26. Januar 2010
Rückblick auf die 90er

Rückblick auf die 90er

Fortschreitende Verklärung: Je älter wir werden, desto milder betrachten wir vergangene Jahrzehnte. VITAL-Kolumnistin Verena Carl denkt mit nostalgischen Gefühlen an Techno, „Titanic“ und Tretroller für ausgewachsene Männer.

© jalag-syndication.de

Sie war aus dunkler Pappe mit hellem Sternenmuster, und sie fiel mir aus einem Roman von Douglas Coupland entgegen: eine original Sonnenfinsternis-Brille von 1999. Wohl kein Zufall. Schon dass ich im Bücherregal nach der gestrigen Lebensgefühl-Bibel „Generation X“ suchte, war ein Symptom schwerer Nostalgie. Doch erst der Augenschutz hatte auf mich den gleichen Effekt wie die berühmte Madeleine auf Marcel Proust: Schlüssel zu einer verlorenen Zeit. Eine Blitzumfrage im Freundeskreis ergab: Ich bin kein Einzelfall. Fast zehn Jahre nach ihrem unspektaktulären Ende (wir erinnern uns: Zur Jahrtausendwende sollten Züge entgleisen, Atomkraftwerke sich selbst zerstören und Radiowecker den Geist aufgeben) sind die Neunziger reif zur Verklärung. Gepaart mit einem wohligen Gruseln, das sich immer einstellt, wenn man über Geschmacksverirrungen vergangener Zeiten nachsinnt. Und es gab so einige.

"Symptome schwerer Nostalgie"

Erwachsene Frauen mit Zöpfen und geschnürten Bergstiefeln, die sich als „Girlies“ bezeichneten. Trendsportarten, bei denen es wahlweise darum ging, an einem Gummiseil Häuserfassaden hochzuhechten („House Running“) oder sich in einer Kugel irgendwohin katapultieren zu lassen („Zorbing“). Aber im milden Licht der Erinnerung sind die seltsamsten Dinge für ein melancholisches „Hach ja!“-Gefühl gut. Nadja erinnert sich amüsiert an silbern glänzende Tretroller für honorige Geschäftsleute, Susanne schwärmt von den Nachmittagen am „Melrose Place“. Bettina wird beim Gedanken an die Anfänge des Internet-Booms ganz wehmütig: Ein Abenteuerspielplatz der Gefühle seien die Chats und Foren gewesen, ganz im Gegensatz zur datenbankgestützten Liebesrecherche heutzutage. Mein Mann vermisst vor allem seine Haare. Die waren nicht wirklich schön. Aber immerhin lang.

Nostalgie braucht Sicherheitsabstand

Nostalgie braucht Sicherheitsabstand. Distanz, um das Skurrile, das Außergewöhnliche aus der Masse der Alltagsphänomene herauszufiltern. Koteletten-Frisuren für Frauen und Stringtangas zum Step-Aerobic – das ist der Fundus, aus dem gerade ein Saal in unserem geistigen Museum bestückt wird. Dort laufen wir dann herum, lesen hier mal ein Schildchen, greifen da mal nach einem Kopfhörer (Massive Attack! Die Fantastischen Vier!) und verdrücken ein Tränchen beim Anblick idyllischer Urlaubsparadiese.

Info: Noch mal das Lebensgefühl der 90er schnuppern?

Dazu brauchen Sie dreierlei:

„Singles“, die Liebeskomödie mit original Grunge-Sound (DVD ab 7 Euro). „Faserland“ – mit diesem Episodenroman schuf Christian Kracht Mitte der Neunziger die deutsche Popliteratur (ab 7,90 Euro). Und „Café del Mar Vol. 5“ – die schönste der legendären Ibiza-Chillout-CDs (ab 8 Euro).

 

Wie war das aufregend, als dem Überlandbus auf La Gomera der Keilriemen riss – damals, 1991. Nicht, dass wir die Zeit zurückdrehen wollten: Ohne Zehn-Zentimeter-Plateauabsätze, Beziehungskomödien mit Katja Riemann und Madonnas Sex-Buch auf der Jungs-WGToilette lebt es sich schließlich auch ganz gut. Vielleicht fällt mir ja in zehn Jahren diese VITAL-Kolumne in die Hände. Und jede Wette: Auch dieses Düster- Jahrzehnt (Terrorismus! Armutsschere! Klimakatastrophe!) wird sich bis dahin romantisch verklärt haben.

Mein Tipp für die Top Drei der nostalgischen Erinnerungen von morgen: Klingeltonwerbung, Hippie-Rüschentunikas, Auto- Fahnenstangen. Oder es kommt noch etwas ganz Neues dazu. Ist ja noch ein Jahr Zeit.

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