3. Februar 2010
40 Jahre Kosmetik

40 Jahre Kosmetik

Von Kollagen und Body-Shop bis Nanotech: die Revolution im Cremetopf! In vier Jahrzehnten haben Beauty-Forscher vieles entdeckt, was unsere Haut verschönt.

kosmetik Geschichte
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kosmetik Geschichte

Apollo 11 landete vor 40 Jahren auf dem Mond. Der Raum unter unserer Haut dagegen war zu dieser Zeit noch ein völlig unbekanntes Universum. In den 60er Jahren sammelten Kosmetikforscher erste kleinste Wissensbrocken über Struktur und Funktion unserer äußeren Hülle. Nur Marika Rökk lächelte aus den ersten Farbfernsehern, als wüsste sie schon mehr: im Tanzkleid auf einer Bühne, das Bein überhüfthoch schwingend. Alles zum Wohle einer Creme – „Hormocenta“. Sie enthielt, was der Name versprach – Hormone aus der Plazenta –, und das war sensationell. Denn vorher herrschte Purismus im Tiegel: Fett und Wasser.

70er

Bei den ersten Wirkstoffen ging es tierisch los.

Mit Kollagen vom Schwein und Rind, Hyaluronsäure aus Hahnenkämmen und Rinderaugen. Neu entwickelte Instrumente zur Messung der Hautstruktur begleiteten sie auf dem Weg unter die Haut und bescheinigten besonders dem Kollagen ungeheuren Tiefgang. Zum Beweis wurden die Hoffnungsträger radioaktiv markiert und die Erfolgsmeldungen überschlugen sich: Nach dem Auftragen der Creme leuchtete die Haut bis in die untersten Schichten.

Das sollte zeigen, dass das Kollagen wirkte. Leider stellte sich einige Jahre später heraus, dass nur die radioaktive Markierung gewandert war. Die Moleküle des Kollagens waren viel zu groß, um die Hautoberfläche zu überwinden. Aber das war in den 70ern kein Thema. Allein der Glaube an den Fortschritt zählte.

Natur-Fans setzten schon damals auf die Pflanzenpflege von Weleda, Hildegard Braukmann und Dr. Hauschka, die fern der Masse in einer kleinen Nische blühte. Unübersehbar waren die Bestellbögen von Yves Rocher, die vielen Zeitschriften beilagen und einen wahren Pröbchen-Boom auslösten. Im Sommer trieb der Wettbewerb „Wer ist die Braunste am ganzen Strand“ alle in die Grillposition. Die Vokabel „vorzeitige Hautalterung“ war noch kein Spaßverderber. Delial und Piz Buin lieferten neben Schutzfaktor 2, 4, 6 den Duft des Sommers.

80er


80er

1983 zogen 27 lässig gekleidete „Grüne“ in den Bundestag ein.

Plötzlich strahlten Sonnenblumen im Parlament und das Bewusstsein für Umwelt- und Gesundheitsthemen wuchs. Es ging um Inhalte – und auch Cremes wurden nicht mehr kritiklos auf die Haut geschmiert. 1986 beendete der erste BSE-Skandal die Blütezeit der tierischen Wirkstoffe und sie verschwanden nahezu vom Markt. Bühne frei für eine Engländerin. Aus Brighton sprang die Philosophie der Body-Shop-Gründerin Anita Roddick über den Kanal und entwickelte sich dann langsam zur Weltidee: so wenig Chemie wie möglich, keine Tierversuche, fairer Handel.

Die Ex-Frauenbeauftragte der UNO gehörte in den 80ern zu den Ersten, die um die Welt reisten, um altes Heilwissen in neuen Kosmetikprodukten aufleben zu lassen. Sie lernte von Einheimischen, welche Rohstoffe reinigen, pflegen und schützen – und baute sie in ihre Produkte ein. Während Anita Roddick die feuchtigkeitsspendende Wirkung von Honig und die reinigende Kraft der Ananas entdeckte, suchte das Gros der Kosmetik- Forscher die ideale Creme weiter im Labor.

Neue Liposomen sorgten für mehr Leistung im Tiegel: Die winzigen Hohlkügelchen aus Lezithin, so zeigte man, haben den gleichen Aufbau wie die Wand unserer Hautzellen. Deshalb werden sie vom Immunsystem als körpereigen eingestuft ,und sind besonders gut verträglich. In ihrem Inneren transportieren Liposomen z. B. Stoffe, die von allein nicht durch die Hautbarriere dringen würden. Auch Wirkstoffe, die sich in freier Form gegenseitig behindern, können sich jetzt – verkapselt – zusammen in einem Cremetopf optimal entfalten. Ein beliebter Passagier der Liposomen- Taxis ist die Hyaluronsäure, die seit Mitte der 80er synthetisch hergestellt werden kann und als großer Feuchtigkeitsspender bekannt wurde.

Ende der 80er regierten die Yuppies den Lifestyle. Und der war stressig. Auch für die Haut, die ab sofort unter „oxidativem Stress“ litt. Auslöser waren die neu entdeckten freien Radikale. Schadstoffe, die vor allem durch UV-Strahlen und Umweltgifte freigesetzt werden. Gegen sie traten die ersten Antioxidanzien an: Vitamin C und E. Sie gehen bei der Reaktion mit den freien Radikalen zwar selbst in ein freies Radikal über, das aber relativ stabil ist und deshalb die Kettenreaktion nicht fortsetzt.

Im Laufe der 90er Jahre kam dann das Coenzym Q 10 hinzu, das Schadstoffe sogar noch besser neutralisierte. Das wirklich große Thema waren aber die Alpha-Hydroxysäuren, auch AHAs oder Fruchtsäuren genannt. Ihre Aufgabe: lockere Hornzellen lösen, die Zellteilung anregen und die Haut glätten. Die meisten AHAs waren natürliche Substanzen aus Zuckerrohrsaft, unreifen Weintrauben (Glykolsäure), Äpfeln, Birnen, Zitrusfrüchten und Feigen. Durch ihre reizende Wirkung auf die Haut hatten sie nur eine kurze Hoch-Zeit. Heute werden sie fast nur noch von Dermatologen und in Beauty-Instituten eingesetzt.

90er

90er

Der Nachfolger der Fruchtsäure hieß Retinol – das Vitamin A.

Da sich das licht- und luftscheue Vitamin A in kürzester Zeit zersetzt, war es lange nicht möglich, eine haltbare Creme herzustellen. Der Wirkstoff kam zwar schon 1976 zum ersten Mal in einer Creme zum Einsatz, aber erst in den 90ern wurde Retinol durch Verkapselung stabiler und damit auch sanfter zur Haut.

Vitamin A regt in tiefer gelegenen Hautschichten die Bildung neuer Bindegewebsfasern aus Kollagen an. Das war wichtig für den neuen Trend „Anti-Aging“. Die Haut wurde zum Schutzgebiet erklärt. Die Götter in Weiß predigten die Sonnengebote und damit das Aus für Tiroler Nussöl und den Teutonengrill. Hoher UV-Schutz wurde zum Pflichtprogramm, mineralische Filter mit lichtreflektierenden Pigmenten machten den chemischen Schutzpatronen Konkurrenz. Zum ersten Mal wurden UV-Filter auch in Tagespflege- und Makeup- Produkte eingebaut. Das nahmen allerdings nicht alle Häute gut auf – und reagierten mit Allergien.

Die Tendenz zu sensibler Haut verstärkte sich. Seit 1998 sind in Deutschland Tierversuche für Kosmetika offiziell verboten. Doch die Hersteller konnten weiterhin ins Ausland ausweichen. Jetzt endlich, über zehn Jahre später, schließt eine EU-Kosmetikrichtlinie das Nadelöhr: Spätestens ab 2013 dürfen keine in Tierversuchen getesteten Kosmetikprodukte mehr in die EU eingeführt werden. Und auch der Mensch wird immer besser geschützt: Seit 1999 trägt jedes kosmetische Produkt in Deutschland eine Deklaration der Inhaltsstoffe (INCI). Von der Pflegecreme bis hin zum Nagellack müssen die Hersteller die Rohstoffe in abnehmender Reihenfolge – entsprechend ihrer Konzentration – angeben.

2000er

2000er

Mit Beginn des Millenniums tauchten die Forscher verstärkt in die Weltmeere und ins Pflanzenreich ab, weil sie ahnten, dass dort noch viele Beauty-Stars im Dornröschenschlaf liegen. Bis heute sind von den geschätzten 250 000 Pflanzen- und Algenarten auf der Erde weniger als 10 000 chemisch vollständig entschlüsselt. Phytohormone aus Soja, Rotklee und Yamswurzel starteten vor knapp zehn Jahren ihre Karriere als Faltenkiller. Fast täglich kommen neue Beauty- Talente dazu, die in Pflanzen biologische Abläufe wie Stoffwechsel-, Wachstums- und Reparaturprozesse steuern und genau diese Aufgaben in der Hautzelle unterstützen sollen.

Ein weites Feld für Forscher sind die aromatischen Verbindungen, die sogenannten Polyphenole in Pflanzenextrakten: Sie hemmen z. B. Schlüsselenzyme bei Entzündungen und allergischen Reaktionen. Davon profitiert besonders empfindliche, zu Neurodermitis oder Schuppenflechte neigende Haut. Interessant ist auch das aus Weintrauben gewonnene Resveratrol, das die Lebensdauer der Zellen verlängern kann. Als Hightech-Moleküle sorgen Peptide – spezielle Eiweißverbindungen – für Furore. Sie bestehen aus Aminosäuren und einige von ihnen kurbeln den Kollagenaufbau an, andere sollen die Übertragung von Nervenimpulsen verhindern: Der Muskel entspannt sich, die Haut darüber glättet sich – wenigstens für ein paar Stunden.

Und dann gibt es noch Peptide mit hormonähnlicher Wirkung, z. B. die Cytokine, die die Zellfunktionen aktivieren, den Lebenszyklus von kollagenen und elastischen Fasern verlängern. Ganz neu ist ein Peptid, das ein Signal an eingeschlafene Hautstammzellen sendet und damit die Produktion von frischen Zellen anregt. Das mag besonders die reife Haut. Sie rückt jetzt in den Mittelpunkt, weil die Yuppies aus den 80ern heute „50plus“ sind und einiges dafür tun, um ihre Falten zu glätten. Ganz neue Methoden wie die Nanotechnologie sollen dafür sorgen, dass Wirkstoffe schneller und direkter an den Wirkort in der Haut gelangen.

Der Trend hin zu Naturkosmetik ist sicherlich auch durch die Zunahme von Allergien infolge wachsender Schadstoffbelastung zu erklären: 5 bis 10 Prozent der rund 30 Millionen Allergiker in Deutschland reagieren auf bestimmte Inhaltsstoffe, insbesondere auf synthetische Farbund Konservierungsstoffe. Der Bundesverband Deutscher Industrie- und Handelsunternehmen (BDIH) zeichnet seit Januar 2001 Naturkosmetik-Produkte mit dem BDIH-Prüfsiegel aus, die bestimmte ökologische und soziale Standards erfüllen. Die Sehnsucht nach Natürlichkeit steigt und immer mehr „grüne“ Produktlinien erscheinen in den Regalen. Gleichzeitig wachsen die Ansprüche an die Wirksamkeit von Kosmetik weiter. Und deshalb ist die Suche nach ultimativen Wirkstoffen noch lange nicht zu Ende.

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