11. Mai 2011
Tunnelblick-Prinzip

Tunnelblick-Prinzip

VITAL-Kolumnistin Verena Carl verrät, was verpatzte Führerscheinprüfungen und Beziehungskiller gemeinsam haben – und was wichtiger ist als Dogmen.

Illustration Silke Werzinger
© Silke Werzinger
Illustration Silke Werzinger

Manch ein gut gemeinter Ratschlag führt geradewegs ins Verderben. So einen bekam ich zur Führerscheinprüfung: „Wenn der Prüfer mit dir auf die Autobahn geht, will er mindestens zwei Überholvorgänge sehen.“ Das ist nicht ganz falsch. Falsch war eher, was ich daraus machte: Ich überholte alles. Überall. Raste auf der Landstraße mit Tempo 120 an Überholverbotsschildern vorbei, scheuchte radelnde Freiburger Oberstudienräte in den Graben und stellte mich auf dem Zubringer Süd einem Golf-Diesel-gegen-Porsche-Rennen. Nach 50 Minuten hatte ich den südlichen Breisgau hinter mir gelassen und – Sie ahnen es – keinen rosa Lappen in der Hand.

Warum ich Ihnen das erzähle? Das hat mehr mit meinem jetzigen Leben zu tun, als Sie denken. Wenn einer meiner Freunde Probleme hat, mit der Liebe, den Kindern oder im Job, muss ich an diesen verflixten Wintertag im Jahr 1987 denken. Denn in anderen Situationen passiert oft dasselbe: Wir sind so ängstlich fixiert auf eine einzige Herausforderung, starren wie das sprichwörtliche Kaninchen auf die Schlange, dass wir alles andere vergessen.

Als Berufsanfängerin habe ich z. B. monatelang das Team genervt, weil ich in Konferenzen allen ins Wort fiel. Sogar dem Chef. Ich fand mich gut. An der Uni hieß es doch, dass engagierte Mitarbeiter gefragt sind! Irgendwann nahm mich ein Kollege beiseite. Danke! Legendär ist auch das Jogginghosen-Trauma meiner Freundin Nadja: Sie war überzeugt, dass ihr Anblick mit Schlabberlook und Brille ihren damaligen Lover verscheucht hatte. Seitdem hielt sie ausgebeulte Knie für die schlimmste Liebesfalle. Zwar traf sie bald einen Kerl, mit dem alles passte. Aber erst nach fünf Jahren Ehe erfuhr er von der Existenz ihrer Fernsehbrille und ihres gestreiften Lieblingsschlafanzuges.

Weniger senden, mehr empfangen

Ein anderes Beispiel für diese Art Tunnelblick stammt aus Marilyn Frenchs Roman-Klassiker „Frauen“: Ein Mädchen sehnt sich danach, dass seine Mutter ihm einmal fürsorglich-gründlich das lange Haar bürstet. Was macht sie später bei ihrer eigenen Tochter? Klar: striegeln, striegeln, striegeln – ohne zu merken, dass die Kleine das Geziepe und Gefummel hasst. Was lernen wir daraus? Weniger senden, mehr empfangen. Für ein zufriedenes Miteinander brauchen wir die Fähigkeit, hinzuschauen, was wirklich gefragt ist. Vielleicht stört es den Liebsten viel mehr, wenn wir montags schon das nächste Wochenende verplanen, als wenn wir im Schlabbershirt ins Bett kriechen (hat ja auch einen gewissen verlotterten Sex-Appeal). Und vielleicht liest die Tochter lieber Pferdebücher, als zu reiten – auch wenn wir den Kontakt zur Kreatur für noch so wichtig halten.

Klar, es ist schwer, immer alle Bedürfnisse im Auge zu behalten. Die schmerzliche Erkenntnis aus meiner zweiten Fahrprüfung: Kein Fahrschul-Golf passt auf einer winzigen Brücke an einem Reisebus vorbei. Erst beim dritten Anlauf bestand ich, morgens im Halbschlaf, damit ich keine Zeit hatte, nervös zu werden. 23 Jahre später kann ich übrigens linksherum einparken und gleichzeitig meine beiden kleinen Beifahrer auf der Rückbank erziehen. Auch das ist eine ermutigende Erkenntnis: Wir alle machen Fehler. Aber im Leben hat man meistens mehr als einen Versuch.

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