3. März 2010
Serviceoase Deutschland

Serviceoase Deutschland

Ob Verkäufer oder Tankwart – alle werden immer netter. Bis man ihnen nichts mehr abschlagen kann. VITAL-Kolumnistin Verena Carl fällt zwar auch darauf herein, freut sich aber trotzdem darüber und stellt fest, dass positive Energie auf einen selbst zurückfällt.

Serviceoase Deutschland
© jalag-syndication.de
Serviceoase Deutschland

Wir Journalisten sind auch nur Menschen. Statt dem Leben jeden Tag neue, spannende Geschichten abzulauschen, beißen wir uns immer wieder an unseren Lieblingsthemen fest. Eines davon hört auf den Namen „Servicewüste Deutschland“. Kein Monat, ohne dass Verbrauchersendungen einen Testkunden zum Waschmaschinenkaufen schicken und empörte Berichte von der Einzelhandelsfront funken. („Verkäufer weiß nicht mal, was eine Waschmaschine ist!“). Fehlt nur noch, dass Günter Wallraff sich am Samstagmorgen als Brötchenkäufer verkleidet und ein Buch darüber schreibt.

Dabei ist aus der Servicewüste längst eine Oase mit Ziergärtchen geworden. Das heißt: Der Waschmaschinenverkäufer schickt einen zwar immer noch mit unbestimmter Geste zum Kollegen da hinten, wenn man etwas von ihm will. Aber er wünscht einem anschließend einen wunderschönen Tag, ein entspanntes Wochenende, einen zauberhaften Nachmittag – früher haben Verkäufer so etwas nicht gesagt. Sondern einfach nur „Auf Wiedersehen“. Was ja auch schon ein frommer Wunsch ist. Wie märchenhaft müsste das Leben sein, wenn all die guten Wünsche zum Shopping-Schluss Wirklichkeit würden! Und wie viele liebe Bekannte man hat, seitdem sie alle unauffällig den Namen auf der EC-Karte lesen: „Einen wunderschönen Donnerstagnachmittag noch, Frau Carl!“

Thekenkraft als beste Freundin

Natürlich funktioniert diese Masche. Und wie. Wenn sich die Thekenkraft plötzlich wie meine beste Freundin benimmt, kann ich ihre gut gemeinten Ratschläge nicht mehr so leicht ignorieren. Und natürlich darf’s ein bisschen mehr sein. Nicht nur zwei Scheiben Bio-Bärchenwurst, auch das ein oder andere Ausgeh-Hängerchen. Ein besonders gemeiner Boutiquen-Satz: „Ich kann Ihnen das gern schon mal in die Kabine hängen!“ Nettes Angebot, aber mit doppeltem Boden. Oder trauen Sie sich, einen Laden mit null Cent Umsatz zu verlassen, wenn die Verkäuferin Ihnen so liebevoll zehn Teile am Haken drapiert hat – wie eine Mutter, die ihrer Tochter ein Kindergeburtstagskleid aussucht? Ich muss dann mindestens sieben probieren. Und zwei kaufen. Alles andere wäre herzlos.

Auch der gut sortierte Weinfachhandel hat seine Tricks: die Kunden erst mit Probeschlückchen anschickern und ihnen dann eine Kiste Grand Cru verhökern. Wahrscheinlich könnte man den Kaufvertrag in nüchternem Zustand anfechten. Will man aber nicht. Schade um den schönen Wein. Und dann gibt es noch diesen Typ von Verkäuferin, die man wirklich gern zur besten Freundin hätte. So wie diese Bäckerin, die ich vor ein paar Monaten traf. Im strömenden Regen saß ich auf den Stufen vor ihrem Laden und stillte meinen Sohn, während meine Tochter danebenstand und nölte. Zwei Minuten später ging die Tür auf, und die Bäckerin kam mit zwei Keksen heraus. Einen für mich, einen für Helen. Dabei hatte ich dort noch nie eingekauft. Nicht mal eine Laugenbrezel fürs Kind. Wäre der Laden nicht 500 Kilometer von zu Hause entfernt, ich würde niemals mehr woanders Brötchen holen.

Was lernen wir daraus? Positive Energie fällt auf einen selbst zurück. Für diese Erkenntnis muss man nicht der Dalai-Lama sein. Vielleicht sollte ich mir davon doch die ein oder andere Scheibe abschneiden. Vielleicht so: Liebe Leserin, ich wünsche Ihnen, dass Sie immer jemanden finden, der Ihnen einen Keks schenkt, wenn Sie einen brauchen. Ich wünsche Ihnen ein gut gefülltes Weinregal (Tee tut’s auch). Und natürlich einen wunderschönen Februar.

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