemacht werden, doch die Gegenwart kann gestaltet werden. Madhukar hinterfragt, spiegelt, seziert. Das ist manchmal hart, manchmal fließen Tränen. Auch bei mir.