26. März 2012
Tipps vom Homocystein-Experten

Tipps vom Homocystein-Experten

Homocystein ist für deutlich mehr Krankheiten verantwortlich. Der Homocystein-Experte Dr. Paul Hudson gibt Tipps für den perfekten Rundumschutz.

Frau mit Luftballon
© jalag-syndication.de
Frau mit Luftballon

Homocystein wird als „das neue Cholesterin“ bezeichnet. Ist das nicht eine Verharmlosung, denn die Konsequenzen zu hoher Homocystein-Werte sind ja vielfältiger und auch dramatischer?
Dr. Paul Hudson: Ich denke, man sollte als Arzt und Patient die Bedeutung beider Substanzen für die Gesundheit kennen. Richtig ist nach jetzigem Kenntnisstand, dass dauerhaft zu hohe Homocystein-Werte deutlich mehr Gesundheitsprobleme verursachen können als zu hohe Cholesterin-Werte. Denn Cholesterin schadet hauptsächlich den Gefäßen und ruft in erster Linie Herzinfarkt und Schlaganfall hervor. Homocystein ist für deutlich mehr Krankheiten verantwortlich.

Warum ist die Bedeutung eines zu hohen Homocystein-Spiegels bisher dann aber so vernachlässigt worden?
Das liegt sicher nicht an der medizinischen Forschung. Sie hat die Gesundheitsgefahr, die vom Homocystein ausgeht, in vielen Studien hinreichend belegt. Es hapert bei den Ärzten und Krankenkassen. Sie setzen die neuen und zum Teil alarmierenden Erkenntnisse zeitlich nicht adäquat in die Praxis um. Ein Grund dafür ist sicher, dass die Kassen die Messung der Homocystein-Werte nicht bezahlen, obwohl es heute unter Wissenschaftlern unstrittig ist, dass ein zu hoher Wert viele Volkskrankheiten mitverursacht. „Besonders ab 40 steigt mit jedem Lebensjahr das Risiko für kritische Homocystein-Werte“

Und welche sind das?
Eine Studie hat kürzlich gezeigt, dass nicht abgebautes Homocystein den Zelluntergang im Gehirn beschleunigen und dazu beitragen kann, dass Demenz und Alzheimer zur Volkskrankheit werden. Mit dauerhaft zu hohen Homocystein-Werten steigt auch das Risiko für Herzschwäche, Infarkt, Schlaganfall, Osteoporose und Augenleiden wie das Glaukom ganz erheblich. Deshalb ist eine frühzeitige Diagnostik so wichtig.

Wie viele Deutsche haben einen zu hohen Homocystein-Spiegel?
Konkrete Zahlen gibt es meines Wissens nicht, da bei Ärzten und Kassen keine Statistiken geführt werden. Aber ich höre von deutschen Kollegen, die regelmäßige Homocystein-Messungen bei ihren Privatpatienten durchführen, dass ab dem 50. Lebensjahr rund 40 Prozent der Patienten und ab dem 60. Lebensjahr ca. 60 Prozent einen kritischen Wert haben. Das liegt daran, dass der alternde Zellstoffwechsel langsamer arbeitet und es immer weniger schafft, aus der Nahrung die notwendigen B-Vitamine zu gewinnen, die einem Zuviel an Homocystein zuverlässig vorbeugen.

Können die Werte bei jungen Menschen unter bestimmten Umständen auch schon einmal steigen?
Ja. Weil die Verarbeitung der B-Vitamine im Stoffwechsel sehr komplex ist, kann zum Beispiel eine Magenschleimhautentzündung den Aufnahmemechanismus in den Körperzellen stören. Sogar schon bei Teenagern. Deshalb rate ich allen Menschen mit chronischen Magen- oder Darmproblemen – auch den jungen –, ihren Homocystein-Wert kontrollieren zu lassen. Diesen Rat gebe ich übrigens auch allen, die chronische Leberprobleme haben, da die Leber bei der Verwertung von Homocystein eine große Rolle spielt.

Müssen Risikogruppen wie zum Beispiel Vegetarier, Veganer oder auch dicke Kinder ihre Homocystein-Werte besonders gewissenhaft checken lassen?
Ja, denn Vegetarier und Veganer haben sehr oft einen Mangel an Vitamin B12 und daher ein mögliches Homocystein-Problem. Das ist leicht zu verstehen, denn Fleisch, Fisch und Eier besitzen nun einmal die höchste Vitamin-B12-Konzentration. Lange Zeit glaubte man übrigens, das Soja-Produkt Tofu würde zum Beispiel ebenfalls reich an Vitamin B12 sein. Das war ein Trugschluss, denn Tofu enthält leider nur eine Substanz, die dem B12-Vitamin chemisch ähnlich ist, im Körper aber nicht seine gesunde Wirkung entfaltet. Zu den dicken Kindern: Sie leben sehr oft von Fertignahrung aus der Mikrowelle. B-Vitamine sterben aber in der Mikrowelle ab, sodass ein Mangel und ein sich daraus ergebendes Homocystein-Problem abgeklärt werden sollte. „Ich rate jedem, seinen Homocystein-Wert ab 45 zweimal im Jahr überprüfen zu lassen“

Homocystein und Ernährung

Sind eigentlich auch Frauen in den Wechseljahren gefährdet?
Ja, es gibt zwischen zu hohen Homocystein-Werten und dem in den Wechseljahren vorkommenden Knochenschwund, der Osteoporose, einen engen Zusammenhang. Und man weiß, dass die im Klimakterium häufig verordneten Östrogene die Aufnahme von B-Vitaminen erschweren können. Beides spricht aus meiner Sicht dafür, gerade in dieser Lebensphase die Werte zu beobachten.

Hilft hier eine ausgewogene Ernährung?
Leider nicht, weil es sehr viele von uns selbst mit bester Bio-Nahrung ab dem 50. Lebensjahr nicht mehr schaffen, ausreichend B-Vitamine aufzunehmen. Daher rate ich bei kritischen Werten zu einem Homocystein-Senker aus der Apotheke.

Schadet Alkohol der Vitamin-Bilanz?
Nein, ich empfehle das Glas Rotwein am Abend sogar, denn es liefert den pflanzlichen natürlichen Anti-Aging-Stoff Resveratrol, der gut für alle Organe ist.

Können Medikamente den Homocystein-Spiegel erhöhen?
Ja, zum Beispiel sogenannte Protonenpumpen-Inhibitoren gegen eine erhöhte Produktion von Magensäure, aber auch Antihistaminika gegen allergische Beschwerden. Bekannt ist auch, dass Antibiotika, die Antibabypille, bestimmte Diabetes-Medikamente und Cortison die Aufnahme von Vitamin B12 reduzieren können.

Bilden sich Schäden, die Homocystein im Körper anrichtet, wieder zurück?
Wir wissen zum Beispiel, dass ein Homocystein-Senker Osteoporose und das Glaukom, auch grüner Star genannt, teilweise zurückbildet und die Gefäße wieder elastischer werden lässt. Sind im Gehirn jedoch bereits Zellen untergegangen, lässt sich das nicht mehr reparieren. Zum Glück haben wir aber mehr Gehirnzellen als nötig und können dafür sorgen, dass die noch vorhandenen dank eines Homocystein-Senkers Funktionen der bereits abgestorbenen Zellen übernehmen.

Im Zusammenhang mit einem zu hohen Homocystein-Spiegel sprechen Sie immer allgemein von den B-Vitaminen, konkret dann aber vom Vitamin B12. Welche anderen Vitalstoffe regulieren den Homocystein-Spiegel im Blut?
Eins vorweg: Bei vielen Ärzten ist leider noch die Auffassung verbreitet, dass eine Einnahme von Vitamin B9 allein, besser bekannt als Folsäure, reicht. Ich lehne dies ab, da Folsäure nach den neuesten Erkenntnissen sogenannte „paradoxe Wirkungen“ auslösen kann. Der Homocystein-Wert steigt dann, anstatt nachhaltig zu sinken. Ich empfehle wie die meisten aufgeklärten Mediziner den patentierten Homocystein-Senker „Synervit“ aus der Apotheke, der neben Folsäure die Vitamine B6 und B12 optimal kombiniert und den Wert aus meiner Erfahrung sicher und nebenwirkungsfrei normalisiert. Es gibt auch Spritzen gegen einen Mangel an B-Vitaminen, die ich aber für nicht so effektiv halte wie einen Homocystein-Senker.

Kann ich Vitamin B6, B12 und Folsäure aus der Retorte auch überdosieren?
Da die B-Vitamine wasserlöslich sind, scheidet der Körper einen Überschuss in der Regel mit dem Urin aus. Insofern ist eine gesundheitsschädigende Überdosierung mit marktüblichen Präparaten meiner Meinung nach nicht möglich.

Gibt es außer Homocystein-Senkern noch andere Therapiestrategien?
Ja, eine neuartige wurde auf dem Welt-Kongress für B-Vitamine vom 5. bis 8. März in Leipzig vorgestellt. Und zwar geht es darum, mit natürlichen Mitteln die Produktion von Magensäure anzuregen und so die Vitamin-B-Versorgung zu erhöhen.

Wird in den Arztpraxen zu selten untersucht, wie es um die Homocystein-Werte eines Patienten steht?
Ja, eindeutig. Ich möchte allerdings betonen, dass die Ärzteschaft mehr kritisiert werden muss als die Krankenkassen. Hätte man die heutigen Erkenntnisse zum Thema Homocystein zu Zeiten gehabt, als es den Kassen wirtschaftlich noch gut ging, wäre der Homocystein-Wert längst als ernsthafter Risikofaktor anerkannt. Sparen halte ich für gut. Aber hier wird am falschen Platz gespart. Denn die Folgekosten durch einen zu hohen Homocystein-Wert sind enorm – denken Sie nur an die immensen Pflegekosten bei älteren Menschen, die in der Folge an Morbus Alzheimer oder einer anderen Demenzform erkrankt sind. „Bewegung und Sport sind zweifellos gesund, beeinflussen aber nicht den Homocystein-Wert“

Sollte der Hausarzt nicht auch häufiger mit dem Patienten über einen Mangel an den Vitaminen B6, B12 und Folsäure reden, der ja offenbar die Hauptursache für zu hohe Homocystein-Werte ist?
Ja, das sollte er. Aber ich muss die Ärzte in Schutz nehmen, denn sie werden bei diesem Thema genauso verunsichert wie die Patienten, da die Gabe von Vitaminen in Deutschland sehr kontrovers diskutiert wird. Es gibt die Gruppe der Experten, die immer noch überzeugt sind, man müsse nur gesund genug essen, um sich täglich ausreichend mit Vitaminen und anderen Vitalstoffen zu versorgen. Und es gibt eine zweite Gruppe, die Jahr für Jahr belegt, dass gerade bei B-Vitaminen ein erheblicher Mangel und damit ein Risiko für die Volksgesundheit besteht. Die erste Gruppe hat mit der Lebensmittelindustrie wichtige Unterstützer. Die zweite Gruppe hat keine Lobby und findet daher auch weniger Gehör.

Kann ich selbst vorbeugen?
Einen wichtigen Beitrag liefert die mediterrane Küche. Besonders reich an den Vitaminen B6 und B12 sind Fischgerichte, die Sie mindestens zweimal pro Woche essen sollten.

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