3. Mai 2013
Was bin ich?

Was bin ich?

Selten sind Beruf und Berufung eins. Die Lösung: ein Zweitjob, der Talente wachküsst, die im Büro brachliegen. Raten Sie mal, welche acht Berufe diese. vier tollen Frauen ausüben

Was bin ich
© Frank Schinski
Was bin ich

Friseurin, Model, Sängerin, Schauspielerin, Krankenschwester,Ärztin, Künstlerin – was wollten Sie als Zehnjährige werden? Und hat’s geklappt? Vermutlich nicht. Keine Sorge: Die wenigsten ergreifen den Beruf, von dem sie in der Grundschule träumten. Denn gegen jeden gibt es Einwände. „Überleg dir das noch mal. Lern was Handfestes mit Zukunft“, raten die Eltern. „Du willst doch Kinder haben“, grummelt die Oma. „Wie spießig“, ätzen die Mitschüler.

Nie aufhören zu träumen

Irgendwann ist dann Schluss mit Wolkenkuckucksheim. Spätestens wenn der Kredit fürs Haus läuft, die Kinder studieren wollen und uns auch das eine oder andere „Extra“ den Alltag versüßen soll. Keine Frage: In Krisenzeiten wie jetzt überwiegt eindeutig die Dankbarkeit, einen halbwegs sicheren
Arbeitsplatz zu haben,
auch wenn der am Ende des Tages wenig mit persönlichen Kindheitsträumen zu tun hat. 63 Prozent der Angestellten, so eine Umfrage des Gallup-Instituts in Berlin, verrichten hierzulande „Dienst nach Vorschrift“.

Nur jeder siebte ist Feuer und Flamme für seinen Job. Hat die Mehrheit also aufgehört zu träumen? Nein. Seit 2003 hat sich die Zahl der Mehrfachjobber hierzulande mehr als verdoppelt. Über zwei Millionen sind es laut der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg, Tendenz steigend. Natürlich liegt das auch daran, dass einige nicht mehr von einem einzigen Gehalt leben können. Aber in einer Allensbach-Umfrage gaben 2012 immerhin 70 Prozent der Mehrfachbeschäftigten an, dass es sich um eine „Wunschkonstellation“ handle. Fast 58 Prozent der Mehrfachbeschäftigten sind übrigens Frauen.Eine von ihnen ist Beate Westphal aus Berlin. Vor zehn Jahren gründete sie ihr „Talentcafé“ und wurde Traumjob- Detektivin. Zu ihr kommen mehrheitlich Frauen, die das Gefühl haben, mehr zu können, mehr zu wollen, als jeden Tag acht Stunden vor einem Computer zu sitzen.

Der Trend zum Nebenjob

Beate Westphal verwandelt dieses Gefühl in eine konkrete Geschäftsidee. „Natürlich spielt das Einkommen eine Rolle“, sagt die 43-Jährige. „Aber gerade bei Existenzgründungen geht es in erster Linie um Selbstverwirklichung, dar um, Erfüllung zu finden. Das kann ein Job allein oft nicht bieten.“ Auch sie selbst spürte das. „Fünf Tage in der Woche Karriereberatung, das war zu viel”, erzählt Beate Westphal. Weil kaum Zeit blieb für ihre zweite Passion: Kekse backen.
Neben dem Talentcafé betreibt sie inzwischen die „Keksbank“, die Firmen mit Gebäck beliefert. Konferenzkeks-Bäckerin – keine Arbeitsagentur hätte ihr diesen Beruf vermittelt. Für Beate Westphal bringt er quasi jene Hälfte, die ihr als Karriereberaterin fehlte, um beruflich ein erfüllendes Ganzes zu erleben.

70 Prozent....

...der Mehrfachbeschäftigten in Deutschland nannten ihre berufliche Situation in einer Umfrage eine Wunschkonstellation.

Freiräume schaffen

Es geht also nicht darum, seinen Beruf an den Nagel zu hängen, sondern darum, Freiräume zu schaffen. Um etwas tun zu können, das andere Talente fordert und fördert, die beispielsweise im Büro brachliegen. „Passt der Beruf zum Charakter, empfinden wir unsere Aufgaben als sinnvoller, sind leistungsbereiter, haben weniger Fehltage und verdienen langfristig mehr“, bestätigt Dr. Claudia Harzer, Professurvertretung an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd.
Belegen kann sie das mit zwei Studien, die sie 2012 an der Universität Zürich durchführte. Sie zeigen auch: Bezogen aufs Berufs leben, zeichnen uns drei bis sieben verschiedene Stärken aus. „Es liegt nahe, sie verschiedenen Kunden an zubieten“, erklärt Harzer. „Mit dem Anspruch der Professionalität, nicht als Hobby oder Ehrenamt.“ Weniger wissenschaftlich ausgedrückt: mehr Mut zum Job-Patchwork!

Den eigenen Weg gehen

Aus einem überhasteten, übermütigen Start kann jedoch schnell ein Fehlstart werden. „Gehen Sie es langsam an“, mahnt Karriereberaterin Svenja Hofert aus Hamburg. Dazu gehört auch, eigene Bedenken und Einwände der Familie, von Freunden und Kollegen ernst zu nehmen und mit stichhaltigen Argumenten zu entkräften. Und nicht vergessen: Niemand sollte einen Zweitjob annehmen oder nicht, bloß weil das Umfeld es supe findet oder nicht. Wer sich selbst verwirklichen will, muss aushalten, dass mancher diesen Weg nie versteht.
Das ist okay und sollte niemanden davon abhalten, ihn weiterzugehen. Katharina Brämer, Daria Verner, Jessica Krastev und Britta Thellmann sind weitergegangen – und lieben ihren ersten Beruf, weil sie eine zweite Berufung gefunden haben.

Katharina Brämer
© Frank Schinski
Katharina Brämer

Den Jobfrust loswerden

„Langes Herumlavieren ist nicht mein Ding. Ich gucke mir Situationen an, entscheide und setze um. So arbeite ich in der Pressestelle beim Landesbetrieb Hessen-Forst und empfinde das als sinnstiftend, weil mein Tun den Wald schützt. Dafür brenne ich und bin ehrgeizig. Schoss früher jemand quer, ärgerte mich das oft, und ich nahm die Wut regelmäßig mit nach Hause. So kam ich zum Yoga.

Sport für die innere Ruhe

Es hilft mir, mich zurückzunehmen, Gleichmut zu entwickeln, loszulassen. Am Anfang, nach der Geburt meiner Tochter, sah ich Yoga nur als Sport – bis ich spürte: Es ist ein spiritueller Weg und hilft mir, sorgsamer mit mir selbst und anderen umzugehen. Davon profitiere ich auch im Forstbetrieb, obwohl ich das nicht vor allen Kollegen thematisiere. Nicht jeder versteht meinen Weg. Erst neulich wunderte sich eine Freundin, dass ich spirituelle Bücher lese. Aber für mich ist das die perfekte Ergänzung zu meinem Hauptberuf. Meine Tochter wollte es dann auch ausprobieren. Es gab aber keinen Yoga-Kurs für sie. Da habe ich – kurz entschlossen, wie ich bin – einfach eine Ausbildung zur Yoga-Lehrerin angefangen und unterrichte nun nach Feierabend selbst.

Yoga für die ganze Familie

Mit meinen Kursteilnehmern rede ich natürlich auch, aber ganz anders als beispielsweise mit Journalisten in der Pressestelle. Eine Bereicherung! Und für meine Tochter macht es keinen Unterschied, ob sie mich als Mutter oder Yoga- Lehrerin erlebt. Wir sind eine echte Yoga- Familie geworden. Auch mein Mann belegt inzwischen Kurse, aber nicht meine. Die nächste „verrückte“ Idee habe ich schon im Kopf: Vielleicht kann ich im Forstbetrieb ja auch Yoga anbieten und so das eine mit dem anderen verbinden. Das wäre ideal.“

Daria Verner
© Frank Schinski
Daria Verner

Ein grausam schönes Hobby

„Ich arbeite gern in meinem Beruf. Es ist ein Traumjob, weil er so vielseitig ist. Ich bin Kommunikationswirtin und entwickle die Marketingstrategien für eine Kreissparkasse. Aber mir fallen jeden Tag Geschichten ein. Meine Oma hat mir dieses Talent vererbt. Das ist mein Abendritual. Was mir einfällt, begleitet mich in meinen Träumen. Und eines Tages tauchte plötzlich Gloria in meinem Kopf auf, eine 17-Jährige, die zeitgleich entdeckt, wann sie sterben und wer ihre große Liebe sein wird. Diese Idee fesselte mich.

Hobbies kosten Zeit

Als ich dann vor zwei Jahren in die Babypause ging, schrieb ich Glorias Geschichte auf. Ich spürte, sie ist so gut, dass ich sie als Roman veröffentlichen kann. Ich schrieb daran fast bis zur Geburt meines Sohnes. Seit er auf der Welt ist, bleibt mir tagsüber keine Zeit mehr, also schreibe ich jetzt nachts. Mein Mann setzt sich oft dazu und liest. Das hilft mir sehr. Nur der nächste Morgen ist oft grausam, vor allem, seit ich wieder in der Sparkasse arbeite. Aber dann sage ich mir: Müdigkeit vergeht, meine Sätze bleiben! Glorias Geschichte habe ich unzählige Male verbessert. Es dauerte viereinhalb Jahre, bis beide Bände fertig waren.

Das Glücksgefühl erleben

Den Moment, als ich sie mit einem Mausklick ins Internet stellte, werde ich nie vergessen. Mein Mann und ich haben mit Sekt angestoßen. Innerhalb von vier Tagen stand mein E-Book bei Amazon auf der Bestsellerliste. Das macht mich so glücklich! Meine Chefs wissen das und zeigen Verständnis. Sie sehen ja, dass mich das Schreiben auch bei der Arbeit beflügelt. Keine Ahnung, ob es Gloria weiter geben wird. Aber ohne das Schreiben würde ich eingehen.“

Jessica Krastev
© Frank Schinski
Jessica Krastev

Träume wagen

„Kunst hat mich früh fasziniert. Schon aus dem Kindergarten brachte ich stapelweise eigene Zeichnungen mit nach Hause. Als Teenager besuchte ich am liebsten Ausstellungen. Später studierte ich Kommunikationsdesign und Kunstgeschichte. Kreativ sein, Ideen freien Lauf lassen, sinnvolle Konzepte zaubern – genau das Richtige für mich.

Die Sehnsucht überwiegt

Künstlerin zu werden erschien mir trotzdem zu unsicher. Ich brauche klare Aufgaben, ein festes Gehalt. Mit meiner Vollzeitstelle als Grafikerin habe ich das. Doch meine Sehnsucht nach der Kunst blieb – und wurde zur großen Liebe: Ich habe nämlich einen Künstler geheiratet. Milen und ich lernten uns auf der Hochschule kennen. Vor einigen Jahren fuhren wir zu einem Festival in Bulgarien, seiner Heimat, und trafen dort viele tolle Künstler.

Träume gemeinsam leben

So entstand unser Traum: eine eigene Galerie. Als uns dann ein Freund leer stehende, völlig marode Räume anbot, wussten wir: Das ist es! Die meisten Künstler, die wir kannten, waren jedoch sehr skeptisch. Das entmutigte mich total. Zum Glück reichte Milens Elan für zwei, und viele Freunde halfen uns. Trotzdem habe ich unser Projekt manchmal verflucht. Aber ich hielt durch. Inzwischen haben schon 37 Künstler aus neun Ländern bei uns ausgestellt. 2012 bekamen wir für unsere „Galerie Coucou“ sogar den Kulturförderpreis der Stadt Kassel. Ich war so stolz! In meinem Hauptjob arbeite ich sehr konkret. Danach tauche ich tief ins freie Künstlerleben ein, organisiere, baue Ausstellungen auf. Eigentlich passt das eine mit dem anderen nicht zusammen – und genau deshalb passt es für mich so wunderbar.“

Britta Thellmann
© Frank Schinski
Britta Thellmann

Leidenschaften neu entdecken

"Marilyn Monroe. Das war meine erste Rolle. Mit fünf. Mein Vater war Opernsänger. Er nahm mich und meine Geschwister oft mit ins Theater. Wir spielten alle als Statisten, auch meine Mutter. Weil ich gut singen konnte, gab mein Vater mir Gesangsunterricht. Da flogen oft die Fetzen. Er wollte, dass ich ihm nachfolge. Ich rebellierte, wollte meinen Weg gehen und wurde Rechtsanwaltsgehilfin. Ich wünschte mir eine Familie und wollte nicht wie mein Vater jeden Abend unterwegs sein. Er war traurig darüber. Aber mir fehlte die Bühne nicht. Dachte ich damals.

Den richtigen Weg erkennen

Als Sekretärin kümmerte ich mich um Kundenkontakte, Lohnabrechnung und Personaleinteilung. Ich plante den Umzug für andere Leute von A nach B. Nur in meinem Leben bewegte sich nicht viel. Doch dann, 2008, wollte mich unser früherer Statisterieleiter ins Komparsenteam des Staatstheaters Kassel zurückholen. Ich sagte sofort zu. Als hätte ich innerlich nur darauf gewartet. Meine Tochter war elf und schon ziemlich selbstständig. Auf einmal stand ich nach so vielen Jahren wieder auf der Bühne – und es fühlte sich an wie nach Hause kommen. Im Büro arbeitet man zusammen, im Theater lebt man miteinander.

Vom Stress befreit

Es ist eine große verrückte Familie. Heute fahre ich häufig vom Büro direkt ins Theater. In der Maske verwandle ich mich dann in eine Hexe oder einen Pilz. Ab und zu spüre ich die Doppelbelastung. Aber wenn ich das Theater betrete, ist der Stress weg. Die Kollegen in der Spedition, meine Familie und Freunde akzeptieren mein Doppelleben und sitzen regelmäßig im Publikum. Viel Geld verdiene ich damit nicht. Aber ich möchte diese Ausflüge in eine andere Welt nicht missen. Ich liebe das Rollenspiel noch so sehr wie als Kind.“

Svenja Hofert
© Frank Schinski
Svenja Hofert

Gehen Sie es langsam an

VITAL: Was raten Sie Frauen, die sich ein zweites berufliches Standbein wünschen, zuerst?
Svenja Hofert: Gehen Sie es langsam an! Klären Sie, wie Sie beide Jobs zeitlich vereinbaren können und ob Sie, Ihr Partner und die Familie bereit sind, auch mal auf den gemeinsamen Feierabend zu verzichten. Testen Sie Ihre Geschäftsidee risikofrei. Geht es z.B. um selbst genähte Kleider, könnten Sie diese Freunden zu Hause anbieten.

Vielleicht die wichtigste Frage: Wie sage ich es meinem Chef?
Enthält Ihr Arbeitsvertrag keine Klauseln über Nebentätigkeiten, müssten Sie theoretisch nichts sagen. Ihr Chef hat nur Anspruch darauf, dass Sie pünktlich sind und Ihre Aufgaben erfüllen. Wer aber mit dem Zweitjob ins Internet geht, sollte mit offenen Karten spielen. Grundsätzlich darf der Chef einen Nebenjob nicht verbieten, es sei denn, der konkurriert mit Ihrer Haupttätigkeit. Wollen Sie dafür Stunden reduzieren, haben Sie in Firmen mit mehr als 15 Mitarbeitern nAnspruch auf Teilzeit, wenn keine betrieblichen Gründe dagegensprechen.

Muss ich das Finanzamt informieren?
Ja, spätestens wenn Geld fließt. Sie müssen sich für oder gegen die sogenannte Kleinunternehmerregelung entscheiden. Dagegen heißt: Sie müssen Umsatzsteuer abführen. Wer mit Produkten handelt, sollte diesen Weg wählen. Eine Yoga-Lehrerin ist als Kleinunternehmerin besser bedient. Ihr Gewerbem müssen Sie beim Ordnungsamt anmelden.

Welcher Fehler wird am häufigsten gemacht?
Viele berechnen zu niedrige Honorare. Orientieren Sie sich mit Ihren Preisen von Anfang an am Markt, bieten Sie Ihre Leistung nicht zu günstig an.

Lade weitere Inhalte ...