13. Mai 2014
Sprung ins Leben

Sprung ins Leben

Klar, Spontaneität erfordert Mut. Doch wer es wagt, Netz, doppelten Boden und fertige Pläne auch mal zu ignorieren, bekommt viel zurück. Vom Finden, ohne zu suchen: vital-Autorin Kristin Rübsamen über das Leben nach dem Zufallsprinzip.

Frauen lachen auf einem Feld
© Thinkstock
Frauen lachen auf einem Feld

Auf den ersten Blick bin ich genau die Richtige, um große Reden über Spontanität zu schwingen. Ich habe meine erste Tochter jung und sorglos, geradezu spontan bekommen – ohne Elterngeld, ohne Arbeitsplatzgarantie, ausgestattet lediglich mit der alten Babykommode meiner Großmutter, von der schon der weiße Lack abblätterte. Nach der Geburt der zweiten Tochter zogen wir nach New York, dann nach Berlin, dann nach London und wieder zurück nach Berlin. Kurzum: Ich bin ein unternehmungslustiger, spontaner Mensch. Phlegma kann man mir nun wirklich beim besten Willen nicht nachsagen. Einerseits.

Gewohnheiten im Alltag ablegen

Andererseits habe ich über die Jahre hinweg jedoch Gewohnheiten angenommen, die einen gewissen Zwangscharakter aufweisen. So trinke ich jeden Morgen wortlos literweise Tee am Schreibtisch – und wehe, jemand (zum Beispiel mein Mann) schmettert mir „Guten Morgen. Gut geschlafen?“ entgegen. Ich biete in seinem alten grauen Morgenrock keinen hübschen Anblick, abweisender kann man nicht Tee trinken, und dennoch muss ich jeden Tag die Hürde dieser Frage nehmen. Danach arbeite ich – und wehe, es klingelt an der Tür. Mittags übe ich Yoga und wehe ... Abends wiederum stehe ich aufgekratzt und etwas verloren ganz allein vor der Spülmaschine in der Küche, weil alle anderen längst ins Bett gegangen sind. Ich sehe aus dem Fenster hinunter auf die dunkle Stadt und höre die munteren Stimmen derjenigen, die in eine der Bars auf der Torstraße gehen. Niemand ruft mich an, denn jeder weiß: Die geht sowieso nicht mit. Es genügt doch, mir auszumalen, wie es wäre, würde ich mich verteidigen.
Spontanität klingt für mich nach Sommer, Fahrradfahren, Balkonpartys und nächtlichen Badeausflügen. Sicher finden irgendwelche Wissenschaftler auch bald heraus, dass Spontanität gut gegen Arterienverkalkung ist und absolut glutenfrei. Warum tun wir uns also so verdammt schwer damit? Vielleicht liegt es daran, dass die immense Flut der Anforderungen, die unsere Gesellschaft an uns stellt (völlige Mobilität, ständige Verfügbarkeit, permanente Selbstoptimierung), zur Folge hat, dass wir – nach außen hin total beweglich – tatsächlich ängstlich an unseren lieb gewonnenen Gewohnheiten festhalten. Weil sie das Einzige sind, auf das Verlass zu sein scheint.

Freiheit leben und genießen

Spontaneität hat etwas mit Bauchgefühl zu tun, dem untrüglichen Indikator für die Authentizität unserer Emotionen. In unserer Sehnsucht nach Spontaneität steckt die Sehnsucht nach wahren Gefühlen, sonst würden nicht so viele Leute „spontan“ in Las Vegas heiraten. Neulich war mein Vater zu Besuch in Berlin (86 Jahre alt, ein gelähmtes Bein, eine Inspiration an Geist und Witz). Was ihm an körperlicher Beweglichkeit fehlt, macht er spielend durch seinen schnellen Verstand wett. Wir fuhren herum, beschäftigten uns vergnügt mit der Völkerschlacht von 1813 und alles lief planmäßig. Nur am letzten Tag, als ich seine Sitzplatzreservierung für den Zug zurück nach München kaufen wollte, wurde er ärgerlich: Er wollte auf dem Rückweg spontan einen Stopp in Leipzig einlegen (Völkerschlacht-Ausstellung! Völlig andere Zugverbindung!!).
„Aber warum denn nur? Und wer soll bitte schön deinen Koffer tragen?“, fragte ich, dachte an meine Mutter, die sich Sorgen machen würde, und malte detailreich aus, was alles passieren könnte. Er ließ es schließlich uns zuliebe bleiben und fuhr etwas geknickt nach Hause. Ich fühlte mich wie eine Spielverderberin am nächsten Tag und bereute es, so hart gewesen zu sein. In der Zeitung stand kurze Zeit später, dass in Ägypten ein neues Gesetz erlassen wurde, welches spontane Demonstrationen verbietet. Menschenrechtler kritisierten, dass es einen herben Rückschlag für die Meinungsfreiheit darstelle. Wenn Spontaneität etwas mit Freiheit zu tun hat, dann muss ich das auch versuchen, beschloss ich. Seitdem arbeite ich daran, in meinem Leben mehr Platz für Freiheit allgemein und Überraschungen im Besonderen zu schaffen. Denn darum geht es ja letztlich im Leben: das Risiko einzugehen, auch mal unangenehm überrumpelt zu werden. Aber ach, es ist entsetzlich schwer!
Neulich ließ ich meine Yogastunde einfach sausen und ging stadessen schweren Herzens spazieren. Ein anderes Mal besuchte ich weit nach Mitternacht eine schicke Vernissage bei mir um die Ecke. Neben mir stand eine ältere, leicht verwahrloste Frau, die einen Dackel auf dem Arm trug. Die Frau klammerte sich an den Hund, der großen Erfolg bei den Gästen hatte. „Er geht gern unter Leute“, sagte sie in die Runde, ohne jemanden anzuschauen. Mittlerweile gelingt es mir tatsächlich, an einem schönen Tag einen Espresso zu trinken, obwohl ich mir Koffein schon vor Jahren abgewöhnt habe. Mir ist aufgefallen, dass ich andere Dinge denke und sage, wenn ich etwas Spontanes unternehme, und manchmal, wenn mich die Leute höflich irritiert ansehen, ergibt es anscheinend wenig Sinn. Wenn es wieder mal keinen Sinn ergibt, sage ich mir zum Trost, dass der Demokratisierungsprozess in Ägypten schließlich auch eine langwierige Angelegenheit ist und alles eben seine Zeit braucht.
Meine Mutter übrigens wurde gerade in einem Outlet in Turin gesehen, wohin sie kurz entschlossen reiste, um eine meiner dort lebenden Schwestern zu überraschen. Ich weiß gar nicht, ob sie sich etwas gekauft hat, aber die Reise war ein großer Erfolg.
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