24. Dezember 2012
Schluss mit Lügen

Schluss mit Lügen

Ganz ehrlich: Wir alle lügen. Und zwar oft. Das macht es uns so schwer, damit auf zu hören. Doch wer die Gründe versteht, kann es schaffen – raus aus der Lügen-Falle.

Mut zur Wahrheit
© Thinkstock
Mut zur Wahrheit

Danke, blendend. Bisweilen flunkern wir schon, wenn jemand fragt, wie’s uns geht. Um den Smalltalk abzukürzen. Oder bei wichtigeren Dingen, weil die Wahrheit den Fragenden nichts angeht. Dann meldet sich das schlechte Gewissen. Und fast jede Lüge zieht weitere nach sich. Es wird immer verzwickter – bis die Wahrheit ans Licht kommt, viel schneller als befürchtet. Wieso lügen wir dann überhaupt? Weil wir oft nicht anders können. Warum das so ist und wie wir klug zur Wahrheit zurückkehren, verrät die Diplom-Psychologin Henrietta Schermall anhand von sieben typischen Lügengeschichten.

"Die halte ich mir lieber warm"

So entsteht die Lüge

Das Handy vibriert – Jenny. „Hast du Lust auf Kino?“, fragt sie. „Ach, ich würde ja zu gern“, flötet Maria zurück, „aber ich muss noch so viel aufräumen.“ Mit „Ruf mich nächste Woche mal an, ja?“ beendet Maria das Telefonat – und betet innerlich, dass Jenny das nicht tut. Auch wenn sie noch so gute Kontakte in Marias Branche hat – eigentlich möchte sich Maria mit dieser egoistischen, falschen Person überhaupt nicht mehr treffen.

Sinn der Lüge

Schermall: „Maria will sich Jenny warmhalten und bei Bedarf ihre Kontakte nutzen, obwohl sie die Frau insgeheim intrigant und ich bezogen findet. Aber sie muss sich selbst verleugnen und Interesse heucheln, um die Beziehung zu erhalten. Deshalb müsste sie sich im Grunde genommen das Gleiche vorwerfen lassen, was sie Jenny vorwirft.“ Das Risiko: „Es ist nicht sicher, dass Marias Theater Erfolg hat. Vielleicht spürt Jenny längst, dass sie in Wahrheit ab - gelehnt wird. Maria gerade nicht dabei zu helfen, z.B. bestimmte Leute kennenzulernen, könnte Jennys stille Rache sein.“

Raus aus der Lüge

Schermall: „Maria sollte sich fragen, wer und was ihr wirklich wichtig ist. Eine ehrliche Antwort auf diese Frage zu finden fällt nicht leicht. Gut möglich, dass Maria das gar nicht so genau weiß. Tagebuch zu schreiben wäre ein guter Weg, dem auf die Spur zu kommen. Dann passiert oft ein ,kleines Wunder‘: Sobald Maria mehr innere Klarheit hat, wird sie auf Menschen treffen, die ihr wirklich und wahrhaftig weiterhelfen. Auf anderer Leute Kontakte ist sie dann nicht mehr so sehr angewiesen.“

Lügen für den Partner

So entsteht die Lüge

Der Arzt runzelt die Stirn und sagt: „Das sieht nicht gut aus.“ Monika erfährt, dass sie verdächtige Kalkablagerungen in der Brust hat. Als sie abends mit ihrem Mann darüber reden will, kommt er ihr zuvor: Resigniert erzählt er, dass in seiner Firma die nächste Kündigungswelle ansteht – für Monikas Diagnose bleibt kein Platz. Erst am nächsten Morgen ist ihr Arztbesuch Thema. „Alles gut“, lügt Monika.

Frau lügt
© Thinkstock
Frau lügt

Sinn der Lüge

Henrietta Schermall: „Zunächst sieht es so aus, als wolle sie ihren Mann schonen. Doch auf den zweiten Blick ist zu erkennen, dass die Lüge auch für Monika einen Nutzen hat. Sie will verhindern, dass ihr Mann sich zu viele Sorgen macht, dadurch die angespannte Lage am Arbeitsplatz nicht mehr aushält und rausfliegt. Das ist nachvollziehbar. Das Paar braucht sein Gehalt.“ Das Risiko: „Je länger Monika ihre Diagnose für sich behält, umso stärker entsteht später bei ihrem Mann das Gefühl, dass sie seine Fürsorge und Liebe nicht (mehr) ernst nimmt.“

Raus aus der Lüge

Schermall: „Monika sollte überlegen, ob ihr Partner wirklich so labil ist. Wenn ja, weiht sie statt seiner vielleicht ihre beste Freundin ein. Wenn nicht, sucht sie in einer ruhigen Minute das Gespräch. Er erkennt sicher, wie viel Liebe in der Lüge steckte. Möglich, dass eine kranke Ehefrau ihn vor der Kündigung schützt.“

So entsteht die Lüge

Seit Wochen treffen sich Carola und ihr zehn Jahre jüngerer Kollege Jan einmal die Woche nach Feierabend in einem Hotel. Zu Hause nennt sie es „Yoga-Kurs“ – und schwebt im siebten Himmel. Carolas Mann ahnt nichts von der Affäre und glaubt an ihre Treue.

Schermall
© Henrietta Schermall
Mut zur Wahrheit.Unsere Expertin Henrietta Schermall, Diplom-Psychologin aus Hamburg (www.art-of-balance.com, Tel. 040/74392911)

Schermall: „Carola liebt ihren Mann, fühlt sich bei ihm geborgen. Trotzdem quält sie vielleicht der Gedanke: ,Das kann noch nicht alles gewesen sein.‘ Sie hat das Gefühl, dass ihre sexuelle Attraktivität nachlässt, und stürzt sich in ein Abenteuer. Ihr geht es nicht um Liebe, sondern um das prickelnde Gefühl, das Jan ihr vermittelt.“ Das Risiko: „Begehrt zu werden ist reizvoll. Aber Carola läuft natürlich Gefahr, ihren Ehemann für immer zu verlieren.“

Raus aus der Lüge

Schermall: „Eine Affäre hat immer eine Vorgeschichte. Wenn Carola ihre Ehe retten will, muss sie ihrem Mann offen sagen, dass sie sich mehr Spannung im Leben wünscht, häufiger ausgehen will und sich nach wie vor über Komplimente freut und sich begehrt fühlen möchte. Sie sollte die Beziehung zu Jan beenden und ihrem Mann auch davon erzählen.
Er muss sich dann fragen, ob er ihr wirklich verzeihen kann. Vielleicht hatte er ja auch schon eine Affäre, zumindest in Gedanken? Wenn beide zusammenbleiben wollen, ist für Carola und ihren Partner sicher eine Paartherapie empfehlenswert, bei der sie wieder zueinanderfinden können. So würde Carolas Lüge am Ende sogar zu einer Chance für die Ehe werden.“

Im Job punkten durch Lügen

So entsteht die Lüge

Sonjas Brieffach quillt wie jeden Morgen über. Die nächsten acht Stunden könnte sie nur damit verbringen. Aber sie hat ja noch andere Aufgaben. Sie sieht die Post schnell durch. Wieder Rechnungen, die sie für die Firma überweisen soll. Aber dafür müsste sie mit diversen Kollegen sprechen. Keine Zeit! Also ab damit in die unterste Schublade, obwohl schon erste Mahnungen dabei sind. Doch als der Chef Sonja fragt, wie die Arbeit so läuft, lügt sie: „Alles prima.“

Frau im Job gestresst
© Thinkstock
Frau im Job gestresst

Sinn der Lüge

Schermall: „Sonja ist überfordert. Aber das will sie sich nicht eingestehen. Hinter solchen Lügen stecken oft kindliche Verhaltensmuster. Spüren Kinder, dass sie nur geliebt oder getröstet werden, wenn sie gute Leistungen bringen, fangen sie an, zu schummeln und sich zu verstellen.“
Das Risiko: „Mit der Lüge riskiert Sonja, dass ihr immer mehr Arbeit aufgebürdet wird, die sie noch weniger schafft. Ein Teufelskreis, der mit einer Kündigung oder in einer längeren Krankheit enden könnte.“

Raus aus der Lüge

Schermall: „Es ist noch nicht zu spät. Mit einigen Überstunden könnte Sonja die liegen gebliebene Arbeit erledigen, ohne aufzufallen. Das ist durchaus vertretbar, da bislang noch keine größeren Kosten angefallen sind. Zudem sollte sich Sonja an eine Vertrauensperson in ihrer Firma wenden.
Ist ihr Verantwortungsbereich vielleicht zu groß für eine Person? Oder fühlt sich Sonja eher durch persönliche Probleme überfordert? Dann könnte eine längere psychologische Beratung oder ein Coaching helfen.“

So entsteht die Lüge

„Weihnachten kommt ihr wieder zu uns, oder?“ – „Was denn sonst, Mama“, lügt die Tochter – Lüge Nummer eins. Dabei ist sie schon fast 40, hat selbst einen vierjährigen Sohn und überhaupt keine Lust, ihrem streit- und alkoholsüchtigen Vater gegenüberzusitzen. Doch sie weiß, dass ihre Mutter ihn nie allein lassen würde. Im November will die Tochter der Mutter absagen. Nur wie? Vier Tage vor Heiligabend ruft sie schließlich an und gibt vor, dass ihr Sohn beim Krippenspiel in der Kirche einspringen muss, weil ein anderes Kind erkrankt ist – Lüge Nummer zwei.

Weihnachten Familie
© Thinkstock
Weihnachten Familie

Schermall: „Die Tochter möchte Weihnachten endlich so feiern, wie sie es will und sich für ihren Sohn wünscht. Das ist ihr Recht. Aber ihre Mutter versucht, sie zu vereinnahmen, und tut als Co-Abhängige – ihr Mann ist Alkoholiker – nichts, um sich selbst aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Gut, dass sich zumindest die Tochter davon lösen will.“
Das Risiko: „Die Lügen könnten die Mutter sehr verletzen. Außerdem beziehen sie den Sohn bzw. Enkel mit ein. Was soll der antworten, wenn Oma ihn nach dem Krippenspiel fragt?“

Raus aus der Lüge

Schermall: „Würde die Tochter bei der Wahrheit bleiben und offenbaren, dass sie wegen der Sucht des Vaters nicht mehr kommen mag, würde die Mutter seine Abhängigkeit höchstwahrscheinlich leugnen. Als Co-Abhängige belügt sie auch sich selbst. Eine gute Lösung besteht darin, früher (spätestens Ende November) abzusagen und dies anders zu begründen. Beispielsweise damit, dass die Familie im gewohnten Umfeld des Sohnes feiern will. Den Vierjährigen vom alkoholabhängigen Großvater fernzuhalten ist aber auf jeden Fall richtig. Erlebt er wieder, wie sich die Mutter Heiligabend alten Familienregeln beugt und sich plötzlich ganz anders benimmt als gewohnt, kann das zu einer tiefen Verunsicherung führen.“

Lügen zum Schutz des Kindes

So entsteht die Lüge

Designer-Jeans, iPhone, teure Markenturnschuhe – die neunjährige Mia hat alles. Und Lea, ihre Klassenkameradin? Besitzt kein Handy, trägt einen billigen Rucksack und Klamotten vom Textil-Discounter. Eines Tages ruft Mias Mutter bei der von Lea an: „Ihre Tochter hat meiner das iPhone geklaut.“ Tatsächlich gibt Lea den Diebstahl unter Tränen zu, fragt verzweifelt: „Warum sind wir so arm?“
Kurz entschlossen ruft ihre Mutter bei der von Mia an: „Lea hat das Handy nicht. So etwas würde sie nie tun.“ Am nächsten Morgen schmuggelt sie das Smartphone vor Schulbeginn in Mias Fach vor dem Klassenraum.

Mädchen traurig
© Thinkstock
Mädchen traurig

Sinn der Lüge

Schermall: „Leas Mutter will ihre Tochter schützen. Weniger vor einer Strafe durch die Schule, als vor einem ruinierten Ruf. Sie findet Mias Mutter offenbar nicht vertrauenswürdig, sonst hätte sie das Gespräch mit ihr gesucht. Damit hat sie vielleicht sogar recht.
Eine Mutter mit einer reifen Persönlichkeit würde ihre neunjährige Tochter nicht mit Statussymbolen überhäufen.“ Das Risiko: „Kinder lernen am Modell der Eltern. Die Gefahr, dass Lea sich das Verhalten der Mutter zum Vorbild nimmt, ist sehr groß.“

Raus aus der Lüge

Schermall: „Den Klassen- oder einen Vertrauenslehrer mit ins Boot zu holen ist ein guter Weg. Im Gespräch mit allen Beteiligten kann die Situation geklärt werden. Lea müsste sich für den Diebstahl und ihre Mutter sich für die Lüge entschuldigen. Aber sie bekämen die Chance, sich zu erklären und ein ganzes Stück zu wachsen.
Vielleicht würde Lea merken, dass sie keine Statussymbole braucht, um sich wertvoll zu fühlen. Und Mias Mutter könnte verstehen, welchen Druck die übertriebene Ausstattung ihres Kindes bei anderen auslöst.“

Frau Business
© Thinkstock
Frau Business

Ein Vorstellungsgespräch, endlich! Vier Anzug-Männer begrüßen Anne im Kon ferenzsaal. Nach Smalltalk über Anreise und Wetter kommen die klassischen Fragen: „Wo liegen Ihre Stärken, wo Ihre Schwächen?“Annas Antwort: „Ordnung halten und Belastbarkeit sind meine Stärken. Perfektionismus ist meine Schwäche.“ Der Personalchef wirkt überzeugt. „Wir melden uns bei Ihnen.“ Siegessicher fährt Anna nach Hause – da müsste allerdings dringend aufgeräumt und allerlei Gerümpel entsorgt werden, denn ihre pflegebedürftige Mutter, die bei ihr wohnt, hat deswegen schon mehrere Beinahe-Stürze erlebt.

Sinn der Lüge

Schermall: „In Bewerbungsgesprächen zu flunkern, um positiver zu wirken, gilt als normal, wird gesellschaftlich sogar verlangt. Kein Job-Kandidat gibt offen zu, dass er morgens schlecht aus dem Bett kommt und seine Schlüssel oft verlegt. Dabei ergeht es doch vielen von uns so. Anne hat überzeugend gelogen und vermittelt, dass sie verlässlich ist. Dass ihr dies zu Hause nicht gelingt, mag Gründe haben, die im Job keine Rolle spielen.“ Das Risiko: „Lässt Anne ihren Worten im Job keine Taten folgen, fliegt ihre Lüge noch in der Probezeit auf.“

Raus aus der Lüge

Schermall: „Bei der täglichen Arbeit zeigt sich schnell, was jemand wirklich kann. Und innerhalb einer meist sechsmonatigen Probezeit hat der Arbeitgeber das Recht, sich ohne weitere Verpflichtungen von neuen Mitarbeitern zu trennen. Doch ein halbes Jahr ist eine lange Zeit, die der oder die ,Neue‘ nutzen kann, um mögliche Defizite, die er im Vorstellungsgespräch verschwiegen oder kleingelogen hat, durch Seminare oder Fachbücher auszugleichen. Wenn Sie das geschickt erwähnen, wirken Sie auf Vorgesetzte sogar hoch motiviert. Etwa so: ,Herr Müller, um noch effektiver arbeiten zu können, belege ich ab jetzt einen Abendkurs bei der Business-Akademie.’“

Lügen aus Höflichkeit

VITAL hat ein Interview mit Prof. Klaus Fiedler, Sozialpsychologe an der Universität Heidelberg geführt und vieles über große und kleine Lügen und ein wichtiges Abkommen mit seiner Frau erfahren.

VITAL: Wie oft lügen wir pro Tag?

Klaus Fiedler
© Klaus Fiedler
Prof. Klaus Fiedler, Sozialpsychologe an der Universität Heidelberg.
Prof. Klaus Fiedler: Die Mehrzahl unserer Äußerungen entspricht nicht zu hundert Prozent der Wahrheit.

Lange Zeit hieß es, wir lügen bis zu 200-mal am Tag. Nun meint Bella DePaulo von der University of California, wir flunkern lediglich zweimal täglich. Was stimmt denn nun?
Die Kollegin hat große, vorsätzliche Lügen untersucht, indem sie Freiwillige Tagebuch schreiben ließ. Insofern sind beide Zahlen korrekt. Meist lügen wir aus Höflichkeit, um Zeit zu sparen oder etwas besonders hervorzuheben. Große Lügen hingegen passieren entweder aus eigennützigen oder prosozialen Gründen, etwa wenn Sie jemandem ein nicht gerechtfertigtes Kompliment machen.

Gute Freunde belügen wir seltener als Fremde, den eigenen Partner aber häufiger als unsere Freunde. Auch das sind Ergebnisse von DePaulo.
Deshalb habe ich persönlich mit meiner Frau ausgemacht, dass wir uns niemals belügen werden.

Können Sie Lügner entlarven?
Nein. Obwohl immer wieder „todsichere“ entlarvende Signale propagiert werden, wie das Kratzen an der Nase oder Schwitzen – diese Signale existieren nicht.

Ist Lügen grundsätzlich schlecht?
Nein. Warum sollte z.B. ein Arzt seinem Patienten sagen, wie schlecht es um ihn steht, wenn er ahnt, dass das die Heilungschancen noch weiter verringert?

Lade weitere Inhalte ...