14. Februar 2010
Wie weise sind Sie?

Wie weise sind Sie?

Wir alle wünschen uns ein ausgewogenes Urteilsvermögen und die Kraft, Krisen zu meistern. Wie wir das erreichen? Durch Übung. Denn die persönliche Weisheit – oder, anders gesagt, die Kunst des guten Lebens – wächst durch Praxis

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Wenn man fragt: „Was ist Weisheit?“, fällt die Antwort meist umfangreicher aus. Als weise werden Menschen charakterisiert, die feste Werte haben, die sie auch für einen kurzfristigen Vorteil nie verraten würden. Sie wissen, dass es nicht nur eine einzige Wahrheit gibt und können Probleme von vielen, auch ungewöhnlichen Seiten betrachten. Ihre Entscheidungen sind deshalb meist klug und weitsichtig. Von Schicksalsschlägen lassen sie sich nicht unterkriegen, sondern gehen häufig sogar gestärkt aus der schweren Zeit hervor.

Man sieht schon: Weisheit ist nicht eine einzige Eigenschaft, sondern ein bunter Strauß positiver Fähigkeiten. Der Lebensspannen-Forscher und Weisheits- Experte Paul Baltes hat es trotzdem geschafft, eine knappe Definition zu formulieren: „Weisheit ist das Expertenwissen in Bezug auf die fundamentalen Tatsachen des menschlichen Lebens.“ Oder, praxisnäher formuliert: „Weisheit ist das Wissen über Wege und Mittel, ein gutes Leben zu führen und Zusammenhänge zu verstehen.“

Und wie sieht das im Alltag aus? Wer ein wenig nachdenkt, merkt: Fast jeder kennt Menschen, die weise sind. Nur häufig nennen wir sie nicht „weise“, sondern einfach „lebensklug“: die Freundin, die trotz einer Krebs-Erkrankung jeden Tag Freude ausstrahlt. Die Eltern mit dem schwierigen Kind, die genau das richtige Maß an Liebe und Strenge finden. Die Schwester, die aufmerksam zuhört und kluge Fragen stellt, so dass nach einem Gespräch mit ihr jedes Problem lösbar scheint. Der Freund, der seinen Job verlor und die Krise nutzte, um sich beruflich anderweitig zu orientieren – und jetzt im neuen Job viel zufriedener ist.

Diese Menschen bewundern wir und wären gern ein bisschen wie sie. Aber statt uns zu fragen: „Wie kann auch ich das erreichen?“, wischen wir das kleine Neidgefühl schnell weg und schreiben diesen weisen Menschen ein besonders glückliches Gemüt oder sogar Naivität zu. Als wären sie nur so lebensfroh, weil sie den Ernst der Lage nicht erkennen. Schnell gehen wir wieder zu unserer eigenen Tagesordnung über. Und da ist Tempo und Flexibilität gefragt, statt weiser Fähigkeiten wie Geduld und Durchhaltevermögen.

Wenn es im Job nicht klappt, sprechen wir mit einem Coach. Wenn die Kinder Ärger machen, fragen wir einen Erziehungsprofi um Rat. Haben wir ein gesundheitliches Problem, dann soll es vor allem eins: weg! Wir investieren unser Urlaubsgeld in Beratungsstunden und Ratgeberliteratur, um unsere Probleme möglichst schnell und optimal zu lösen. Wir haben einfach keine Zeit. Die langsame Weisheit ist vom schnellen Lebensrhythmus der globalisierten Welt einfach überholt worden. Auch wenn wir glauben, unser Leben nur so in den Griff zu bekommen – gut geht es uns damit nicht. Im Gegenteil. Wir sehnen uns nach der bodenständigen Lebensklugheit. Nach einem Leben, das weniger sprunghaft und aufgeregt ist. Nach Orientierung, die unabhängig von Wirtschaftskrisen oder „In & out“-Listen ist. Und damit letztlich nach Weisheit.

Der Anteil an Jugendlichen, die an Depressionen leiden, steigt seit Jahren steil an. Das Gefühl von Unsicherheit und die Angst vor Arbeitslosigkeit gelten als wichtige Auslöser für die psychische Überlastung. Auch ein Großteil der „30 plus“-Generation scheint keine zufrieden stellende Orientierung im Leben gefunden zu haben, wie der Psychologe Stephan Grünewald in 20 000 Tiefeninterviews herausgefunden hat: Wir zögern jahrelang, ob wir Kinder möchten. Die Scheidungsrate ist hoch, und Jugendlichkeit wird als Symbol für Flexibilität und Schnelligkeit vergöttert. Grünewald: „Die Bereitschaft schwindet, schicksalhafte Konsequenzen und die damit verbundenen Krisen- und Entwicklungsprozesse durchzustehen und zu durchleiden.“ Wir weigern uns regelrecht, unser Leben in die Hand zu nehmen, Entscheidungen zu treffen und die Folgen zu tragen.

Wer jedoch schwierige Situationen mit aller Macht umgeht, lieber den Partner wechselt, als Konflikte auszutragen, auf Kinder verzichtet, weil er die Verantwortung scheut, sich immer alle Möglichkeiten offenhält, der verpasst auch die Chance, an diesen Lebensaufgaben zu wachsen. Die Konsequenz, laut Grünewald: „Man bleibt lediglich ein in die Jahre kommender Anfänger, ein Greenhorn in Beruf, Beziehung oder Lebensführung, denn man hat es nicht gelernt, die abenteuerlichen Drehungen des Lebens zu verstehen und konsequent durchzustehen.“

Kann Weisheit da helfen? Immer mehr Studien lassen vermuten, dass weise Fähigkeiten uns in der hektischen Welt von heute wirklich gute Dienste leisten können. So konnte die Züricher Psychologin Alexandra M. Freund in einer Studie zeigen, dass jüngere Erwachsene, die vor dem Problem stehen, Beruf und Familie zu vereinbaren, sehr von weisen Fähigkeiten profitieren: Die Befragten, die innerlich eine klare Entscheidung trafen, ob Beruf oder Familie wichtiger ist, waren zufriedener mit ihrem Leben als diejenigen, die versuchten, beiden Lebensbereichen gleichermaßen gerecht zu werden.

Auch die weise Fähigkeit, das Gute im Leben bewusst anzuerkennen, macht offensichtlich zufrieden. Der amerikanische Psychologe Martin Seligman bat Studienteilnehmer, einen Dankesbrief an eine Person zu schreiben, die in ihrem Leben eine wichtige Rolle gespielt hat und der sie noch nie dafür gedankt hatten. Die Teilnehmer fühlten sich nach der Danksagung sehr zufrieden. Und noch Monate später war ihr Lebensgefühl überdurchschnittlich gut. Ähnliches erleben Menschen, die jeden Abend kurz aufschreiben, was sie im Laufe des Tages Gutes erlebt haben. Sie merken: Die Welt meint es gut mit mir. Auch an den düstersten Tagen geschieht etwas Positives.

Dabei gilt für die Weisheit, was für vieles gilt: Von nichts kommt nichts. Nur bis zu unserem 25. Lebensjahr wächst unsere Lebensklugheit von allein. Wir lernen als Kinder und Jugendliche täglich viel Neues über die Menschen und ihr Verhalten, über unsere Wünsche und Fähigkeiten, über die Gesetze des Lebens und die Konsequenzen unseres Tuns. Allein deshalb werden unsere Entscheidungen klüger, unser Urteil abgewogener. Danach wächst unsere Weisheit allerdings nur noch, wenn wir uns aktiv darum bemühen, uns einen neugierigen, interessierten Blick auf die Welt und uns selbst bewahren. Vielen Menschen ist das zu anstrengend. Viele 60-Jährige sind deshalb nicht weiser als 25-Jährige, zeigen die Studien der Weisheitsforscher. Was tun?

„Weise Menschen haben eine starke Motivation, etwas über das Leben erfahren zu wollen“, erklärt Professorin Ursula Staudinger, Expertin für lebenslanges Lernen an der Jacobs University Bremen, die wichtigste Voraussetzung für Lebenseinsicht und Weisheit. Das bedeutet in der Praxis: Wir sind fähig, aus Erlebnissen zu lernen. Wir gestehen uns zu, dass unser Leben nicht immer perfekt läuft. Und wenn es mal schiefgeht, schieben wir die Schuld nicht ausschließlich den anderen zu, sondern können uns auch mal selbst in Frage stellen, unseren Anteil am Geschehen sehen – ohne uns dabei klein und jämmerlich zu fühlen. Das Erleben großer Krisen ist dabei weitaus weniger von Bedeutung als die tägliche Achtsamkeit. Denn: Jedes Leben liefert genug Herausforderungen, an denen man wachsen kann.

TEST: Reagieren Sie immer weise?

Wir haben für Sie einige knifflige Lebenssituationen skizziert und gemeinsam mit dem Psychologen Toni Pizzecco herausgearbeitet, wie Sie diese Fälle besser meistern. Plus: Übungen, mit denen Sie Ihre Weisheit schulen

1. BEISPIEL-SITUATION
Das hätte mein Chef mir nicht antun dürfen
Sie haben sich Ihre Position im Beruf hart erarbeitet – und jetzt nimmt Ihnen Ihr Chef die interessanteste Aufgabe weg: Die Auslandskunden soll zukünftig Ihre Kollegin im anderen Team betreuen. Einfach, weil die Abteilungen neu strukturiert werden. Sie wurden nicht mal gefragt. Ihre spontane Reaktion: alles hinschmeißen! Aber das geht natürlich nicht. Sie fahren völlig frustriert nach Hause und schwören sich, sich nie mehr für die Firma Arme und Beine auszureißen. Die nächsten Wochen schleppen Sie sich unmotiviert und mit Bauchweh zum Job.

So handeln Sie weise:
Sie fühlen sich zutiefst gekränkt. Und das mit Recht. Doch Sie haben die Wahl: Wollen Sie in Ihrem seelischen Tief verharren oder wieder auftauchen? Wir tendieren dazu, uns an frustrierenden Erlebnissen festzubeißen. Weise Menschen können Niederlagen im Leben nach einer Weile in ihr gesamtes Leben einsortieren – und häufig sogar die guten Seiten daran sehen. Und selbst wenn eine Enttäuschung keinen positiven Aspekt hat, so ziehen weise Menschen doch Kraft daraus, dass sie auch diese Krise überstanden und gemeistert haben.

Eine Übung:
Suchen Sie sich einen schönen Platz, an dem Sie ungestört sind. Nehmen Sie ein Blatt Papier und einen Stift und denken Sie ein paar Minuten an einen Moment des Scheiterns in Ihrem Leben. Was hat nicht so geklappt, wie Sie es wollten? Schreiben Sie zu der Situation einige Stichworte auf. Dann wenden Sie Ihre Gedanken dem Heute zu: Was ist im Anschluss an dieses Scheitern passiert? Welche neuen Möglichkeiten, Begegnungen, Perspektiven ergaben sich im Anschluss an oder sogar durch das gescheiterte Vorhaben? Lassen Sie das Geschriebene auf sich wirken.

2. BEISPIEL-SITUATION
Meine Tochter verweigert die Schule und blockt total
Ihre 14-jährige Tochter will nicht mehr zur Schule gehen. Sie macht keine Hausaufgaben, schreibt nur Fünfen, streitet sich mit den Lehrern und wird das Schuljahr wiederholen müssen, wenn sie so weitermacht. Keine Diskussion, keine Versprechen, keine Strafe helfen.

So handeln Sie weise:
Wenn sich Kinder gegen gesellschaftliche Normen stellen, kommen Eltern ganz schön ins Schwitzen. Und genau dieser Angst sollte man sich als Erstes stellen, denn sie steht jedem konstruktiven Gespräch im Weg. Ihre Tochter wird nämlich garantiert nicht in die Schule gehen, bloß damit ihre Eltern keine schlaflosen Nächte haben. Schließlich soll es um sie gehen! Was hilft? Weise Menschen versetzen sich in die Lage ihres Gegenübers und betrachten das Problem auch aus der Perspektive der Jugendlichen. Erinnern Sie sich? Auch Sie hatten bestimmt Phasen, in denen Sie nicht mehr zur Schule wollten. Und trotzdem ist etwas aus Ihnen geworden. Auf diese Weise geben Sie der Situation eine gewisse Normalität zurück. Jetzt können Sie Ihre Tochter fragen, was wirklich los ist. Auf dieser Ebene können Sie eine gemeinsame Lösung finden. Vielleicht schließen Sie einen Kompromiss mit ihr oder vereinbaren eine Bedenkzeit, in der sie wieder zur Probe in die Schule geht. Häufig sieht im Leben von Jugendlichen in vier Wochen alles schon wieder anders aus. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht bricht Ihr Kind die Schule wirklich ab. Doch auch auf diesem Weg begleiten weise Eltern ihre Kinder nicht mit Panik, sondern mit Respekt. Denn sie wissen: Menschen gehen einfach sehr unterschiedliche Wege.

Eine Übung:
Sehen Sie die Welt mit den Augen der anderen. Mit den Augen Ihres Chefs, Ihres Partners, Ihres Kindes, Ihrer Freundin. Das kann ganz humorvoll passieren. Gehen Sie beispielsweise einmal als „Tochter“ durch die Stadt. Schauen Sie sich die Schaufenster an, die sie interessieren würden, sehen Sie die anderen Erwachsenen bewusst mit dem Blick der Jugendlichen. Die Kunst, sich in andere und ihre Sichtweisen hineinzuversetzen, erweitert den Blick ungemein.

3. BEISPIEL-SITUATION
Der Mann meiner Freundin küsst fremd
Sie sehen, wie der Mann Ihrer Freundin mit einer fremden Frau knutscht. Ihr erster Impuls ist, zum Handy zu greifen und Ihre Freundin anzurufen. Sie erreichen Sie nicht – und haben den ganzen Nachmittag ein schlechtes Gewissen.

So handeln Sie weise:
Man kann natürlich das Schlimmste sehen. Ein Kuss – aha, der Mann geht fremd! Bestimmt schon seit Jahren. Wer sich allerdings weniger für Klischees als für das richtige Leben interessiert, macht sich aber vielleicht auch folgende Gedanken: Ich sehe einen Kuss. Mehr nicht. Ich weiß nicht, wer die Frau ist und in welchem Verhältnis der Mann meiner Freundin zu ihr steht. Und: Was nützt es meiner Freundin eigentlich, wenn ich sie anrufe und das Gesehene berichte. Macht es sie glücklich? Was will ich erreichen, indem ich mich einmische? Wer die Situation von vielen Seiten betrachtet, statt gleich auf Autopilot zu schalten, wird am Ende vermutlich nicht zum Telefon greifen. Vielleicht klärt sich die Geschichte dann sogar bei der nächsten Party auf, wenn Ihre Freundin nach dem dritten Glas Sekt erzählt: „Stell dir vor, Sebastian hatte eine Affäre mit einer Exfreundin. Aber jetzt ist es vorbei.“ Vielleicht entscheiden Sie sich erst einmal, den Mann Ihrer Freundin direkt anzusprechen. Oder die Situation klärt sich auch nicht auf. So ist das Leben. Und auch so kann es für alle Beteiligten richtig sein. Weise Menschen wissen, dass es nicht die eine, einzige Wahrheit gibt.

Eine Übung:
Es ist eine große Versuchung, sich für das Leben der anderen verantwortlich zu fühlen. Aber häufig ist unsere Einmischung gar nicht gefragt. Fragen Sie sich deshalb immer wieder: Ist diese Aufgabe gerade wirklich an mich adressiert? Ist es meine Sache? Mein Problem? Falls nicht, machen Sie es am besten wie mit einem Paket: Wenn Sie nicht der Adressat sind, öffnen Sie es nicht, sondern reichen es weiter an den richtigen Adressaten. Oder zurück an die Post.

4. BEISPIEL-SITUATION
Die Freundin in der Krise
Die Freundin ruft an und sagt: „Der Mann ist weg. Mit einer Jüngeren. Und dem Geld.“ Sie fragt: „Was soll ich nur machen? Mich umbringen? Ihn umbringen? Nichts tun?“ Sie reden auf sie ein, dass der Mann wirklich komplett verblödet ist, wenn er nicht merkt, was er an ihr hat. Dass sie eine tolle Frau ist. Nach einer Stunde Reden weint Ihre Freundin nicht mehr. Aber wirklich gut fühlen Sie sich nicht.

So handeln Sie weise:
Anderen Menschen gute Ratschläge in Lebenskrisen zu geben ist schwer. Und oft nicht der weise Weg. Denn es gibt keine Patentrezepte für die Krisen des Lebens. Aber es gibt ein Wissen darum, dass jeder Mensch durch Krisen geht – und dass man sich schon besser fühlt, wenn einem ein Freund wirklich interessiert zuhört, wenn man erzählen, weinen und wüten will. Außer dem Zuhören hilft häufig ein ganz einfacher Rat: Gib dir Zeit! Zwinge dich nicht jetzt und sofort zu einer Entscheidung. Du hast schon viele Krisen gemeistert. Du wirst auch diese bewältigen. Weise Menschen wissen, dass Krisen zum Leben gehören.

Eine Übung:
Stellen Sie sich vor, Sie säßen auf einer Wolke und würden auf Ihr Leben schauen. Dann könnten Sie all die großen und kleinen Krisen sehen, die Sie bereits durchlebt haben. Und Sie würden sehen: Alle Krisen ziehen vorbei. Auch das aktuelle Tief wird vorübergehen, und es werden wieder sonnige Zeiten folgen.

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