16. September 2014
Wir können auch anders

Wir können auch anders

Wir schaffen es nicht raus aus unserer Haut? Doch!, ermutigen uns britische Psychologen. Mit kleinen Veränderungen im Alltag küssen wir ungenutzte Teile unserer Persönlichkeit wach.

wir können uns ändern
© soup__studio / iStock
wir können uns ändern

"Sei einfach du selbst." Diesen aufmunternden Ratschlag nehmen wir gern an, wenn wir nicht genau wissen, was gleich von uns erwartet wird. Etwa bevor wir beim Gastgeber klingeln, auf dessen Party uns lauter fremde Menschen erwarten. Oder im Büro, bevor uns der Chef den neuen Kollegen vorstellt. Aber ist „ich selbst sein“ wirklich immer die klügste Wahl?

Der Arbeits- und Gesundheitspsychologe Prof. Ben Fletcher und die Entwicklungs- psychologin Prof. Karen Pine von der Uni- versity of Hertfordshire in Großbritannien hegen ihre Zweifel. „Ich bin immer be- stürzt, wenn ich höre, dass Leute anderen raten: ‚Sei einfach du selbst‘“, sagt Fletcher. Denn jedes Mal, wenn wir uns an diese Empfehlung halten, nutzen wir nur ein mickriges Zehntel unserer Persönlichkeit. Dieses harte Fazit ziehen Fletcher und Pine in ihrem Buch. Anders ausgedrückt: Wir agieren, so das Autorenpaar, charakterlich wie ein Handwerker, der versucht, alles mit dem Hammer zu reparieren – obwohl er einen gut sortierten Werkzeugkasten besitzt. „Ist der Hammer aber das Einzige, was Sie nutzen, schrumpft Ihre Welt zusammen, weil Sie am Ende bloß noch Nägel wahrnehmen“, erklärt Prof. Fletcher.
Buch
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Unsere Experten: Prof. Ben Fletcher und Prof. Karen J. Pine. Ihr Buch „Flex“ (University of Hertfordshire Press, 170 Seiten, ca. 12 Euro) gibt‘s bisher nur auf Englisch.
Momente, in denen wir mehr oder weniger frustriert einsehen mussten, dass unser Alltag eben nicht nur aus Nägeln besteht, haben wir – wenn wir ehrlich sind – alle schon mal erlebt: Wir werden z. B. für unsere zurückhaltende Art geschätzt, die uns aber bei der nächsten Gehaltsrunde leer ausgehen lässt. Unser „gesundes“ Misstrauen macht uns in jedem Verkaufs- oder Vertragsgespräch unschlagbar, nervt aber Freunde oder den Partner gewaltig. Jedem, der Hilfe braucht, greifen wir selbstlos unter die Arme – und fühlen uns am Ende ausgenutzt. Kurz: Es liefe besser für uns, wenn wir auch mal weniger „einfach wir selbst“ wären.
Aber warum fällt es uns so schwer, aus der Rolle zu fallen? „Die unbequeme Antwort lautet, dass unsere scheinbar bewussten Absichten in Wahrheit meistens eine Illusion sind“, erklärt Prof. Ben Fletcher. „Alte Gewohnheiten kidnappen unseren freien Willen.“ Wie bitte? Um das zu verstehen, ist ein kurzer Ausflug in die Gehirnkunde nötig: Pro Sekunde prasseln zehn bis zwölf Millionen Informationsfetzen auf uns ein. Die kann unser Denkorgan beim besten Willen nicht alle bewusst verarbeiten. Also trifft es unbewusst eine Vorauswahl und automatisiert diverse Denkprozesse. Deshalb können wir z. B. beim Radfahren telefonieren und uns beim Schuhebinden unterhalten.
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Den richtigen Weg finden

Praktisch. Doch leider stoppt dieser Autopilot nicht vor unserer Persönlichkeit und macht uns fatalerweise glauben, dass die Gegenwart selten von dem abweicht, was wir bereits in der Vergangenheit erlebt haben – und wir uns folglich „so wie immer“ geben können. Gelingt dem Auto­piloten das nicht, weil er im Hier und Jetzt partout nichts findet oder so „hinbiegen“ kann, dass es uns an früher erinnert, löst er eine unangenehme Stressreaktion aus – und wir verfallen erst recht in altbewährte Verhaltensmuster. „Wir alle sind Gewohnheitsmaschinen“, fasst Prof. Karen Pine zusammen. „Und je älter wir werden, desto stärker wird unser Veränderungswiderstand.“ Statt auf unser Wissen und unsere Erfahrung zurück­ zugreifen, um mit einer wandelbaren Persönlichkeit flexibel auf die gegebenen Umstände zu reagieren, „nutzen wir lieber beides, um uns selbst und andere davon zu überzeugen, dass keine Notwendigkeit besteht, etwas zu ändern“, erklärt die Ent­ wicklungspsychologin.
Wie, glauben Sie, steht es um Ihre Wandlungsfähigkeit? Je mehr der 30 Adjektive Sie guten Gewissens ankreuzen können, desto leichter fällt es Ihnen, sich auch mal be­wusst „anders“ zu verhalten. „Aus unseren Untersuchungen wissen wir, dass sowohl Frauen als auch Männer beim ersten Aus­füllen des Tests um die 24 Prozent errei­chen“, berichtet Prof. Ben Fletcher. „Das Geschlecht spielt also offensichtlich keine Rolle. Die Gewohnheitsmaschine beeinflusst beide gleich stark. Frauen werden aber noch mehr als Männer durch Gefühle und Bedürfnisse von anderen eingeschränkt.“ Können wir uns davon lösen? Immerhin spielt sich das alles in unserem Gehirn ab. Führen wir da einen aussichtslosen Kampf? „Nein“, sagt Ben Fletcher und nennt auch gleich einen ehrgeizig klingenden Plan: „Das Ziel ist ein Testergebnis von 100 Prozent.“ Ziemlich ambitioniert.

Schritt für Schritt...

Doch das ist zu schaffen. Schrittweise. „Wir haben für dieses Problem eine einfache Lösung gefunden“, erklärt Prof. Karen Pine. „Es ging uns nicht um große Veränderungen im Leben, sondern um handhabbare kleine Schritte, die jeder jeden Tag tun kann. Weil wir glauben, dass Selbstbeobachtung nur wenig Veränderungspotenzial hat. Das Tun, nicht das Denken ist das Entscheidende.“ So kam ihr Trainingsprogramm auch zu seinem Namen: „Do Something Different“, kurz DSD, auf Deutsch: „Mach was anders“. Wer also z. B. gern spontaner wäre, sollte einfach mal alles stehen lassen und mit einer Kollegin Kaffee trinken gehen. Wer sich mehr Offenheit wünscht, probt sie, indem er eine wesentlich jüngere Person um Rat fragt. Introvertierte können neue Charakterzüge an sich entdecken, wenn sie andere Fahrgäste in der U-Bahn anlächeln. „DSD funktioniert, weil Sie täglich kleine Dinge tun, die Spaß machen und Sie aus Ihrer Komfortzone herausholen“, so Prof. Ben Fletcher. Auf der linken Seite finden Sie elf beispielhafte DSD-Tage. Jeder Tag küsst einen anderen Teil Ihrer Persönlichkeit wach. Probieren Sie es aus! Mit etwas Übung fallen Ihnen garantiert noch mehr Möglichkeiten ein, bewusst und gekonnt aus der Rolle zu fallen.
Keine Frage: Das fühlt sich anfangs seltsam an. Erst recht, wenn der Partner, die Familie, Freunde oder Kollegen unsere DSD-Aktionen mit Stirnrunzeln quittieren. „Klar, die anderen sind auch Gewohnheitsmaschinen und wollen, dass alles bleibt, wie es ist“, erklärt Prof. Karen Pine. Ihr Tipp: „Sagen Sie, dass Sie DSD ausprobieren. So bekommen Sie etwas mehr Freiraum. Im weiteren Verlauf, stellen wir fest, entsteht oft eine DSD-Welle. Wer sich verändert, kann damit auch bei anderen eine positive Entwicklung anstoßen.“
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