26. Februar 2014
Sag Ja, zum Nein

Sag Ja, zum Nein

Wer anderen nie einen Wunsch abschlägt, hat’s schwer und wird untergebuttert. Höchste Zeit, sich eine gesunde Portion Egoismus anzueignen. So geht’s.

Frau sagt nein
© Thinkstock
Frau sagt nein

Die Mutter kann einem leidtun. Zunehmend genervt versucht sie ihren dreijährigen Sohn in den Kidnersitz ihres Rücksitz zu hieven. Vergeblich. Der Junge wehrt sich mit aller Kraft und drückt mit einem einzigen schrill in die Länge gezogenen Wort seine tiefe Enttäuschung darüber aus, dass der Freizeitparkbesuch nun endet: "Neeeiiin!", schallt es über den Parkplatz. Kommt Ihnen die Szene bekannt vor? Aus zwei Gründen ist dies ein ideales Bei- spiel: Erstens zeigt sie, wie früh wir lernen, Nein zu sagen und zu begreifen, welche wichtige Funktion diese unscheinbaren vier Buchstaben für unser Seelenleben haben. Zweitens macht sie deutlich, wie gespalten unser Verhältnis zu diesem kurzen Wort später im Leben ist. Selbst wenn wir es nicht aussprechen, sondern andere nur dabei beobachten, wie sie ihr Gegenüber zurück- weisen, fühlen wir uns unwohl. „Vor allem Frauen, die eigene Bedürfnisse schlecht äußern können und wie Mutter Teresa immer erst an alle anderen denken, haben Probleme beim Neinsagen“, erklärt Diplom-Psychologin Ute Zander aus Taufkirchen. „Männer hingegen können oft bei Sachthemen gut Nein sagen, tun sich aber im Privaten, bei emotionalen Themen, schwer.

Lernen, Nein zu sagen

Kinder, Mädchen wie Jungen, machen da keinen Unterschied. Sie entdecken etwa in ihrem dritten Lebensjahr etwas Bahnbrechendes: ihren eigenen Willen. „Diese erste ‚Ich-Revolution‘ spielt beim Neinsagen eine ganz große Rolle“, sagt Ute Zander. „Wird in dieser Phase der Wille des Kindes gebrochen, hat das katastrophale Folgen für die Ich-Entwicklung.“ Das heißt jedoch nicht, dass Eltern ihrem Trotzkopf alles durchgehen lassen sollten. „Ihre innere Haltung ist entscheidend“, sagt Zander. „Grenzen setzen und dem Kind dabei signalisieren: Dein Wunsch, dein Wille ist okay, auch wenn ich ihn gerade nicht erfülle. Nein sagen, ohne die Persönlichkeit des Kindes abzuwerten. Das ist sehr förderlich.“ Früh lernt der Nachwuchs so eine wichtige Lektion: Jedes Nein bezieht sich auf ein konkretes Anliegen und lehnt nie den Menschen, der es vorbringt, als Ganzes ab.
Etwa zur gleichen Zeit entwickelt sich das, was Psychologen „Theorie des Geistes“ nennen. Spätestens im vierten Lebensjahr fangen wir an, Vermutungen darüber anzustellen, was sich in den Köpfen unserer Mit-menschen abspielt – und hören nicht mehr damit auf. Die hohe Kunst der Diplomatie hält Einzug. „Ja- und Neinsagen dient auch dem sozialen Miteinander“, erläutert Ute Zander. „Es ist jedes Mal ein Abwägen zwischen ,die eigenen Bedürfnisse im Blick haben‘ und ,die Bedürfnisse der anderen im Blick haben‘.“ Wessen Wille ist stärker? Wie weit kann ich gehen? Solche Machtspielchen können ziemlich kraftraubend sein.
Wie sie in unserer Kindheit ablaufen und ausgehen, prägt unser Verhältnis zum Nein. Quittiert die Mutter jedes kindliche Nein mit Liebesentzug? Wie souverän empfindet das Kind die Eltern, wenn die Nein sagen? Kann es erahnen, wann sie es sagen werden, oder ist ihre Ablehnung völlig unberechenbar? Von den Antworten auf diese Fragen hängt ab, ob und wie selbstbewusst wir uns als Erwachsene erlauben, Nein zu sagen. „Dahinter stecken unbewusste Glaubenssätze und grundlegende Lebensüberzeugungen“, sagt Ute Zander. Ein Muster tauche in unterschiedlichen Varianten immer wieder auf: „So, wie ich bin, werde ich nicht geliebt. Ich muss mir Liebe und Anerkennung verdienen. Oder: Ich werde sofort abgelehnt und bestraft, wenn ich meine Bedürfnisse äußere.“
Je stärker solche inneren Überzeugungen sind, desto mehr neigen wir zum Jasagen. Unser Gehirn, fand John Cacioppo, Professor für soziale Neurowissenschaften an der Universität Chicago, heraus, legt uns weitere Steine in den Weg: Egal wie liebevoll ein Nein „verpackt“ wird, unser Denkorgan reagiert darauf stets schneller, intensiver und anhaltender als auf jedes Ja. Verlieren wir 100 Euro, ist unsere Enttäuschung messbar größer als die Freude, wenn wir dieselbe Summe gewinnen. Was das mit unserer Fähigkeit zu tun hat, Nein zu sagen? Viel. Denn an dieser Stelle kommt die „Theorie des Geistes“ ins Spiel, die uns zu Alltagspsychologen macht: Wir alle wissen, dass ein Nein weh tut. Gleichzeitig nehmen wir an, dass unsere Mitmenschen ebenso empfinden. Also sagen wir Ja, weil wir unser Gegenüber nicht verletzen und uns die schmerzhafte Retourkutsche ersparen wollen.

Denken Sie öfters mal an sich

Er will ins Kino, sie hat keine Lust. Die beste Freundin ruft morgens um vier an, weil sie Liebeskummer hat. Die Kollegin bittet uns um Hilfe. In solchen Situationen treffen Menschen aufeinander, die bereits unterschiedlichste Nein-Erfahrungen gesammelt haben. Diese verhaken sich umso heftiger ineinander, je näher wir der anderen Person stehen. „Bei Fremden können wir meist sehr gut Nein sagen“, erklärt Ute Zander. „Befürchten wir, dass unser Nein eine gute Beziehung stört, fällt es uns besonders schwer.“ Ein Ja dagegen löst den aufziehenden Konflikt sofort auf. Alle atmen auf. Wir erfahren Zuneigung, Dankbarkeit, Bestätigung. Einen Moment fühlt sich das toll an. Doch spätestens wenn die hilfsbedürftige Kollegin mit einem „Vielen Dank noch mal!“ in den Feierabend schwebt und wir noch vor unserer Arbeit sitzen, die wir für sie aufgeschoben haben, merken wir, dass wir einen wichtigen Teil unseres Ichs verraten haben.

Je häufiger wir Ja sagen, desto mehr verlieren wir unsere eigenen Ziele aus den Augen. Wir handeln nicht (mehr) so, wie wir es wollen und für richtig halten, sondern setzen einen Plan um, den andere ohne uns erarbeitet haben. Wir lassen uns fremdbe- stimmen, vermeiden Konflikte, obwohl uns gerade die zeigen könnten, wie belastbar unsere Beziehungen tatsächlich sind. „Zieht das Prinzip ,Anerkennung gegen Leistung‘ aus der Arbeitswelt auch in andere Bezie- hungen ein, ist das problematisch“, sagt Ute Zander. „Insofern ist ein Nein ein guter Lackmustest. Erträgt es der Partner nicht, wenn Sie Nein sagen, zeigt sich schnell, welche Konflikte sich da in Zukunft anbahnen.“

Stößt unser Nein auf Widerstand, neigen wir dazu, es ausführlich zu erklären. „Das ist leider grundfalsch“, so Ute Zander. „Je mehr wir ein Nein erläutern, desto schlimmer wird es.“ Dann spürt der andere, wie löchrig der Grenzzaun ist, den wir mit unserem Nein errichtet haben. Je mehr wir uns rechtfertigen, desto mehr Ansatzpunkte zum Aushebeln liefern wir unserem Gegenüber. Nein heißt Nein. Punkt. Wir lassen nicht länger zu, dass unser Ich vor lauter Selbstlosigkeit immer mehr verblasst. „Neinsagen ist gesund“, ermutigt Ute Zander. „Es verhindert, dass die Arbeit die Freizeit auffrisst. Wer Nein sagen kann, nimmt seine Bedürfnisse ernst, regelt seine Angelegenheiten besser, hat seine Ressourcen und Zeit im Blick.“ Mit jedem Nein gewinnen wir ein Stück persönli- che Freiheit zurück und bauen unsere Angst davor peu à peu ab. Ute Zander: „Das ist eine sehr wichtige Erfahrung.“
Gelegentlich müssen wir auch zu uns selbst Nein sagen: Nein, ich rauche nicht mehr. Nein, ich steige nicht an der nächsten Ampel aus und hämmere dem Drängel-Fuzzi hinter mir wütend gegen die Scheibe. Solche Neins schickt uns die Selbstdisziplin. Sie gewährleisten, dass unser Zusammenleben (meistens) funktioniert. Doch das ist nicht alles. Jedes Nein beinhaltet eine Motivation: Nein, das ist nicht die Stadt, in der ich leben möchte; nicht der Beruf, der mich glücklich macht; nicht der Mann fürs Leben. „Wer Nein sagen kann, achtet auf seine Bedürfnisse, seine Kerninteressen“, sagt Ute Zander. „Sich selbst Ziele zu setzen und zu motivieren fällt so leichter.“ Jede Veränderung beginnt mit der Ablehnung des Istzustands. Einmal mehr spüren wir dann, wie viel Kraft in nur vier Buchstaben steckt: nein.
Schritt 1
Lassen Sie die heiße Luft aus dem Problem! Kein Mensch kann überhaupt nicht Nein sagen. Vielmehr ist es so, dass uns diese vier Buchstaben unter gewissen Umständen, bei bestimmten Personen und Themen nur schwer oder gar nicht über die Lippen kommen. Überlegen Sie, welche Situationen das bei Ihnen sind. Und schreiben Sie auf, wann Sie schon ganz gut Nein sagen können. Das motiviert.
Schritt 2
Bleiben Sie bei der Sache! Überlegen Sie: Was will der andere? Was wollen Sie? Wir neigen dazu, unser Gegenüber abzuwerten, so fällt es uns leichter, Nein zu sagen. Das ist menschlich, aber nicht förderlich. Der andere darf fragen, Sie dürfen Nein sagen. Bleiben Sie hart in der Sache, aber weich in der Formulierung.
Schritt 3
Gewinnen Sie Zeit! Sagen Sie nicht sofort Nein, sondern hören Sie dem anderen zunächst aktiv zu. Das heißt: Fassen Sie sein Anliegen in Ihren Worten zusammen. So zeigen Sie ihm, dass Sie ihn verstehen, es Ihnen um die Sache geht und Sie ihn nicht als Person infrage stellen. Bitten Sie um Bedenkzeit. Nennen Sie einen konkreten Zeitpunkt – in fünf Minuten, in einer Stunde, morgen früh –, wann Sie sich äußern werden. Extrem selten geht es wirklich um Leben und Tod. Sie haben immer einen Spielraum.
Schritt 4
Verpacken Sie den Widerspruch! Benutzen Sie wirklich das Wort Nein und formulieren Sie in einem Ich-Satz, warum Sie ablehnen und was Sie stattdessen als Alternative wollen. Hilfreich ist auch die Ja-nein-ja-Strategie: „Unsere Freundschaft ist mir wichtig.“ (Ja.) – „Aber nein, ich kann morgen nicht zur Feier kommen.“ (Nein.) – „Nächste Woche können wir gern zusammen ausgehen.“ (Ja.) Sie können auch auf andere Personen verweisen, sofern Sie nicht flunkern: „Ich hätte dir gern geholfen, aber ich habe schon X, Y, Z versprochen, dass ich sie heute unterstütze.“
Schritt 5
Stoppen Sie das Karussell im Kopf. Immer wenn wir vor etwas Angst haben, hypnotisieren wir uns selbst in eine Art Problem-Trance: Wenn ich jetzt Nein sage – werde ich entlassen/verlässt er mich/redet sie nie wieder mit mir... Stopp! Machen Sie den Realitäts-Check. Wie oft ist das in der Vergangenheit wirklich passiert? In 99 von 100 Fällen geschieht – gar nichts. Im Gegenteil. „Ein gesundes und regelmäßiges Nein fördert die Beziehung. Wir werden ernster genommen“, sagt Ute Zander. Ihr Tipp: in eine Tabelle die kurzfristigen negativen und die langfristigen positiven Folgen eines Neins eintragen. Das ändert den Blickwinkel. „Es hilft auch, eine kurze Atemübung zu machen.“ Zum Beispiel: Augen schließen und fünf Züge tief in den Bauch atmen.
Schritt 6
Lassen Sie sich nicht abbringen, auch wenn der andere ein Nein partout nicht hinnehmen will. „Je stärker der Wider- stand, desto sparsamer müssen Sie mit Ihrer Kommunikation werden“, rät Zander. „Wiederholen Sie Ihre erste Begründung wie eine Schallplatte mit einem Sprung. Im Notfall sagen Sie gar nichts mehr und brechen das Gespräch ab. Warten Sie damit nicht zu lange.“
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