26. Mai 2011
Trennung: Gehen oder bleiben

Trennung: Gehen oder bleiben

Erleben Paare nur noch Frust, aber selten Glück, müssen sie sich entscheiden: für oder gegen ihre Beziehung. Eine Herausforderung.

Paar - Trennung
© thinkstock
Paar - Trennung

Paartherapeut Dr. Mathias Jung aus Lahnstein könnte viele Geschichten erzählen, die alle eines gemeinsam haben: Am Ende steht immer die Frage: „Gehen oder bleiben?“ In einer unglücklichen Beziehung auszuharren kann ebenso qualvoll sein, wie sich zu verabschieden. „Eine Trennung tut sehr weh“, sagt Dr. Jung. Aber große Veränderungen im Leben fühlen sich anfangs oft schmerzhaft an, weil wir ebenso wie Gewohntes auch Dinge loslassen müssen, die uns mit der Zeit ans Herz gewachsen sind. Die Frage ist: Was werde ich tatsächlich vermissen ohne meinen Partner? Und kann ich damit leben?

Gehen oder bleiben?

Um Antworten zu finden, entscheiden sich Paare manchmal für eine Trennung auf Probe. Sie wollen eine gewisse Zeit mit mehr Abstand auf die Beziehung schauen und in sich hineinspüren, was wirklich verloren ginge. Sie wählen die Trennung als „eine Art Ultima Ratio, ein letzter Versuch, die versteinerten Eheverhältnisse zum Tanzen zu bringen“, so beschreibt es Dr. Jung. Er kennt Paare, die sich aus der Distanz heraus einander wieder annähern und gemeinsam neu beginnen. Aber es kann auch anders kommen: „Schlimm wird’s, wenn die ursprünglich nur als vorläufig gedachte Trennung ihren Zweck verfehlt und die Beziehung endgültig auseinanderbricht“, sagt der Paartherapeut. Zum Beispiel weil einer von beiden sich in jemanden anders verliebt oder die Auszeit nur als Vorwand benutzt hat, um die endgültige Trennung einzuleiten.


Bei der Entscheidung hilft auch eine gedankliche Reise in die Zukunft. Man kann sich zum Beispiel fragen: Wie wird unsere Beziehung in zehn Jahren aussehen? Wo werde ich mich dann mit meinen Träumen und Sehnsüchten wiederfinden? „Es geht darum, eine Entscheidung zu treffen, die gut genug ist. Nicht perfekt. Und mit deren Folgen man leben kann.“ So bringt es Dr. Roland Weber, Paartherapeut in Stuttgart, auf den Punkt. Er berät seit mehr als 25 Jahren Paare und Familien. Sein Tipp: „Die Partner müssen in Bewegung kommen.“ Nur wenn beide an der Beziehung arbeiten, können sie ihre Probleme lösen.

Zum Beispiel das der Sprachlosigkeit: Viele Paare müssen lernen, wieder Worte füreinander zu finden. Oft hoffen wir zwar, dass der Partner uns die Wünsche von den Augen abliest. Aber in Wirklichkeit klappt es nur, wenn wir sie mitteilen – das heißt möglichst konkret sagen, was wir wollen und was wir vom anderen erwarten. Kommunikation ist der Schlüssel zum Glück, da sind sich alle Therapeuten einig. „Im Idealfall wird dabei jeder für den anderen zum Entwicklungshelfer“, ergänzt Dr. Jung, „aber das ist Knochenarbeit.“

Wohlwissend, dass sich nicht jedes Paar entwickeln kann oder will. Trennung wäre dann die bessere Lösung, trotz des großen Schmerzes. Wer zukunftsweisende Antworten finden möchte, muss schonungslos ehrlich sein. Vor allem zu sich selbst: Wie fühlt sich unsere Beziehung überhaupt an, ist sie nicht eigentlich ein ewiger Kampf, in dem wir uns nach und nach erschöpfen? Hat man die Gewissheit, in einer Abwärtsspirale zu stecken, wird aus Paarberatung Trennungsarbeit. Und die kann helfen, in Würde auseinanderzugehen.

„Schuld abladen verboten!“, steht an der Praxistür von Dr. Mathias Jung. Und tatsächlich: Es geht hier nicht um Schuldzuweisungen, sondern darum, Trennung als einen Teil der gemeinsamen Entwicklung zu sehen. Auch wenn das Loslassen zunächst nur schwer gelingen will – für den Start in ein neues Leben ist es unerlässlich. „Eine Trennung sollte wie ein chirurgischer Schnitt sein“, rät der Therapeut. Besonders wenn man sehr stark und über lange Zeit miteinander verwoben war. Die Bande zu lösen ist heftig. Aber dieser Schmerz heißt nicht, dass jener Partner doch der richtige gewesen wäre. Die Tränen gehören zum Abschied. Und der fällt leichter, wenn wir ihn bewusst gestalten.

Mit dem Gedanken an Trennung gehen Paare sehr unterschiedlich um.

DAS ENTSCHLOSSENE PAAR

Nach relativ kurzer Zeit der Auseinandersetzung und des Kampfes für eine gemeinsame Zukunft zieht es konsequent den Schlussstrich. Erst recht, wenn die Leidenschaft erloschen ist. Jeder ist nun frei, um zu neuen Ufern aufzubrechen. Zumindest von außen betrachtet. Denn tief im Innern gärt oft noch die Frage nach dem Warum. Doch die wird mit Aktivität betäubt – genau wie aufkommende Enttäuschung, Trauer oder Wut. Man ist unterwegs – allein, mit Freunden oder einer neuen Bekanntschaft. Hauptsache, nicht stillstehen und nicht innehalten. Jetzt wird in die Zukunft geschaut! Das Paar begreift die Trennung als Chance: Eine Tür hat sich geschlossen, damit sich eine andere öffnen kann. Die aber auch schnell wieder ins Schloss fallen könnte, wenn die alte Beziehung nicht genügend aufgearbeitet wurde, eigene Anteile am Scheitern unreflektiert bleiben. Und dann stellt man sich vielleicht wieder die Frage: Haben wir wirklich alles getan, um unsere Beziehung zu retten? „Dieses Gefühl, alles versucht zu haben, ist unheimlich wichtig“, sagt Dr. Jung. „Ich rate solchen Paaren: Kämpft zu Wasser, zu Lande und in der Luft, vor allem, falls ihr Kinder habt.“ Liebe muss durch Krisen gehen. Nur so kann sich ein Paar weiterentwickeln. Und dann bieten sich ungeahnte Perspektiven. Die berühmte amerikanische Familientherapeutin Virginia Satir hat das so ausgedrückt: „Du und ich sind ein Wunderwerk, das zu unendlichem Wachstum befähigt ist.“ Und selbst wenn es bei der Trennung bleibt, weil sie sich tatsächlich als die bessere Lösung erweist, wissen beide: Wir haben zumindest alles versucht.

DAS ZÖGERNDE PAAR

Wirklich glücklich ist es nicht (mehr). Der Trennungsgedanke schwebt latent im Raum, ausgesprochen wird er selten. Und wenn, dann erinnert man sich wieder der harmonischen Zeiten – und hofft, dass es noch mal so wird, wie es war. Oder besser. Doch die Beziehung entwickelt sich nicht wirklich – weder in die eine noch in die andere Richtung. Wodurch auch? Um in die gemeinsame Zukunft zu investieren, sind die Zweifel am Gelingen zu groß. Und der Gedanke an Trennung schmerzt unerträglich. Gehen oder bleiben? Tausendmal werden die Alternativen im Kopf durchgespielt. Mal stärker von ihrer Seite, mal mehr von seiner. Doch nichts ändert sich. „Hab Mut zu dir selbst. Folge deinem Gefühl“, rät Dr. Jung. „Trennung macht unendlich viel Angst. Sie ist für uns der zweitgrößte Stressfaktor nach dem Tod. Abschied zu nehmen kostet sehr viel Kraft. Oft hilft es, erst einmal mit Freunden über die Möglichkeit einer Trennung zu sprechen.“ Und vielleicht tröstet auch der Gedanke, dass Bleiben sehr anstrengend sein kann und die Chancen auf einen Neuanfang allmählich schwinden. Dabei könnte der Sprung ins kalte Wasser sehr erfrischend sein. Oder wie sagte Hermann Hesse so schön: „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“

DAS „HOP IN – HOP OFF“-PAAR

Sie trennen sich. Manchmal mit einem Paukenschlag. Um dann zu erkennen, dass ihre Welt ohne den anderen viel ärmer geworden ist. Man versöhnt sich wieder. Das tut gut. Bis zum nächsten Konflikt, der die beiden wieder auseinander treibt. Vielleicht sind sie doch nicht füreinander geschaffen? Sie werden es nie herausfinden, solange sie sich nicht wirklich miteinander beschäftigen. Stattdessen geben sie bei Stress die Beziehung auf, um dann in einer guten Stunde die Versöhnung zu genießen. Dieses emotionale Auf und Ab zehrt an den Kräften und lässt dem Paar keinen Raum, aneinander zu wachsen. „Hier rate ich zur Paartherapie“, sagt Mathias Jung. „Die beiden müssen herausfinden, worin ihr Grundkonflikt besteht. Möglicherweise haben sie ein unterschiedliches Bindungsverhalten. Der eine sucht Nähe, der andere will Distanz. Die Angst vor Nähe ist gerade bei Männern ein Thema.“ Und noch einen Rat hat der Therapeut für die beiden: „Sie sollten mehr miteinander unternehmen. Aus gemeinsamen Erlebnissen schöpfen sie Kraft, um sich an die schwierigen Themen ihrer Beziehung zu wagen.“

DAS VERNUNFTSPAAR

Oft sind sie schon eine halbe Ewigkeit zusammen, haben gemeinsame Kinder, ein schönes Zuhause. Aber in puncto Partnerschaft treten sie auf der Stelle. Es fehlen Leidenschaft und Fantasie, die den Alltag lebendiger machen. Aber vor allem gibt es keine Vision mehr für sie als Paar. Hat so ein Paar Kinder, muss es natürlich besonders gut überlegen, wie eine für alle tragbare Entscheidung aussehen könnte. Nur ihnen zuliebe zusammenzubleiben bringt nichts. Im Gegenteil: „Sie spüren genau, wenn zu Hause etwas nicht stimmt“, sagt Dr. Jung. Eine klare Entscheidung ist deshalb besonders wichtig. „Es ist besser, wenn die Eltern sagen: ‚Wir lieben dich, aber wir kommen als Paar nicht mehr weiter’, als etwas vorzuspielen. Oft hilft es, mit dem Partner einen begrenzten Zeitraum zu vereinbaren, in dem man noch zusammenbleibt. Weil z. B. der Sohn oder die Tochter gerade in den Abiturprüfungen steckt und die Eltern sie nicht noch zusätzlich belasten wollen. Aber nach Ablauf dieser Frist sollte die Trennung realisiert werden. Wird die Entscheidung immer wieder vertagt, werden die Kinder wahrscheinlich nur vorgeschoben, um die Qual des Abschieds zu umgehen.“ Das kommt laut Dr. Jung recht häufig vor. Wer aus diesem Grund zögert, sollte bedenken: Nicht nur Scheiden tut weh, manchmal auch das Bleiben. Und vielleicht schmerzt das auf Dauer sogar noch mehr.

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