Psychologie Gegenseitiger Respekt

Jede Seele besitzt eine „Wohlfühl-Lautstärke“. Doch leise, introvertierte Menschen sind in der Minderheit. In unserer lauten Welt, die vor allem die als stärker geltenden Extrovertierten sieht, fühlen sie sich deplatziert. Zu Unrecht.

Introvertierte Frau

Wenn innen viel passiert, können Außenreize nerven

Erziehung, Lebensstil und Kultur beeinflussen diese nervliche Grundausstattung natürlich. Doch auch in diesem Fall nützt es wenig, sich darüber zu ärgern, dass sie sich nicht so stark verändern lässt, wie wir das vielleicht gern hätten. Sie ist nun einmal da, naturgegeben – und gut! „Weil innen so viel passiert, haben leise Menschen ein stärkeres Bedürfnis, sich gegen äußere Reize abzuschotten, sich zurückzuziehen“, erklärt Sylvia Löhken, Autorin und Kommunikationstrainerin aus Bonn. „Sie sollten sich fragen: Welches Umfeld tut mir gut? Wie viel Gesellschaft brauche ich, um mich wohlzufühlen?“

 

Stille können alles schaffen,sofern es ihnen wichtig ist

Aber ziehen nicht alle (Vor-)Lauten an den Stillen vorbei, während die noch darüber nachdenken, ob es ihrem leisen Kern guttut, jetzt mitzumischen? Sind die höheren Gehälter, die besseren Jobs, die tolleren Liebhaber nicht längst vergeben, bis Introvertierte sich wie scheue Rehe aus der Deckung wagen? Nein. „Stille Menschen können so ziemlich alles schaffen, sofern es ihnen wichtig ist“, sagt Sylvia Löhken mit Nachdruck. Prominente Beweise kennen wir genug. Sie alle haben etwas gemeinsam: Es geht Introvertierten immer um die Sache, nie bloß darum, im Mittelpunkt zu stehen. Nach Auftritten ziehen sie sich zurück, um leistungsfähig zu bleiben. Raus aus der Deckung? Ja! Stille Menschen bereichern mit ihren Stärken jedes „laute“ Team

Das gilt jedoch nicht nur für prominente „Intros“. Jeder Stille – dieser Test verrät, ob Sie einer sind – sollte regelmäßig überlegen (und auf- schreiben), was und wer ihm wirklich wichtig ist. Sich ehrlich fragen, ob er bestimmte Dinge möglicherweise nur nicht in Angriff nimmt, weil er sich von den lauten „Extros“ eingeschüchtert fühlt. „Vor allem die nonverbale Kommunikation ist wichtig, um nicht als desinteressiert oder arrogant abgestempelt zu werden“, sagt Stephanie Hollstein, psychologische Beraterin in Düsseldorf. „Lächeln, aufmerksames Nicken oder eine offene Körpersprache – das kann viel bewirken.“ Ebenso wie eine gute Vorbereitung. Egal, ob ein beruflicher oder privater Termin ansteht. „Wenn Sie dort bestimmte Personen kennenlernen möchten, können Sie diese vorher zum Beispiel im Internet suchen und sich verbindende Themen überlegen“, rät Hollstein. Auch Marti Laney hat sich solche Taktiken für private oder berufliche Feiern überlegt:

1. Sich an einen ruhigen Ort setzen und dort warten, bis andere Gäste kommen, die auch eine Auszeit brauchen.

2. So tun als ob: Zunächst wie eine Schauspielerin Selbstbewusstsein vorgaukeln, dann wird daraus schnell ein echtes Gefühl.

3. Ein ungewöhnliches Requisit dabeihaben. Marti Laney besitzt z.B. eine Groucho-Marx-Brille. Das kann ein erstes Gesprächsthema sein.

4. Erste Hilfe: Wenn’s zu viel wird, tief einatmen, allein ins Bad oder in den Garten gehen, dem Partner unauffällig signalisieren, dass es jetzt reicht.

 

Gegenseitiger Respekt weckt kreative Spannung

Umdenken beziehungsweise ihre Taktik ändern müssen aber auch die Extrovertierten. Gerade im beruflichen Umfeld: „Weil sie meist im Vordergrund stehen, wird ein riesiges Potenzial an guten Ideen und Beiträgen verschenkt“, sagt Sylvia Löhken. Stattdessen sollten Vorgesetzte und Kollegen respektieren, wenn jemand mehr Ruhe und Zeit braucht.

Die Geduld zahlt sich aus: Spüren stille Menschen, dass sie so angenommen werden, wie sie sind, arbeiten sie mindestens genauso hart und effektiv wie die Lauten im Team. „Beide, Intros und Extros, müssen lernen, sich gegenseitig zu respektieren. Dann können beide Seiten viel voneinander lernen“, sagt Löhken. „Wenn beide Temperamente mit ihren jeweiligen Stärken zusammenarbeiten, entsteht produktive Spannung.“

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