24. Februar 2010
Hirnforschung

Hirnforschung

Es ist immer da, unser Ich. Aber was ist das? Verhindern gesunde Ernährung und Sport, dass es durch Demenz zerbricht? Hält Jonglieren geistig fit? All diese Fragen können Hirnforscher heute beantworten. 2010 beginnt deshalb das „Jahrzehnt des Geistes“.

© Adam Borkowski - Fotolia

Beschreiben Forscher unser Gehirn, sind sie schnell bei der harten Wahrheit. „Es hat eine Konsistenz, die an ein weich gekochtes Ei erinnert“, meint etwa Susan A. Greenfield, Professorin an der Oxford University und weltweit anerkannte Fachfrau für dieses, nun ja, „Weichei“.

Trotzdem kann dieses Etwas ein ganzes Leben erinnern, lieben, erfinden und träumen. Es kann sogar über sich selbst nachdenken. Bei unserem Experten Prof. Manfred Spitzer, Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Ulm, ist das sogar sehr oft der Fall. Er gehört zu den Hirnforschern, die weltweit das „Jahrzehnt des Geistes“ ins Leben gerufen haben, das 2010 beginnt. Sein Ziel: Ergebnisse der Hirnforschung anzuwenden und praktisch zu nutzen. „Denn sie sind für die Zukunft unserer Gesellschaft von großer Bedeutung“, so Spitzer. In VITAL erklärt er, wieso, und kommentiert faszinierende Studien.

Ein Schrittmacher für das Gehirn

Mit haarfeinen Elektroden, der sogenannten tiefen Hirnstimulation, ist es heute möglich, das unwillkürliche Zittern bei Parkinson (15 000 Neuerkrankungen pro Jahr) einzudämmen. Auch bei schwersten Depressionen, fand die Uni Bonn jetzt heraus, kann sie helfen. „Trotzdem können wir mit dieser Methode bislang nur sehr grobe Voreinstellungen im Gehirn verändern“, erklärt Prof. Spitzer. „Aber in absehbarer Zukunft wird es sicher möglich sein, damit auch höhere Gehirnfunktionen zu beeinflussen.“

„Was Hänschen nicht lernt,…

…lernt Hans nimmermehr.“ Von wegen! Bis ins hohe Alter ist das Gehirn lern- und anpassungsfähig und bildet sogar neue Nervenzellen. Ein besonderer „Klebstoff“ bringt sie dann von ihrem Entstehungs- zu ihrem Einsatzort, wie eine im November veröffentlichte Studie des Helmholtz Zentrums München zeigt. „Das ist das Gegenteil von dem, was ich als Student gelernt habe“, sagt Prof. Spitzer. „Heute wissen wir: Das Gehirn verändert sich andauernd, passt sich an. Es ist nie fertig.“ Was bedeutet das für uns? „Jeder von uns kann bis ins hohe Alter lernen. Und auch, wenn z. B. ein Schlaganfall einen Gehirnteil schädigt, ist eben nicht alles verloren. Ich finde, das ist eine viel optimistischere Sicht der Dinge. “

Den Intellekt tunen?

Das Gehirn lässt sich nicht aufmotzen wie ein Sportwagen

Es klingt verlockend: Einfach eine Pille schlucken, und Lernen wird zum Kinderspiel. Den Intellekt tunen wie einen Motor. Nach einer anonymen Umfrage schätzt die DAK, dass es zwei Millionen Deutsche schon mindestens einmal mit „IQ-Doping“ versucht haben, etwa 800 000 tun es regelmäßig. „Das finde ich äußerst fragwürdig“, sagt Prof. Spitzer. „Es ist zwar seit Langem Usus, sein Gehirn z. B. morgens mit Kaffee auf Trab zu bringen. Aber grundsätzlich funktioniert unser Gehirn optimal. Es braucht keine Aufputschpillen. So ein Eingriff in die Hirnchemie kann schnell schiefgehen und regelrecht zum Absturz führen.“

Jeder kann Gedanken lesen

Kate Winslet breitet am Bug der „Titanic“ die Arme aus, und auch die Zuschauer im Kino meinen, den Fahrtwind zu spüren. Wie geht das? Es liegt an sogenannten Spiegelneuronen, denen es egal ist, ob wir etwas tun oder andere dabei beobachten. So entsteht Mitgefühl. „Ähnlich ist es mit einem Hirnareal, das die Stärke von Schmerzen verarbeitet“, sagt Prof. Spitzer. „Sehen wir jemanden, der Schmerzen hat, tut es uns ebenfalls weh. Das Gute daran: Patienten können lernen, dieses Hirnareal bewusst zu beeinflussen – und Schmerzen so herunterregeln.“

65 cm – und nicht näher!

Klar: Wen wir lieben, den wollen wir so oft wie möglich ganz nah bei uns haben. Aber wie ist das mit fremden Personen, z. B. in der U-Bahn? Bei denen sorgt eine kleine Struktur im vorderen Bereich des Gehirns, der sogenannte Mandelkern, dafür, dass wir ohne bewusstes Nachdenken die richtige Distanz wahren. 65 Zentimeter ist der Abstand, den wir bei Unbekannten als angenehm empfinden, belegt eine US-Studie des California Institute of Technology.

Spritze gegen Alzheimer

Auf der Suche nach der Spritze gegen Alzheimer

Etwa eine Million Deutsche verliert nach und nach ihr Ich. Sie haben eine Demenz, häufig Alzheimer. Bis 2050, schätzen Experten, werden es weltweit 100 Mio. Betroffene sein. Intensiv wird deshalb nach Medikamenten und einem Impfstoff gegen das Vergessen gesucht. „Bislang können wir den Verlauf von Alzheimer etwa um ein halbes Jahr hinauszögern“, so Prof. Spitzer. „Ich bin aber überzeugt, dass ich – jetzt bin ich 51 – die Einführung einer kausalen Therapie, z. B. eine Impfung, noch erlebe. Auch Entstehung und Verlauf anderer Erkrankungen verstehen wir dank der Hirnforschung heute besser und können sie gezielter behandeln.“

Bei Übergewicht schrumpft das Gehirn

Wer auf sein Gewicht achtet, erkrankt nicht nur seltener an Herz- Kreislauf-Erkrankungen oder Typ-2-Diabetes, sondern senkt damit auch sein Alzheimer-Risiko. Das fand jetzt ein Forscher-Team um den Neurologen Paul Thompson von der University of California in Los Angeles heraus. Übergewichtige (BMI über 25) haben dagegen bis zu vier, Fettleibige (BMI über 30) bis zu acht Prozent weniger Nervengewebe im Gehirn. „Und ihre Gehirne sehen bis zu 16 Jahre älter aus“, warnt Thompson.

Gehirn-Jogging - Sport schützt die grauen Zellen

Jeden Tag eine halbe Stunde Ausdauersport, z. B. Schwimmen oder Radfahren schützt nicht nur den Körper vor vielen Erkrankungen, sondern auch die „Leitstelle“, das Gehirn. So belegt die National Runner’s Health Study aus den USA, dass jeder täglich gelaufene Kilometer das Schlaganfall-Risiko um elf Prozent senken kann. Auch vor einer Demenz kann man statistisch buchstäblich davonlaufen. Die Erklärung der Forscher: Häufig tritt Gedächtnisverlust bei Menschen mit Bluthochdruck auf. Und genau den kann jeder mit Sport auf gesunde Werte senken. Zusätzlich sorgt Bewegung dafür, dass die grauen Zellen bis ins hohe Alter fit bleiben. Also: Ab zum Gehinrnjogging!

Das Gedächtnis formt unser Leben

Unser Gedächtnis formt unser Ich jeden Tag neu

Wir sind, woran wir uns erinnern. Nicht das Leben formt unser Gedächtnis, sagen Hirnforscher, sondern das Gedächtnis formt unser Leben. Ihre Studien zeigen allerdings auch, dass uns häufig gar nicht bewusst ist, dass wir uns etwas merken. Und nur, was uns emotional berührt, wird überhaupt gespeichert, alles andere aussortiert. Gedächtnislücken füllt das Gehirn „kreativ“ auf. Kein Wunder, dass z. B. Zeugen denselben Unfall völlig unterschiedlich schildern. Kann ich da meinem Ich überhaupt trauen? „Insgesamt schon“, beruhigt Prof. Spitzer. „Ein gesundes Misstrauen ist aber ab und zu angebracht.“

„5 am Tag“ halten geistig fit

Fünf Portionen Obst oder Gemüse schützen unsere Zellen mit ihren Antioxidanzien vor schädlichen Sauerstoff-Verbindungen („freie Radikale“) – auch die grauen Zellen, belegt eine aktuelle Studie von Prof. Cristina Polidori von der Ruhr-Uni Bochum. Demnach sind Menschen, die täglich ca. 400 Gramm Obst und Gemüse zu sich nehmen, bei Tests geistig leistungsfähiger als Vitamin-Muffel, die weniger als 100 Gramm pro Tag essen. Ein Ergebnis, das Prof. Spitzer nicht überrascht: „ Vitamine sind für unser Gehirn enorm wichtig. Da ist leider bei vielen etwas im Argen. Gut sind z.B. Heidelbeeren, Brokkoli oder Äpfel.“ Zusätzlich empfiehlt er, regelmäßig Seefisch zu essen. „Wegen seiner gesunden Omega-3-Fettsäuren“, sagt Prof. Spitzer. „Man kann sagen: Die schmieren die ganze Maschinerie. In einer Studie fand man heraus, dass Häftlinge, die mehr Omega-3-Fettsäuren zu sich nahmen, emotional stabiler und weniger aggressiv waren. Andere Untersuchungen zeigen, dass die gesunden Fette vor Depressionen schützen können.“ Kann man sich auch klüger essen? „Das ist noch nicht endgültig geklärt“, sagt Prof. Spitzer. „Aber eventuell kann man auch das.“

Das Gehirn ist neugierig

Rätseln aktiviert Schutzgene

Das Gehirn ist extrem neugierig. Inhalte, mit denen es sich noch nie beschäftigt hat, lösen zwischen den Neuronen ein Feuerwerk aus. So nimmt z. B. beim Jonglieren nicht nur die Hirnmasse zu, sondern Nervenzellen werden auch neu verdrahtet und das räumliche Denken verbessert. „Das heißt nicht, dass jetzt jeder anfangen muss zu jonglieren“, sagt Prof. Spitzer. „Jede Art, das Gehirn zum Arbeiten zu bringen, ist eine gute Sache.“ Denn Gehirntraining, fand die Uni Heidelberg heraus, aktiviert in Gehirnzellen ein genetisches Schutzprogramm – sie leben länger.

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Trainieren & weiterlesen

  • Buchtipp: „Hirnforschung für Neu(ro)gierige“ von Prof. Manfred Spitzer und Wulf Bertram, Schattauer-Verlag, 400 Seiten, 29,95 Euro
  • Die Gesellschaft für Gehirntraining hat u. a. das „Mentale AktivierungsTraining“ entwickelt. Tel. 0 80 92/86 49 30, www.gfg-online.de
  • Link-Tipp: www.mental-aktiv.de bietet weitere knifflige Herausforderungen für die grauen Zellen

…ist eine Meisterleistung Ihres Gehirns. Während Ihr Blick ruckartig von links nach rechts wandert, bewegt sich das Bild des Textes mit fast 1000 Grad pro Sekunde über Ihre Netzhaut. Würde man eine Kamera so schnell schwenken, wären nur Streifen zu sehen. Damit es Ihnen nicht so geht, senkt das Gehirn gezielt schon vor Beginn der Augenbewegungen die Aktivität bestimmter Nervenzellen ab. Und zwar nicht überall gleich, sondern sogar unterschiedlich stark (Uni Marburg). Unglaublich, oder?

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