31. Dezember 2010
Schneecamp in den Alpen

Schneecamp in den Alpen

Märchenhafte Winterlandschaften ganz pur erleben – das wünschte sich VITAL-Redakteurin Monika Dittombée und meldete sich zu einem Schneecamp in den Alpen an, inklusive Übernachten im Zelt. Ein heißkaltes Abenteuer…

Husky - Schlittenhunde
© jalag-syndication.de
Husky - Schlittenhunde

Von Winterromantik habe ich eine ziemlich konkrete Vorstellung: tanzende Schneeflocken, tropfende Eiszapfen, Puderzuckerbäume. Ein kleiner Spaziergang, der rosige Frische auf den Teint zaubert, während ein Becher Glühwein die klammen Handschuh-Finger wärmt. Und die Krönung: ein heißes Vollbad mit duftenden Schaumbergen am Ende eines frostigen Tages.

DER VITAL-REISEPLANER

Ankommen: zum Beispiel mit TUIFly ab Berlin-Tegel, Hamburg, Köln/Bonn nach Memmingen/Allgäu, ab 29 Euro pro Strecke und Person (inkl. Steuern und Gebühren). Schneecamp: Aufstieg, Aufbau, 1 Übernachtung im Zelt oder Iglu mit Guide und Husky-Team: pro Person 195 Euro (max. 16 Personen), inklusive Zelt, Survival-Equipment und Verpflegung. Schlafsäcke und Schneeschuhe sind gegen Gebühr ausleihbar. Zusätzlich buchbar: Schnupperkurse im Snowbiken, Nordic Cruising oder Schneeschuhwandern in Oberjoch, ab 45 Euro. Termine: 14./15. 2.2009, 21./22. 2.2009 und 4./5. 4.2009. Anbieter: Allgäu Natours, Keselstr. 1 a, 87435 Kempten, Tel. 08 31/5 23 27 58, www.allnatours.de


„Stirnlampe“, „Schneeschaufel“ und „eine halbe Rolle Toilettenpapier“ gehörten bisher definitiv nicht ins Repertoire meiner Fantasien. Genau diese Dinge stehen nun aber auf der Ausrüstungsliste für das „Wintercamp mit Schlittenhunden“. Das lässt schon ahnen, dass dieses Wochenende kein Spaziergang wird. Eher ganz das Gegenteil: ein etwas anderes Wellness Programm für verwöhnte Großstadtseelen wie mich, die sich dennoch gern auf etwas Neues einlassen und ihre Grenzen austesten wollen: Wie viel Natur hält man eigentlich aus? Wie wenig Komfort darf es sein? „Wer richtig in den Winter eintauchen will, muss ein Schneecamp mitgemacht haben. Mehr Natur geht nicht“, hat Norbert Schehle gesagt, der diese Camps für all jene veranstaltet, die nicht unbedingt nach Lappland reisen wollen, um sich wie ein Polarforscher zu fühlen. Höhepunkt der Expedition im Allgäu: die Übernachtung im Zelt oder im Iglu auf 2000 Meter Höhe. Donnerwetter – wenn das nichts ist, worauf man hinterher ein wenig stolz sein darf!

Doch der Gipfel muss erst mal erobert werden. Morgens steht unsere Gruppe am Fuße des Ifen im Kleinwalsertal – alle zwischen 19 und 59 Jahren, vom blutigen Schneecamp-Anfänger bis zu den Grönlanderprobten Guides. Wir haben die Wahl: gleich bergauf stapfen oder ein Stück mit dem Sessellift abkürzen. Fotografin Andrea und ich entscheiden uns für die sanfte Lift- Variante, während die Guides mit Tourenski bergauf fahren. Was mir zunächst Rätsel aufgibt. Bergauf mit Ski? Aber, klar, das sind Schneemenschen, geboren und aufgewachsen in den Bergen – andere Wesen eben! Wir dagegen schaukeln über Baumspitzen, sehen weiße Gipfel, tiefe Täler, in der Ferne die Silhouette eines Skifahrers. Ja, diese Bilder passen in meine „Heidi“-Träume. Ach, die Berge! Sollte man sie nicht viel öfter erobern? Die Fahrt ist schnell vorbei. An der Mittelstation treffen wir die Guides wieder, die uns in die Schneeschuh-Technik einweisen. Kinderleicht: überstreifen, festschnallen, im Entengang losstapfen. Geschwindigkeitsrekorde wird man sicher nicht brechen, aber darum geht es auch nicht. Wir wollen uns ja langsam mit dem Berg anfreunden, frische Winterluft atmen, entschleunigen.

Psychische Grenzen

Psychische Grenzen

Doch nach etwa 200 Meter Bergauf-Stapfen geschieht Unerklärliches: Mein Atem wird knapp, das Gesicht ganz heiß, die Beine so schwer, als gehörten sie nicht mir, sondern einem ausgewachsenen Eisbären. „Nicht jammern – schau die Puderzuckerbäume an“, befehle ich mir, Norberts Worte im Ohr, der auch „psychische Grenzen“ erwähnte. Jetzt ahne ich, was er meint. Mich tröstet nur der Gedanke, dass andere Menschen viel größere Herausforderungen meistern. Wie mag es erst jenen ergehen, die wochenlang durch Schnee stapfen? Schließlich beruht das Konzept des Winterbiwaks darauf, dass Menschen, die arktische Expeditionen planen, vorab testen können, wie sie „in extremen Situationen reagieren“. Für mich steht jetzt schon fest: Der Nordpol muss warten – das Allgäu reicht. Gefühlte Stunden später rauscht aus der Ferne ein roter Punkt heran, wird größer. Es ist Norbert, vom Gipfel kommend. Schon sein Gesicht verrät die schlechten Nachrichten: „Zu viel Nebel, Sichtweite unter zehn Metern. Zu gefährlich!“

Dann eben kein Gipfel. Große Enttäuschung bei den anderen, bei mir eine geheime Hoffnung: Haben wir nun Pause? Fällt das Camp womöglich ganz aus? Die Wanne mit den Schaumbergen – oh, sie wartet schon! „Wir gehen runter auf 1300 Meter“, ruft Norbert jetzt leider und lässt meine Illusion binnen Nanosekunden in unzählige Schneekristalle zerplatzen. Auf dem Weg nach unten denke ich etwas wehmütig an gestern, als wir zur Vorbereitung auf das Camp einen „Winter-Aktivtag“ in Oberjoch einlegten, um unsere Fitness zu trainieren. Dabei lernten wir auch Snowbikes kennen: gelbe Gefährte, die aussehen wie Fahrräder, nur mit Kufen statt Rädern. „Schau den Berg an“, wiederholte Guide Anita wie ein Mantra. Nur durch Drehen des Kopfes kann man das Bike lenken, sehr bequem zum Carven und Cruisen. Ganz nebenbei kippte ich auch zweimal samt Snowbike vom Schlepplift. Aber so ist es eben: Kleine Abstürze gehören dazu – Hauptsache, man steht wieder auf.

Die zweite Lektion des gestrigen Tages klappte dafür umso besser: Langlauf auf sanft geschwungener Strecke, die Ski surrten wie von selbst durch die gespurten Loipen, fast schwerelos, reine Meditation. Heute müssen wir für unser Winterglück etwas mehr tun. Endlich erreichen wir unseren „Schlafplatz“, ein Plateau auf 1300 Meter Höhe, umrahmt von düsteren Tannen. „Da ist einfach mal nichts, kein Wasserhahn, kein Strom – nichts. Das ist die Herausforderung!“ Norbert klopft mir auf die Schulter. Dieses „Nichts“ fühlt sich im ersten Moment sehr klamm an. Hier sollen wir uns niederlassen? Essen? Schlafen? Was für ein Gegensatz zur gewohnten Behaglichkeit! Doch für Sinnfragen bleibt keine Zeit. Bevor es dunkel wird, muss das Camp stehen. Alle packen mit an, schippen Schnee, trampeln den Boden fest. Der Iglu-Bau geht einfacher als gedacht, dank der „Icebox“, einer Kunststoffform, die im richtigen Winkel angesetzt und mit Schnee gefüllt wird. Wir schaufeln um die Wette, freuen uns über jeden Zentimeter, den die zwei Iglus wachsen. Die dicken Schneemauern wirken von innen so wohlig wie eine Festung. Wir lassen zwei Pärchen den Vortritt, die glücklich ihre Iglus beziehen. Alle anderen werkeln nun an ihren Zelten.

Hans, der Hundetrainer

Hans, der Hundetrainer

Mittendrin kommt Hans, der Hundetrainer („Musher“ genannt), mit drei Alaskan Malamuts und einem Husky, in deren Fell man die Hände wunderbar wärmen kann. Sobald Hans sich wegdreht, wird gekläfft, gewinselt, gejault. Dafür ernten sie ein harsches „Kasuuta, still!“ oder „Bandit, aus!“ von Hans. Der früher eher Angst vor Hunden hatte. Bis er einen verletzten Husky den Berg runtertragen musste: „Da habe ich sein sanftes Wesen erkannt und mich verliebt.“ In einen Husky, wohlgemerkt. Seltsame Dinge geschehen draußen … Und auch drinnen passiert Unerhörtes: Im Gemeinschaftszelt schmelzen Massen an Schnee auf Gaskochern. Das Menü: Schnee- Tee, Schnee-Tütensuppe, wahlweise Eiswein oder Glühwein – diese simplen Dinge schmecken nach diesem Tag wie ein Fünf-Sterne-Menü direkt aus dem Schneehimmel! So entdecke ich auch das beste Rezept gegen Kälte: heiße Suppe löffeln, sehr oft auf die neuen Freunde anstoßen, ruhig auch Lieder mitsingen, die man nicht kennt. Dann fühlt sich selbst eine eisige Hochebene ganz warm an. Wie Andrea und ich die Nacht im Zelt bei minus 8 Grad überstanden haben? Nur so viel: Neben dem wetterfesten Schlafsack ist die richtige Dosis Glühwein entscheidend. Exakt so viel, dass es warm ums Herz wird – aber ja nicht mehr, um jeden Gang zum „Outhaus“ zu vermeiden, der Toilettengrube. Der Weg dahin kann nachts unheimlich lang werden. Erster Schritt: Stolpern. Zweiter Schritt: Verwirrung. Wo bin ich? Warum ist alles schwarz? Dritter Schritt: Umfallen. Nass werden. Fluchen. Kein Spaß, so ein nächtlicher Gang zum Outhaus.

Am nächsten Morgen glaube ich an einen Scherz. Daran, dass jemand aus dieser Gruppe uns eingegraben hat. Unser Zelt: um die Hälfte geschrumpft, schwere Massen drücken von oben gegen den Stoff. Als ich rausgucke, sehe ich nur eine weiße Wand. Dann eine surreale unberührte Märchenlandschaft. 60 Zentimeter Neuschnee! Gerade will ich Andrea wecken, um ihr diese Sensation zu zeigen, da stupst mich draußen eine pelzige Schnauze an – Bandit! Hat sich den Weg freigegraben, will gestreichelt werden. Schon seltsam, so ein Aufwachen in der Winternatur. Seltsam schön. Und gleich gibt’s Schneekaffee! Wer vermisst da schon eine Badewanne? Die kann warten.

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