26. Mai 2011
Ruhephasen richtig nutzen

Ruhephasen richtig nutzen

Langeweile - jeder kennt sie. Keiner mag sie. Aber wir brauchen sie! Ein Experte erklärt im Interview ihre unterschätzten Vorteile.

Ruhephasen richtig nutzen
© thinkstock
Ruhephasen richtig nutzen

VITAL: Unsere Terminkalender quellen über, und jede Lücke lässt uns grübeln: Was könnte da noch reinpassen? Geht Ihnen das etwa nicht so?
Olaf Koob: Nein, nicht mehr, obwohl ich auch jahrelang auf der Überholspur gelebt habe und mich ständig unter Druck fühlte. Als ich gesundheitliche Probleme bekam, wurde mir klar, dass ich nicht weiter so durch die Tage hetzen darf, um leistungsfähig zu bleiben.

Das ist leichter gesagt als getan bei all dem Stress, dem wir ausgesetzt sind.
Der französische Philosoph Blaise Pascal schrieb einmal: Das ganze Unglück der Menschen bestehe in ihrer Unfähigkeit, in Ruhe im Zimmer zu bleiben. Erst wenn die äußeren Reize und Stimulationen abnehmen und die Zerstreuung fehlt, kommt man bei sich an. Das fühlt sich nicht immer angenehm an: Wer nicht darin geübt ist, sich auf sich selbst zu konzentrieren, wird unruhig, nervös und versucht sich schnell wieder durch Aktionismus abzulenken.

Warum werden wir unruhig, wenn wir nichts tun?
Es ist sehr anstrengend, sich mit sich selbst zu befassen. Wenn es um uns herum still wird, tauchen Fragen auf, die wir gern verdrängen – eben ob der dauerstressige Job wirklich zu uns passt oder die Beziehung, in der wir nur streiten, uns so guttut. In Ruhephasen spüren wir, dass ständige Hetzerei ein Ablenkungsmanöver darstellt, damit wir uns nicht mit unserem Innenleben beschäftigen müssen. Mit ihrer Hilfe flüchten wir vor Sorgen, Fehlern und Misserfolgen, aber auch vor unserem Anspruch, in dieser Gesellschaft perfekt sein zu müssen. Deshalb erscheint uns die Langeweile bedrohlich und muss bekämpft werden. Das gelingt meist schnell, denn Impulse von außen strömen zur Genüge auf uns ein.

Wie schafft man den Brückenschlag?

Was lenkt uns ab?
Die nie abreißenden visuellen Informationen über Fernsehen oder Internet. Man spricht auch von Bilderfettsucht, wenn man alles ungefiltert in sich hineinstopft, ohne es zu verdauen, nur um abgelenkt und unterhalten zu werden.

„Hetze und Langeweile. Die Suche nach dem Sinn des Lebens“
© Freies Geistesleben
Buch-Tipp: Mediziner und Autor Olaf Koob: „Hetze und Langeweile. Die Suche nach dem Sinn des Lebens“, Freies Geistesleben, 176 S., 15,90 Euro

in anderes Beispiel: Wir reden oft viel zu viel und haben Schwierigkeiten zuzuhören oder nur zu schweigen. Wer stets agiert und sich keine Pausen gönnt, in denen auch mal Langeweile aufkommen kann, sollte sich dafür bewusst Zeit nehmen und auf sein inneres Echo hören, um all das Erlebte sacken zu lassen.

Wie schafft man den Brückenschlag vom permanenten Zeitdruck zum süßen Nichtstun?
Stress lässt sich mildern, indem man eigene Werte überprüft und sich fragt: Was brauche ich wirklich zu meinem Glück? Neben der mentalen Reflexion hilft die Konzentration auf den eigenen Körper, zum Beispiel bewusstes Ein- und Ausatmen. Zu sich kommen, achtsam sein und sich in Genuss üben – dies alles geht nicht einfach so nebenbei. Auch Yoga oder Meditation können Achtsamkeit lehren. An einigen Flughäfen und Unis wurden schon Meditationsräume eröffnet – eine gute Idee, um bewusst in der Geschäftigkeit des Alltags innezuhalten. Wir sollten uns dem alltäglichen Druck nicht unreflektiert aussetzen, sondern ihn wo möglich reduzieren und lernen, mal überhaupt nichts zu tun. Denn es gibt doch nichts Besseres, als nichts Besseres zu tun zu haben!

Freuen Sie sich auf ein bisschen Langeweile …

1. … um so lange an die Decke zu starren, bis aus diesem Nichtstun von innen heraus wieder neue Ideen entstehen.

2. … um Fragen zu stellen, die Sie vor lauter Geschäftigkeit beiseitegeschoben haben.

3. … um zu lernen, zweckfrei nichts zu tun – der eigenen Entspannung zuliebe.

4. … um zeitliche Räume zu schaffen, in denen Sie Kraft schöpfen und Ihre Energiereserven wieder auffüllen.

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