22. August 2012
Tabus brechen

Tabus brechen

Reden statt schweigen: Lange war es verpönt, über Dinge wie berufliches Scheitern, Krebs oder einen unerfüllten Kinderwunsch zu sprechen. Der neue Trend, Schwächen zuzugeben, entkrampft, erleichtert und macht Mut. Vier Frauen erzählen, wie es ist, die Maske fallen zu lassen.

Frau mit Maske
© thinkstockphotos
Frau mit Maske
Carla Moretti
Carla Moretti

Jahrelang versuchen Carla Moretti, 41, und ihr Mann Martin vergeblich, ein Baby zu bekommen. Nicht einmal gute Freunde des Münchener Paars ahnen etwas – bis es schließlich ein Buch darüber schreibt.

"Ich wünsche mir auch mit 41 noch ein Baby"

Die Partys waren das Schlimmste. Geburtstage, Sommerfeste, Glühweintrinken – plötzlich waren wir im Freundeskreis umgeben von Schwangerschaftsbäuchen, Krabbeldecken, schlummernden Babys in der Tragschale. Oft wurden Martin und ich gefragt: „Habt ihr auch Kinder?“ Ich habe das Thema meistens freundlich, aber knapp beendet. Einfach Nein gesagt und etwas anderes angesprochen. Wehgetan hat es aber jedes Mal.

Das sagt die Expertin

Gabriele Ziegler ist zweite Vorsitzende von Wunschkind e.V., einer Anlaufstelle für Betroffene, Ärzte und Juristen:

„Das Thema ist heute weit weniger tabu als vor 20 Jahren, auch weil Betroffene in die Öffentlichkeit gehen. Das stärkt sie selbst und andere. Trotzdem gibt es noch viele Missverständnisse. Manche bringen eine Kinderwunschbehandlung mit Klonen, Designer-Babys oder 60-jährigen Schwangeren in Verbindung. Andere geben flapsige Kommentare ab wie: ‚Kann dein Mann nicht? Ich schicke dir meinen vorbei!’ Ungewollt kinderlose Frauen müssen außerdem mit beruflichen Nachteilen rechnen, wenn sie sich in Behandlung begeben: Kleinbetriebe haben das Recht, Mitarbeiterinnen wegen der zu erwartenden Fehlzeiten zu entlassen. Ein Unding. Konservative Moralvorstellungen kommen hinzu. Mehr Information und mehr Diskussion über das Thema wären wünschenswert. Schließlich ist der Wunsch nach einem Baby keine egoistische Marotte, sondern völlig legitim.“


Ich war 36, als ich Martin kennenlernte, etwa ein Jahr danach hörten wir auf zu verhüten. Dass es nichts werden könnte mit dem Wunschkind, hatte ich nie in Erwägung gezogen. Schließlich waren viele meiner Freundinnen spät dran, und wir hatten uns immer gegenseitig versichert: Irgendwann schieben wir alle gemeinsam Kinderwagen. Aber ich wurde nicht schwanger. Auch nicht mit medizinischer Unterstützung. Jeden Monat brach wieder eine kleine Welt zusammen. Darüber gesprochen habe ich nur mit meiner besten Freundin. Das war nicht immer leicht, denn sie bekam ein Baby. Bei mir endeten zwei Schwangerschaften mit Fehlgeburten. In Internetforen suchte ich Gleichgesinnte, erschrak über den rauen Ton: Frauen über 35 mit Kinderwunsch werden oft als unverantwortlich und selbstsüchtig bezeichnet.

Der Schritt in die Öffentlichkeit

Dass wir unsere Geschichte veröffentlichten, mit allen Tiefs, Krisen, aber auch den komischen Momenten, war Ermutigung und Verarbeitung zugleich – für uns selbst und für andere. Als das Buch erschien, war es, als hätten wir eine Wasserader angestochen. Selbst gute Freunde sagten auf einmal, dass sie ähnliche Probleme hatten oder ihre Kinder mit medizinischer Hilfe gezeugt worden waren. In einer Zeit, in der Frauen ganz cool über Schönheits-OPs reden, ist diese Verschwiegenheit schon erstaunlich. Mein Mann und ich fühlen uns heute befreit, weil wir so offen zu unserer Geschichte stehen. Und ein neues Projekt hat sich für mich dadurch auch noch ergeben: die Website „lastminutemom.de“. Dort können sich Frauen meines Alters austauschen, ohne angepöbelt zu werden. Das ist zurzeit mein Baby – aber den Wunsch nach einem Kind gebe ich noch lange nicht auf!

Ein Leben mit Brustkrebs

Bei Ilona Kaiser, 52, wurde eine aggressive Form von Brustkrebs festgestellt. Regelmäßig informiert sie Freunde und Bekannte bei Facebook über den Verlauf ihrer Krankheit.

"Fragt mich, wie es mir geht"

Ilona Kaiser
© Sabine Moeller
Ilona Kaiser

Ich brauchte einen Tag. Einen Tag allein, um die Diagnose sacken zu lassen. Brustkrebs! Mein Mann erfuhr es zuerst. Er begleitete mich in die Praxis. Als wir wieder zu Hause waren, rief ich meinen Chef an, dann zwei Freundinnen. Am nächsten Morgen ging ich wieder ins Büro. Und dachte mir noch auf der Fahrt: Ich werde meine Krankheit nicht verschweigen. In dem Verlag, wo ich arbeite, war ich natürlich nicht die Erste mit Brustkrebs. Ich empfand es immer als quälend, wenn die Betroffenen nicht darüber sprachen, Mitarbeiter besorgt tuschelten, jemand lange fehlte, aber niemand wagte nachzufragen. Ich auch nicht.

Zu seiner Krankheit stehen

Deshalb wählte ich einen anderen Weg. Begegneten mir Kollegen im Flur, zu denen ich einen persönliche Draht habe, sagte ich auf die Frage „Wie geht’s?“ einfach die Wahrheit: dass ich Krebs habe und bald operiert werden musste. Manche waren schockiert.

Das sagt der Experte

Dr. Axel Stang, Chef-Onkologe am Asklepios Klinikum Hamburg-Barmbek:

„Mit Krebserkrankungen wird heute offener umgegangen als früher. Wir raten Patienten auch dazu. Allerdings gilt das in erster Linie gegenüber den Menschen, die ihnen nahe - stehen: die Familie, Nachbarn oder Kollegen. Das sind diejenigen, die da sind, wenn es den Patienten schlecht geht, sie Hilfe brauchen. Wer sich dagegen zu sehr auf virtuelle Unterstützung verlässt, die er etwa in sozialen Netzwerken im Internet bekommt, der läuft Gefahr, sich etwas vorzumachen. Natürlich erzeugt es gute Gefühle, wenn viele Leute Genesungswünsche senden. Aber wo sind die, wenn wirklich Not am Mann ist? Als Ergänzung, nicht als Ersatz zum realen Leben, ist das absolut in Ordnung. Ansonsten ist es eine sehr persönliche Entscheidung, wie offen jemand mit Krebs umgeht. Es darf keinen Zwang geben. Entscheidend ist, dass der Patient, so gut es geht, ein normales Alltagsleben weiterführt und sich nicht ständig mit seiner Erkrankung beschäftigt.“

Da merkte ich richtig, wie sie einen Schritt zurückwichen. Aber die meisten reagierten enorm herzlich, schickten mir später Blumen und Postkarten – auch Menschen, die ich kaum kannte. Ich sagte immer klar: „Wenn ihr wissen wollt, wie es mir geht, fragt mich.“ Zuletzt schrieb ich auch bei Facebook über meine Erkrankung. Nicht in allen Details, aber so, dass Freunde wussten, was mir bevorstand. Ich war gerührt von den Reaktionen. Schon auf meine erste Nachricht meldeten sich fast 40 Leute, wünschten mir Glück, Kraft. Das ermutigte mich. Ich stellte Fotos von mir ins Netz – auch welche, auf denen ich keine Haare und keine Kopfbedeckung habe. Dafür bekam ich besonders viele Komplimente. Sicher habe ich auch Angst. Aber so mit dieser Krankheit umzugehen, ist befreiend. Für mich und andere. Eine Verwandte sagte neulich zu mir: „Ich finde es schön, dass ich dich anrufen und einfach fragen kann, wie es dir geht, ohne zu überlegen, ob dir das jetzt recht ist.“ Meine Offenheit hatte auch praktische Vorteile: So vermittelten mir meine Chefs eine sehr gute Klinik, nachdem ich mich in der ersten nicht gut behandelt fühlte. Nur möglich, weil ich gleich die Karten auf den Tisch gelegt hatte. Ich weiß, dass mein Kampfgeist keine Garantie ist für Heilung. Das wäre zu einfach und zu schön. Ich habe immer noch einen schweren Weg vor mir. Aber es tut unglaublich gut zu sehen, wie viele Menschen ihn begleiten.

Bankrott nach vier Jahren

Die gebürtige Engländerin Anne Koark, 49, gründete eine erfolgreiche Beratungsfirma. Doch nach vier Jahren machte sie Bankrott.

„Insolvenz ist doch keine ansteckende Krankheit“

Anna Koark
Anna Koark
Beruflich zu scheitern ist hierzulande ein großes, großes Tabu. Als ich das begriff, lebte ich schon viele Jahre in Deutschland. Diese Einstellung wundert mich bis heute. In meiner Heimat England, aber auch in den USA, ist das ganz anders: Pleitegehen, eine Idee in den Sand setzen ist kein Problem. Hauptsache, der Betroffene berappelt sich und steht auch wieder auf. Vor 13 Jahren gründete ich mein Unternehmen „Trust in Business“, das ausländische Firmen bei Geschäften mit deutschen beriet.
Anfangs lief es hervorragend. Ich gewann einen Existenzgründer-Preis und durfte sogar den kanadischen Premierminister mit seiner Wirtschaftsdelegation in Berlin und München betreuen. Trotzdem war ich nach vier Jahren pleite. Die Anschläge am 11. September 2001 waren verheerend für das Geschäftsklima.

Das sagt die Expertin

Coach Svenja Hofert berät Menschen nach einer beruflichen Niederlage.

„Offenheit ist nicht immer der beste Schachzug. Es kommt auf die Branche an. Deshalb rate ich davon ab, schon in der Bewerbung um einen neuen Job auf einen früheren Konkurs hinzuweisen. Kommt es zu einem Gespräch mit dem neuen Arbeitgeber, kann es aber durchaus richtig sein und sogar für den Bewerber sprechen, wenn er die Karten auf den Tisch legt. Vorausgesetzt, er kann plausibel darlegen, was er aus seiner Niederlage für Konsequenzen gezogen hat. Etwa dass er sich jetzt Geschäftspartner genauer anschaut oder ihm die Erfahrung fehlte. Scheitern als Lernerfahrung sehen und kommunizieren – das wirkt authentisch. Wer sich dagegen nur als Opfer der Umstände sieht, tut sich keinen Gefallen. Was das Thema Arbeitslosigkeit angeht, stelle ich nach wie vor fest, dass sie als Stigma empfunden wird – von Männern mehr als von Frauen, weil männliche Identität stärker an den Job gekoppelt ist. Auch wenn sich Berufsbiografien wandeln und eine jahrzehntelange Tätigkeit für denselben Arbeitgeber seltener wird: Arbeitslos zu werden ist vielen peinlich, und sie versuchen, es anderen gegenüber zu verheimlichen.“


Da ich privat haftete, wurde ich gepfändet bis aufs Existenzminimum, verlor alles, was ich hatte. Fast genauso schlimm fand ich, wie sich danach manche Unternehmer mir gegenüber verhielten. Wenn ich zu Branchentreffen ging und erzählte, ich sei pleite, reagierten einige, als hätte ich eine ansteckende Krankheit. Offenbar gehört es sich in Deutschland nicht, übers Scheitern zu sprechen. Ich merkte aber auch, dass sich viele nach einem anderen Umgang mit dem Thema sehnten.

Die Erklärung

Ich schickte damals an hundert Journalisten eine E-Mail, in der ich die Umstände meiner Pleite erklärte. Der Text wurde mehrfach veröffentlicht. Daraufhin bekam ich mehr als tausend Briefe von Menschen, die mir dafür dankten, dass ich dieses heiße Eisen endlich anpackte.
Dadurch fand ich etwas, für das ich seither kämpfe: für Menschen, die beruflich etwas wagen, straucheln und eine zweite Chance verdienen – kein Rechtssystem, das zehn Jahre braucht, bis eine Insolvenz abgewickelt ist.
Als ich mein erstes Buch darüber schrieb, auf dem Cover mein Name und mein Gesicht, waren manche Freunde und Kollegen entsetzt. Sie dachten, ich schösse mir damit ein Eigentor. Aber ich wollte den Weg nach vorne gehen.
Mittlerweile hat sich die Sichtweise in Deutschland ein bisschen geändert – aber noch nicht genug. Es gibt immer noch Leute, die sich bei Kongressen heimlich und anonym in meine Vorträge über Insolvenz schleichen, weil sie nicht damit in Verbindung gebracht werden wollen. Trotz meiner gemischten Erfahrungen kann ich nur jedem raten, mit beruflichem Scheitern offen umzugehen. Sich nicht zum Opfer zu machen, über das andere reden, sondern selbst den Zeitpunkt zu bestimmen, wann man was öffentlich macht. Die Regie im eigenen Film übernehmen, so gut es geht. Das hat mich stark gemacht.

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