8. Mai 2013
Schäm dich! Das ist okay

Schäm dich! Das ist okay

Scham ist das Aschenputtel unserer Gefühle. Jeder versucht, sie zu verbergen. Zu Unrecht, denn Scham beschützt und stärkt unsere Persönlichkeit

Frau schämen
© Thinkstock
Frau schämen

Das Handy klingelt im Theater. Oder: Alle anderen Partygäste tragen Abendkleidung. Wir öffnen die unverriegelte Tür einer besetzten WC-Kabine. Jeder kennt peinliche Situationen, in denen wir rot anlaufen, den Blick reflexartig senken und auf ein Loch hoffen, um darin zu versinken. Was soll daran positiv sein? Scham ist unangenehm und so beliebt wie Zahnweh. Doch diese Abneigung beruht meistens auf einer Verwechslung: Wir fürchten nicht die Scham, sondern das Beschämtwerden – jenes bedrückende Gefühl, das sich tief ins Gedächtnis gräbt, wenn uns andere Menschen durch ihr Verhalten, Spott oder Kritik bloßstellen.

Scham funktioniert wie eine Alarmanlage

Die echte Scham hat mit dieser destruktiven Kraft jedoch nichts zu tun. Sie ist ein höchst nützliches Gefühl. Überall dort, wo Menschen sich begegnen, achtet sie darauf, dass nichts aus dem Ruder läuft und alle die Regeln des sozialen Miteinanders einhalten. Und: Wer die Unterschiede zwischen Scham und Beschämtwerden (er-)kennt, kann die gute, kraftvolle Seite dieser Gefühlsmedaille für sich nutzen und die schlechte, kraftraubende Seite selbstbewusst an den Absender zurückschicken. Die Urkraft der echten Scham steckt tief in unserer Seele. Entsprechend wichtig sind ihre Aufgaben.
Die wichtigste ist der Schutz unserer Intimsphäre, jener unsichtbare Kreis, den wir mit ausgestrecktem Arm um uns herum abstecken können. Betritt ihn jemand uneingeladen, funktioniert Scham wie eine Alarmanlage, wir spüren Intimitätsscham. Gleichzeitig hilft sie uns, persönliche Grenzen anderer Menschen wahrzunehmen und zu achten: Müssen wir z.B. im Kino laut lachen, obwohl auf der Leinwand gerade Tränen fließen, ist uns das sofort peinlich.
Folgen wir dem Lustprinzip und gehen nicht ans Handy, obwohl die Nummer der besten Freundin auf dem Display leuchtet, wissen wir: Das ist nicht okay. Wir spüren Gewissensscham. Solche Momente sind natürlich und in der Regel von kurzer Dauer. Die echte Scham tippt uns auf die Schulter, meldet das Problem – und verschwindet wieder, wenn wir ihren Rat befolgen.

Wird die Scham zum Dauergast, steckt meist Beschämung dahinter

Problematisch werden Schamgefühle, wenn sie Menschen dauerhaft verunsichern. Auslöser sind die Beschämungen. Wer früh im Leben und immer wieder solche negativen Erfahrungen machen muss, bei dem schlägt die Schamalarmanlage ständig an, obwohl dafür kein Grund besteht.
Die Folge: Situationen, die an solche erinnern, in der Betroffene tatsächlich beschämt wurden, werden vermieden. Oder der Schamgeplagte ist innerlich so unsicher und verkrampft, dass sein Verhalten tatsächlich peinlich wirkt und entsprechend kommentiert wird. Die Scham löst unsicheres Handeln aus, das Beschämungen hervorruft, die die Scham weiter verstärken – ein Teufelskreis.

Was tun in Schamsituationen?

Mitten im Vorstellungsgespräch klingelt das Handy

Autsch! Sie wollen mit Professionalität und Fachwissen glänzen – und dann passiert so was. Hier erfüllt die Scham eine Doppelfunktion: Sie warnt berechtigterweise, weil Sie gerade gegen eine soziale Regel verstoßen, und weckt den Ärger über die eigene Schusseligkeit.

Was tun? Bitte nicht gekünstelt lachen oder das Klingeln ignorieren. Marks: „Schalten Sie das Handy sofort ab und sagen Sie offen, dass so etwas nicht Ihrem Stil entspricht und Sie die Störung sehr bedauern.“ Wer Scham zugibt, punktet.

Sie halten einen Vortrag und verlieren den Faden – Blackout

Völlige Leere im Kopf und alle Blicke sind auf Sie gerichtet – die Horrorvision aller Redner. Bei manchen löst sie schon Schweißausbrüche und Blockaden aus, bevor sie das Podium betreten. Wir haben Angst zu versagen und fürchten, vom Publikumbeschämt zu werden.

Was tun? Versuchen Sie nicht, den Blackout zu überspielen. „Das macht ihn noch unangenehmer“, so Marks. „Holen Sie lieber einmal tief Luft und sagen Sie den Zuhörern, dass Sie einen Moment zum Sammeln brauchen.“

Kondome in der Drogerie kaufen

„Tina, was kosten die Kondome?“ An den Aids- Spot von 1989 mit Hella von Sinnen und Ingolf Lück erinnern wir uns alle. Auch in diesem Fall meldet sich die Intimscham. Unser Sexleben geht niemanden etwas an. Auch wenn hier nur ein winziger Teil öffentlich wird.

Was tun? Überwinden Sie sich. Schließlich geht es in diesem Fall auch um Ihr Wohlbefinden. „Wer weiß, warum Intimitätsscham sinnvoll ist, nimmt ihr ein Stück ihrer Kraft“, erklärt Psychologe Udo Baer. Und Ihre glühenden Wangen spüren wahrscheinlich sowieso nur Sie…

Sie lüften aus Versehen ein Geheimnis

Ihrer besten Freundin Hoch und heilig haben wir versprochen, nichts zu verraten – und dann wir uns doch. Die Worte sind kaum über die Lippen, da bereuen wir sie schon zutiefst. Die Scham zeigt ihre moralische Seite und appelliertan unser Gewissen: Wie konntest du nur?

Was tun? Auf keinen Fall versuchen, den Fehler runterzuspielen. Das zerstört das Vertrauen der Freundin endgültig. „Hier ist eine ehrliche Entschuldigung nötig“, rät Marks. „Und Geduld, bisdie Freundin Ihnen wieder etwas anvertraut.“

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