8. Februar 2011
Was die Seele stark macht

Was die Seele stark macht

Psychologen haben jetzt das Geheimnis der „Stehauf-Menschen“ entschlüsselt: entscheidend ist das Wechselspiel von Genen, Persönlichkeit und Umwelt

Gelassenheit
© jalag-syndication.de
Gelassenheit

Wir alle wissen, dass Schicksalsschläge zum Leben gehören. Doch darauf vorbereitet sind wir selten, denn wir leben nicht mit einem Plan B in der Tasche. Manche Menschen verlieren dann schnell die Balance und brauchen lange, um ihr inneres Gleichgewicht wiederzufinden. Andere arrangieren sich rasch mit einer veränderten Lebenssituation und versuchen, aufkommende negative Gefühle zu verdrängen. Und dann gibt es jene, die auf erstaunliche Weise immun gegen die Angriffe des Schicksals scheinen und seelisch und körperlich gesund bleiben, obwohl sie ihre Arbeit verlieren, eine Trennung bewältigen müssen oder bei ihnen eine schwere Krankheit diagnostiziert wird.

Psychologin Monika Gruhl bezeichnet diese robusten Frauen und Männer als Stehauf-Menschen, die sich nicht entmutigen lassen: „Auch wenn sie von vorn anfangen müssen, sie schaffen es immer wieder und geben nicht auf.“ In der Wissenschaft heißt dieses Phänomen „Resilienz“ (lat. resilire zurückspringen, abprallen). Um herauszufinden, wie manche Menschen derart widerstandsfähig werden, startete die amerikanische Psychologin Emmy Werner in den 50er-Jahren eine Studie, bis heute so etwas wie die Grundlage der Resilienzforschung: Sie begleitete 40 Jahre lang 700 Frauen und Männer auf der Hawaii-Insel Kauai. Die meisten von ihnen lebten als Kinder in einem von Armut, Gewalt und Drogen geprägten Milieu. Die Wissenschaftlerin wollte wissen, ob es ihnen gelingen würde, aus ihren schwierigen Verhältnissen auszubrechen. Zu ihrer Überraschung schaffte es ein Drittel, sich gesellschaftlich zu integrieren, Arbeit zu finden und eine Familie zu gründen.

Seelische Widerstandskräfte stecken in den Genen

Durchhalten
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Durchhalten

Emmy Werner sah, dass resiliente Insulaner bereits als Kinder genetisch gesteuerte Voraussetzungen mitbrachten: Sie waren intelligent und hatten ein ruhiges Temperament, das sich positiv auf die Eltern auswirkte. Werner wies einen Zusammenhang zwischen einem pflegeleichten Säugling und der Menge an emotionaler Fürsorge nach: Kinder ohne nerviges Essverhalten oder belastende Schlaf gewohnheiten zogen mehr Zu wendung ihrer Mütter auf sich als schwierige Babys. Nach umfangreichen Untersuchungen schlussfolgerte Emmy Werner: Ein Großteil unserer seelischen Widerstandskraft steckt in den Genen, seelische Widerstandskräfte können sich sogar unter ungünstigen Lebensbedingungen entwickeln.

Nicht nur Psychologen, auch Hirnforscher interessieren sich mittlerweile für die Ursachen seelischer Stabilität: Aufmerksamkeit erregte der britische Molekulargenetiker Avshalom Caspi, als er herausfand, dass ein sogenanntes Glücksgen die psychische Stabilität steuert: Er hatte 1000 Neuseeländer zu ihrer Lebenszufriedenheit befragt und dabei festgestellt, dass die Frohnaturen unter ihnen mit einer besonders robusten Variante des Glücksgens ausgestattet waren – sie blieben trotz Stress ausgeglichen. Bei denjenigen, die oft bekümmert oder depressiv waren, war der ent sprechende Chromosomenstrang dagegen weniger komplex ausgebildet.

Unsere individuelle Erbanlage gibt also eine gewisse Grundkonstitution vor. Sie stellt entscheidende Weichen für unser Temperament, aber, so das Fazit der Wissen schaftler, letztendlich doch nicht alle. Erst im Zusammenspiel mit den entsprechenden sozialen Einflüssen entscheidet sich, wie resilient wir tatsächlich werden. Denn auch das konnte Avshalom Caspi feststellen: Sogar Menschen mit einem „kleineren“ Glücksgen blieben psychisch stabil, wenn Familie oder Freunde sie in Krisenzeiten unterstützten und ihnen das Gefühl von Zugehörigkeit vermitteln konnten.

Was braucht man, um ein starkes Ich zu entwickeln?

Seelische Stärke
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Seelische Stärke

„Wir besitzen unterschiedliche Voraussetzungen, was die Ausprägung von Resilienz angeht“, sagt auch Monika Gruhl. „Wer spürt, dass man ihm vieles zutraut, entwickelt wachsendes Selbstvertrauen. Es kann aber auch erstarken, wenn die Eltern oft sagen: ,Das schaffst du nicht.‘ Eine mögliche Reaktion ist: ,Euch werd ich’s zeigen.‘“ Resilienz entwickelt sich also im Wechselspiel der genetischen Anlage mit dem sozialen Verhalten, doch es bleibt ein unvorhersehbarer Mix aus beidem. Was aber braucht man, um ein starkes Ich zu entwickeln? Drei Dinge. Familienforscher Prof. Wassilios Fthenakis von der freien Universität Bozen sagt: „Ausschlag gebend ist vor allem ein positives Selbstbild. Dazu gehört, dass man an sich und seine Fähigkeiten glaubt; sich für wertvoll und liebenswert hält.“ Wer das nicht in die Wiege gelegt bekam, kann dennoch als Erwachsener lernen, seine seelische Widerstandsfähigkeit zu festigen und sein Ich zu stärken. Aber: Der Vergleich mit anderen macht unglücklich. Deshalb sollte man nicht neidisch auf all jene schauen, denen es besser geht, sondern sich auf sich selbst konzentrieren und überlegen, wie man aus der Misere herauskommt.

Zweitens: Weil sich eine positive Veränderung gerade in Krisenzeiten selten schnell einstellt, braucht man Geduld. Sonst fasst man übereilte Entschlüsse, die man später bereut, oder gerät zusätzlich unter Druck, was Kraft kostet. Drittens: Resiliente Frauen und Männer orientieren sich in schwierigen Situationen an Menschen, die große Krisen gemeistert haben, und übernehmen Verhaltensweisen, die ihnen selbst helfen können. „Robuste Menschen fallen dadurch auf“, ergänzt der Psychologe Georg Kormann aus Schwäbisch-Gmünd, „dass sie nicht nur die Situation um sich herum genau analysieren und wahrnehmen, sondern auch ein gutes Gespür für ihren Körper und ihre Gefühle haben. Es ist wichtig zu wissen, was man in kritischen Phasen braucht, damit man nicht selbst zusammenbricht. Resiliente Menschen passen trotz allem auf sich auf und gehen sorgsam mit sich um.“

Immer das Beste aus der Situation machen

Zu dem Mosaik an Eigenschaften, das uns widerstandsfähiger gegen Schicksalsschläge macht, gehört auch, Dinge anzunehmen, die sich nicht ändern lassen, statt dagegen anzukämpfen. Wer das schafft, schont seine Kräfte und setzt Energie frei, die nötig ist, um dem Leben eine neue Richtung geben zu können. Wie heißt es so treffend: „Schmerz ist unvermeidlich, Leiden ist freiwillig.“ Das Geschehene zu akzeptieren bedeutet nicht, es gutzu heißen, es besagt lediglich, dass man sich der Realität stellt und versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Denn eine gewisse Anpassung ist unvermeidlich: Der Job, den wir heute haben, kann morgen wackeln; auch wer regelmäßig zum Arzt geht, ist vor Krankheiten nicht geschützt. Und unsere Liebesbeziehungen dauern nicht immer so lange, wie wir es uns wünschen. Die Bereitschaft, Veränderungen anzunehmen, setzt ein „Trotzdem“ als Lebenseinstellung voraus.

„Resilienz ist das Endprodukt eines Prozesses, das Risiken und Stress nicht eliminiert, es uns aber ermöglicht, effektiv damit umzugehen“, so die Psychologin Emmy Werner. Das heißt nicht, Probleme kleinzureden. Im Gegenteil: All unser Kummer ist nicht nur die Abwesenheit von Glück, sondern auch der Gegenpol, der das Leben ausba lanciert. Trauer, Angst und Schmerzen inklusive. Resiliente Menschen haben eine besondere Gabe: Sie sehen den Regenbogen, wo andere nur den Regen beklagen. Oder, wie es der Schriftsteller Albert Camus ausdrückte: „Mitten im Winter habe ich erfahren, dass es in mir einen unbesiegbaren Sommer gibt.“

Die sieben Säulen der Resilenz

DIE SIEBEN SÄULEN DER RESILIENZ

So gelingt es Ihnen, den Schutzschirm für die Seele weit aufzuspannen

1. SOZIALE KONTAKTE AUFBAUEN: Gute Beziehungen zu Familienmitgliedern, Freunden oder anderen Menschen sind äußerst wichtig. Sie stärken das Selbstwertgefühl und stehen Ihnen in Notzeiten als hilfreiche Unterstützer zur Seite. Auch das soziale Engagement in einem Ehrenamt oder die Teilnahme an religiösen und spirituellen Gruppen puffern Krisen ab.

2. KRISEN NICHT ALS UNÜBERWINDLICHES PROBLEM BETRACHTEN: Die Tatsache, dass etwas Schlimmes passiert ist, kann niemand rückgängig machen. Stress belastet aber weniger, wenn man seine Gedanken beruhigen kann und das Gefühl hat, angemessen zu reagieren. Außerdem wichtig: das Geschehene nicht als dauerhaftes Unglück einzustufen, sondern als zeitlich begrenzte Ausnahmesituation. Wer die Hoffnung bewahrt, dass die Zukunft auch Besseres bereithält, den kann eine schwere Gegenwart nicht allzu stark niederdrücken. Die Überzeugung, die eigenen Lebensumstände positiv be einflussen zu können und dem Schicksal nicht vollends ausgeliefert zu sein, zählt zu den wichtigsten Merk malen der Resilienz.

3. DIE OPFERROLLE VERLASSEN, AKTIV WERDEN: Jeder versteht das Bedürfnis, angesichts einer Krise oder scheinbar unlösbarer Probleme den Kopf in den Sand zu stecken und zu resignieren. Doch das Verharren in der Opferrolle schwächt zusätzlich. Weiter bringt einen eine sachliche Bestandsaufnahme der Situation: Worin liegt die Herausforderung, wie groß sind die Belastungen, welche Handlungsmöglichkeiten habe ich? Nächster Schritt: sich darauf konzentrieren, was man selbst verändern kann. Resiliente Menschen ergreifen in schwierigen Situationen die Initiative, statt sich vom Geschehen lähmen zu lassen.

4. REALISTISCHE ZIELE ENTWICKELN: Auch wenn es sich platt anhören mag: Das Leben geht weiter. Um die Krise zu überstehen, ist es wichtig, die Zukunft nicht aus den Augen zu verlieren, denn eigene Wünsche und Ziele sind ja trotzdem noch vorhanden. Darauf sollte man sich besinnen und nach einer kurzen K.-o.-Phase beginnen, etwas zu tun, damit sich für einen selbst neue Perspektiven eröffnen können.

5. FÜR SICH SELBST SORGEN: So wichtig es ist, in einer Krise aktiv zu bleiben und sich Hilfe zu suchen – ebenso wichtig ist der zeitweise Rückzug, um zu trauern, nachzudenken, zu sich zu kommen und dadurch neue Energie zu tanken.

6. AN DIE EIGENE KOMPETENZ GLAUBEN: Menschen lernen aus widrigen Umständen, sie wachsen und entwickeln sich weiter angesichts eines Verlustes. Viele berichten nach einer Tragödie von einem gewachsenen Selbstwertgefühl, dass sie jetzt intensiver leben und stärker als zuvor den Wert sozialer Beziehungen und Freundschaften schätzen. Wer fähig ist, sich in Krisenzeiten neu zu entdecken, zieht daraus eine enorme Kraft.

7. DIE LANGZEITPERSPEKTIVE BERÜCKSICHTIGEN: In einer schmerzhaften Gegenwart hilft es, sie in den gesamten Lebenskontext zu stellen und für sich selbst folgende Fragen zu beantworten: Was fand ich in der Vergangenheit ähnlich schwierig, wie bin ich damit umgegangen, und welche Bedeutung hat dieses Er eignis heute noch für mich?

Das kann Ihnen in einer Krise sofort helfen

DAS KANN IHNEN IN EINER KRISE SOFORT HELFEN

UMDENKEN LERNEN: Welche Gedanken lösen Unwohlsein aus? Prüfen Sie, wie realistisch sie sind! Ersetzen Sie negative Gedanken durch positive. Statt: „Immer geht alles schief“ besser: „Das kriege ich hin. Ich habe in meinem Leben schon vieles geschafft.“

SIEGERPOSE EINNEHMEN: Stellen Sie sich eine Situation vor, die Sie in Hochstimmung versetzt hat, und verbinden Sie diese Erinnerung mit einer typischen Bewegung – reißen Sie z. B. die Arme gen Himmel, wie es jubelnde Sportler beim Sieg tun. Mit dieser Geste können Sie sich in eine positive Stimmung versetzen, wann und wo immer Sie es brauchen.

BEWUSST ATMEN: Das hilft, die eigene Mitte zu finden und nicht kopflos zu reagieren. Sich auf den Atem zu konzentrieren, ist der einfachste Weg, um Kontakt zum eigenen Körper zu bekommen und die Grübelschleife zu verlassen: Beim Ein atmen „lass“ und beim Ausatmen „los“ denken.

STÄRKEN NOTIEREN: Schreiben Sie Ihre Stärken auf. Das fällt Ihnen schwer? Befragen Sie Freunde. Diese Notizen lesen Sie an „dunklen“ Tagen. Sie helfen Ihnen, sich positiv zu stimmen, gerade wenn Sie durchhängen. Auf der Liste sollten nicht nur Fähigkeiten stehen, die mit Leistungen verbunden sind, sondern auch Kompetenzen wie: „Ich bin kreativ, kann gut zuhören und andere zum Lachen bringen.“

ZIELE FESTHALTEN: Formulieren Sie Ihre nächsten Ziele so konkret wie möglich, ohne etwas zu verneinen und ohne sich mit anderen Menschen zu ver gleichen. Halten Sie in Gedanken Ihre Wünsche in der Gegenwartsform fest – („Ich bin eine ausgebildete Heilpraktikerin“) – das ist dann die Richtschnur für die nächsten Monate: Da geht’s lang!

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