22. August 2011
Tango-Tanz im finnischen Turku

Tango-Tanz im finnischen Turku

Wer die finnische Seele ergründen will, muss Tango verstehen. Ob in Turku, Europas Kulturhauptstadt 2011, auf einer windumtosten Ostseeinsel oder im Wald: Sobald die ersten Takte erklingen, taut auch der schweigsamste Finne auf, stellte unsere Autorin fest.

Café Pinella Tanzendes Paar
Café Pinella Tanzendes Paar

"Wir Finnen wären längst ausgestorben, wenn wir den Tango nicht hätten!“, ruft mir Kati zu, bevor sie mit ihrem Partner Joonas im Zweivierteltakt über das Kopfsteinpflaster tanzt. Die beiden wiegen sich nach links, biegen sich nach rechts, grazil aneinandergeschmiegt. Katis Haare wehen, ihr bunter Rock flattert, ihre weißen High Heels umtanzen die gemeinen Lücken zwischen den Steinen. Die Gasse verwandelt sich in diesem Moment in eine Bühne, von der Nachmittagssonne in Pastell getaucht. Ich reibe mir die Augen, so schön sieht das aus, dieser Tango in Turku.

Café Art am Fluss Aura
Auf der anderen Seite des Flusses Aura sitzt man entspannt im "Café Art".

Kati wird später noch in einem Café und am Ufer des Flusses tanzen, vielleicht tanzt sie nachts auf einer der vielen Brücken weiter? Möglich wär’s. Denn dies ist Finnland, die zweitgrößte Tango-Nation nach Argentinien, und Turku feiert sich gerade euphorisch als Kulturhauptstadt, vor allem in den hellen Sommernächten, wenn die Sonne kaum noch untergeht.

Kati Koivistos Augen leuchten, als sie erzählt, was Tango bewirkt: „Diese Musik bringt uns dazu, große Dinge zu denken, an Liebe, Sehnsucht, Natur.“ Die 29-Jährige unterrichtet Tango, Cha-Cha-Cha und Humppa, einen finnischen Tanz, der genauso aussieht, wie der Name vermuten lässt. Aber der Tango! Dem verfallen die Finnen seit Generationen. 1913 erklangen die ersten Takte in Helsinki. Die schwermütigen Melodien trafen den Weltschmerz der Finnen, die damals unter der russischen Herrschaft litten.

Frau mit Fahrrad
Die finnischen Frauen kreieren ihren eigenen Look.

Sie fühlten sich endlich verstanden, komponierten eigene Versionen mit mehr Moll, mehr Wehmut. Während es in den argentinischen Texten um Kampf, Rache und Rivalen geht, die man töten will, beklagt der finnische Tango den Verlust der Geliebten und weint ihr mit einem weißen Taschentuch am Strand hinterher. Auch der Tanzstil baut nicht auf Showeffekte, wichtig ist, dass möglichst wenig Luft zwischen das Paar passt. Darum hält sich hartnäckig die These, für die wortkargen Finnen sei der Tango die einzige Chance, Frauen zu beeindrucken. So könnten sie Gefühle zeigen, ohne reden zu müssen. Kati widerspricht: „Das mag früher so gewesen sein. Doch die Männer haben sich weiterentwickelt, und es gibt so viel mehr Gründe für den Tango.“ Der blonde Joonas nickt – und schweigt. Sie zupft ihn am Ärmel, und beide verschwinden auf die andere Seite des Flusses.

Der Aurajoki fließt genau in der Mitte durch Turku. Und immer hat man genau auf der anderen Seite etwas zu erledigen. Links der Dom, rechts die Markthalle, links die Sternwarte, rechts die Designshops. Der ständige Zickzackkurs stimmt mich missmutig. Vorbei an Joggern, Radlern und Restaurantschiffen trotte ich immer weiter, bis ich vor dem weißen Dampfer „Ukkopekka“ stehe. Weil auf einer Tafel „Tanz am Pier“ angekündigt steht, steige ich zu. Auf Deck atme ich durch.

Haus auf Loistokari
Allein, nicht einsam: das einzige Haus auf der Schäreninsel Loikstokari. 

Endlich verstehe ich den Fluss besser, denn ich sehe, wohin er führt: raus auf die Ostsee, hinein in die Schärenwelt mit ihren 20 000 Inseln. Der Dampfer legt auf Loistokari an, keine Insel, eher ein Fels mit einer Hütte drauf. Wegen des strammen Nordostwinds hüllen sich alle Passagiere zum Barbecue dick ein, einige tragen sogar Mütze und Handschuhe. Und doch: Als die Zweimannband einen Tango anstimmt, fängt ein Paar an zu tanzen, dann zwei, dann fünf. Das sieht wegen der dicken Daunenjacken nicht elegant aus, aber die Tänzer strahlen, als wäre Loistokari eine sonnige Insel des Glücks irgendwo im Süden, für die man nur etwas Fantasie braucht – und ein bisschen Tango.

„Lavatanssi“ - finnischer Tanz

Blätterhaus
  Einmalig:der Blick aus dem Blätterhaus.  

Der Turkuer Künstler Jan-Erik Andersson baut sich sein eigenes Phantasialand. Er selbst sei „der wohl einzige Finne, der gut ohne Tango auskommt“. Er wohnt in seinem „Life on a Leaf“-Haus – auf dem Grundriss eines Blattes. Außen sieht es aus wie ein gelbes Spielzeugschiff, das aus Versehen auf die Wiese gekracht ist, innen noch wilder: wellige Wände, knallgrüne Böden, zackige Fensterrahmen. „Erinnerungen, Gefühle und Märchen, alle diese Prägungen stecken hier drin“, sagt Andersson und fügt ernst hinzu: „Nicht wir Menschen gestalten ein Haus, sondern das Haus gestaltet uns. Es wirkt zurück auf die Seele.“ Für das Kulturhauptstadtjahr baute der 56-Jährige mit den kinnlangen Haaren im Kupittaa Park die „Sounding Dome Sauna“, optisch ein knallgelber Mix aus Knoblauch und Kürbis. Sie macht Geräusche während des Aufheizens und Abkühlens: Regenprasseln, Windfauchen, Knistern. Skurril? Kein bisschen, in Turku stehen noch mehr Kunst- Saunen, darunter eine komplett transparente im Zentrum oder die „Sauna Obscura“, die das Schärenmeer vor Turku auf die nackten Körper projiziert, sodass die Unterschiede zwischen Mensch und Landschaft verschwimmen. Ich muss mal raus aus der Stadt, denke ich, raus aufs Land.

Krista dekoriert im Televisio-Shop
Krista dekoriert im Televisio-Shop ein Haarband. Wer aktuelle finnische Modelabel sucht, wird hier fündig.

Also sitze ich abends in Minnas VW-Bus. Minna leitet ein Taxiunternehmen, doch heute hat sie sich freigenommen und zurechtgemacht. Weiße Bluse und rote Lippen für den „Lavatanssi“, den Tanz auf dem Bretterboden. „Ohne Lavatanssi kennst du Finnland nicht“, hatte sie gesagt. Das klang so überzeugend, dass ich bei ihr einstieg. Hunderte solcher Tanzplätze gebe es in Finnland, doch der schönste sei eindeutig in Somero, erzählt Minna. Klar sagt sie das, schließlich stammt sie aus dieser Kleinstadt, 75 Kilometer vor Turku. „So viele Erinnerungen hängen am Lavatanssi. Alles Wichtige passierte dabei, der erste Kuss, Streit, Versöhnung, einfach alles.“ In der Abendsonne fahren wir Richtung Osten, durch Kiefernwälder, vorbei an Flussläufen und Seen. Je näher wir kommen, desto klarer wird, dass Seltsames passiert.

Schallplatten
CD´s? Auf keinen Fall! Echte Fans hören den Tango auf LP - die Plattenläden (z.B. Levyliike kaakko) haben viel zu bieten.


Die Straße füllt sich, aus allen Richtungen strömen die Autos, Radler und Fußgänger, alle pilgern einen Hügel hoch. Oben steht der „Esakallio Pavilion“ mit großen Fenstern und einem astreinen Bretterboden. Hier wird heute Reijo Taipale auftreten, einer der berühmtesten finnischen Tangosänger. 1962 hatte er seinen ersten Hit: „Satuuma“ – „Märchenland“. Das liegt jenseits des Ozeans, wo alles schöner ist, wo eine Geliebte wartet. Aber, typisch finnisch, das alles bleibt unerreichbar. Das Lied wurde 2006 zum zweitschönsten Tango aller Zeiten gewählt. Ich werde wider Erwarten nervös, denn der legendäre Reijo Taipale hat einem Interview zugestimmt. Dafür steige ich in den Keller. Lande in einem kahlen Raum mit zerschlissenen Postern verblichener Tangosänger und einem Gewusel an Leuten. Einer davon ist Harry, ein kleiner Mann mit schwarzem Halstuch. Er würde übersetzen, sagt er wichtig und führt mich in einen kleinen Raum. Da sitzt er, der große Reijo Taipale. 71 Jahre alt, scharf geschnittenes Gesicht. Ich ahne, dass er früher so gut ausgesehen hat, dass in jedem finnischen Teenagerzimmer mindestens ein Poster von ihm hing.
Reijo Taipale
Der Altmeister des Tangos: Reijo Taipale.

Jetzt guckt er grimmig. Das folgende Gespräch geht ungefähr so: Ich frage etwas Kurzes und nicht zu Kompliziertes. Dann spricht Harry fünf Minuten lang in ratterndem Finnisch zu Reijo, der rattert zehn Minuten zurück, rudert mit den Armen, lacht, schimpft. Bestimmt spannend, was er erzählt, trotzdem bekomme ich von Harry jedes Mal nur drei dürre Worte als Antwort. Ja, Reijo Taipale mag „Satuuma“ immer noch. 7000-mal hat er das Lied gesungen. 50 Sommer lang. Vorher war er Holzfäller. Brachte den Leuten die Sonne. Immer wenn ein Baum fiel, wurde es ein Stück heller. Auch „Satuuma“ bringe Sonne, nur eben ins Herz.

Alle jungen Leute sollten Tango tanzen. Sei doch viel einfacher als das moderne Rumgezappel. Und viel intimer. Gerade als es spannend wird, springt Taipale auf, umarmt mich, rattert dreimal „kiitos“, danke. Interview vorbei.

Der Vital-Reiseplaner

Anreise: zum Beispiel mit Finnair (www.finnair.com) ab Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, München, Stuttgart über Helsinki nach Turku ab 260 Euro für Hin- und Rückflug

Übernachten: In einer Jugendstilvilla mit 21 individuellen Zimmern residiert das "Park Hotel". Ab 125 Euro/DZ (www.parkhotelturku.fi). Außen schlicht, innen chic, zentral gelegen: das "Sokos Hotel Hamburger Börs" - die Nummer eins in Turku. Ab 82 Euro/pro DZ (www.sokoshotel.de). Urlaub im "Mökki": Sommerhäuser jeder Größe buchen über http://ferienhaus.visitfinland.com/search

Ausgehen/Shoppen: alles auf www.turkutouring.com. Z.B. das "Café Pinella" (Terrasse mit Flussblick). Oder das "Café Art" mit seinem berühmten Barista. Schallplatten: Levyliike kaakko, Yliopistonkatu 38, www.kaakko.fit, Modedesign: Televisio Lifestyle Store, Hämeenkatu 32, www.turkudesign.com/televisio

"Life on a Leaf": Das Künstlerhaus steht für Gruppen ab 25 Personen (Gesamtpreis: 300 Euro pro Führung) und nach Terminabsprache offen. Kontakt: www.anderssonart.com

"Lavatanssi" in Somero: Termine auf www.esakallio.net

Kulturhauptstadtjahr: alle Events auf www.eskallio.net

Schärenausflug: Lohnt sich! Dank Brücken/Fähren ideal für eine Rundtour. Unterkünfte: www.turkutouring.com, www.saaristo.org

Infos allgemein: übers Fremdenverkehrsamt, www.visitfinland.de

Er schnäuzt in Toilettenpapier und steigt die Holztreppe rauf zur Bühne. Applaus brandet auf. Ich haste hoch in den Saal und komme kaum durch. Massen an Menschen. Junge, Alte, Dicke, Kleine und Große. Schwarz-weiße Pünktchenkleider, rote Satinblusen, glitzernde Haarspangen. Alle kreiseln, schreiten, schweben in eine Richtung. Ich sehe Minna, die Augen geschlossen, eng an einen Mann gedrückt. In Reijo Taipales Stimme bebt noch immer dieser sehnsüchtige Schmelz, leicht zittrig an den richtigen Stellen, sodass alle selig in ihr Märchenland abheben. Nur Harry sieht bedrückt aus. „Eigentlich bin ich auch Sänger. Aber kein berühmter. Soll ich dir trotzdem etwas vorsingen?“ Wenn das ein trauriger Finne an einem Tangoabend fragt, darf man auf keinen Fall ablehnen. Ich folge ihm in den Nebenraum an die Karaoke-Maschine.

Harry kippt noch einen Wodka und schmettert dann Frank Sinatras „New York, New York“. Er singt, als würde er untergehen. Singt gegen den Meister und die Tangoklänge an, die hereinwehen. Als er verstummt, klatscht eine Barfrau. Nebenan jubeln Hunderte Reijo Taipale zu. Harry lächelt wehmütig. Er kennt New York, auch Namibia und Ägypten, 20 Jahre war er weg, glückliche Jahre. Dennoch kehrte er zurück in die Wälder Finnlands. „Was war der Sinndes Ganzen?", fragt er. Langes Schweigen. „Vielleicht der Tango", antwortet er sich selbst. dann verbeugt er sich altmodisch, zieht mich auf die Tanzfläche in den großen Saal. Dabei kann ich das gar nicht. Oder doch? Tatsächlich, wir schweben über den Bretterboden mitten in einem riesigen Karussell aus fliegenden Kleidern, Röcken und Zöpfen. Wie sich das anfühlt? Wie in einem Märchenland, gar nicht weit weg von hier.

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