25. Mai 2011
Coach statt Couch

Coach statt Couch

Therapie war früher, heute haben wir Berater. Aber VITAL-Kolumnistin Verena Carl ist überzeugt: Es kann nur einen echten Experten für jeden von uns geben.

Illustration von Gisela Goppel
© Gisela Goppel
Illustration von Gisela Goppel

Pssst, Sie da! Ja, Sie mit dem entspannten Gesichtsausdruck! Darf ich Sie was fragen? Verraten Sie mir doch bitte, nach welchem Ernährungskonzept Sie heute Ihr Frühstück geplant haben. Und, falls Sie Kinder haben, nach welchen Kriterien Sie Schulbrotbelag, Tupperdose und Trinkflasche miteinander kombinieren. Noch etwas: Wer hat Ihnen beim Anziehen geholfen? Wie bitte? Sie haben keinen Coach? Oha. Sie sind aber beratungsresistent! Aber vielleicht ist auch nur einer der wichtigsten Gesellschaftstrends der letzten zehn Jahre an Ihnen vorbeigerauscht: handgestrickte Lebenshilfe für alles. Und jeden.

Bevor das in Mode kam, konnte man auf Partys noch ungestraft Therapeutenwitze reißen, nach dem Motto: Also die Amerikaner, zwinker, zwinker, die rufen bei Problemen eher ihren Shrink an als ihren besten Kumpel. Heute ist der Psychoanalytiker auch hierzulande längst von einer Reihe spezialisierter Dienstleister ersetzt worden: vom Karriere-Coach bis zum Flirt-Coach, vom Personal Trainer für die definierte Oberschenkelmuskulatur bis zum Shopping- Coach für den stilsicheren Auftritt. An den Laternenpfosten meines Viertels lockt sogar ein Abrisszettel mit Coaching to go. Jeden Morgen frage ich mich, ob die auch eine Antwort auf meine derzeit wichtigste Lebensfrage haben: Wie synchronisiere ich die Geh-Geschwindigkeit eines Zweijährigen und einer Fünfjährigen, die spätestens um neun beim Singkreis im Kindergarten sitzen sollen? Und zwar beide in Hausschuhen?

Wir bauchen nur einen einzigen Coach

Keine Frage: In manchen Lebenssituationen bringt einen ein neutraler Dritter weiter als die beste Freundin. Weil er aus der Distanz mehr sieht als wir in unserem alltäglichen Klein-Klein. Meine Freundin Bettina jammerte jahrelang über ihren Job (Beamten-Feeling, aber ohne Beamten-Privilegien). Dann reichte eine einzige Sitzung bei einer Job-Trainerin, um einen beruflichen Neustart zu wagen: Nachdem Bettina 17-mal innerhalb von 17 Minuten die Worte „Das geht ja sowieso nicht“ geäußert hatte, stellte die Fachfrau beim 18. Mal eine Gegenfrage: „Warum eigentlich nicht?“ Da war Bettina baff. Und wir Freundinnen schämten uns, dass uns dieser simple Satz niemals in den Sinn gekommen war.

Aber von solchen Härtefällen abgesehen, finde ich es doch befremdlich, wenn erwachsene Menschen unbedingt teuer bezahlte Beratung brauchen, um den normalen Alltagswahn zu überstehen. Etwa, um paarungswillige Singles anzusprechen („Wollen wir erst was trinken oder gleich zu mir fahren?“). Warum nur? Weil wir alle in der metaphysischen Sinnkrise nach endgültigen Antworten suchen? Sonntags nicht mehr in die Kirche gehen? Keine Freunde mehr haben? Oder, am schlimmsten: Weil wir nicht mehr auf unsere eigene Lebenserfahrung vertrauen?

Ich bin überzeugt: Im Grunde brauchen wir nur einen einzigen Coach. Einen, der uns so viel Selbstvertrauen in unsere eigenen Entscheidungen gibt, dass er sich selbst überflüssig macht. Der uns glaubhaft versichert, dass nur ein einziger rundum kompetenter Experte für unser Leben existiert: wir selbst. Wie bitte, was sagen Sie da: Sie kennen so einen? Kann ich mal die Kontaktdaten… wie, den hat jeder bei sich zu Hause? Darüber muss ich erst mal in Ruhe nachdenken.

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