8. September 2014
Mein freier Wille

Mein freier Wille

Für vital ist es das Gefühl des Monats, für unsere Essayistin sogar das passende Motto für ihr ganzes Leben. Denn die Bestsellerautorin Hatice Akyün beschreibt, wie sie es mit Mut & Herz schaffte, in jeder Form „selbstständig“ zu werden – gegen alle Widerstände.

Selbstständig werden
© Massonstock / iStock
Selbstständig werden
Geboren bin ich in dem kleinen Dorf Akpinar in Anatolien, Akpinar bedeutet "das dorf der reinen Quelle", und bis heute holen die Frauen das klare Wasser mit Krügen von den Brunnen. Dieses Dorf ist der perfekte Ort für alle gestressten Menschen mit Burnout-Syndrom, Milliarden Kilometer entfernt von Internet und Verkehrschaos.

Für mich war es sein Mut, der es möglich machte

An einem Frühlingstag vor gut vierzig Jahren kam ein Mann in unser Dorf und erzählte von Arbeit in einem anderen Land. Mein Vater, ein Landwirt, überlegte nicht lange, fasste sich ein Herz und folgte dem Ruf nach einem besseren Leben für seine kleine Familie. Am Tag meiner Geburt gab er mir noch den Namen seiner verstorbenen Mutter, meiner Großmutter, stieg in den Bus nach Istanbul, von wo es mit dem Zug weiterging nach Deutschland. In Duisburg fand er eine Anstellung als Bergmann. Drei Jahre später kam er mit Flugtickets zurück nach Akpinar und holte meine Mutter, meine Schwester und mich nach. „Kismet“, Schicksal, antwortete mein Vater kurz, als ich ihn danach fragte, warum er in ein Land gegangen war, dessen Sprache er nicht beherrschte. Kismet kommt bei ihm immer dann ins Spiel, wenn er etwas nicht erklären kann. Für ihn ist es eine höhere Macht, die ohne menschliches Zutun das Leben grundlegend verändert. Für mich war es sein Mut, der es möglich machte, dass ich mein jetziges Leben überhaupt leben kann. Wäre mein Vater in unserem anatolischen Dorf geblieben, wäre ich wahrscheinlich Analphabetin, so wie es meine Eltern sind.

Ich war immer die Erste

In meiner Familie war ich immer die Erste. Die Erste, die eine Ausbildung gemacht hat, die ausgezogen ist, die Abitur gemacht und studiert hat. Es war ein harter Kampf. Ich musste meinen Vater von jedem Schritt überzeugen. Er hatte Angst, dass mir etwas passieren könnte und er mich nicht beschützen kann. Mein Vater erzog uns einerseits so, wie er es aus seinem Dorf kannte. Andererseits wusste er auch, dass er jetzt in einem anderen Kulturkreis lebt und seinen Töchtern mehr Freiheiten gewähren muss. Die bislang erbrachte Leistung der ersten Gastarbeiter-Generation ist viel größer als die meiner Generation. Sie sind als Erwachsene gekommen, hatten nicht vor, lange zu bleiben, und mussten sich ihren Platz in einer völlig fremden Kultur mit buchstäblich nichts erkämpfen. Wir Kinder dagegen sind ganz selbstverständlich mit dem Deutschen aufgewachsen. Meine Eltern haben sich hier emanzipiert, ohne dass es Menschen gab, die ihnen dabei geholfen haben. Heute denkt mein Vater ganz anders.

Mit ganzem Herzen dabei

Er sagt, dass seine Töchter stark seien, dass sie keine Ehemänner brauchten. Er hat in Deutschland eine große Wandlung durchlebt, langsam, aber unumkehrbar.Manchmal denke ich, dass für mich ein anderes Leben vorgesehen war. Ich bin in einem anatolischen Dorf geboren, bin die Tochter eines türkischen Gastarbeiters, im Duisburger Problemviertel Marxloh aufgewachsen. Offenbar hatte Allah, Gott, Kismet oder wer auch immer andere Pläne mit mir. In der Schule hatte ich eine Lieblingslehrerin. Sie unterrichtete uns in Deutsch und Englisch. Frau Kruse war damals Ende dreißig, hatte weder Mann noch Kinder und war für mich der Inbegriff von Unabhängigkeit. Durch ihren Lebensstil hat sie mir gezeigt, dass es noch einen anderen Weg gibt als den türkischen.

Sie gab mir Mut

Wenn ich beobachtete, wie sie mit ihrem kleinen roten Auto auf den Lehrerparkplatz fuhr, glühte mein Herz vor Bewunderung. Und ich dachte: Toll, was für ein schönes Leben. Sie kommt nach Hause und da ist niemand, der ihr Vorschriften macht. Frau Kruse brachte mir das Wort „Selbstständigkeit“ bei. Das prägte sich mir unauslöschlich ein. Sie gab mir den Mut, von zu Hause auszuziehen und mein eigenes Leben zu führen. Frau Kruse hatte nicht nur Mut, sie hatte auch Herz. Beides wird oft gleichgesetzt, wenn es heißt, sie fasste sich ein Herz.
Mut bedeutet, etwas zu tun, was nicht selbstverständlich ist, was getan werden muss trotz Widerständen. Herz bedeutet, dass man daran hängt, dass es einem wichtiger ist als alles andere. So wichtig, dass alles andere nachrangig wird. Dafür muss man selbst entscheiden. Wer gläubig ist, kann sagen, Gott hat uns den freien Willen gegeben, um ihn zu benutzen. Wer nicht religiös gebunden ist, muss irgendwie verwurzelt sein, um sich festhalten zu können, wenn man sich mutig ein Herz fasst.

Hör auf dein Herz

Wenn ich zum Beispiel vor Hunderten von Menschen eine Rede halte oder aus meinen Büchern lese, dann denke ich an Akpinar, an die Frauen dort, an die Schafherde meines Großvaters, die wir als Kinder auf die Weide führten, und staune immer wieder über den weiten Weg, den ich zurückgelegt habe. Mein Vater gab mir den Rat, mit meinem Herzen zu entscheiden, aber mit dem Kopf zu versuchen, die Spielregeln zu beeinflussen. Erst seit Kurzem versteht er, dass wir beide den gleichen Weg gegangen sind. Er hat als mutiger Mann sein Dorf verlassen, um nach Deutschland zu gehen. Und ich habe mit dem gleichen Mut den für mich vorgezeichneten Weg verlassen – genau wie er. Mit dem Mut zu meinem Herzen. Für mich ist Kismet die Kreuzung, an der man sein Schicksal selbst bestimmen kann und dem inneren Hinweisschild folgt. Mut, dass man sich das traut, und Herz, dass man der richtigen Abzweigung folgt. Oder wie es mein Vater sagen würde: „Cesurun bakışı, korkağın kılıcından keskindir“ – der Blick des Mutigen ist schärfer als das Schwert des Ängstlichen.
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