29. April 2010
Eingeschränkte Vielfalt durch Bio-Piraterie

Eingeschränkte Vielfalt durch Bio-Piraterie

Wir genießen die große Auswahl und freuen uns über niedrige Preise. Was dabei keiner ahnt: Das Saatgut für unsere Lebensmittel wird nur von wenigen Konzernen kontrolliert. Landwirte können nicht mehr frei wählen, welche Sorten sie anbauen wollen.

Saatgut
© Elenathewise - Fotolia
Saatgut

Der Applaus im Saal A der Universität Hamburg will nicht enden. Gastredner Percy Schmeiser, Landwirt aus Kanada, verneigt sich sichtlich ergriffen. Der 78-jährige Saatgutzüchter betreibt seit 60 Jahren Landwirtschaft und kämpft für den Erhalt gentechnikfreier Saatenvielfalt, auch wenn er auf seine bescheidene Art nicht so aussieht. In einem jahrelangen Prozess stellte er sich erfolgreich gegen den amerikanischen Saatgutkonzern Monsanto: Sein Raps war durch Pollenflug mit Gensaat verunreinigt worden, und er sollte dafür eine Strafe an den Konzern zahlen, weil dieser Inhaber des Genpatents ist. Mit Nachdruck macht er auf einen negativen Trend aufmerksam: Weltweit beherrschen immer weniger Konzerne mit ihren Patenten die Saatgutproduktion, in dem die Landwirte mehr und mehr von Hybridsaaten abhängig werden. Diese sogenannten „Einweg“-Pflanzen sind nicht für eine Wiederaussaat geeignet. So kann ein Bauer nicht mehr wie früher aus eigenen Pflanzen Samen zur Aussaat gewinnen. Er muss das neue Saatgut bei einem der Konzerne kaufen.

Schlüssel zu robusten, widerstandsfähigen Pflanzen

Eine Entwicklung, die Thomas Sannmann, Demeter-Landwirt in den Vier- und Marschlanden bei Hamburg, ebenso wenig hinnehmen will wie den schleichenden Einzug der Gentechnik. Für den engagierten Inhaber eines großen Gemüseanbaubetriebes ist Artenvielfalt und Züchtung der Schlüssel zu robusten Pflanzen. Er unterstützt, was in der traditionellen Landwirtschaft eigentlich seit Jahrhunderten eine Selbstverständlichkeit war: das Anbauen von samenfesten Sorten, mit denen man neues Saatgut gewinnen kann. „Nur so ist es auf Dauer möglich, Pflanzen zu erhalten, die widerstandsfähig gegen Schädlinge und Krankheiten sind und auch ohne den Einsatz von Chemie stabile Erträge bringen“, erklärt Thomas Sannmann. Ihm ist sehr daran gelegen, dem Verbraucher mithilfe alter Gemüsesorten die Geschmacksvielfalt wieder näherzubringen. Seine Tomate „Vierländer Platte“ wurde schon im 18. Jahrhundert angebaut. Seine Kunden lieben ihren typisch süßsäuerlichen Tomatengeschmack und die leicht platte Form. Dass es viele Sorten inzwischen nicht mehr gibt, bedauert auch Eckart Brandt. Der 59-jährige Bio-Obstbauer aus dem Alten Land bei Stade kultiviert deshalb in seinem „Boomgarden“ längst vergessene Apfel-, Birnen-, Pflaumen- und Kirschsorten. So ist sein Baumgarten eine natürliche Genbank für Hunderte von Obstsorten. Eckart Brandt hat den Obstanbau auch immer als ein Politikum gesehen: „Es wird mit viel Chemie gewirtschaftet. Statt der robusten Sorten gibt es chemiegepäppelte Standardfrüchte, die nur hohe Gewinne bringen sollen.“ Er ist der festen Überzeugung, dass es den Einsatz vieler Spritzmittel niemals gegeben hätte, wenn mehr robuste Sorten angebaut worden wären. „Die Natur hat uns enorm viel genetisches Material gegeben. Das sollten wir auch nutzen“, fordert Eckart Brandt.

Anreiz für Forschungen und Erfindungen

Anreiz für Forschungen und Entwicklungen

Im Gegensatz dazu stehen aber große Konzerne, die immer häufiger Patente auf Saatgut anmelden. Was ursprünglich ein Anreiz für Erfindungen und Forschung schaffen sollte, ließ Wettbewerb und Auswahlmöglichkeiten verschwinden. „Große Konzerne missbrauchen das Patentrecht, um sich Monopolrechte an Pflanzen, Tieren und an Lebensmitteln zu sichern“, sagt Christoph Then, Berater für Patentrechte bei Greenpeace. Gerade mal zehn Konzerne kontrollieren mittlerweile zwei Drittel des weltweiten Saatgutmarktes. Für europäische Landwirte hat dies bisher zwar noch keine weitreichenden Auswirkungen. Das könnte sich mit einer Grundsatzentscheidung des Europäischen Patentamts aber schnell ändern. Es geht um das Patent auf Brokkoli und die Schrumpeltomate. Beide Produkte stammen aus konventionellem Anbau.

Patent auf Ketchup- und Soßentomate

Beim Brokkoli handelt es sich um eine neue Sorte. Für die sogenannte Schrumpeltomate wurden gewöhnliche mit wilden Tomaten gekreuzt. Das Ergebnis ist eine Frucht mit redu- ziertem Wassergehalt, besonders geeignet für Ketchup und Soßen. Bei der Züchtung wurden verschiedene technische Hilfsmittel eingesetzt. Sie sollen ausreichen, um aus der Züchtung eine Erfindung zu machen. Werden diese Patente bestätigt, können Firmen in Zukunft mit geringen technischen Mitteln Saatgut, Pflanzen und die essbaren Teile der Pflanzen als ihre Erfindung patentieren lassen.
Mit der Folge, dass zum Beispiel diese beiden Pflanzen nicht mehr von jedem angebaut und weitervermarktet werden dürfen. Wer das trotzdem macht, muss wie Percy Schmeiser mit Klagen und Strafgeldern rechnen. Solche Patente auf Saatgut und Nutztiere bezeichnen Bauernverbände und Umweltorganisationen als „Bio-Piraterie“. In einem globalen Appell, der im März dieses Jahres an Regierungen übergeben werden soll, fordert die internationale Koalition „Keine Patente auf Saatgut“ ein Verbot für solche Schutzrechte auf Pflanzen und Tiere. So lange solche Patente erlaubt bleiben werden Landwirte, Züchter und Lebensmittelhersteller weltweit immer abhängiger. Da ist es wichtig, dass sich Menschen wie Percy Schmeiser mutig dagegenstellen. Er erhielt dafür zusammen mit seiner Ehefrau Louise 2007 den Alternativen Nobelpreis. Aber jeder von uns Verbrauchern kann etwas tun: Zum Beispiel Aktionen unterstützen, wie rechts im Kasten vorgestellt.

Für die Sortenvielfalt im Netz

Für die Sortenvielfalt im Netz

Der ökologische Landbau fördert Sortenvielfalt. Kaufen Sie häufig „Bio“ oder unterstützen Sie doch mal folgende Aktionen und Vereine:

  • Sie suchen nach einer alten Apfelsorte? Ab Mitte des Jahres können Sie sie unter www. deutsche-genbank-obst.de ausfindig zu machen, selbst veredeln und in ihren Garten pflanzen.
  • Die „Zukunftsstiftung Landwirtschaft“ setzt sich für den Erhalt und die Weiterentwicklung alter Getreide- und Gemüsesorten ein. www.zs-l.de
  • Der Film „David gegen Monsanto“ zeigt den Widerstand von Percy Schmeiser. Der Kauf der DVD unterstützt seinen Fond mit zwei Euro. www.denkmal-film.de



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