25. Mai 2021
Ständige Angst zu erbrechen: So äußert sich Emetophobie

Ständige Angst zu erbrechen: So äußert sich Emetophobie

Für die meisten Menschen ist Übergeben unangenehm. Dabei ist der Brechreiz eine Schutzreaktion unseres Körpers und dient dazu, schädliche Lebensmittel loszuwerden. Jedoch haben einige Menschen ständige Angst davor, sich erbrechen zu müssen und entwickeln sogar eine Phobie. Wie sich Emetophobie körperlich äußert und was Betroffenen bei Angst hilft, lesen Sie hier.

Die ständige Angst zu brechen: Was ist eine Emetophobie?

Erbrechen ist keine schöne Sache – und ein bisschen ekelt sich jeder, wenn der Mageninhalt zum Vorschein kommt. Doch bei einigen Menschen ist diese Abscheu so groß, dass sie eine Phobie entwickeln. Im Fachjargon spricht man von einer sogenannten Emetophobie – die panische Angst vor dem Erbrechen. Die Phobie dreht sich um das eigene Erbrechen, das Miterleben, wenn anderen Menschen schlecht ist oder mit dieser Körperfunktion in Berührung zu kommen. Das Übergeben wird als existentiell bedrohlich wahrgenommen. Betroffenen Personen ist es äußerst unangenehm, in der Öffentlichkeit zu brechen. Häufig sind eher Frauen als Männer betroffen. Im Vergleich zu anderen Angststörungen ist die Emetophobie omnipräsenter und Betroffene werden häufiger im Alltag mit ihrer Phobie konfrontiert.

Die körperlichen Anzeichen einer Emetophobie

Die Angst sich zu übergeben wird vor allem über die Sinnesorgane gesteuert bzw. ausgelöst: Betroffene werden zum Beispiel getriggert, wenn sie sehen, wie sich jemand übergibt oder wenn sie Würgegeräusche hören. In vermeintlich bedrohlichen Situationen schüttet das Gehirn den Neurotransmitter Histamin aus, was binnen von Sekunden zu einem verkrampften Magen und Übelkeit führt. Der Körper signalisiert Gefahr und schüttet Adrenalin aus – ein uralter genetischer Reflex, der sehr energieraubend ist.

Folgende Anzeichen treten bei einer Angstattacke auf:
  • Übelkeit
  • Schwindel
  • Herzrasen
  • Atembeschwerden
  • Beklemmungsgefühle
  • Schluckbeschwerden
  • Schweißausbrüche
Doch wie bei so vielen Phobien spielt meist die „Angst vor der Angst“ eine entscheidende Rolle und löst einen Teufelskreis aus. Die Sorge, sich erbrechen zu müssen, löst Übelkeit aus, die wiederum die Phobie bestärkt. Personen, die besonders stark betroffen sind, erleben meist massive Einschränkungen in ihrem privaten sowie beruflichen Alltag.

Die ständige Angst zu brechen: Einschränkungen im Alltag

  • Öffentliche Verkehrsmittel werden gemieden, aus Angst vor Reiseübelkeit oder vor der Ansteckung mit einer Magen-Darm-Erkrankung.
  • Phobiker empfinden Situationen als unangenehm, in denen sie beispielsweise in Discos oder bei Feierlichkeiten auf Betrunkene stoßen können. Auch gelten Räume oder Orte, die Phobiker nicht leicht verlassen können, als bedrohlich, wie zum Beispiel im engen Flugzeug oder im dunklen Kinosaal.
  • Zwanghaftes Händewaschen, um das Ansteckungsrisiko einer Magen-Darm-Erkrankung zu verhindern.
  • Betroffene suchen in Räumen nach Fluchtwegen, um im Notfall schnell flüchten zu können.
  • Medikamente werden prophylaktisch gegen Übelkeit eingenommen, beispielsweise vor einer anstehenden Reise.
  • Aus Angst vor einer Lebensmittelvergiftung werden Restaurantbesuche gemieden.
  • Nahrungsmittel werden gründlich auf ihre Haltbarkeit überprüft, aus Furcht etwas Verdorbenes zu essen.
  • Emetophobikerinnen sorgen sich vor einer Schwangerschaft und der häufig eintretenden Morgenübelkeit.

Angst zu erbrechen: Ursachen und Behandlung

Warum Menschen Angst vor dem Erbrechen haben, ist wissenschaftlich nicht vollständig geklärt. In der Kindheit können traumatische Erlebnisse im Umgang mit Erbrechen der Auslöser sein. Betroffenen ist meist klar, dass ihre Ängste irrational sind und schämen sich deswegen, sich jemanden anzuvertrauen. Meist fällt es ihnen zusätzlich schwer, zu benennen, was ihnen genau Angst macht. Oftmals geht mit der Panik zu erbrechen auch die Sorge eines Kontrollverlusts einher. Die Emetophobie tritt häufig mit anderen psychischen Erkrankungen wie Depressionen, andere Angststörungen oder Sozialphobien auf. Betroffene sollten auf jeden Fall auch organische Ursachen wie eine Reizdarmerkrankung abklären lassen.

Eine Psychotherapie kann helfen, die Angststörung zu bekämpfen. Um dies zu schaffen, ist es wichtig, den Ursprung der Emetophobie herauszufinden. Zusätzlich erfahren Betroffene in einer kognitiven Verhaltenstherapie, wie sie mit ihrer Phobie umgehen können. Sie lernen zum Beispiel, wie sie mit bestimmten Glaubenssätzen oder Atemübungen die Ruhe in bedrohlich erscheinenden Situationen bewahren können. Auch kann Hypnose dazu beitragen, die Angststörung zu bekämpfen. Ebenfalls wirksam ist das Konfrontationstraining, bei dem Phobiker sich gezielt mit dem Thema Erbrechen auseinandersetzen müssen. Dazu zählt beispielsweise das Betrachten von Bildern oder Videos. Betroffene sollen somit lernen und verstehen, dass diese Situationen keine Bedrohung darstellen.
 

Interview: „Die Angst beeinträchtigt meinen Alltag“

Frau im Bus
© skynesher/iStock
Situationen wie volle Busse oder Bahnen können bei Emetophobikern Ängste auslösen. 

Die 31-jährige Irem* leidet seit Jahren unter Emetophobie. Bislang konnte sie sich noch nicht dazu durchringen, sich professionelle Unterstützung zu suchen, um ihre Angst zu bekämpfen. Im Gespräch schildert sie ihre Erfahrungen mit der Phobie und berichtet, in welchen Momenten sie Angst verspürt und was ihr dagegen hilft.

In welchen Situationen hast du Angst vorm Erbrechen?

Vor allem, wenn ich das Gefühl habe, irgendwo eingesperrt zu sein. Das kann in öffentlichen Verkehrsmitteln oder im Flugzeug sein. Dort sitze ich immer ganz hinten, damit ich in der Nähe der Toiletten bin. Sobald ich merke, dass ich nicht aus der Situation rauskomme, indem ich z.B. einfach aussteige, spüre ich diese Panik. Ich bin etwas entspannter, wenn es eine Toilette oder nur wenig Leute in Bus oder Bahn gibt.

Unwohl fühle ich mich auch in Kinos, Hör- oder Konzertsälen. Wenn möglich, versuche ich hier immer am Rand zu sitzen, um im Notfall rausgehen zu können. Vor allem bei Konzerten ist das oft nicht möglich, weil man einen festen Sitzplatz hat. Dann versuche ich, Atemübungen zu machen und mich abzulenken. Falls ich mich aber doch einmal nicht wohlfühle, kontrolliert mich die Angst so sehr, dass ich mich nicht mehr gut auf die Musik konzentrieren kann und mit meinen Gedanken bei der Angst bin.

Kannst du dir erklären, warum du diese Angst verspürst?

Für mich ist der Akt des Erbrechens einfach sehr schlimm. Ich weiß nicht, woher diese Angst kommt. Es gab kein Schlüsselerlebnis, das diese Angst ausgelöst hat. Ich weiß nur, dass es mit den Jahren immer schlimmer geworden ist und mittlerweile meinen Alltag beeinträchtigt. Ich denke, dass die Leute mit Ekel reagieren würden, sollte es mir einmal in der Öffentlichkeit schlecht gehen und davor habe ich Angst.

Was tust du, um mit dieser Angst klarzukommen?

In Situationen, in denen ich mich gefangen fühle, versuche ich, Atemübungen zu machen, um mich zu beruhigen. Ich versuche mir auch immer selbst zu sagen, dass das alles in meinem Kopf passiert und mich selbst zu ermutigen, mich davon nicht in meinem Alltag einschränken zu lassen. Andererseits vermeide ich lange Busfahrten oder Mitfahrgelegenheiten, weil ich weiß, dass ich im Vorfeld viel zu gestresst wäre und es mir allein dadurch schon in der Situation schlecht gehen würde. Außerdem habe ich für den Notfall immer eine Packung Vomex (Mittel gegen Übelkeit und Erbrechen) und eine kleine Spucktüte in meiner Handtasche.

Wie reagiert dein Umfeld auf deine Phobie?

Ganz unterschiedlich. Viele Freunde haben sehr viel Mitgefühl für mich und sind sehr sensibel. Andere verstehen meine Angst nicht und nehmen meine Gefühle deswegen nicht sehr ernst. Dadurch „zwingen“ sie mich aber auch, Situationen, in denen ich mich unwohl fühle, auszuhalten. Es hat also beides seine Vor- und Nachteile.

* unsere Interviewpartnerin möchte auf eigenen Wunsch nicht ihren vollständigen Namen nennen.

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