23. Juni 2010
Lustverlust bei Frauen

Lustverlust bei Frauen

Tropfen, Pillen, Pülverchen – helfen natürliche Aphrodisiaka für Frauen dem Liebesleben wirklich auf die Sprünge? Bald kommt noch ein neues Produkt auf den Markt. Doch auch schon vorher könnte wieder mehr im Bett passieren.

Lustverlust bei Frauen - das kann helfen
© seasons.agency / Jalag / Reinke, André
Lustverlust bei Frauen - das kann helfen

Theoretisch ist es mit dem Liebesleben ganz einfach: Frauen können immer, wenn sie wollen. Doch tatsächlich wollen sie immer seltener, das besagen zumindest die Statistiken. Nach Umfragen des Freiburger Informationszentrums für Sexualität und Gesundheit klagen rund 30 Prozent der Frauen in den Industrieländern über mehr oder weniger starken Lustverlust und sexuelle Probleme. Einer Studie der Universität Chicago zufolge sollen sogar 43 Prozent unter vermindertem Verlangen leiden, einem Syndrom, das Fachleute als „Hypoactive Sexual Desire Disorder“ bezeichnen. Ursachen gibt es viele. Stress und ein voller Alltag führen häufig dazu, dass Frauen sich nicht mehr so viel Zeit für sich und ihren Körper nehmen können.

Die Lust ist uns abhanden gekommen, und um das zu ändern, widmet sich die Pharmaindustrie dem Thema mit voller Leidenschaft. Denn nach dem Erfolg von Viagra für Männer wollen die Konzerne endlich auch dem weiblichen Teil der Schöpfung mit einem Medikament die Lust sichern – und sich selbst einen milliardenschweren Markt.

Ein Problem, dass viele Frauen kennen. Rund 10% aller Frauen leiden sehr stark unter ihrer mangelden Libido.
(Quelle: Deutsche Gesellschaft für Sexualmedizin und Sexualtherapie in Hannover)

Diverse Versuche mit verschiedenen Wirkstoffen verliefen bislang enttäuschend. Weil man bei den meist auf hormoneller Basis wirkenden Mitteln zu wenig über Langzeitfolgen wusste. Oder weil sich schon in der Erprobungsphase starke Nebenwirkungen zeigten. Wie bei PT-141, einem vom US-Konzern Palatin Technologies entwickelten Wirkstoff, der per Nasenspray zum Lustzentrum im Gehirn geschleust wird – mit beachtlichem Erfolg für die Lust der Probandinnen. Allerdings bekamen so viele durch das Mittel schwere Blutdruckprobleme, dass alle Studien gestoppt wurden.

Das neue Libidomittel

Das neue Libidomittel soll die Wirkung der Glückshormone verstärken

Große Erwartungen hegt man jetzt bei Boehringer Ingelheim. Das Unternehmen will ein Mittel mit dem Wirkstoff Flibanserin auf den Markt bringen. Das soll die Wirkung des auch als „Glückshormon“ bekannten Botenstoffs Serotonin verstärken. Noch läuft weltweit eine klinische Studie, doch erste Rückmeldungen besagen, dass bei fast allen Teilnehmerinnen das sexuelle Verlangen zunahm: Statt 2,8-mal befriedigenden Geschlechtsverkehr pro Woche registrierten die Forscher 4,5-mal.

Ob das Medikament, dessen Handelsname noch nicht feststeht, den erhofften Durchbruch bringt, muss sich zeigen. Die meisten seriösen Experten beurteilen Libidoverstärker grundsätzlich skeptisch und gestehen ihnen höchstens Placebo-Effekte zu – was ja auch schon was bringt.

29 % ALLER betroffenen Frauen wünschen sich mehr Lust.
(Quelle: Informationszentrum für Sexualität und Gesundheit in Freiburg)

„Die weibliche Libido lässt sich nicht mit Chemie oder Vitaminen steigern“, sagt der Münchner Psycho- und Sexualtherapeut Dr. Paul Kochenstein. Und die Diplom-Psychologin und Sexualtherapeutin Renate Bauer vom Institut für Sexualforschung und -therapie Oberberg fragt provokativ: „Kann ein Medikament fördern Beziehungsprobleme zu heilen? Oder ein schwieriges Verhältnis zum eigenen Körper zu überwinden?“ Sie ist überzeugt, dass solche Mittel den Lustverlust allenfalls überdecken: „Die eigentlichen Gründe werden dadurch nicht gelöst.“

Neben Ursachen wie sexueller Übersättigung, Leistungsdruck oder einem gestörten Selbstbild führen vor allem chronische Belastungen wie Überarbeitung oder auch Partnerschaftskonflikte dazu, dass der Leidenschaftslevel in einer Beziehung gegen null tendiert. Aber das ist keinesfalls gleich ein krankhafter Zustand. „Die meisten Menschen kennen solche Phasen. Lustlosigkeit ist dann eher eine gesunde psychologische Reaktion auf zu viel Stress“, sagt Expertin Bauer. „Viele erliegen dem Irrglauben, dass Sexualität immer funktionieren muss, sogar wenn man in einer handfesten Lebenskrise steckt.“ Die lustlosen Phasen endeten aber meist, nachdem die auslösenden Faktoren verschwunden waren, weiß die Therapeutin aus der Praxis.

Doch viele wollen darauf nicht warten und greifen lieber ins Schränkchen. Abgesehen von den Entwicklungen aus den Pharma-Labors können sie aus einem riesigen Angebot an frei verkäuflichen Liebestropfen und Aphrodisiaka in Form von Pillen und Pulvern wählen. Jede fünfte bis sechste Frau findet nichts dabei, ihrer Lust mit Aphrodisiakum nachzuhelfen. Etwa mit Catuaba-Rinde, Maca-Wurzel oder Damianablättern, die schon bei den Inkas und Mayas für ihre luststeigernde Wirkung bekannt waren und pur oder in Liebestränken und -tropfen angeboten werden. Nahrungsergänzungsmittel, z.B. mit Grüntee, Guarana oder Shiitake, sollen mental und physisch stimulieren. Als Geheimtipp gilt Arginin. Die Aminosäure, die aus befruchteten Hühnereiern gewonnen wird, soll sowohl die Blutgefäße erweitern als auch das Verlangen wieder anzuregen.

Lustnachhilfe mit Aphrodisiaka

Größtes Lustorgan ist das Gehirn

Falls dann im Bett immer noch nicht viel passiert, hier noch eine gute Nachricht: Körperlich ist meist alles in Ordnung, und das psychische Lustempfinden lässt sich sehr wohl positiv beeinflussen. Vor allem mit kognitiven Methoden, z.B. indem man erotische Gedanken und Fantasien zulässt, miteinander über seine Wünsche spricht aber auch die eigene Wahrnehmung schärft. Dr. Kochenstein: „Sexualität findet zu 90 Prozent im Kopf statt, nur 10 Prozent sind Reibung.“ Das Wichtigste sei, sich neu auf Erotik einzulassen, „und vor allem, den Stress rauszunehmen“, betont Diplom- Psychologin Renate Bauer. Sich ohne Erwartungsdruck annähern, sich mit sich selbst wohlfühlen, das seien die ersten Schritte. Hilfreich sind auch Beratungsgespräche, wie sie etwa Pro Familia anbietet. Dabei lassen sich Bedürfnisse und Kommunikationsprobleme klären. Dann zeigt sich oft, dass die Lust eine erstaunlich einfache und natürliche Sache ist, die nur selten ein künstliches Tuning braucht.

Ihr wollt gerne natürliche Aphrodisiaka ausprobieren? Wir haben einen kleinen Ratgeber für euch mit Tipps, welche Lebensmittel und Gewürze eine wundervoll aphrodisierende Wirkung haben.

1. Chili, Zimt und Ingwer

Düfte und die in Lebensmittel enthaltenen ätherischen Öle können stimulierend wirken. Ingwer zum Beispiel kann die Durchblutung anregen und die Produktion von Sexualhormonen steigern.

2. Granatapfel

Als Symbol der Liebesgöttin Aphrodite - perfekt! Natürliche Potenzmittel waren schon bei den Griechen beliebt. Hier galt der Granatapfel als Fruchtbarkeits- und Liebessymbol. Amerikanische Studien haben belegt, dass der Saft des Granatapfels eine Wirkung gegen leichte Potenzschwäche aufzeigt, da er die Substanz Piperidin enthält, die für eine anregende Wirkung verantwortlich ist.

3. Artischocke

Artischocken zählen zum sinnlichsten Essen und als natürliches Aphrodisiakum. Blatt für Blatt wird sich bis zum Herz des Gemüses vorgearbeitet. Lecker!

Eine Frau erzählt

»FILME SIND BESSER ALS JEDE MEDIZIN«

Andrea R. (37) aus München suchte nach Mitteln, um ihre Lust anzuregen: „Ich wollte es mal ausprobieren und habe mir Kapseln gekauft, die Guarana, Maca und Vitamine enthalten. Und über das Internet bestellte ich Lusttropfen mit Kräuterauszügen und auch ätherische Öle. Viel habe ich sowieso nicht erwartet, aber der Effekt war gleich null. Die Mittel wirkten bei mir weder entspannend noch anregend. Ich hätte stattdessen genauso gut Traubenzucker oder Baldrian nehmen können. Ganz ehrlich: Da bringe ich mich lieber mit einem Video in Stimmung. Ich stehe aber nicht auf platte Schmuddelfilme, die nur gängige Klischees bedienen. In vielen erotischen Filmen geht es stilvoller zur Sache, manche werden speziell für Frauen gedreht.“

Lade weitere Inhalte ...