17. Februar 2010
Medizin aus dem Meer

Medizin aus dem Meer

Erste Medikamente aus den blauen Tiefen gibt es bereits. Die Hoffnung ist groß, noch viele neue Wirkstoffe zu finden, die heilen können.

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Der Ozean ist eine Welt der unbegrenzten Möglichkeiten, neue Heilmittel zu entdecken. Etwa 500 Millionen Organismen leben im Meer, bekannt sind davon bisher nur rund 5 Prozent. Zu Lande sind das viel weniger. Zumal die Pflanzenwelt, was Naturstoffe für die Medizin betrifft, schon ziemlich abgegrast ist. Pharmakologen geraten deshalb neuerdings in einen marinen Sammelrausch. So kommen allein bei der spanischen Firma PharmaMar, führend auf dem Gebiet in Europa, Tausende mariner Wirkstoffe in die nähere Auswahl für Medikamente, über 200 davon haben sie bereits patentieren lassen. In die Apotheken schaffen es davon etwa zwei bis drei Wirkstoffe, von der Entdeckung bis zur Marktreife stehen Jahrzehnte. Doch schon jetzt zeigt sich, dass Arzneien gegen Krebs, chronische Leiden oder lebensbedrohliche Infektionen zu finden sind.

Miesmuschel-Kleber kann Wunden verschließen

Das Wasser rauscht über sie hinweg, die graue Unscheinbare ist den Gezeiten gnadenlos ausgesetzt und darf vor allem eins nicht verlieren: ihren Halt. Mit ihren zähen Byssusfäden klebt sie an den Steinen fest. Ihre enorme Haftfähigkeit machte sie zum Forschungsobjekt von Prof. Dr. Ulrike Lindequist, Pharmakologin an der Universität Greifswald. Denn ein Naturstoff, den man möglicherweise als Superkleber bei Operationen verwenden könnte, würde ein Problem in der Chirurgie lösen: Immer noch müssen große Schnitte geklammert oder genäht werden. Ein stärkerer, natürlicher Kleber würde der Wundheilung nutzen. „Ein gutes Beispiel für die Möglichkeiten der Medizin aus Meer“, so Prof. Lindequist. Obwohl der Kleber sich noch bewähren muss und voraussichtlich erst in ein paar Jahren eingesetzt werden kann.

Schwämme als Waffe gegen Krebs

Auch der Naturschwamm im Bad war einmal ein Lebewesen. Doch um ihn geht es hier nicht. Biologen kennen rund 9000 Arten, es gibt vermutlich noch 50 000 weitere. Das Besondere an ihnen: Sie leben am Meeresboden und ernähren sich, indem sie Plankton filtern. Und sie verfügen über ein Arsenal an chemischen Verteidungswaffen, denn sie können nicht fliehen. Diese bioaktiven Substanzen sind hochinteressant beim Kampf gegen verschiedene Arten von Krebs. Das Team um Prof. Werner Müller von der Universität Mainz fand beim Ircinia-Schwamm den Wirkstoff Sorbicillacton. Im Labor gelang es, damit Leukämiezellen abzutöten. Viele Schwämme bieten anderen Organismen Unterschlupf in ihrem Innern. Dort übernehmen Bakterien und Pilze die Arbeit der Abwehr. Angepasst an ihre jeweilige Umgebung, verfügen sie über ein perfektes Immunsystem und viele mögliche Mittel gegen Infektionskrankheiten und Entzündungen. Zehntausende dieser Substanzen hat man bisher identifiziert – ein gewaltiger Genpool, der mit unserem erstaunlich identisch ist, ideal als Versuchsanstalt für unser Immunsystem. Um dies möglich zu machen, hat sich die TU Darmstadt mit der Verwertungsgesellschaft Biotecmarin zusammengetan und züchtet vor der Küste Kroatiens Schwämme.

Meeresschnecken-Gift gegen unerträgliche Schmerzen

Vielleicht haben Sie ihre Gehäuse schon einmal am Strand im Urlaub gefunden oder im Hafenbasar gekauft. Kegelschnecken sind farbenfroh und wunderbar gemustert – zu schön, um unauffällig zu sein. Ein Signal für Forscher, denn auffallend schöne Spezies verfügen oft über besondere Mittel. Kegelschnecken haben in einem Zahn giftige Harpunen, mit denen sie blitzschnell kleine Fische töten können. Überraschend war, dass schon winzige Mengen extrem wirksam sind. Der medizinische Effekt war für die amerikanischen Entdecker und selbst für die US-Zulassungsbehörde FDA eine Sensation. Denn klinische Studien belegten eine tausendfach stärkere Schmerzdämpfung als bei Morphinen – ohne deren Suchtpotenzial. Auch in Deutschland wird „Prialt“ seit 2006 in Krankenhäusern angewendet.

Mikro-Algen bekämpfen Keime auf der Haut

Ein Händeschütteln reicht oft schon – und gefährliche multiresistente, also kaum mehr zu bekämpfende Bakterien werden weitergegeben. Gerade in Krankenhäusern geht die Angst vor diesen Keimen um, denn für Patienten in geschwächtem Zustand können sie tödlich werden. Sie lösen Lungenentzündungen, toxische Schocks, Blutvergiftung oder oder Wundbrand aus. Prof. Lindequist entwickelte mit ihrem Team eine Salbe mit Wirkstoffen, die sie in der Ostsee gefunden haben. Diese Algen-Essenz ist in ihrer Mikrostruktur so glitschig, dass sich Bakterien und Viren auf der Haut nicht mehr festhalten können, geschweige denn vermehren. Einen ganzen Tag hält die Wirkung an, und die Creme hat außerdem einen pflegenden Effekt. Sie wird von der Firma Heitland & Petre hergestellt und hat den Weg in die Apotheken gefunden. Auch für Neurodermitiker könnte die Salbe interessant sein. Aber, so Prof. Lindequist: „Die Zulassung als Medizinprodukt ist ein langwieriger und teurer Prozess.“

Wirkstoffe werden zur Arznei

Vor der Zulassung zum Arzneimittel stehen viele Schritte. Es beginnt mit einem schonenden Eingriff in die Natur. Sind die Kleinstlebewesen mögliche interessante Kandidaten für eine medizinische Nutzung, werden Extrakte hergestellt. Dann probiert man aus, ob sie in der Reagenzschale etwa Krebszellen oder Erreger bekämpfen können. Danach muss sich zeigen, ob sich der Wirkstoff vermehren lässt. Dabei gibt es vier Möglichkeiten: per Aquakultur züchten, synthetisch nachbilden, die genetische Information in andere Zellen übertragen und diese dann vermehren oder direkt kultivieren, wie bei manchen Mikroorganismen möglich. Für all diese Verfahren gibt es erfolgreiche Beispiele. Doch nach der Entdeckung, der Analyse und der Vermehrung kommen noch viele Tests mit Anwendungen am Menschen. So wird es wohl erst in einigen Jahren eine Flut von Arzneien aus dem Meer geben.

Hier steckt schon Meer drin

  • Gegen Herpes hilft der Wirkstoff Aciclovir. Er steckt in vielen Salben und Gels aus der Apotheke und stammt aus einem Schwamm. Auch zur Therapie gegen Gürtelrose wird Aciclovir eingesetzt. pExtrakte aus der Grünlippmuschel sollen bei Gelenkentzündungen Linderung verschaffen und den Knorpel aufbauen.
  • Schutzmittel gegen Entzündungen im Magenund Darm-Trakt und bei Gastritis beinhalten oft Carrageenan oder Agar aus Rotalgen. Sie werden auch zur Blutstillung eingesetzt. Übrigens: Japaner benutzen Agar als Geliermittel.
  • Cephalosporine sind eine große Gruppe der Breitbandantibiotika. Wie auch ihre Verwandten, die Penicilline, stammen sie von Pilzen ab. Cephalosporine kommen aber aus einer marinen Pilzart, die Forscher vor der Küste Sardiniens fanden.
  • „Yondelis“, ein Medikament der PharmaMar, wird aus Meerscheiden gewonnen. Es hilft gegen eine sehr aggressive Krebsart: das Weichteil-Sarkom.

Thalasso: gesund durch Wasser und Luft

Seeheilbäder – das klingt nach vergangenen Jahrhunderten und dem Müßiggang der feinen Gesellschaft. Auch heute sind Thalasso-Institute immer in der Nähe des Meeres. Am besten nicht weiter als 300 Meter vom Strand entfernt. So ein Merkmal für eine empfehlenswerte Behandlung nach den Kriterien des Thalasso- Verbandes (www. thalasso-verband.de). Denn die Luft in der Nähe der Brandung spielt eine Rolle bei dem Gesundheitsprogramm. Dazu gehören außerdem Hydrotherapie, Bäder, Algen- oder Schlickpackungen sowie Inhalationen mit Aerosolen. Thalasso eignet sich unter anderem bei Rheuma, Neurodermitis, Rückenproblemen und Erschöpfung. Aber man kann sich auch ein Wellness- Programm zusammenstellen lassen. Denn Aqua-Therapien ergänzen perfekt einen Urlaub an Nord- und Ostsee. Manchmal beteiligen sich die Krankenkassen an den Kosten.

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