10. Oktober 2012
Vom Träume erfüllen

Vom Träume erfüllen

Manchmal erfüllen wir uns einen Traum, krönen wir uns selbst: Es macht uns stark, glücklich, offener für Neues. Drei Frauen berichten, wie es sich anfühlt, die Königin zu sein.

Krone
© Gettyimages
Krone

Einmal im Leben auf der Bühne stehen, eine Boutique in Paris eröffnen, um die Welt reisen, einen Fallschirmsprung wagen, einen Berg besteigen, einen Marathonlauf durchstehen – jeder von uns hat Träume. Manche sind größer, andere kleiner. Aber darauf kommt es nicht an. „Träume wirken wie ein Motor“, sagt Coach und Beraterin Bettina Schmieder aus Seehausen. „Und wenn wir einen Traum verwirklichen, ist das ein echtes Erfolgserlebnis. Dieses Gefühl macht uns stark und ermöglicht weitere Veränderungen in anderen Lebensbereichen.“ Das hört sich doch gut an. Wieso bleiben dann trotzdem so viele beim „Eigentlich würde ich gern …“ stehen?

Träume wahr zu machen erfordert auch etwas Mut

Die Antwort ist unbequem: Seine Lebensträume aufzuspüren und umzusetzen erfordert Einsatz, Mut und Ausdauer. „Die meisten Träume scheitern nicht, weil sie unerfüllbar sind“, sagt Diplom- Psychologin Angelika Gulder aus Hofheim. „Sie scheitern, weil viele Menschen zu bequem sind und sich ständig sagen, warum etwas sowieso nicht geht, statt sich zu fragen, wie es gehen könnte.“ Im Klartext: Wer Träume wahr machen will, muss als Erstes raus aus der Hängematte seiner Gewohnheiten. „Das klappt nur, indem wir uns systematisch mit uns selbst auseinandersetzen“, ermuntert Gulder.

Die Schichten der Persönlichkeit

Dabei hilft es, sich die eigene Persönlichkeit wie eine Zwiebel vorzustellen. Ihr Innerstes ist das, was Psychoanalytiker „Wesenskern“ nennen. In ihm ist unser gesamtes Potenzial angelegt. Durch Erziehung, Prägungen und Erfahrungen legt sich jedoch Schicht für Schicht um den Kern, bis wir ihn kaum noch spüren. Nur wenn wir diese „Lebens-Lagen“ behutsam abtragen, erkennen wir, was unsere Seele wirklich vermisst, wovon sie träumt. In Ruhe zu suchen lohnt sich. „Es gibt nie nur den einen Traum X, und wenn ich den umsetze, ist mein Leben gut“, so Gulder. „Es kommt darauf an, sich alle Bereiche des Lebens anzuschauen, z.B. Partnerschaft, Beruf, Wohnort, Familie, und sich bei jedem zu fragen: Wie erfüllt fühle ich mich in dem Feld auf einer Skala von eins bis zehn?“ Alles, was im unterem Mittelfeld landet, also bei drei bis vier, ist zum Herumspinnen freigegeben. „Für diese Lebensbereiche sollten Sie jeweils drei unterschiedliche Träume entwickeln, die mehr Erfüllung versprechen“, rät Gulder.

Vorsicht, Traum-Falle

Zwei Traum-Fallen lassen sich so frühzeitig umgehen.

Nummer eins:
Das tiefe Loch, in das viele fallen, wenn der Traum kein Traum mehr, sondern Wirklichkeit geworden ist – die Ziel-Depression. „Sie entsteht, wenn ich mich nur auf einen Traum fixiere“, erklärt Gulder. „Schaue ich mir dagegen mehrere Lebensbereiche an, habe ich stets noch einen Traum nach dem Traum.“

Falle Nummer zwei: das umsetzen, wovon eigentlich andere träumen, etwa die Eltern, der Partner, die Gesellschaft. „Ja, es macht glücklich, dem Vater zuliebe die Doktorarbeit zu schreiben“, sagt Gulder. „Wichtig ist, es bewusst zu tun, zu erkennen: Das ist nicht mein Traum.“ Und sich danach wieder den eigenen Plänen zuzuwenden. „Malen Sie nicht nur bunt“, mahnt die Expertin. „Wie fühlt es sich an, wenn ich mein Ziel erreiche? Entsteht ein Gefühl von Freiheit oder ein Gefühl von Enge im Brustkorb?“ Das hilft, sich nicht zu verrennen und zu erkennen, welche Ziele zu hoch gesteckt sind. Diesem Traum-TÜV fallen meist auch Konsumwünsche zum Opfer. „Geht es um Erfolg, Anerkennung und Ruhm, ist ein Porsche für manche das Größte“, sagt Gulder. Sie bewertet das nicht. „Aber solche Außenträume sind kurzlebig und für unseren Wesenskern bedeutungslos.“

Das Ziel soll motivieren, stecken Sie es nicht zu hoch

Die letzte Traum-Hürde

Bleibt noch eine letzte Hürde: innere und äußere Bedenkenträger, die jeden Traum madig machen. „Es ist gut, sie anzuhören“, erläutert Gulder. „Aber nicht sofort, sondern erst, wenn Sie für sich einen genauen Plan geschmiedet haben, wie Sie Ihren Traum umsetzen.“ Welche Fortbildung brauche ich für den Traumjob? Wie finanziere ich die Weltreise? Erst wenn wir selbst jedes Für und Wider abgewogen haben, sind die anderen dran. „Innere Stimmen schreiben Sie am besten auf Papierkarten“, empfiehlt Gulder. „Alle kommen zu Wort, danach wird demokratisch abgestimmt.“ All das schließt Rückschläge und Enttäuschungen nicht aus. Auch ein Traum kann scheitern, oder wir müssen auf einen kleineren ausweichen. „Aber es macht immer stolz und froh, es wenigstens versucht zu haben“, sagt die Psychologin Gulder. „Auch aus einem gescheiterten Traum kann man sehr viel Kraft ziehen.“
Also: Machen Sie Ihre Träume wahr. Diese drei Frauen verraten, wie’s geht.

Ein grpßes Glücksgefühl

Tina mit Elefanten
© Thomas Dashuber
Tina mit Elefanten

Wir beginnen mit Tina Gentner, 34 Jahre und Hörfunk Redakteurin. Sie hat ein Faibel für Dickhäuter.

Das erste Mal live begegnete ich Elefanten 2003. Ich reiste durch Indien, besuchte den Mudumalai National Park im Süden des Landes. Eine Lokalpolitikerin hatte beschlossen, dass die Tempel-Elefanten dringend Urlaub brauchen. Die Tiere wurden in den Nationalpark gebracht, gefüttert, gebadet, eingecremt und massiert. Und ich mittendrin – zufällig. Ich fand das wahnsinnig toll. Danach überlegte ich mir, was ich mit Elefanten machen könnte, dachte zuerst an ein Praktikum im Tierpark Hellabrunn in München. Doch dann las ich einen Artikel über eine Tierauffangstation in Thailand. Ich fing an zu recherchieren, nahm Kontakt auf. 2008 durfte ich einen Monat dort arbeiten und mich um die Elefanten kümmern. Ich fand’s traumhaft! Alles drehte sich nur um die Dickhäuter. Ich holte Futter für sie von den Feldern, wusch sie, brachte Mist weg und konnte ganz viel beobachten. Es war genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ein großes Glücksgefühl, das ich unbedingt noch mal spüren wollte. Deshalb ging ich 2011 wieder auf Elefantenreise, half in Kenia bei einem Projekt. Wir beobachteten Elefantenherden in der Wildnis. Das war ganz anders als beim ersten Mal. Den Elefanten nah sein, sie streicheln – das ging gar nicht. Ich bekam großen Respekt vor den Tieren. Ihnen verdanke ich es, dass ich Dinge erlebt und gesehen habe, die man als normaler Tourist nie kennenlernt. Diese Erlebnisse haben mir neues Selbstbewusstsein ge geben. Ich habe meinen Traum wahr gemacht, nicht nur geredet.

Marathon durch New York

Sabrina auf dem Feld
© Thomas Dashuber
Sabrina auf dem Feld

Die PR-Frau Sabrina Hasenbein ist 37 Jahre und will ihren Traum verwikrlichen - einen Marathon in New York zu packen.

Normalerweise laufe ich nicht mal, um meinen Bus noch zu erwischen. Aber New York? Eineinhalb Jahre habe ich dort gelebt. Ich liebe diese Stadt! Also meldete ich mich dieses Jahr spontan mit an, als ein paar sportliche Freunde ihre Reise buchten. Ich wollte etwas machen, was mir eigentlich unerreichbar schien. Im Juni fing ich an zu trainieren – völlig planlos. Zum Glück bekam ich einen Gutschein für einen persönlichen Lauf-Coach geschenkt. Seitdem jogge ich mit System, viermal in der Woche. Erst hatte ich nur Seiten stechen. Mittlerweile schaffe ich 16 km am Stück. Doch die Vorstellung, am 4. November in New York 42,195 Kilometer zu laufen, finde ich trotzdem noch befremdlich. Meine Trainerin macht mir Mut und sagt, dass ich die Strecke in viereinhalb Stunden schaffen kann. Das ist mein Traum. Ich wäre auch schon froh, wenn ich nicht Letzte werde. Das Bild dazu habe ich schon lange vor Augen: Ich beim Zieleinlauf, Freunde feuern mich an, die Skyline von New York ... Ob ich danach weitermache, weiß ich nicht. Es geht mir nicht ums Laufen. Ich will mir nur beweisen, dass Unmögliches eben doch möglich ist.

Reise nach Australien

Sozialpädagogin Evi Steiner ist 49 Jahre alt und träumt weiter von Australien.

Als Kind liebte ich die Comicfigur „Taz“, einen tasmanischen Teufel. Der wirbelte in den Filmen immer ganz wild herum. Das fand ich toll. Als Schülerin sammelte ich alles, was ich über dieses Beuteltier und Australien in die Finger bekam, und träumte danach jahrelang davon, einmal im Leben dorthin zu reisen. 2001 war es so weit. Das klingt lange her. Doch wenn ich jetzt daran denke, sind die Gefühle sofort wieder da. Sechs Wochen reiste ich umher. Das Land war noch viel schöner, als ich es mir vorgestellt hatte. Die Insel Tasmanien südlich von Australien wird für mich immer der schönste Flecken Erde bleiben. Auf keiner anderen Reise traf ich so nette Menschen. Und dann diese Tierwelt! Emus, Kängurus, Wombats und – „Taz“, der tasmanische Teufel. Er faucht und kreischt wie ein drei Meter großes Monster. Tatsächlich ist er nur so groß wie ein Dackel. Inzwischen habe ich einen acht Jahre alten Sohn: Leon. Wir sind in München verwurzelt und leben sehr gern hier. Trotzdem ist ein anderer Traum all die Jahre geblieben: irgendwann einmal länger in Australien leben. Wenn Leon 18 Jahre alt ist, das ist mein Plan, bin ich dann mal weg. Für ein halbes Jahr mindestens. Schon als junge Frau wusste ich: München oder Tasmanien. Etwas anderes kam für mich nie in Frage. Daran hat sich nichts geändert.

Mit Biss klappt es

Wir haben bei Angelika Gulder aus Hofheim mal nachgefragt, was das mit den Lebensträumen so auf sich hat. Die Diplom-Psychologin steht uns Rede und Antwort.

VITAL: Warum ist es für uns wichtig, Träume zu haben?
Angelika Gulder:
Träume kommen aus unserem Innersten. Wenn wir uns darüber klar werden, sehen wir, was wir wirklich vom Leben erwarten, was wir unbedingt noch erleben wollen.

Und wenn ich mit dem Leben ganz zufrieden bin?
Natürlich gibt es Menschen, die finden ihr Leben okay, so wie es ist. Das ist auch völlig in Ordnung. Weitaus mehr drücken ihre Träume aber einfach weg, weil sie zu teuer, verrückt oder zu schwierig sind. Das glauben sie zumindest. Andere Menschen haben Träume, aber es sind nicht ihre eigenen, etwa die quälende Doktorarbeit, die eigentlich der Traum des anspruchsvollen Vaters ist.

Wie spüren Sie im Gespräch eigene Träume auf?
Eigene Träume zu finden ist gar nicht so schwer. Ich frage immer nach den Träumen der Kindheit und beziehe über sogenannte Fantasiereisen das Unterbewusstsein mit ein. Dann sollen Klienten eine Liste mit Träumen erstellen und bewerten. Eine Eins steht für „nicht so wichtig“, eine Zehn für „sehr wichtig“. Ich empfehle, sich nur mit den „Zehner-Träumen“ zu befassen und diese umzusetzen.

Was hilft dabei?
Wer Träume wahr machen will, muss sich klar darüber sein, dass sie sich nie von selbst erfüllen. Viele haben zwar Träume, wollen aber ihr Sofa nicht verlassen. Ihnen fehlt der Biss. Alle Lebenstraumprofis haben im Gegensatz dazu eines gemeinsam: Fleiß.

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