14. Juni 2012
Suchtpotenzial Internet

Suchtpotenzial Internet

Das Internet eröffnet eine Welt, die vielen besser scheint als die Realität. Das hat enormes Suchtpotenzial. Die Fakten, der Fall eines Netz-Junkies – und wie Sie sich schützen können.

Frau, Computer
© thinkstockphotos
Frau, Computer

Ginge es noch ohne? Ohne Google, Wikipedia, Facebook oder Twitter, ohne Social Games wie „FarmVille“? Briefe statt E-Mails, Telefonzelle statt Handy, Banktermin statt Online-Konto? Kaum noch vorstellbar. Wer heute nicht ständig und überall online mitmischt, gilt zunehmend als Außenseiter.
Zwar warnen ein paar Mahner, dass ständige Erreichbarkeit zu sehr stresst. Doch aktuelle Zahlen des Branchenverbandes BITKOM sprechen für sich: In Deutschland wird jeder der 51 Millionen Internetanschlüsse täglich im Schnitt 140 Minuten genutzt. Mehr als jeder vierte Bundesbürger besitzt mindestens zwei Mobiltelefone. Facebook hat hierzulande mittlerweile 22,1 Millionen Mitglieder. Pro Minute wird eine Stunde Videomaterial auf die Plattform YouTube hochgeladen, und das weltweite Publikum guckt dort täglich mehr als vier Milliarden Videos.
„Jeder trägt heute seine persönliche Medienwelt mit sich herum“, sagt Gabriele Farke. Bereits 1998 gründete die gelernte Industriekauffrau in Buxtehude bei Hamburg den Verein „Hilfe zur Selbsthilfe bei Onlinesucht“, kurz HSO. Da zählte das World Wide Web junge neun Jahre, es gab weder soziale Netzwerke noch Online-Rollenspiele. Trotzdem verfiel die heute 56-Jährige der neuen Art der Kommunikation. „Was habe ich zwischen ‘96 und ‘98 gechattet! Stundenlang. Die Zeit gibt einem keiner zurück“, erzählt Farke ohne Selbstmitleid.
Den Begriff Internetsucht kannte in Deutschland damals niemand. So entstand HSO e.V. „Am Anfang hatten wir bei Veranstaltungen kaum Publikum“, bilanziert Farke nüchtern. „Heute kommen regelmäßig 800 bis 1000 Leute.“ Das freut sie, doch „Online-Sucht ist ein drängendes Problem. Insgesamt passiert noch zu wenig und vieles zu halbherzig.“ In den 14 Jahren, die sie schon für HSO arbeitet, hat sie von Hunderten Familien erfahren, die an der Online- Sucht zerbrochen sind: „Mit professioneller Hilfe hätten sie es vielleicht geschafft.“

Frau, Computer
© thinkstockphotos
Frau, Computer

Wenig Therapiemöglichkeiten

Doch die findet sich in Deutschland nur vereinzelt: Weil die Krankenkassen Internetabhängigkeit bislang nicht als Krankheit akzeptieren, bieten nur wenige Kliniken und Therapeuten eine Behandlung an. Unklar ist auch die Höhe des Bedarfs.
Eine erste Studie der Universitäten Greifswald und Lübeck ergab, dass von 1000 Deutschen 15 internetabhängig sind. Andere Analysen kommen auf bis zu 50. „Aber die Experten streiten ja noch, ob das überhaupt eine Sucht ist und ob sie Ursache oder Folge einer anderen psychischen Krankheit ist“, kritisiert Farke.
Die Folge: Je nachdem, wen oder wonach die Forscher fragen, ändern sich die Zahlen. „Da kann man streiten ohne Ende“, ärgert sich Farke, „den Betroffenen hilft das nicht weiter.“ Dabei belegen seriöse Studien inzwischen, dass eine Online-Sucht die sogenannte weiße Substanz im Gehirn schädigt. „Abhängige Internetnutzer zeigen zudem das gleiche Verhalten wie Abhängige von stoffbezogenen Süchten“, so Prof. Bernhard Croissant, Chefarzt der Christoph-Dornier-Klinik für Psychotherapie in Münster, eine der wenigen, die Hilfe bietet.

Onlinesüchtige leiden unter Entzug wie Alkoholiker. Erfinden Ausreden wie Glücksspielsüchtige, wenn sie kritisiert werden. Müssen ihre tägliche Dosis wie Heroinabhängige fortwährend erhöhen, um noch den gleichen Effekt zu erzielen. „Wir sehen bei Internetabhängigen außerdem oft eine Abspaltung des Körpers“, ergänzt Dr. Thomas Fischer, Chefarzt der AHG Klinik für Psychotherapie in Lübstorf, einer weiteren Anlaufstelle. „Er wird im Netz nicht benötigt und vernachlässigt.“
Die Betroffenen waschen sich nicht mehr, ignorieren Hunger und Durst. Florian Brand (Name von der Redaktion geändert), etwa 1,80 Meter groß, wog am Ende noch 62 Kilo. „Ich aß nicht mehr, redete mit niemandem, bezahlte die Miete nicht mehr. Ich habe nur noch gespielt und geschlafen“, erzählt der 27-Jährige. „Sehen Sie sich das an.“ Er streckt die linke Hand aus. Der kleine Finger ist nach außen gewölbt – von den immer gleichen Bewegungen auf der Tastatur. Mit elf fängt Brand an, „Ego-Shooter“ zu spielen, bei denen es schlicht darum geht, mit allen möglichen Waffen Mitspieler und Monster zu bekämpfen.

ADRESSEN & BÜCHER

AHG Klinik Schweriner See Am See 4, 19069 Lübstorf, Tel. 0 38 67/90 00, www.ahg.de

Christoph-Dornier-Klinik Tibusstraße 7–11, 48143 Münster, Tel. 02 51/4 81 00, www.c-d-k.de

Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Untere Zahlbacher Straße 8, 55131 Mainz, Tel. 0 61 31/17 60 64, www.verhaltenssucht.de

Hilfe zur Selbsthilfe für Onlinesüchtige und deren Angehörige (HSO e. V.), Kottmeierstraße 12, 21614 Buxtehude, Fax 0 41 61/86 59 53, www.onlinesucht.de

„Lost in Space“ – Beratung für Internet- und Computerspielabhängige, Wartenburgstraße 8, 10963 Berlin, Tel. 0 30/66 63 39 59, www.caritas-berlin.de

„Gefangen im Netz?“ von Gabriele Farke, Verlag Hans Huber, 152 Seiten, 17,95 Euro

„Medialität und Verbundenheit“ von Bertte Wildt, Dustri Verlag, 384 Seiten, 35 Euro

„Leben online“ von Maike Wörsching, VDM Verlag, 148 Seiten, 49 Euro

Mit 14 hat er einen eigenen Internetanschluss. „Mein Vater verkaufte damals Computer. Wir hatten immer die neueste Technik zu Hause“, erzählt Brand. In der Schule fühlt er sich als Vorreiter.
Zwei Jahre in Folge tritt er bei einem Wettkampf gegen 350 andere „Ego-Shooter“ an. Beide Male gewinnt er. „Das erste Erfolgserlebnis, das ich mir selbst erarbeitet habe“, sagt Brand. So beginnt sein Weg in die Sucht. „Ich hatte Alternativen, hab z. B. Comics gezeichnet. Prompt überschüttete mich meine Mutter mit Stiften und Büchern, und ich hatte das Gefühl, dass sie mir etwas wegnimmt“, sagt er rückblickend. „Aber den Computer hatte ich für mich allein.“
Immer länger sitzt Florian Brand davor, immer seltener kommen seine Eltern an ihn heran. Riesenkrach, als er das Abitur nicht schafft. Während seiner Ausbildung zum Hotelfachmann hat er keinen Internetanschluss. Claudia und Klaus Brand, die Eltern, hoffen, dass es besser wird. „Danach kam er zwei Jahre zur Luftwaffe. Da dachte ich: Jetzt findet er seine Richtung“, erinnert sich Florians Vater. Was er nicht ahnt: Sein Sohn hat auf der Stube einen internetfähigen Computer. Sogenannte LAN-Partys, bei denen die Soldaten über ein Netzwerk gegeneinander antreten, sind an der Tagesordnung. „Wir haben ,World of Warcraft’ gespielt“, erzählt Florian Brand, „die Vorgesetzten fanden das okay.“ „World of Warcraft“ (WoW) ist ein Online-Rollenspiel, das weltweit mehr als zehn Millionen zahlende Abonnenten spielen. Das beschert der Firma Blizzard Entertainment jährlich über eine Milliarde Dollar Umsatz. Sie ermutigt ihre Kunden, in der Fantasiewelt „Azeroth“ so zu sein, wie sie im wahren Leben vermeintlich nicht sein können. Je länger sich ein Nutzer online bewegt, desto erfolgreicher wird er.
WoW endet nie. Es wartet immer eine neue Aufgabe, die es noch zu bewältigen gilt. „Ich kann es nicht beweisen. Aber ich bin mir sicher, dass die Entwickler des Spiels von gewieften Psychologen unterstützt werden“, sagt Gabriele Farke.

Fantasiewelten – ein Teufelskreis

Florian Brand verfällt den subtilen Mechanismen. Am Ende spielt er 20 Stunden täglich. Zwei Freundinnen verlassen ihn deshalb, er bricht seine Ausbildung ab, wird arbeitslos. Doch je mehr Probleme durch das Online-Spielen entstehen, desto öfter flüchtet Florian Brand in die Fantasiewelten – ein Teufelskreis. „Das war wie nach Hause kommen“, sagt der Mecklenburger. „Da konnte ich mich fallen lassen.“
In seiner Wohnung stapelt sich Müll. Er geht nicht mehr ans Telefon. Den Tiefpunkt wird seine Mutter wohl nie vergessen. Mit Tränen in den Augen erzählt sie: „Wir ließen Florians Tür aufbrechen, die Amtsärztin war dabei. Florian war ganz, ganz dünn. Wir saßen nebeneinander und er sagte: ,Ich sehe keinen Lebenssinn mehr.‘“ Die Eltern beantragen eine gesetzliche Betreuung. Florian Brand stimmt zu. Er weiß, dass er Hilfe braucht. Sechs Monate später beginnt er seine zwölfwöchige Therapie in der Klinik von Dr. Thomas Fischer.
Er hat alle Spiele auf seinem PC gelöscht, will in einen Volleyballverein eintreten und im Sommer an die Fachhochschule. Er will es schaffen. Es wäre weltfremd zu fordern, das Internet abzuschalten, um solche Fälle zu verhindern. Anders als bei Alkohol ist bei Online-Sucht totale Abstinenz unmöglich.
„Medien sind in der heutigen Zeit nicht mehr wegzudenken“, sagt Prof. Croissant. „Aber der angemessene Umgang mit ihnen muss erlernt werden. Die Medienkompetenz muss bereits im Elternhaus ein Thema sein.“ Als Florian Brand während der Therapie übers Wochenende in seine Wohnung zurückkehrt, droht der Rückfall. Der Druck ist einfach zu groß. Doch er flüchtet nicht in seine Fantasiewelt, sondern ruft seinen Vater an. „Das hast du gut gemacht“, bricht es aus Klaus Brand heraus. Er gibt seinem Sohn einen freundschaftlichen Klaps auf den Oberschenkel. Es ist vorbei.

Haben Sie das Gefühl, langsam die Kontrolle über Ihren Internet- Konsum zu verlieren? Steuern Sie gegen, und zwar so:

  • Entfernen Sie Ihren Computer aus dem Wohnbereich.
  • Drehen Sie den Bildschirm so, dass Sie nicht ständig darauf schauen können.
  • Erstellen Sie einen Tagesund Wochenplan, wann Sie ins Internet gehen.
  • Sprechen Sie Ihr Problem offen an. Bitten Sie Ihre Familie, Freunde und/oder Kollegen, Sie zu unterstützen.
  • Suchen Sie sich ein neues Hobby oder frischen Sie ein altes auf (z.B. Sport, Fotografieren).
  • Schreiben Sie Ihre „Suchtgeschichte“ und Ihr Internetverhalten möglichst genau auf.
  • Stellen Sie sich folgende Frage: Was finden Sie (angeblich) im Internet, was Ihnen im realen Leben fehlt?
  • Verabreden Sie sich – offline, nicht online.
Lade weitere Inhalte ...