6. Dezember 2013
Introvertiert und Extrovertiert

Introvertiert und Extrovertiert

Jede Seele besitzt eine „Wohlfühl-Lautstärke“. Doch leise, introvertierte Menschen sind in der Minderheit. In unserer lauten Welt, die vor allem die als stärker geltenden Extrovertierten sieht, fühlen sie sich deplatziert. Zu Unrecht.

Intrivertierte Frau
© Thinkstock
Intrivertierte Frau

In einer Viertelstunde beginnt die Einweihungsfeier der neuen Nachbarn. Eine wirklich nette Familie. Zwei Kinder, ein Hund – und sicher viel Freunde. Auch der redegewandte Versicherungskaufmann von gegenüber und seine charismatische Freundin werden da sein. Genauso wie der selbstbewusste Agenturchef aus dem dritten Stock, der wieder alle zum Lachen bringen wird. Dabei hat er eine knallharte Arbeitswoche hinter sich.

Extrovertierte geben den Ton an, Stille werden übersehen

Und Sie? Freuen Sie sich auf diesen Abend, gute Gespräche und das Unter-Menschen-Sein? Oder würden Sie lieber zu Hause bleiben, weil Sie merken, dass Ihre Akkus leer sind und Sie wissen, wie viel Kraft Sie so eine Feier jedes Mal kostet? Natürlich ist niemand von uns ausnahmslos Partymuffel oder Partylöwe. Vielmehr verläuft zwischen den beiden Begriffen eine sogenannte Persönlichkeitsdimension, die Psychologen in jüngster Zeit genauer unter die Lupe nehmen. Dabei sprechen sie von Introversion (Partymuffel) und Extroversion (Partylöwe). Vereinfacht gesagt: Sie teilen die Welt auf in laute und leise Menschen. Jeder trägt einen individuellen Lautstärkeregler in sich. An ihm können wir zwar je nach Stimmung und Situation drehen. Gleichwohl besitzen wir alle eine „Wohlfühl-Lautstärke“, die wir nicht gern über- oder unterschreiten, weil es uns auf Dauer nicht guttut. Untersuchen Psychologen andere Merkmale, beispielsweise den IQ, stoßen sie nahezu immer auf einen mittleren Wert, den die allermeisten Menschen kaum unter- oder überschreiten. Wissenschaftler nennen das „Normalverteilung“. Bei Intro- und Extroversion, der „inneren Lautstärke“, liegt der Fall offenbar anders. Etwa 75 von 100 Personen sind extrovertiert, also eher laut. Nur 25 Prozent sind introvertiert, also eher still. Hinzu kommt: Wer laut ist, das zeigen Studien, wirkt auf andere attraktiver, klüger, ist beruflich erfolgreicher und beliebter.

Frau am lesen
© Thinkstock
Frau am lesen

Dass sich die Stillen da zuweilen als Außenseiter fühlen oder wie das berühmte schwarze Schaf, überrascht daher nicht. „Schon als Kind war ich mir häufig selbst ein Rätsel“, schreibt die US-Psychologin Marti Laney. „Ich brauchte Jahre, um dahinterzukommen, dass all meine rätselhaften Widersprüche tatsächlich Sinn ergaben: Ich war ein ganz normaler, introvertierter Mensch. Diese Entdeckung verschaffte mir große Erleichterung.“

Gene regeln die Lautstärke. Sie ist gut – so, wie sie ist

Still zu sein ist also kein Makel. Sondern eine Kraft. Vorausgesetzt, Introvertierte nehmen drei – niedrige! – Hürden: 1. Sie sollten wohlwollend akzeptieren, dass sie still(er) sind als andere. 2. Sie sollten offen damit umgehen und darüber sprechen, um nicht länger als kauzig, komisch und kühl wahrgenommen zu werden. 3. Sie sollten lernen, mit ihrer Energie zu haushalten, ihre Akkus regelmäßig aufzuladen – und dann im richtigen Augenblick all ihre Stärken zeigen.

Dabei hilft es zu wissen, dass der innere Lautstärkeregler teilweise angeboren ist. Sich dafür selbst zu kritisieren ergibt keinen Sinn. Schließlich verurteilen wir uns ja auch nicht dafür, zehn Finger, zwei Beine und einen Kopf zu haben. Dort stießen Forscher übrigens auf weitere wichtige Unterschiede: Im Gehirn introvertierter Menschen nimmt das Blut einen anderen Weg als bei extrovertierten. Bei Lauten ist er kurz und direkt, bei Stillen lang und verzweigt. Außerdem fließt bei ihnen mehr Blut ins Gehirn. Das heißt: Sie werden stärker „von innen“ gereizt.

Dagegen brauchen laute Menschen viele Reize von außen, weil nur solche bei ihnen die Freisetzung von Adrenalin und Dopamin anregen – zwei Botenstoffe, nach denen Extrovertierte regelrecht süchtig sein können. Dopamin wirkt bei ihnen obendrein später und kürzer als bei stillen Menschen. In deren Gehirnen kommt stattdessen ein anderer Botenstoff zum Einsatz, das Acethylcholin.

Gegenseitiger Respekt

Wenn innen viel passiert, können Außenreize nerven

Erziehung, Lebensstil und Kultur beeinflussen diese nervliche Grundausstattung natürlich. Doch auch in diesem Fall nützt es wenig, sich darüber zu ärgern, dass sie sich nicht so stark verändern lässt, wie wir das vielleicht gern hätten. Sie ist nun einmal da, naturgegeben – und gut! „Weil innen so viel passiert, haben leise Menschen ein stärkeres Bedürfnis, sich gegen äußere Reize abzuschotten, sich zurückzuziehen“, erklärt Sylvia Löhken, Autorin und Kommunikationstrainerin aus Bonn. „Sie sollten sich fragen: Welches Umfeld tut mir gut? Wie viel Gesellschaft brauche ich, um mich wohlzufühlen?“

Frau mit Tee
© Thinkstock
Frau mit Tee
Stille können alles schaffen,sofern es ihnen wichtig ist

Aber ziehen nicht alle (Vor-)Lauten an den Stillen vorbei, während die noch darüber nachdenken, ob es ihrem leisen Kern guttut, jetzt mitzumischen? Sind die höheren Gehälter, die besseren Jobs, die tolleren Liebhaber nicht längst vergeben, bis Introvertierte sich wie scheue Rehe aus der Deckung wagen? Nein. „Stille Menschen können so ziemlich alles schaffen, sofern es ihnen wichtig ist“, sagt Sylvia Löhken mit Nachdruck. Prominente Beweise kennen wir genug. Sie alle haben etwas gemeinsam: Es geht Introvertierten immer um die Sache, nie bloß darum, im Mittelpunkt zu stehen. Nach Auftritten ziehen sie sich zurück, um leistungsfähig zu bleiben. Raus aus der Deckung? Ja! Stille Menschen bereichern mit ihren Stärken jedes „laute“ Team

Das gilt jedoch nicht nur für prominente „Intros“. Jeder Stille – dieser Test verrät, ob Sie einer sind – sollte regelmäßig überlegen (und auf- schreiben), was und wer ihm wirklich wichtig ist. Sich ehrlich fragen, ob er bestimmte Dinge möglicherweise nur nicht in Angriff nimmt, weil er sich von den lauten „Extros“ eingeschüchtert fühlt. „Vor allem die nonverbale Kommunikation ist wichtig, um nicht als desinteressiert oder arrogant abgestempelt zu werden“, sagt Stephanie Hollstein, psychologische Beraterin in Düsseldorf. „Lächeln, aufmerksames Nicken oder eine offene Körpersprache – das kann viel bewirken.“ Ebenso wie eine gute Vorbereitung. Egal, ob ein beruflicher oder privater Termin ansteht. „Wenn Sie dort bestimmte Personen kennenlernen möchten, können Sie diese vorher zum Beispiel im Internet suchen und sich verbindende Themen überlegen“, rät Hollstein. Auch Marti Laney hat sich solche Taktiken für private oder berufliche Feiern überlegt:

1. Sich an einen ruhigen Ort setzen und dort warten, bis andere Gäste kommen, die auch eine Auszeit brauchen.

2. So tun als ob: Zunächst wie eine Schauspielerin Selbstbewusstsein vorgaukeln, dann wird daraus schnell ein echtes Gefühl.

3. Ein ungewöhnliches Requisit dabeihaben. Marti Laney besitzt z.B. eine Groucho-Marx-Brille. Das kann ein erstes Gesprächsthema sein.

4. Erste Hilfe: Wenn’s zu viel wird, tief einatmen, allein ins Bad oder in den Garten gehen, dem Partner unauffällig signalisieren, dass es jetzt reicht.

Gegenseitiger Respekt weckt kreative Spannung

Umdenken beziehungsweise ihre Taktik ändern müssen aber auch die Extrovertierten. Gerade im beruflichen Umfeld: „Weil sie meist im Vordergrund stehen, wird ein riesiges Potenzial an guten Ideen und Beiträgen verschenkt“, sagt Sylvia Löhken. Stattdessen sollten Vorgesetzte und Kollegen respektieren, wenn jemand mehr Ruhe und Zeit braucht.

Die Geduld zahlt sich aus: Spüren stille Menschen, dass sie so angenommen werden, wie sie sind, arbeiten sie mindestens genauso hart und effektiv wie die Lauten im Team. „Beide, Intros und Extros, müssen lernen, sich gegenseitig zu respektieren. Dann können beide Seiten viel voneinander lernen“, sagt Löhken. „Wenn beide Temperamente mit ihren jeweiligen Stärken zusammenarbeiten, entsteht produktive Spannung.“

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