1. Februar 2010
Was bringt die Medizin in der Zukunft

Was bringt die Medizin in der Zukunft

Verfeinerte Diagnosen, raffinierte Medikamente, clevere Testverfahren und schonendere Operationen: Um unsere Gesundheit steht es in Zukunft gut.

© Franz Pfluegl - Fotolia

Nie zuvor hat die Medizin so rasante Fortschritte gemacht wie heute. Bei Herzoperationen können Chirurgen darauf verzichten, den Brustkorb zu öffnen. Die Entfernung einer Niere verläuft bei Frauen künftig ohne Narben. Die schonenden Schlüsselloch-OPs überspringen Hürden, die noch vor wenigen Jahren als unüberwindlich galten. Spannend auch, dass die Forschung erstaunliche neue Wirkungsfelder für alte und bewährte Medikamente findet. VITAL nennt die wichtigsten 35 Fortschritte der Medizin für die Zukunft. Aber auch entscheidende Eckpunkte der Gesundheitsreform.

Und noch mehr Lichtblicke

Neuer Schutz

Bereits 2011 wird ein Impfstoff auf den Markt kommen, der die häufigste Form der Hirnhautentzündung durch spezielle Bakterienstämme (Meningokokken B) bekämpft. Und in mehreren Studien werden derzeit Impfstoffe gegen das Pfeiffersche Drüsenfieber, das durch das Epstein-Barr-Virus ausgelöst wird, getestet. Ebenfalls Schutzstoffe gegen Leberentzündungen durch Hepatitis- C- und E-Viren.

Ruhiges Herz

Virusinfektionen können Herzrhythmusstörungen auslösen, wenn bestimmte Schlüsselzellen (CAR-Rezeptoren) im Herzmuskel nicht arbeiten. Medikamente können diese Blockade künftig lösen.

Echte Schlankpille

Eine Forschungsgruppe der Uni Basel hat einen Eiweißstoff („Raptor“) im Fettgewebe entdeckt, der den Energiestoffwechsel bremst. In acht bis zehn Jahren wird es eine wirksame Pille gegen Übergewicht geben.

NEUE THERAPIEN


BRUSTKREBS

1 Punktgenaue Strahlen

Erst die Operation, dann die Strahlentherapie – so die Standardbehandlung für die jährlich 57 000 deutschen Brustkrebs-Patientinnen. Aber: „Dort, wo ein Tumor entfernt wurde, bilden sich bis zu 90 Prozent aller Rückfälle. Deshalb ist es sinnvoll, dieses Hochrisikogebiet sofort hochdosiert und gezielt zu bestrahlen“, sagt Prof. Frederik Wenz vom Uniklinikum Mannheim. Jetzt können die Ärzte während der Operation die Wundhöhle mit einem 5 Zentimeter großen kugelförmigen Strahlenkopf punktgenau bestrahlen. Gesundes Gewebe bleibt verschont.

FAZIT: Nach fünf Jahren bildeten sich bei weniger als 2 Prozent der Patientinnen neue Tumore.

2 Ultraschall-Chirurgie

Brustkrebsgewebe kann in Kürze gezielt mit Ultraschall verschmort werden. Die eigentlich harmlosen Strahlen werden wie Sonnenlicht in einer Lupe auf einen Punkt fokussiert. Im Brennpunkt sterben die Krebszellen.

FAZIT: Bei Gebärmutterwucherungen liefert das Verfahren bereits ausgezeichnete Ergebnisse. Studien zu Brustkrebs laufen derzeit noch.

3 Bluttest

Der neuartige Bluttest „BCtect (TM)“ erkennt Tumore sehr früh und präzise, vor allem bei Frauen vor den Wechseljahren und bei Frauen mit dichterem Brustgewebe.

4 Letzte Hilfe

Ein Stoffwechselprodukt von Myxobakterien (Epothilon) hilft auch dann noch, wenn die Tumorzellen gegen andere Zellgifte resistent geworden sind.

5 Hemmstoffe

Die regelmäßige Einnahme von Entzündungshemmern verhindert die Entstehung von Brustkrebs, zeigt die weltweit bislang umfangreichste Übersichtsstudie mit über 2,7 Millionen Frauen. Der Wirkstoff Acetylsalicylsäure verringert die Wahrscheinlichkeit um 13 Prozent, Ibuprofen sogar um 21 Prozent.

FAZIT: Sinnvoll bei hohem Brustkrebsrisiko. Ungeeignet bei Magenleiden.

Darmkrebs & Gebärmutterkrebs

DARMKREBS

6 Neuer Blocker

Darmkrebspatienten, bei denen sich Tochtergeschwüre in der Leber gebildet haben, können hoffen. „Ein neuer Wirkstoff blockiert die Signalwege der Zellteilung“, sagt Dr. Klaus Mross von der Klinik für Tumorbiologie in Freiburg.

FAZIT: Bisher wurden in einer Studie etwa 50 Patienten behandelt. Die Ergebnisse waren ausgezeichnet.

7 Bio-Chip

Eine wirksame Ergänzung zur Darmspiegelung liefert ein Bio-Chip, der u. a. an der Uni Lübeck entwickelt wird. Er misst zwölf Tumormarker im Blut.

FAZIT: Wichtig, weil der Krebs trotz aller Vorsorgemaßnahmen bei 70 Prozent der Patienten erst im fortgeschrittenen Stadium entdeckt wird.

8 Mikrobläschen

Ultraschall-Checks mit speziellen Kontrastmitteln spüren Darmkrebs-Tochtergeschwulste exakter auf als bisher. Der Arzt spritzt gasgefüllte Mikrobläschen in die Gefäße. Sie machen die Durchblutung des Gewebes sichtbar. So erkennt der Mediziner, woher genau gestreute Tumore stammen.

FAZIT: Die Bläschen transportieren künftig auch Medikamente.


GEBÄRMUTTERKREBS

9 Frühst-Erkennung

Eine neue Diagnosemethode erkennt bereits Frühststadien des Gebärmutter-halskrebses. Sie misst im Abstrich die unterschiedliche Wasserverteilung in gesunden und erkrankten Zellen.

FAZIT: „Operationen am Gebärmutterhals und in der Gebärmutter werden dadurch künftig schonender sein“, sagt Prof. Nandita de Souza vom Royal Marsden Hospital in London.

Hautkrebs, Herzerkrankungen und Knochenbrüche


HAUTKREBS

10 Designer-Molekül

Ein Designer-Molekül gegen schwarzen Hautkrebs täuscht einerseits vor, ein Virus zu sein, und alarmiert das Immunsystem. Andererseits treibt es Krebszellen in die Selbstzerstörung.

FAZIT: Die Doppelstrategie nimmt dem Tumor alle Fluchtwege.

11 Photonen-Licht

Bildet sich ein schwarzer Hautkrebs in der Aderhaut im Auge, wurde der Augapfel bisher total entfernt. Die „Cyberknife“- Methode erhält das Auge. Hochenergetische Lichtteilchen werden auf den Tumor gefeuert und schädigen die Krebszellen maximal.

FAZIT: Die dreistündige einmalige Behandlung, z. B. im Europäischen Cyberknife Zentrum, München-Großhadern (ECZM), ist völlig schmerzfrei.


HERZERKRANKUNGEN


12 Regenschirm-OP

Das Einsetzen einer Herzklappen-Prothese ist riskant. In einer neuen Katheter- Technik wird die Klappe jetzt in ein Metallgeflecht eingenäht und auf 6 bis 7 Millimeter gefaltet wie ein Regenschirm. Über einen Katheter schieben die Ärzte sie ins Herz vor. Dort klappt sie auf.

FAZIT: „Ein Fortschritt für alle, für die eine offene OP ein hohes Risiko bedeuten würde“, sagt Prof. Hans- Reiner Figulla, Uni-Herzzentrum Jena, z. B. für alte Menschen.

13 Magnet-Diagnose

Jedes Jahr kommt es zu 800 000 Herzkatheter-Checks, um Durchblutungsstörungen zu entdecken. Die strahlungsfreie bildgebende Methode „Magnetfield Imaging System“ (MFI) erspart den Eingriff.

FAZIT: Etwa 70 Prozent der Katheteruntersuchungen werden überflüssig.


KNOCHENBRÜCHE

14 Kleben statt Nageln

Gelenkbrüche heilen oft nicht aus, weil verletzte Knorpel schlecht zusammenwachsen. Bessere Heilungschancen bringt ein Verfahren, bei dem die Knorpel geklebt werden.

FAZIT: Kürzere Bruchheilung.

Magenkrebs, Nierenleiden und Schwangerschaft


MAGENKREBS

15 Sanfter Eingriff

Die Diagnose Magenkrebs bedeutete bislang meist das komplette Entfernen des Magens oder großer Teile davon. Jetzt kann der Tumor gezielt während einer Magenspiegelung entfernt werden. Der Magen bleibt erhalten.

FAZIT: Die neue organerhaltende OPTechnik ist auch bei Krebs in der Speiseröhre erfolgreich.

NIERENLEIDEN

16 Narbenfrei

Nierenoperationen bei Frauen hinterlassen keine sichtbaren Narben mehr. Das Organ wird jetzt über die Vagina entfernt. Dabei durchbricht der Chirurg nur die dünne Schleimhaut an der tiefsten Stelle der Bauchhöhle. Bei der klassischen Operation ist ein Bauchschnitt von 15 Zentimetern notwendig.

FAZIT: Schnellere Wundheilung.


SCHWANGERSCHAFT

17 Ohne Nadel

Erbleiden wie z. B. das Downsyndrom werden durch einen Bluttest entdeckt. Er untersucht Spuren des kindlichen Erbguts im Blut der Mutter nach Chromosomen für Erbkrankheiten. Eine risikoreiche Punktierung entfällt.

FAZIT: Klare Ergebnisse bereits ab der sechsten Schwangerschaftswoche statt wie bisher ab der zehnten.

18 Bessere Planung

Je später sich Paare für Nachwuchs entscheiden, desto wichtiger die „biologische Uhr“. Forscher der Uni Michigan haben zwei Hormone entdeckt, die das Ende der Fruchtbarkeit bereits fünf Jahre vorher anzeigen.

FAZIT: Leichtere Familienplanung.

NEUE MEDIKAMENTE

ALZHEIMER

19 Doppelnutzen

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Ein Medikament, das bereits zur Absenkung des Cholesterinspiegels zugelassen ist, könnte die Alzheimer-Krankheit aufhalten. „Unter Alzheimer Patienten befinden sich auffällig wenige Menschen, die einen Cholesterinsenker eingenommen haben", sagt Prof. Stefan Teipel, Uni Rostock.

FAZIT: Eine Großstudie an 14 deutschen Unis prüft die Wirksamkeit.


BINDEHAUTENTZÜNDUNG

20 Naturstoff

Gegen die schwere Form einer chronischen allergischen Bindehautentzündung hilft der neue Naturstoff Ciclosporin. FAZIT: Das Präparat befindet sich in der Endphase der klinischen Studien.

GENITALWARZEN

21 Tee gegen Tabu

Gutartige Genitalwarzen gehören weltweit zu den häufigsten Geschlechtskrankheiten. Jetzt hilft eine Salbe mit einem Extrakt aus grünem Tee.

FAZIT: Die Zulassung befindet sich derzeit in der Endphase.

Gicht & Gürtelrose

GICHT

22 Schmerzfrei

Der Wirkstoff Febuxostat senkt den Harnsäurespiegel im Blut. Er wirkt gezielter als die herkömmlichen Anti-Gicht-Arzneimittel.

FAZIT: Die Zulassung ist bereits erfolgt.

GÜRTELROSE

23 Aus der Kälte

Jetzt gibt es den ersten Impfstoff gegen Gürtelrose, der nicht mehr tiefgefroren gelagert werden muss, sondern flüssig im Kühlschrank liegen kann. FAZIT: Die Zulassung für die gefrorene Version liegt bereits vor.

INFEKTIONEN

24 Keimkiller

Neue Antibiotika bekämpfen Keime, die gegen ältere Antibiotika resistent geworden sind. Vor allem Eiterkeime in Kliniken (MRSA) werden so vernichtet.

FAZIT: Drei Mittel befinden sich im Zulassungsverfahren.

LUNGENKREBS

25 Hoffnung

Lungenkrebs-Patienten, deren Therapie ausgeschöpft ist, bringt ein neues Medikament Hoffnung. Es setzt den Wirkstoff erst direkt im Tumor frei.

FAZIT: Der Wirkstoff Paclitaxel ist bereits auf dem Markt. Die Darreichung muss noch genehmigt werden.

MULTIPLE SKLEROSE


26 Weniger Schübe

Ein zehntausendfach erprobtes Medikament gegen Schuppenflechte hilft bei multipler Sklerose. Der Wirkstoff Fumarsäure verringert neue Entzündungsherde im Gehirn um über 70 und Schübe um rund 30 Prozent, sagt Prof. Ralf Gold, Uni Bochum.

FAZIT: Demnächst werden zwei klinische Studien mit über 2000 Patienten an den Start gehen.


Interview

„Nach der OP gibt’s weniger Schmerzen“


Interview mit Prof. Volker Schumpelick, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, Stuttgart.


VITAL: Vor welchen Herausforderungen steht die Chirurgie in der nahen Zukunft?

PROF. SCHUMPELICK: Sie muss sich darauf einstellen, dass die Patienten immer älter und übergewichtiger werden. Schon heute gibt es im OP, bei den Betten oder beim Transport zunehmend Probleme mit Übergewichtigen. Und ältere Menschen mit Hochrisikofaktoren müssen schonender operiert werden. Grundsätzlich arbeiten wir daran, Eingriffe und Aufenthalt in der Klinik schmerzfrei zu gestalten.

VITAL: Wo sind derzeit die größten Fortschritte zu beobachten?

PROF. SCHUMPELICK: Vor allem in der Krebstherapie. Durch eine spezielle Vorbehandlung etwa mit einer Chemotherapie und einer Bestrahlung während des Eingriffs kann organerhaltender operiert werden – bei gleicher Wirksamkeit.

VITAL: Wird sich die Ausbildung der Chirurgen verändern?

PROF. SCHUMPELICK: Ja. In Zukunft werden Chirurgen wie Piloten im Simulator üben, bevor sie Patienten operieren.

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