12. April 2012
Träume als Spiegel der Psyche

Träume als Spiegel der Psyche

Lange waren Hirnforscher überzeugt, dass es in unseren schlafenden Köpfen nur zu sinnbefreiten Entladungen kommt. Aktuelle Studien zeigen jetzt: Träume sind kein Zufall. Und jeder kann sie für sich nutzen.

Schlafende Frau
© iStockphoto
Schlafende Frau

Traum 1:
„Ich träume, dass ich in einem Wasserfall nach einem Diamanten tauche. Am Ufer wachsen Blumen. Ein Hund balanciert auf einem Seil vorbei und gibt mir Tipps. Ich kann mit ihm reden. Das finde ich ganz normal.“

Traum 2:
„Ich gehe eine Straße entlang. Ich habe Angst. Ein dunkles Auto kommt immer näher. Plötzlich ist der Gehsteig so steil, dass ich nicht mehr weglaufen kann. Das Auto stoppt neben mir. Maskierte Männer öffnen die Türen. Ich schreie – und wache auf.“

Zwei Träume, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Doch sie zeigen nur einen Mini-Ausschnitt aus der unendlichen Programmvielfalt, die unser Kopfkino Nacht für Nacht bereithält. Wir träumen von bizarren Landschaften, erotischen Eskapaden und Verfolgungsjagden. Wir flüchten, fliegen, fallen. Mal als allmächtige Helden, mal als wehrlose Opfer. Aber warum? Wieso schaltet unser Denkorgan nachts nicht auch einen Gang runter? Nach wie vor können Traumforscher viele Fragen nur ansatzweise beantworten. Doch was sie bislang herausgefunden haben, beweist: Ohne nächtliche Visionen wäre unsere Psyche eine völlig andere.

Woher kommen Träume?

„Träume spiegeln das psychische Erleben während des Schlafes“, sagt Prof. Michael Schredl, wissenschaftlicher Leiter der Schlafambulanz am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Fälschlicherweise gingen Mediziner und Psychologen lange davon aus, dass unser Gehirn im Schlaf „abgeschaltet“ wird. „Man hielt Träume für das Ergebnis einer zufälligen Aktivität einiger Nervenzellen, für ein zielloses Neuronenfeuer ohne Bedeutung“, erzählt Schredl. „Heute weiß man: Unser Denken, Erleben und Fühlen des Wachzustandes läuft im Schlaf weiter.“
Was nachts im Kopf passiert, ist alles andere als Zufall. „Träumen ist ein zielgerichteter, motivierter Vorgang“, sagt Prof. Marc Solms, Neuropsychologe am Groote Schuur Hospital in Kapstadt und einer der bekanntesten Traumforscher. „Der instinktive, emotionale Teil unseres Bewusstseins wird aufgedeckt.“ Freude und Sehnsucht, aber auch Ängste und Sorgen brechen sich ungefiltert Bahn. Nur die Vernunft pausiert. Wir erfahren viel über uns selbst, darüber, was uns im tiefsten Inneren beschäftigt. „Vor allem aufwühlende Emotionen führen zu intensiven Träumen mit starken Bildern“, bestätigt Experte Schredl.

Machen Träume kreativ?

Im Traum entdeckte Frederick Banting das Insulin, Elias Howe schuf die Nähmaschine – angeblich. Abwegig findet Schredl solche Legenden nicht: „Wir konnten in einer Studie feststellen, dass sich etwa acht Prozent der Träume kreativ aufs Wachleben auswirken.“ Die Probanden fanden Anregungen für Urlaubsreisen und neue Hobbys, lösten Beziehungsprobleme oder wussten plötzlich, was ihren defekten Computer mobilisiert.
„Ich habe geträumt, dass ich auf der Bühne stehe. Nur ich war dort, ohne Publikum. Ich sang, hörte tosenden Beifall – und beschloss, Gesangsunterricht zu nehmen“, steht in der Traumsammlung von Schredls Institut. Schön und gut. Aber was nützt die beste Idee, wenn sie sich mit dem Weckerklingeln in Luft auflöst? „Nehmen Sie sich abends fest vor, sich morgens an einen Traum zu erinnern“, rät Schredl. „Legen Sie Papier und Stift ans Bett. Schreiben Sie Ihren Traum gleich nach dem Erwachen auf.“

Nächtliche Visionen der Psyche

Träumen Frauen anders als Männer?

Wissenschaftler konnten nur wenige Unterschiede dingfest machen. Frauen träumen öfter von zwischenmenschlichen Konflikten, ihrer häuslichen Umgebung und Kleidung. Männer begegnen öfter unbekannten Personen, träumen von Aggressionen, Waffen und häufiger von Sex. Etwa jeder 10. Männertraum ist erotisch, bei Frauen jeder 30. Bei beiden Geschlechtern überwiegen die schlechten Träume. Als Hauptperson tritt immer der Träumer selbst auf. Nur Kinder unter drei Jahren träumen eher von Tieren als von sich. Häuser, Autos, andere Fahrzeuge und die Bewegung – Fliegen, Fliehen, Fallen – gehören weltweit bei Frauen und Männern zu den universellen Traumthemen.

Warum entwickeln Träume sich oft bizarr?

„Der Regisseur des Traums kennt keine Zensur, keine Grenzen und keine Scham“, sagt der amerikanische Traumforscher Prof. Ernest Hartmann von der Tufts University in Massachusetts. Im Wachzustand funken ständig unser Gewissen, verinnerlichte gesellschaftliche Regeln und unser Physikwissen – „Menschen können nicht von Haus zu Haus springen“ – zwischen unsere Gedanken. Im Traum können wir fliegen oder Szenen aus unserer Kindheit mit Erlebnissen von gestern mischen. Eine Person verwandelt sich im Lauf der Nacht in eine andere oder taucht an einem unmöglichen Ort auf.
Manchmal begegnen wir Menschen, die bereits tot sind. „Ein Traum stellt im Gehirn Verbindungen her, die ausgedehnter sind als im Wachbewusstsein“, erklärt Hartmann. Dennoch – oder gerade deshalb? – kommen wir nachts nur äußerst selten auf die Idee, dass wir träumen, täuschen uns also dauernd über unseren Zustand.

Warum haben wir so viele schlechte Träume?

Weil im schlafenden Gehirn alle emotionalen Systeme ungehemmt aktiv sind – auch die, in denen Angst und Furcht ihren Ursprung haben. Thetawellen branden durch die grauen Zellen. Das passiert üblicherweise, wenn uns tatsächlich jemand oder etwas bedroht – oder wir im REM-Schlaf träumen. Prof. Antti Revonsuo von der Universität Turku in Finnland vermutet deswegen, dass Träume auch als eine Art Training fungieren. Viele Erfahrungen, die unsere Vorfahren mit Säbelzahntigern und anderen Urzeit-Monstern machten, wurden in unserem Erbgut abgespeichert. Träumen wir schlecht, so Revonsuo, werden solche Überlebenstricks ins Gedächtnis übertragen. Vielleicht verbringen Embryos deshalb bereits die Hälfte des Tages im REM-Schlaf.
Bei Erwachsenen sind es dagegen durchschnittlich nur noch zwei Stunden pro Nacht. Schlechte Träume haben außerdem eine therapeutische Funktion. Klingt paradox, wird aber von immer mehr Studien bestätigt. „Sie helfen uns, negativ besetzte Erlebnisse in einem anderen Hirnzustand nochmals durch zumachen“, sagt Dr. Matthew Walker von der University of California. „Das nimmt ihnen die emotionale Schärfe.“ Gerade bei wiederkehrenden Albträumen verändert sich der Inhalt mit der Zeit. '
Redressing“ (etwa: neu kleiden) nennt Walker diesen Prozess: Am Anfang ähnelt das Geschehen noch sehr dem echten Erlebnis. Dann werden immer mehr Erinnerungen aus anderen Lebens episoden, fantasierte Elemente oder Erinnerungsfetzen aus Büchern und Filmen in den Traum eingewebt. „Die Spuren der Angst verlieren sich nach einigen Wochen im Dickicht des Biografischen. Der Traum und mit ihm das Erlebte wird zu einem Teil unseres Selbst“, erklärt Prof. Hartmann. Das gelingt nicht immer.

Wann brauchen Menschen mit Albträumen Hilfe?

Traumatische Erlebnisse oder extremer Stress können dazu führen, dass die therapeutische Wirkung des Träumens versagt. Die Albträume werden dann so belastend, dass sie die Betroffenen bis in den Tag hinein verfolgen. Sie verursachen Ein- und Durchschlafstörungen oder lösen Depressionen aus. Faustregel: Wer über ein halbes Jahr mindestens einen Albtraum in der Woche hat, sollte eine schlafmedizinische oder verhaltenstherapeutische Ambulanz aufsuchen. Denn Therapeuten kennen Wege, um die belastenden Schreckensbilder loszuwerden, zum Beispiel mit der „Imagery Rehearsal Therapy“, kurz IRT. Bei dieser Methode aus den USA lernen die Betroffenen, wie sie das „Drehbuch“ ihrer Träume tagsüber selbst umschreiben können.
„Die wenigsten Betroffenen wissen, dass Albträume psychotherapeutisch schnell und effektiv behandelt werden können“, sagt Prof. Ulrich Stangier, Leiter der Verhaltenstherapie-Ambulanz der Universität Frankfurt, wo gerade eine IRT-Wirksamkeitsstudie läuft. Erste Ergebnisse klingen vielversprechend: „Wir haben innerhalb von nur einer Therapiestunde Menschen geholfen, die seit Jahrzehnten unter Albträumen litten“, erklärt Stangiers Kollegin Kathrin Hansen. Ihre Patienten mussten wieder lernen, Träume vor allem als eine besonders lebendige Form von Bewusstsein zu sehen, die wir verändern können – und genießen.

Häufige Traummotive

Klarträumen – wie geht das?

Das träumende Gehirn weiß nicht, dass es träumt. Im Gegenteil: Es täuscht dem Schläfer einen anderen Zustand vor. Erst wenn der sich irritiert morgens die Augen reibt, wird ihm klar, was los war. Anders beim sogenannten Klarträumen („luzides Träumen“): Hier weiß der Träumer, dass er träumt, weil Hirnareale hinter der Stirn aktiv sind, die Bewusstsein, Aufmerksamkeit und Entscheidungsprozesse steuern. So kann der Klarträumer ins nächtliche Geschehen eingreifen.

Bücher & Adressen

Du bist, was du schläfst von Tobias Hürter, Piper, 272 Seiten, 19,99 Euro* Anleitung zum Klarträumen von Daniel Erlacher, Books on Demand, 60 Seiten, 6,95 Euro*

Träume – Die geheimnisvolle Sprache des Unbewussten von Verena Kast, Patmos, 220 Seiten, 18 Euro*

Hilfe bei Albträumen: Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie, Campus Bockenheim (Universität Frankfurt), Tel. 069/79 82 51 07, E-Mail: studie-alptraum@stud.uni-frankfurt.de

Traumforschung aktuell: Auf der Internetseite www.dreamresearch.de finden Sie Informationen von Prof. Michael Schredl, Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Tel. 06 21/17 03 17 82, www.zi-mannheim.de

Erläuterungen zu Klarträumen, Schlaf und Traum bietet die Internetseite www.traum.ac.at der Wiener Psychologin und Traumforscherin Brigitte Holzinger


Der Clou: Diese Fähigkeit kann jeder lernen und trainieren! Sportler oder Musiker nutzen sie beispielsweise, um Bewegungsabläufe zu üben. In der Psychotherapie wird sie eingesetzt, um Albträume zu verändern. Wie das geht? Prof. Michael Wiegand, Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums der TU München, gibt einen einfachen Rat: „Fragen Sie sich in Gedanken immer wieder, ob Sie gerade träumen. Dann nehmen Sie diese Frage irgendwann aus dem Wachzustand mit in den Traum.“

Was passiert im Gehirn, während wir träumen?

Wir träumen auch in anderen Schlafphasen, am lebhaftesten aber im REM-Schlaf (REM steht für „rapid eye movement“, schnelle Augenbewegungen, die gegen 0.30 Uhr das erste Mal auftreten). Misst man jetzt die Hirnströme, sieht es aus, als käme ein Sturm auf. Der anregende Botenstoff Acetylcholin flutet die Nervenzellen im Gehirn. Statt ruhiger Deltawellen branden Alpha-, Beta- und Thetawellen durchein ander. Besonders die emotionalen Schaltkreise und das Motivationszentrum sind aktiv. Von der Außenwelt ist das Gehirn abgeschottet.

Die fünf häufigsten Traummotive weltweit

  • Fliegen: Ein Traum, der das Gefühl vermittelt, frei von Alltagsbelastungen zu sein. Frage: Sind Sie (zu) stark „angebunden“?
  • Fliehen: Oft liegt diesem Motiv die „Flucht“ vor Problemen oder einer schweren Entscheidung zugrunde. Frage: Wer/was verfolgt Sie?
  • Fallen: So offenbart sich die Angst vor einem „Absturz“ oder davor, etwas/jemanden loszulassen. Frage: Was ist Ihre „Fallhöhe“?
  • Nacktsein: Dahinter steckt häufig die Sorge, aus der Rolle zu fallen. Frage: Müssen Sie sich gerade anders geben, als Sie sich fühlen?
  • Zahnausfall: Zweifel an der eigenen Attraktivität. Frage: Sollten Sie „mehr Zähne“ zeigen?



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