23. Juni 2014
Wir sind ein Wir

Wir sind ein Wir

Keine Emotion ist stärker als die Liebe. Und kein Verlangen größer als die Lust. Unser Leben wird bestimmt von der Sehnsucht, lieber zweisam als einsam zu sein. vital-Autorin Petra Reski über die Kostbarkeit des Augenblicks, wenn das eigene Herz für immer berührt wird.

Seesterne
© Thinkstock
Seesterne

Die einzige meiner Tanten, die nie geheiratet hat. Sie hat nie ein Hemd gebügelt und nie gekocht. Sie bot nicht mehr als grüne Augen, schwarze Haare und Schwung beim Cha-Cha-Cha. Und die Männer wollten nichts anderes. Aber seitdem sie Rentnerin war, saß meine Tante teilnahmslos auf dem Sofa, und ihre Welt war nur noch Gobelinstickerei, Kreuzworträtsel und Roter Tee. Gelegentlich telefonierten wir, und meistens gähnte meinte Tante am Telefon. Monate vergingen, Jahre, und meine Tante stickte immer noch. Doch eines Tages erzählte meine Mu er, dass Tante Eva zu Besuch gekommen war, mit einem Mann. Der kurz zuvor bei meiner Tante eingezogen war. Da war meine Tante siebzig Jahre alt und hatte nie länger als drei Wochen mit einem Mann zusammengelebt. Der Mann, der das Wunder vollbracht hatte, hieß Kurt und schafte es, meine Tante von ihrem Sofa wegzulocken und mit ihr auf Reisen zu gehen, nach Ägypten zu den Pyramiden, nach China, Andalusien und Sankt Petersburg und mit der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau nach Wladiwostok.

Liebe verändert Menschen

Für Gobelinstickerei hatte meine Tante keine Zeit mehr, denn wenn sie nicht reisten, dann schnitten meine Tante und Kurt ihre Videofilme, deren Markenzeichen die Stimme meiner Tante im Off war. Bei dem nächsten Besuch wurden die Dokumentationen vorgeführt. Man sah die Chinesische Mauer („Der Anstieg ist schwer. Gleich wird er sich umdrehen und zurückkommen. Kurt, Kuhurt!“), meine Tante sitzend auf einem ägyptischen Papierkorb vor den Pyramiden und die Füße von Kurt („Ku-hurt! Pass auf, da kommt eine Welle!“) am Strand von Mallorca. Eines Tages besuchte mich meine Tante mit Kurt in Venedig. Sie kamen am Anleger unweit der Piazza San Marco an. Ich sah sie schon von Weitem. Meine Tante trug ein enges schwarzes Kostüm mit weißen Punkten, eine weiße Rüschenbluse und einen weißen Hut. An ihrem Dekolleté zitterte eine rote Seidenrose. Die Absätze ihrer Sandale en waren so hoch, dass meine Tante sehr eindrucksvoll schwankte, als sie aus dem Boot stieg. Kurt filmte begeistert, wie sie über den Holzsteg balancierte und sich in die ihr entgegenstreckenden Männerarme warf. Da war meine Tante achtzig.

Sie sahen von Venedig nichts anderes als sich selbst. Meine Tante trank Rotwein und erzählte die Geschichte ihrer ersten Begegnung wie die einer Wunderheilung. Sie hatten sich beim Ball der einsamen Herzen kennengelernt. Sie habe beim Blick in Kurts verschattete Augen gedacht, dass er magenkrank sei, sagte meine Tante. Aber es war Liebe.

Liebe ist überall im Leben

Manchmal beginnt man zu lieben, weil der andere ein Grübchen im Kinn hat oder ein Kratzen in der Stimme. Was letztendlich zur Fusion der Teilchen führt, weiß niemand. Es wird vermutet, dass Chemie dabei eine große Rolle spielt. Und natürlich auch Physik. Magnetismus. Ich weiß noch, wie mir der Mann meines Lebens die Haare aus dem Gesicht strich und mir warm ums Herz wurde. Wir kannten uns da seit drei Stunden. Man spürt sofort, wenn die Liebe da ist. Und auch, wenn sie verschwunden ist. Man kann auch lieben, ohne zurückgeliebt zu werden, manchmal ein ganzes Leben lang. Vor Kurzem traf ich einen alten Freund, durch Zufall, wie immer in Venedig. Ich hatte ihn schon lange nicht mehr gesehen, und mir fiel auf, dass seine Wangen schmaler geworden waren. Wir standen auf dem Campo Sant’Angelo wie auf einer Theaterbühne, um uns herum Touristen mit Schellenhüten und albanische Bauarbeiter auf dem Weg in die Mittagspause. „Du siehst schlecht aus“, sagte ich. Und er erzählte, dass er einen Flugzeugabsturz überlebt habe. Ich lachte und fragte: „Bist du der einzige Überlebende?“, und er sagte ganz ernst: „Nein, wir haben zusammen überlebt, sie und ich.“ – „Immer noch sie?“, fragte ich. „Ja“, sagte er, „sie ist zurückgekommen.“ „Und?“, fragte ich. „Sie ist in mir, sie fließt durch meine Venen“, sagte er und dass er nachts, wenn er vergeblich darauf gewartet hatte, dass sie anrief, immer Gianna Nannini gehört hatte, immer dasselbe Lied, „Amandoti“: Liebe mich noch einmal, ganz sanft , ein Jahr, einen Monat, eine Stunde, perdutamente. Menschen gehen ohne Liebe zugrunde, sie töten aus
Liebe, sie erschaff en Kunstwerke aus Liebe. Ohne die Liebe gäbe es weder Sonne noch Balladen, es gäbe keine „Göttliche Komödie“, keine „Anna Karenina“ und keine „Tiffany“-Romane, kein Tadsch Mahal und kein „Jenseits von Afrika“, keine „Traviata“ und kein „Marmor, Stein und Eisen bricht“, kein „Casablanca“ und kein „As time goes by“.

Liebe ist Transzendenz. Liebe ist, aus sich herauszuschreiten, etwas zu begegnen, das größer ist als man selbst. Im Angesicht der Liebe werden Ungläubige gläubig. „Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, / hätte aber die Liebe nicht, / wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke. Und wenn ich prophetisch reden könnte / und alle Geheimnisse wüsste / und alle Erkenntnis hätte; / wenn ich alle Glaubenskra besäße / und Berge damit versetzen könnte, / hätte aber die Liebe nicht, / wäre ich nichts.“ So der Apostel Paulus.

Aber auch meine Tante Eva. Kurt ist vor Kurzem gestorben. Mit 89 Jahren. Nach der Beerdigung, als die Verwandten beim Leichenschmaus saßen, begleitete ich meine Tante noch einmal zu seinem Grab. Ich hielt mich etwas abseits. Der Wind zerrte an den Chrysanthemengestecken und an den Kranzschleifen. Und dann hörte ich, wie meine Tante sagte: „Du warst die Liebe meines Lebens.“

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