25. Oktober 2010
Glück beginnt im Kopf

Glück beginnt im Kopf

Hin und wieder ein Glückskick – super! Doch noch wichtiger ist die Lebenszufriedenheit. Und die lässt sich steigern. Mit mehr Achtsamkeit!

Glücksmomente
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Glücksmomente

Alle Menschen wollen glücklich sein, stellte der griechische Philosoph Aristoteles schon vor 2000 Jahren fest. Daran wird sich wohl auch in den nächsten 2000 Jahren nichts ändern. Wir sehnen uns nach den kleinen glücklichen Momenten ebenso wie nach dem großen Lebensglück. Aber ist dieser Wunsch erfüllbar? Kann man glücklich sein – zumindest die meiste Zeit des Lebens? Kommt darauf an, wie man es anpackt, sagen Psychologen. Fangen wir beim kleinen Glück an, dem Glücksmoment. Der jubelt und malt ein Lächeln auf unser Gesicht, wenn wir bei der Lotto-Annahmestelle erfahren, dass wir tatsächlich mehr als fünf Euro gewonnen haben. Oder wenn wir unser Lieblingseisessen. Oder das Schnäppchen erwischen, das wir unbedingt haben möchten.

Hirnforscher konnten sogar einen GLÜCKSMECHANISMUS nachweisen. Bei einer Schnäppchenjägerin funktioniert der zum Beispiel so: Morgens in der Zeitung liest sie, dass ein Technik-Markt genau den Computer günstig anbietet, den sie gerade braucht. Schon kommt ihr Gehirn in Schwung, erklärt Professor Michael Koch, Hirnforscher an der Universität Bremen. „Eine Nervenstruktur im Hirnstamm (ventrales Tegmentum) schickt den Botenstoff Dopamin ins Vorderhirn. Das Dopamin aktiviert das sogenannte Belohnungszentrum (Nucleus accumbens). Das wiederum weckt bei der Schnäppchenjägerin freudige Erwartung.“ – Sie würde am liebsten sofort losfahren, um diesen Computer zu ergattern. Die Vorfreude ist sozusagen die Stufe eins des Glücks. Erst, wenn sie im Laden steht und tatsächlich einen Karton mit dem Wunschcomputer einpackt, schaltet ihr Hirn um auf Glücksstufe zwei. Geschafft!, meldet das Frontalhirn. Sie freut sich und ist glücklich, vielleicht lächelt sie sogar in sich hinein. Und das Gehirn speichert ab: So eine Aktion lohnt sich!

Unser GLÜCKSGEFÜHL ist, biologisch gesehen, schlicht der Lohn für unsere Mühe. Die Aussicht auf das Glücksgefühl motiviert uns, etwas Neues zu lernen, ein kompliziertes Gericht zu kochen oder auf einen Berg zu steigen. Das Glück ist der Kick, der uns am Laufen hält. Blieben wir nach einem glücklichen Tag wunschlos glücklich, gäbe es für uns keinen Grund mehr, morgens aufzustehen. Wer jedoch versucht, sein Lebensgefühl zu verbessern, indem er die Zahl der Glückskicks erhöht, stößt bald an eine Grenze. Denn vieles, was kurzfristig glücklich macht, nutzt sich schnell ab – vor allem Konsum und Besitz. Das lässt sich gut bei Lotto-Gewinnern beobachten: Sie flippen vor Glück aus, sobald sie von ihrem Gewinn erfahren. Aber schon nach wenigen Wochen sind sie subjektiv wieder genauso zufrieden oder unzufrieden mit ihrem Leben wie vor dem Sechser – egal, wie viele Autos, Reisen und Häuser mit Swimmingpool sie sich jetzt leisten können. Das Geld befähigt sie nicht, glücklicher zu sein. Deshalb pendelt sich ihre Lebenszufriedenheit nach kurzer Zeit wieder auf ihren bisherigen „Set-Point“ ein.

Wer zufrieden Leben will, sollte an seinem Set-Point arbeiten

Glücklich und zufrieden sein
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Oft ist Glück nur ein flüchtiger Moment – und das ist auch gut so
WER sich ein zufriedeneres Leben wünscht, sollte sich deshalb genau mit diesem Set-Point beschäftigen. Der bringt die Zufriedenheit ins Spiel, quasi die ruhigere Schwester des Glücks. Sie speist sich nicht aus rauschhaften Momenten, sondern eher aus positiven Gefühlen. Und im Unterschied zum Glück erreicht man sie nicht, indem man ihr hinterherrennt, sondern eher, indem man innehält. Zum Beispiel für eine Meditation. Die Psychologie-Professorin Barbara Fredrickson von der University of North Carolina bat 140 Freiwillige zu einem Experiment und teilte die Gruppe nach dem Zufallsprinzip. Die eine Hälfte musste noch sechs Monate auf den Kursbeginn warten, die erste durfte sofort anfangen und bekam Unterricht in der Open-Heart-Meditation. Bei dieser Meditationsform konzentriert man sich zuallererst auf sich selbst und speziell auf die Region des Herzens. Dann werden die Meditierenden gebeten, intensiv an eine Person zu denken, für die sie warme und zärtliche Gefühle empfinden. Zum Beispiel ihr Kind oder einen anderen geliebten Menschen. Dieses Gefühl dehnen die Meditierenden in Gedanken zuerst auf sich selbst aus, dann auf einen größeren Kreis von Menschen. Pro Woche beschäftigten sich die Probanden in einem angeleiteten Workshop circa 20 Minuten mit ihrer Meditationsaufgabe und beantworteten eine Reihe von Fragen.

Das erste Ergebnis entsprach der Erwartung: Die Teilnehmer fühlten sich gut und beschrieben etwas mehr positive Emotionen als vor ihren Meditationen. Erstaunt war Fredrickson jedoch über die Langzeitwirkung der Übung: Drei Monate nach Beginn konnte die Psychologin fest - stellen, dass die Teilnehmer optimistischer und zuversichtlicher in ihre persönliche Zukunft blickten. Sie sahen einen größeren Sinn in ihrem Leben und Tun, sie fühlten mehr Vertrauen, fanden ihre Liebesbeziehung besser und hatten das Gefühl, dass sie mehr Unterstützung von anderen Menschen bekamen. Auch ihre körperliche Fitness lag messbar höher: In Wahrnehmungsübungen schnitten sie besser ab und erwiesen sich als deutlich gesünder als die Vergleichsgruppe – die ja zu diesem Zeitpunkt noch auf den Meditationskurs wartete. Kurz: Sie waren zufriedener mit ihrem Leben und auch objektiv gesünder. Woran liegt das?

In POSITIVER STIMMUNG reagieren wir automatisch aufmerksamer auf unsere Umwelt und unsere Mitmenschen, fand Fredrickson heraus. Wir sind wacher und offener für neue Eindrücke und schmieden kreativere Gedanken. „Positive Emotionen erweitern die Grenzen des Geistes“, erklärt Fredrickson. Und mit diesem wachen, kreativen Geist sehen wir wie selbstverständlich Lösungen, wo sonst nur Probleme lauern. Wir haben Lust, andere zu unterstützen, und können selbst leichter Hilfe annehmen, weil wir uns verbunden fühlen. Wir blicken zuversichtlich in die Zukunft, weil wir eine Sicherheit spüren: Unser Leben liegt in unserer Hand, und was wir tun, ist sinnvoll. Das macht rundum zufrieden mit dem Leben.
Positive Gefühle sind insofern weit mehr als angenehme Emotionen, denn sie können eine Aufwärtsspirale des Wohlgefühls und der Zufriedenheit in Gang setzen. Fredrickson prägte dafür den Begriff der Broaden-and-Build- Theorie, was übersetzt beschreibt, dass positive Gefühle unsere Wahrnehmung erweitern (broaden) und unsere Widerstandsfähigkeit aufbauen (build). Sie öffnen uns die Tür zu einem glücklichen Leben. Und das Schöne daran: Jeder kann diese Aufwärtsspirale für sich beginnen lassen. Man muss nur mehr und öfter Raum für positive Gefühle schaffen. Dafür eignen sich meditative Techniken besonders, zum Beispiel die Open-Heart-Meditation oder die Achtsamkeits-Meditation oder auch das Empfinden von Dankbarkeit und Gemeinschaft, wie empirische Studien zeigen.

„DANKBARKEIT ist das wissende Bewusstsein, dass uns Güte zuteil wurde“, sagt der amerikanische Psychologe Robert A. Emmons. „Durch Dankbarkeit erkennen wir den Beitrag an, den andere zu unserem Wohlbefinden leisten.“ Vorausgesetzt, man erkennt überhaupt an, dass es Gutes im Leben gibt. Im zweiten Schritt geht es darum, zu sehen, dass die Quelle dieses Guten häufig nicht in uns selbst liegt, sondern außerhalb. Zwei einfache Beispiele: Wir konnten unsere Wunschausbildung machen, weil unsere Eltern sie mitfinanziert haben und einige couragierte Menschen vor mehr als 100 Jahren durchsetzten, dass Frauen ein Recht auf Bildung haben. Oder wir konnten unseren Liebespartner treffen, weil Freunde damals dieses Fest veranstaltet hatten. Psychologe Emmons wies nach, dass Menschen, die Dankbarkeit in ihrem Leben kultivieren, tatsächlich zufriedener sind, besser mit Alltagsstress zurechtkommen und „das Gute im Leben maximal genießen können“.

5 praktische Übungen für den Alltag

Das Gefühl der GEMEINSCHAFT wirkt sich besonders positiv auf unsere Psyche aus, wenn wir uns aktiv einbringen. „Wir haben in unseren Glücksuntersuchungen herausgefunden, dass Menschen, die geben, also zum Beispiel Geld oder ihre Arbeitskraft für soziale Zwecke verwenden, glücklicher sind als Menschen, die das nicht tun“, erklärt der Schweizer Wirtschaftswissenschaftler Bruno S. Frey. Menschen, die Kraft und Geld nur für den eigenen Spaß investieren, erleben dagegen meist nur kurze Glücksmomente. Grundsätzlich hängt der Effekt davon ab, ob man mit dem Herzen dabei ist. Eine Meditation, in der man äußerlich ruhig sitzt, aber innerlich die Einkaufsliste durchgeht, bringt nichts. Auch wer dankbar ist, weil er muss, oder wer sich in Gesellschaft begibt, die er gar nicht mag, wird kaum etwas spüren. Deshalb lohnt es sich zu fragen: Wofür bin ich wirklich dankbar? Wie möchte ich mich in die Gemeinschaft einbringen? Gleichzeitig geht es in der gesamten Glücksforschung interessanterweise niemals darum, die negativen Gefühle aus seinem Leben zu verbannen. Denn auch Gefühle wie Angst, Neid oder Aggression haben ja durchaus ihre Berechtigung. Es geht vielmehr darum, das richtige Gleichgewicht zu finden. Ein Verhältnis von positiven zu negativen Emotionen von 3 zu 1 sei optimal, erklärt Fredrickson, „die meisten Menschen liegen aber bei 2 zu 1“. Sie finden ihr Leben okay, sind aber nicht wirklich glücklich. Erst wenn der „Tipping-Point“ von 3 zu 1 überschritten wird, verspricht die Psychologin eine wahre Transformation: Bei ihren Studienteilnehmern konnte Fredrickson beobachten, dass Menschen, die den Tipping-Point überschreiten, regelrecht aufblühen. Sie verspricht: „Sie werden sich lebendiger fühlen, kreativer und widerstandsfähiger. Sie erreichen eine völlig neue Stufe im Leben.“ Machen Sie den ersten Schritt!

5 praktische Übungen für den Alltag

  • Legen Sie eine Erinnerungsmappe der Liebe an. Überlegen Sie: Wann fühlen Sie sich in Gemeinschaft mit anderen Menschen sehr gut? Wann nennen Sie eine Beziehung glücklich? Welche Situationen teilen Sie am liebsten mit Partner/Freunden? Kleben Sie Fotos, Zeitungsausschnitte, eigene Zeichnungen ein oder Songtexte, die für Sie für die Liebe stehen. Wenn Sie dann merken, dass negative Gefühle Sie zu überrollen drohen, holen Sie Ihre Erinnerungen hervor. Sie können auch Mappen der Freude, der persönlichen Interessen oder der Dankbarkeit anlegen.

  • Achten Sie eine Woche besonders auf das Wohl anderer. Helfen Sie einer Freundin oder lassen Sie jemanden an der Kasse vor. Vielleicht spenden Sie für ein Projekt oder pflanzen Blumen auf dem Grünstreifen vor Ihrem Haus.

  • Schreiben Sie jeden Abend in ein Büchlein drei Dinge, die an diesem Tag gut gelaufen sind – und erklären Sie sich selbst kurz, warum Sie das so empfinden.

  • Stellen Sie sich ab und zu diese drei Fragen: Was hat ein nahestehender Mensch für mich getan? Was habe ich für ihn getan? Welche Schwierigkeiten habe ich dem Betreffenden bereitet? Die Antworten helfen, die Wechselseitigkeit von Beziehungen besser zu erkennen. Häufig entdecken wir, dass wir im Leben mehr von anderen bekommen, als wir glauben.

  • Überlegen Sie, wann in Ihrem Leben durch etwas Negatives etwas Positives entstanden ist, und schreiben Sie es auf. Wir alle kennen Situationen, die uns im ersten Moment erschüttert haben (eine Erkrankung, ein Verlust, ein Scheitern) – doch im Nachhinein betrachtet, ergab sich erst durch dieses Ereignis eine andere Perspektive, eine neue Möglichkeit im Leben.
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