24. Februar 2010
Wie Wünsche Wirklichkeit werden

Wie Wünsche Wirklichkeit werden

Um die eigenen Ziele auch wirklich in die Tat umsetzen zu können, müssen der rationale Verstand und unsere unbewussten Sehnsüchte und Ängste an einem Strang ziehen. Wie das mit der praktischen Umsetzung geht, erklärt uns eine Expertin

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In der ersten Januarwoche scheint alles möglich – der Umzug ins Grüne, endlich gesünder leben, die Zusatzausbildung zur Heilpraktikerin anfangen, von der man schon seit Jahren träumt. Doch schon nach wenigen Wochen Alltag ist klar: Auch dieses Jahr wird nicht der große Umschwung kommen.

Warum ist es so schwierig, Wünsche in die Realität umzusetzen? Was hält uns davon ab, das zu machen, was wir wollen? Klar, manchmal fehlt das Geld, manchmal verhindern die Lebensumstände große Schritte. Aber sehr viel häufiger sind wir es doch selbst, die einen Rückzieher machen oder gar nicht erst auf unser Ziel losgehen – und uns im Nachhinein darüber ärgern.

Viele Ratgeber erklären das Phänomen so, als sei der Mensch in gewisser Weise zwiegespalten: Auf der einen Seite steht das vernünftige Ich, das weiß, was es will. Auf der anderen Seite steht das sogenannte triebhafte Ich, das in unserem Kopf wohnt und nur eine Lieblingsspeise hat: unsere guten Absichten. Bei vielen Motivationstipps geht es nun darum, das triebhafte Ich auszutricksen und unsere Ziele sozusagen hinterrücks an ihm vorbei zu verwirklichen. Aus Sicht der Hirn- und Motivationsforschung kann diese Methode allerdings nicht wirklich funktionieren. Einfach, weil sich das Gehirn nicht in Systeme zerteilen lässt, die sich gegenseitig überlisten könnten. „Es gibt kein oberes Wahrnehmungs- und Verhaltenssteuerungszentrum“, erklärt der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth. Vielmehr beschreiben Wissenschaftler das Gehirn heute als ein Organ, das weitgehend selbstorganisiert seinen Job tut und ein festes Ziel hat: Es sorgt dafür, dass wir in der gegebenen Umwelt klarkommen. Dementsprechend ist unser Ich nur ein Spieler im Team der bewussten und unbewussten Abläufe im Gehirn und nicht der Bestimmer.

Wichtiges Handwerkszeug

Das wichtigste Handwerkszeug, mit dem unser Gehirn seinen anspruchsvollen Job als Orientierungs- Scout erledigt, sind unsere Erfahrungen. Alles, was wir erleben, hinterlässt in unserem Gehirn Spuren: Nervenzellen verbinden sich und bilden Nervennetzwerke, die das Erlebte in Form von Erregungsmustern abbilden.

Diese Aktivierungsmuster sind abrufbar. Und immer, wenn wir neuen Dingen begegnen oder sie uns für die Zukunft vorstellen, checkt unser Gehirn erst einmal, welche Erfahrungen es nutzen kann, um sie richtig einzuschätzen. Dabei weiß man heute, dass unser Gehirn jede Erfahrung mit einer Emotion bewertet und gemeinsam abspeichert. Die Bewertungskategorien sind dabei schlicht: Es gibt Erfahrungen, die mit der Markierung „Gut gewesen – wieder aufsuchen“ abgespeichert sind und solche, die mit „Schlecht gewesen – nächstes Mal meiden“ markiert wurden.

Jede Situation, die wir erleben oder die wir uns vorstellen, löst deshalb einen kleinen Gefühlsimpuls aus, der uns signalisiert, ob wir mit dieser oder ähnlichen Situationen eher anziehende oder abstoßende Erfahrungen gemacht haben. Die meisten Menschen spüren diese Körpersignale ihres Gehirns als wohlige Wärme oder unangenehmes Grummeln im Magen. Der Neurowissenschaftler Antonio Damasio prägte für diese Körpersignale den Begriff „somatische Marker“. Über die somatischen Marker hat sich das Gehirn einen Weg geschaffen, dem Bewusstsein blitzschnell mitzuteilen, wie das unbewusst arbeitende emotionale Erfahrungsgedächtnis die Lage beurteilt.

Dabei ist unser Erfahrungswissen so etwas wie eine stabile Leitplanke, die uns in jeder Minute unseres Lebens sicher leitet. „Die Bewertung durch die somatischen Marker erfolgt 200 bis 300 Millisekunden, nachdem ein Reiz wahrgenommen wurde“, erklärt Maja Storch, Diplompsychologin und Leiterin des Instituts für Selbstmanagement und Motivation (ISMZ) an der Universität Zürich. Dass unsere somatischen Marker unsere Entscheidungen und Handlungen grundlegend mitbestimmen, zeigt sich vor allem bei Menschen, bei denen die Hirnregion verletzt wurde, die die somatischen Signale verarbeitet: Sie können sich gar nicht mehr entscheiden und bleiben im Abwägen von rationalen Vor- und Nachteilen eines Wunsches oder Ziels stecken.

Ziele setzen

Auf die Ebene der Motivations-Psychologie übersetzt heißt das: Wer fähig ist, sich Ziele zu setzen, die eine positive Reaktion der somatischen Marker hervorrufen, bekommt einen Extra-Anschub auf dem Weg der Veränderung. Wer sich dagegen Ziele setzt, die mit negativen somatischen Markern behaftet sind, muss laufend unbewusste Widerstände überwinden. Diese Tatsache ist besonders interessant, weil der Mensch per se sich erst einmal gar nicht gern verändert. Unser selbstorganisiertes Gehirn macht tendenziell lieber alles so, wie es schon immer gemacht wurde. Da kennt es sich wenigstens aus. Wer seine Wünsche und Ziele in der Wirklichkeit umsetzen möchte, braucht deshalb die Unterstützung durch starke positive Emotionen, die ihn als ganze Person in die gewünschte Richtung ziehen. Nur mit dem Wunsch im Kopf passiert noch gar nichts.

Die Kunst besteht darin, die beiden Systeme – Verstand und somatische Marker – aktiv zu synchronisieren“, erklärt Maja Storch. Im ersten Schritt geht es darum, seine somatischen Marker wahrzunehmen. Welche Empfindung habe ich, wenn ich an mein Ziel denke? Habe ich angenehme Empfindungen, oder grummelt es im Bauch? Im zweiten Schritt kann der Verstand entschlüsseln, von welchen konkreten Erfahrungen die somatischen Marker berichten. Schließlich kann das Gefühl den Verstand zu den komplexen Erinnerungen führen, die mit dem Gefühl gemeinsam abgespeichert wurden.

Im dritten Schritt kann der Verstand die Nachrichten des Erfahrungsgedächtnisses bewerten: Ist diese Erfahrung für mich heute noch relevant? Ist sie hilfreich für mein Leben? Oder wäre es angenehm, neue Erfahrungen zu machen? Mit diesem Wissen können Sie wiederum Ihre Ziele aktiv so ausrichten, dass auch Ihr Unbewusstes gern mit ins Boot kommt. Hier liegt ein Schatz für Ihr Leben und Ihre persönliche Entwicklung. „Menschen, die ihr Leben in Einklang mit den Signalen ihres Unbewussten gestalten, erleben eine größere Zufriedenheit mit ihrem Alltag“, weiß Storch. Sie erleben sich selbst als wirksam und fähig, Ihr Leben ohne große Anstrengung in gute Bahnen zu lenken, Ziele zu verfolgen. Denn wenn Ihr bewusster Wunsch und Ihr Körpergefühl an einem Strang ziehen, stellt sich psychisches Wohlbefinden ein, und man geht fast unweigerlich und ohne Anstrengung auf das angestrebte Ziel zu. Man muss sich nicht mehr motivieren. Man ist motiviert.

Beispiel: Der Umzug ins Grüne

Jetzt mach ich, was ich wirklich will!

Die folgenden drei Beispiele zeigen, wie aus Wünschen Wirklichkeit werden kann, wenn Verstand und somatisches Erfahrungsgedächtnis an einem Strang ziehen:

1. „Ich habe große Lust, ins Grüne zu ziehen, aber wenn es konkret wird, schrecke ich zurück“

ERSTER SCHRITT: den somatischen Marker übersetzen. Haben Sie vielleicht Angst, dort zu vereinsamen? Schreckt Sie das Gefühl, für ein ganzes Haus verantwortlich zu sein? Jeder Mensch hat andere Erfahrungen und damit andere Gründe für negative Gefühle in Bezug auf eine gewünschte Veränderung. Die Übersetzung des diffusen Gefühls kann deshalb etwas Zeit brauchen. Zur Unterstützung kann man Ideen sammeln: Fragen Sie andere Menschen, welche Gründe ihnen einfallen, warum jemand, der so wie Sie schon lange in der Stadt wohnt, nicht ins Grüne ziehen möchte. Dabei ist es wichtig, dass die Menschen Sie nicht kennen, denn nur so können wirklich neue Anregungen in Ihren Ideenkorb gelangen. Fragen Sie den Bäcker oder die Friseurin, den Taxifahrer oder die Spielplatzbegegnung. Füllen Sie sich einen imaginären Ideenkorb. Suchen Sie sich die Ideen heraus, die sich stimmig anfühlen.

ZWEITER SCHRITT: Der Verstand bewertet das somatische Signal. Ist das Signal des unbewussten Erfahrungsgedächtnisses erst einmal verstanden, ist es die Aufgabe Ihres Verstandes, zu bewerten, wie Sie damit umgehen möchten. Schließlich ist die Bewertung der somatischen Marker nicht besser oder richtiger als die Bewertung durch den Verstand, sondern einfach nur eine andere Ebene Ihrer selbst. Falls Sie beispielsweise herausfinden, dass Ihr Erfahrungswissen Ihnen mitteilen wollte, dass Sie ohne Kino und Theater unglücklich sind, könnten Sie mit dieser Information eine konkrete Lösung überlegen: Sie könnten eine Freundin fragen, ob Sie sich einmal im Monat für ein Kulturwochenende bei ihr einmieten dürfen. Oder Sie könnten eine gemeinsame Kultur-Abokarte mit Ihrem Partner kaufen, die regelmäßige Besuche in der Stadt garantiert. Oft fällt einem eine gute Lösung sehr schnell ein, wenn der somatische Marker erst einmal verstanden ist.

WAS IST PASSIERT? Sie haben die Bedenken Ihres persönlichen Erfahrungswissens entschlüsselt – und eine gute Lösung gefunden, die Kopf und Bauch gefällt. Dem gewünschten Umzug steht kein ungutes Gefühl mehr im Wege.

Beispiel: Gesünder leben

2. „Ich will gesünder leben, aber ich halte einfach nicht durch“

ERSTER SCHRITT: Bei Zielen, die den gesamten Lebensstil betreffen, ist es oft sinnvoll, wenn man sich von konkreten Einzelzielen trennt und sich stattdessen ein „Haltungsziel“ setzt. Dies beschreibt eher das Lebensgefühl, das Sie anstreben, und konzentriert sich weniger auf das Ver- oder Gebot einzelner Angewohnheiten. Sie finden dieses Haltungsziel, indem Sie sich ein Bild aus Natur oder auch Technik vorstellen, das die Eigenschaften verkörpert, die Sie brauchten, um ihren gesunden Lebensstil beizubehalten – auch wenn es stressig wird. Wenn Sie ein Bild gefunden haben, das Ihr Unbewusstes positiv anspricht und Ihr Ziel bildlich gut darstellt, stärken Sie automatisch Ihre Motivation und Energie, um zielorientiert zu handeln.

ZWEITER SCHRITT: Führen Sie sich dieses Bild sooft es geht vor Augen. So verankern Sie Ihre Haltung zum Leben in Ihrem Gehirn. Und es kann dann gut sein, dass zum Beispiel die Lust auf Süßigkeiten wie von selbst einfach in den Hintergrund rückt und Sie plötzlich mit Freude zu Fuß zur Arbeit gehen. Diese Erfahrung wirkt wiederum positiv zurück auf Ihr Bild: Sie werden es als hilfreich und gut empfinden, mit dieser Haltung durchs Leben zu gehen, und sich immer leichter für den gesunden Weg entscheiden.

WAS IST PASSIERT? Sie haben Ihr Ziel in ein gut greifbares Bild gepackt, das auch für das unbewusste Erfahrungswissen positiv besetzt ist. Auf diese Weise fällt es Ihnen leichter, Ihr Ziel im Auge zu behalten.

Beispiel: Eine Ausbildung machen

3. „Ich würde so gerne eine Ausbildung machen, aber ich schiebe es immer weiter hinaus“

ERSTER SCHRITT: Analysieren Sie Ihr Bauchgefühl. Was sagt es Ihnen konkret? Vielleicht lautet die Übersetzung: „Ich kann meine Familie doch nicht mehrere Wochenenden im Jahr allein lassen.“ Oder: „Das kostet eigentlich viel zu viel Geld.“

ZWEITER SCHRITT: Betrachten Sie die Nachricht, die hinter dem Bauchgefühl steht, in aller Ruhe mit Ihrem Verstand. Stimmt das so? Vielleicht war das jahrelang an dem. Zum Beispiel, als die Kinder klein waren. Da waren Zeit und Geld knapp und das Leben sehr auf Effizienz ausgerichtet. Aber könnte es sein, dass diese Zeiten inzwischen vorbei sind? Sich Ihr Unbewusstes aber immer noch an der alten Situation orientiert? Sie sind Ihren unbewussten Bewertungen nicht hilflos ausgeliefert. Auch das Unbewusste kann dazulernen – und stellt sich so auf neue Lebenssituationen ein. Am besten gelingt dieser Lernschritt mithilfe neuer, positiver Erfahrungen. Welches positive Lernziel könnte Ihre alte Überzeugung ersetzen? Vielleicht: „Es tut uns allen gut, wenn ich mich mehr um mich selbst kümmere.“ Oder: „Es ist Zeit für etwas Neues.“ Spüren Sie Ihren Ideen für ein Lernziel nach. Wie reagiert Ihr Körpergefühl, Ihr somatischer Marker darauf? Dann heißt es üben. Vielleicht fangen Sie mit einem Wochenseminar an – und überfordern sich nicht gleich mit der aufwendigen Jahresfortbildung. Wenn Ihr Unbewusstes seine positiven Erfahrungen mit der neuen Situation sammeln kann, lernt es dazu und erhöht Ihre Energie für die nächsten Schritte, die Sie gern tun würden.

WAS IST PASSIERT? Sie haben Ihrem Unbewussten mithilfe Ihres Verstandes die Möglichkeit gegeben, aus neuen Erfahrungen zu lernen, die wesentlich besser zu Ihrem heutigen Leben passen.

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