29. September 2010
Selbsthilfe in Online-Foren

Selbsthilfe in Online-Foren

Neue Kräfte mobilisieren: Wir stellen drei Frauen vor, die das über virtuelle Anlaufstellen, klassische Selbsthilfegruppen oder Netzwerke geschafft haben – und sagen, was sich dort Neues tut und wo Vorsicht angebracht ist

© porcorex - iStockphoto

Jemandem, den man nicht kennt, kann man alles erzählen. Nach diesem Motto vertrauen immer mehr Menschen auf die Anonymität des Netzes, wenn sie Hilfe brauchen. Ein Klick genügt, sofort findet man neueste Informationen und kann in persönlichem Kontakt mit anderen Erfahrungen und Tipps austauschen. Ohne Verabredung, ohne Anfahrt, ohne Erklärung, ohne Outing der realen Person. Die einschlägigen Anlaufstellen im Internet sind Gesundheitsportale wie netdoktor.de oder Plattformen zu bestimmten Krankheiten wie Krebs (z.B. krebs-kompass.org) oder Essstörungen (z.B. hungrig-online.de). Auch für psychische und soziale Probleme wie Ängste oder Einsamkeit gibt es im Netz spezielle Treffpunkte (z.B. psychic.de).

Doch Vorsicht, nicht überall ist die Hilfe seriös. „Man muss sich die Seiten sehr genau ansehen“, rät Psychotherapeutin Dr. Doris Wolf, Mitbegründerin von psychic.de: „Auf Foren mit psychologisch sensiblem Inhalt sollten Experten kostenlos kontaktiert werden können. Und die Beiträge müssen von Moderatoren kontrolliert werden.“ Wann man stutzig werden sollte? „Wenn Werbung und Service vermischt und keine Experten genannt werden, jede Beratung Geld kostet.“

Wer seine Krise lieber mit einer Therapie angehen möchte, wird ebenfalls im Internet fündig. Vorreiter war die Universität Amsterdam, die mit Interapy eine Therapieform entwickelte, bei der die Patienten am heimischen Computer betreut werden. In Deutschland existiert ein ähnliches Angebot für krisengeschüttelte Paare: Bei Theratalk können sie, einzeln oder gemeinsam, für 150 Euro pro Woche mit Experten über ihre Probleme chatten.

39% IHRER INTERNET-ZEIT VERBRINGEN DIE USER IN SOZIALEN NETZEN

Aber auch vor solchen Seiten wird gewarnt: Viele Experten monieren, dass bei Internet-Therapien wichtige nonverbale Signale wie Tränen oder eine zitternde Stimme unter den Tisch fallen und der persönliche Kontakt fehlt. „Bei manifesten psychischen Störungen kommt man mit Schreibübungen von zu Hause nicht weiter“, kritisiert Christiane Eichenberg, Psychologin und Internetforscherin an der Universität Köln. Deshalb: Internet-Therapien nur bei leichten Störungen. Und darauf achten, dass mit ausgebildeten Psychotherapeuten und erprobten Konzepten gearbeitet wird!

Mehr als nur reden: Neue Selbsthilfegruppen

"Im Internet bin ich mit meiner Angst nicht allein"
MARION (46), aus Herxheim, eine 16-jährige Tochter

Die Panik kam von einem Moment auf den anderen. Mir brach der Schweiß aus, ich schnappte nach Luft und mir war so übel, dass ich mich nicht mehr rühren konnte. Was auf dem Flughafen von Lanzarote begann, veränderte alles. Denn das passierte mir immer wieder. Im Stau, an der Kasse im Supermarkt, in Aufzügen, in Wartezimmern. Anscheinend immer dann, wenn ich mich ausgeliefert fühlte. Was war bloß los?

Die Ärzte fanden nichts, mein Umfeld reagierte eher lapidar. „Du bist eben ängstlich, versuch, locker zu bleiben.“ Doch je mehr ich mich zusammenreißen wollte, desto schlimmer wurde es. Jetzt kam die Angst vor der Angst dazu. Ich traute mich kaum mehr auf die Straße.

Irgendwann stieß ich im Internet auf Seiten zum Thema Ängste. Betroffene schilderten ihre Symptome, ihre Leidensgeschichten. Ich weiß noch, dass ich diese Berichte wie ein Schwamm aufsog. Plötzlich war mir klar: Mein Problem ist eine Krankheit, keine Charakterschwäche! Und Angststörungen sind kein Ausdruck einer ängstlichen Natur – im Gegenteil: Panikattacken befallen vor allem ehrgeizige Perfektionisten wie mich, die partout die Kontrolle behalten wollen. Ich fand es auch unglaublich beruhigend, dass ich keine Ausnahmeerscheinung war. Auf panik-attacken.de tauschten sich Betroffene über alle Arten von Angststörungen aus. Ich klickte mich ein – und nahm endlich wieder an der Welt teil.

Doch einige Monate später bemerkte ich die Tücken des Netzes. Die Versuchung ist groß, sich mit seinen virtuellen Freunden von der Außenwelt zu isolieren. Noch mehr als vorher. Aber wer hilft, wenn du wieder einkaufen oder mit dem Kind zum Arzt musst? Ich begriff, dass ich selbst aktiv werden musste. Meine Angst konnte mir keiner nehmen, nur ich selbst. Also ging ich die Dinge an, vor denen mir am meisten graute: Busse, Supermärkte, Ärzte. Und langsam lernte mein Gehirn, dass dann nichts Schlimmes passiert. Schritt für Schritt lösten sich meine Ängste auf. Heute kann ich wieder ein normales Leben führen und helfe auf ohne-angst-leben.de anderen Betroffenen – vor allem, indem ich sie zur Eigeninitiative ermutige.

MEHR ALS NUR REDEN: NEUE SELBSTHILFEGRUPPEN

Den Hippies sei Dank: Das Rütteln am Establishment ebnete in den 1960er-Jahren auch den Weg für heutige Selbsthilfegruppen. Es wurde normal, sogar erwünscht, dass sich Menschen zu ihren Problemen bekennen. „Inzwischen haben sich Selbsthilfegruppen als wichtige Säule des Gesundheitssystems etabliert“, sagt Dr. Roland Bauer, Vorstandsmitglied der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen. „Weil Menschen in Selbsthilfegruppen aktiv und eigenverantwortlich an sich arbeiten, haben sie die größte Chance, gesund zu werden. Das belegen medizinische Untersuchungen. Deshalb sind die gesetzlichen Krankenkassen verpflichtet, das Selbsthilfenetz finanziell zu fördern.“

Selbsthilfe durch Job-Netzwerke

Schätzungen zufolge treffen sich in Deutschland regelmäßig mehr als drei Millionen Menschen in ca. 100 000 Selbsthilfegruppen, um ihre Probleme gemeinsam zu bewältigen – weil sie selbst oder als Angehörige betroffen sind. Wer jetzt an etwas hölzern verlaufende Stuhlkreise in sterilen Gemeindesälen denkt, liegt falsch. Denn in modernen Selbsthilfegruppen wird nicht mehr nur geredet, sondern mit modernsten Methoden gearbeitet. Wie z.B. in der Tinnitus-Selbsthilfegruppe aus Gelnhausen in Hessen. Außer zu Gesprächen im Gruppenraum treffen sich die Mitglieder in Klostergärten, Naturparks oder an mystischen Orten. Der Leiter der Gruppe, Hartmut Danker, hat sich vor einigen Jahren zum Kultur- und Landschaftsführer ausbilden lassen und bringt seine Schützlinge regelmäßig in die Natur. Seine Erfahrung: „Das Fokussieren des Bewusstseins auf die Natur kann bei Tinnitus Wunder wirken. Beim Riechen, Schmecken und Hören brechen Betroffene aus ihrem inneren Teufelskreis aus – und entfliehen dem Quälgeist in ihren Ohren.“

Eine ähnliche Erfahrung machte Elke Wyrowski aus Berlin. Vor über zehn Jahren erkrankte sie an Brustkrebs. Nach Chemotherapie und Bestrahlung galt sie als geheilt, doch Schmerzen und Angst blieben. „Erst als ich eine Musiktherapeutin traf, ging für mich die Sonne wieder auf.“ Die beiden arbeiteten zunächst zu zweit, dann gründeten sie die Selbsthilfegruppe „Musiktherapie für Krebspatienten“. Heute trifft sich die achtköpfige Gruppe jede Woche zur Musikstunde. „Ich finde es verblüffend, wie die Musik uns körperlich und mental auf die Beine bringt“, sagt Elke Wyrowski. „Bei guter Laune wird getrommelt, an traurigen oder angespannten Tagen spielen wir auf Klangoder Saiteninstrumenten. Vorwissen braucht man dafür nicht, nur etwas Affinität. So lernen wir nicht nur unsere Bedürfnisse besser kennen, sondern motivieren uns auch gegenseitig über die Instrumente. Da reißt einer den anderen mit seinem Rhythmus mit.“

Arbeitet also bald jede Selbsthilfegruppe mit Kunst & Co.? Dr. Roland Bauer: „Natürlich bleiben Austausch und Information das Wichtigste. Aber auch Bildungsprozesse finden in den Gruppen statt: Die sind ein riesiger Wissenspool und geben sich immer wieder neue Konturen.“

Online-Hilfe bei Essstörungen

"Beim Arbeiten mit Ton lernte ich meine Gefühle besser kennen – das stoppte die Essstörung"
MIEREIKE (36), aus Borken, verheiratet, ein 11-jähriger Sohn

In meiner Familie wurde immer gut und reichlich gegessen. Deshalb war ich schon als Kind eher kräftig. Doch als Jugendliche geriet mein Appetit außer Kontrolle. Ich hatte ständig das Gefühl, hungrig zu sein, und stopfte jede Art von Essen maßlos in mich hinein. Als ich mit Anfang 20 wegen meines Übergewichts Rückenprobleme bekam, wurde ich in eine Klinik für Essstörungen eingewiesen. Dort nahm ich zwar ab, doch die Heißhungeranfälle kamen immer wieder.

Bei einem neuen Klinikaufenthalt hörte ich von einer speziellen Selbsthilfegruppe für Essstörungen. Unter Anleitung einer Kunsttherapeutin würde man zusammen malen und Objekte gestalten. Das interessierte mich. Beim ersten Besuch erklärte die Therapeutin: „Essstörungen haben meist mit dem Verdrängen von Gefühlen zu tun. Durch die kreative Arbeit lernst du, dich selbst besser wahrzunehmen.“ Und wirklich: Beim folgenden Experimentieren mit Ton spürte ich, wie ich langsam den Kopf abstellte und ganz in meinem Tun aufging – egal, welche Form dabei herauskam. Was das für meine Krankheit wirklich bedeutete, wurde mir erst nach einiger Zeit klar: Während ich in meiner Gruppe mit den unterschiedlichsten Materialien arbeitete und anschließend über die Ergebnisse sprach, spürte ich immer deutlicher, wie ich zu mir selbst und zu meinen Emotionen fand. Das hatte ich vorher mit jahrelangem Reden über das Essen nicht geschafft. Heute kann ich meine Gefühle wie Wut oder Trauer viel besser identifizieren und auch äußern. Wenn wieder ein Hungeranfall kommt, höre ich in mich hinein und versuche, die Leere in mir mit etwas anderem als mit Essen zu füllen. Etwa mit Gesprächen.

Über 80 Prozent der Frauen helfen aktiv

VON FRAU ZU FRAU: SELBSTHILFE DURCH JOB-NETZWERKE

Beruflich in einer Sackgasse gelandet? In einer Männerwelt am Durchstarten gehindert? Den Wiedereinstieg nach der Babypause verpasst? Die meisten Frauen kennen solche Phasen, in denen im Job nichts vorangeht. Wie schön wäre jetzt ein bisschen Rückendeckung! Ein altbewährtes Mittel in diesen Momenten: Vitamin B. Bei Männern haben Burschenschaften, Clubs oder Stammtischrunden als Karriere-Motor eine lange Tradition. Heute netzwerken aber auch immer mehr Frauen. Dabei sind weibliche Seilschaften keine neue Erfindung. Schon 1919 gründeten einige Unternehmerinnen in den USA das Frauen- Netzwerk Zonta – einen Zusammenschluss berufstätiger Frauen, der sich die Verbesserung der Stellung der Frau und die gegenseitige Unterstützung auf die Fahne schrieb.

Mittlerweile hat sich Zonta zu einem international operierenden Netzwerk entwickelt, dem in Deutschland knapp 4000 handverlesene Mitglieder angehören. Weniger elitär, aber trotzdem effektiv ist die Mitgliedschaft bei den Netzwerken Connecta oder Business and Professional Women (BPW): Bundesweit treffen sich Berufs- und Wiedereinsteigerinnen, Angestellte, Selbstständige und Mütter in der Babypause. Sie tauschen sich über Berufserfahrungen, Branchen-Interna und offene Stellen aus. „Auch Frauen könnten sich gegenseitig ganz nach oben ziehen“, betont Dagmar Bischof, Präsidentin von BPW Germany. „Jede für sich und wir alle zusammen könnten noch viel mehr erreichen. Etwa, dass Frauen endlich beim Lohnniveau der Männer ankommen.“

Wie wichtig dabei die persönliche Fürsprache ist, zeigt eine Untersuchung bei IBM in den Vereinigten Staaten: Die ergab, dass Beförderungen zu 10 Prozent auf Leistung, zu 30 Prozent auf dem Image und zu 60 Prozent auf dem Bekanntheitsgrad basierten. Gut, dass Frauen-Netzwerke, auch die virtuellen, regen Zulauf verzeichnen. So kommunizieren etwa bei femity.com 15 500 Frauen aus allen Branchen. Sehr gefragt sind auch berufsspezifische Zusammenschlüsse wie der Deutsche Juristinnenbund oder die BücherFrauen. Anja Lösch, Verlagsangestellte: „Dank des Mentoring-Programms der BücherFrauen bin ich mir über meine berufliche Richtung klar geworden. Heute arbeite ich eigenverantwortlich, aber angestellt in der Verlags-PR. Meine Pläne, mich selbstständig zu machen, habe ich nach den Gesprächen ad acta gelegt. Das passte doch nicht so gut zu mir, wie ich dachte.“

88% DER VERNETZTEN FRAUEN HABEN SCHON ANDERE AKTIV UNTERSTÜTZT

"Dank mehrerer tougher Frauen aus der Branche schaffte ich den Neustart"
NATALIA (43), aus Duisburg, alleinstehend

Mein Einstieg in die Berufswelt hätte nicht besser laufen können. Ich hatte in Spanien promoviert, zog dann nach Deutschland und fing als Geologin an der Uni Bochum an. Ein Traumjob, bei dem ich mein Wissen gezielt einsetzen konnte. Doch irgendwann war das Forschungsprojekt beendet und somit auch mein Arbeitsvertrag. Ich stand vor dem Nichts. Wie sollte es weitergehen? Alle Universitäten mussten sparen, keine gab mehr Extra-Geld für die Forschung aus. Mein bisheriger Berufsweg war mir verbaut, ich musste mir etwas Neues einfallen lassen. Nur was? Ich hatte keinerlei Bezug zur Wirtschaft oder Industrie. Sollte ich die Branche wechseln und umschulen? Meine Gedanken drehten sich im Kreis. Ich wusste nicht mehr weiter und war sehr verunsichert. Frustriert füllte ich den Antrag auf Arbeitslosengeld aus.

Da erzählte mir eine Bekannte von Connecta. Das Frauen-Netzwerk sei bundesweit in regionalen Gruppen aktiv. Die Mitglieder würden sich in beruflichen und gesellschaftlichen Fragen unterstützen. Ich wollte es genauer wissen – und las in der Satzung: „Connecta- Frauen fördern sich gegenseitig in ihrer persönlichen und beruflichen Kompetenz.“ Das gefiel mir. Ich ging zum nächsten Treffen. Sofort machten sich die Frauen mit mir Gedanken und verwiesen mich an ein erfahrenes Mitglied, das mich coachen konnte. Zusammen überlegten wir stundenlang: Wohin könnte ich mich orientieren? Welche Talente schlummerten noch in mir? Schließlich ermutigte sie mich, mich selbstständig zu machen – als Energie- und Umweltberaterin. Seit fünf Jahren leite ich meine eigene Firma und bin beruflich wieder glücklich. Fast gleichzeitig wurde ich bei Connecta aktiv: Ich möchte anderen Frauen die Unterstützung weitergeben, die ich selbst bekommen habe.

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