1. Juli 2013
Redet miteinander

Redet miteinander

Viele Beziehungen, viele Ehen erreichen irgendwann einen Nullpunkt. Das ist normal. Genauso, wie sich Hilfe zu holen. Eine Therapie kann die Liebe retten, erfordert aber Mut. VITAL traf ein Paar, das ihn gemeinsam aufbrachte.

Reden in einer Partnerschaft
© Thomas Dashuber
Reden in einer Partnerschaft

Sie gelten als Traumpaar: Barack und Michelle Obama, der Ex-Präsident der USA und seine Frau. Erfolgreich, attraktiv, zwei bildhübsche Töchter und so verliebt wie am ersten Tag ihrer Ehe. So sieht zumindest das Hochglanzbild aus, das uns Promi-Magazine präsentieren. Aber genau das, ein Beziehungsideal, wollen die Obamas nicht sein. „Die Hochs und Tiefs unserer Ehe können anderen jungen Paaren vielleicht helfen, zu erkennen, dass eine Ehe harte Arbeit ist“, sagte Michelle Obama in einem Interview mit der „New York Times“. „Etwas anderes zu behaupten ist unfair gegenüber der Institution Ehe und gegenüber den jungen Leuten, die eine Perfektion planen, die es nicht gibt.“

Selten sprechen Politiker über ihr Privatleben. Doch in diesem Interview gingen Barack und Michelle Obama sogar noch einen Schritt weiter: Der wichtigste Staatschef der Welt gab zu, dass er in seiner Ehe schon einmal ziemlich hilflos war und dass er und seine Frau die Unterstützung eines Eheberaters in Anspruch genommen haben. Ein Raunen ging um die Welt. Der ehemalige US-Präsident und die First Lady bei der Paartherapie – unglaublich! Ja. Unglaublich mutig.

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Beziehungsprobleme sind keine Seltenheit

Verliebt, verlobt, verheiratet. Zuzugeben, dass es oft heißen müsste „verletzt, verstummt, verkracht“, gilt auch hierzulande noch immer als großes Tabu. „Dabei ist es gar nicht möglich, auf Dauer eine Beziehung zu führen, ohne irgendwann an den Punkt zu kommen, wo einer sagt: "Das funktioniert nicht mehr", stellt die Berliner Partnerschaftsberaterin und Autorin Berit Brockhausen klar (Infos: www.desafinado.de, Buchtipps).

Johannes Schauer, Psychologe bei "pro familia" in München, sieht das ähnlich: „Es ist normal, Zahnschmerzen zu haben, und es ist normal, Beziehungsschmerzen zu haben. In beiden Fällen kann man sich Hilfe holen. Paartherapie ist eine völlig normale Dienstleistung.“ Und eine wirksame: Studien zeigen, dass 66 von 100 Paaren durch eine Beratung eine Verbesserung in ihrer Partnerschaft erleben.

Krisenauslöser Seitensprung? Eher selten

Doch selbst dieses Erfolgserlebnis, das schöne Gefühl, gemeinsam seine Liebe gerettet zu haben, behalten die, die es erlebt haben, lieber für sich. Auch Petra und Alex Wiedemann aus München haben erst gezögert, ihre Geschichte in der VITAL zu erzählen. Dabei ist es nur selten ein Seitensprung, der eine Beziehungskrise auslöst. Das Online-Portal ElitePartner befragte knapp 10 500 Freiwillige und verglich „sehr glücklich“ mit „eher unglücklich“ Liierten. Das Ergebnis überrascht nicht: 93 Prozent der Glücklichen sprechen viel über die Erlebnisse des Tages, bei Unglücklichen sind es bloß 52 Prozent.

Zufriedene Paare sind möglichst oft zusammen (91 gegen 34 Prozent), haben ein ähnliches Bedürfnis nach Nähe und Freiraum (88 gegen 42 Prozent), haben gemeinsame Interessen und Hobbys (79 gegen 28 Prozent), können streiten und sich schnell wieder vertragen (89 gegen 46 Prozent). „Es geht fast immer um Interessens- und Bedürfnisunterschiede“, sagt auch der Hamburger Paarberater Michael Mary (Infos: www.michaelmary.de).

Eine Thearapie ist eine zweite Chance

Nach langer Zeit hören sich Paare wieder zu

Zwar sind es nach wie vor eher Frauen, die solche Unterschiede spüren und sehen, dass sie die Beziehung gefährden. Aber: „Männer finden nicht mehr, dass sie sich eine Blöße geben, wenn sie sich Hilfe holen“, sagt Mary. Während es im Film „Wie beim ersten Mal“ bei Kay und Arnold (Meryl Streep und Tommy Lee Jones) 31 Ehejahre dauert, bis sie diesen Schritt wagen, gehen ihn in der Realität immer mehr Paare deutlich früher.

Die Probleme rechtzeitig erkennen

Was passiert in der Therapie? Oft hören sich Paare das erste Mal wieder zu und sprechen Probleme an, an die sie sich zu Hause nicht herantrauen. Der Therapeut wiederum beobachtet. Wie reden die beiden miteinander? Sagt sie mit ihrer Mimik das Gleiche wie mit ihren Worten? Geht es hier eigentlich um Kommunikation oder doch um Sex? „Als Therapeut führe ich die Außenbeobachtung ein, die Paare schauen vorher nur von innen auf ihre Welt, sie sehen den anderen, nicht sich selbst“, so Mary. Metaebene heißt das in der Fachsprache. „Viele Männer kommen in die Beratung und möchten ein Rezept auf die Hand“, berichtet Johannes Schauer. „Tragen Sie den Müll raus und kaufen Sie regelmäßig Blumen. Aber das löst die Probleme nicht. Man muss die tieferen Zusammenhänge und die eigene Begrenztheit anschauen.“

Klare Entscheidungen treffen

Das ist harte Arbeit, die sich aber lohnt. Eine Studie der University of California in Los Angeles belegt, dass rund 70 Prozent der Paare, die eine Therapie gemacht haben, zusammenbleiben. Aber: Es gibt keine Garantie für ein Happy End. Manche Paare kommen während der Beratung auch zu dem Ergebnis, dass ihr gemeinsamer Weg zu Ende ist. „Ich würde den Erfolg einer Therapie nicht daran messen, ob ein Paar zusammenbleibt. Es ist auch ein Erfolg, wenn es zu einer klaren Entscheidung findet und sich trennt“, sagt Berit Brockhausen. Bei Michelle und Barack Obama gab es ein Happy End.

Das Vertraute wird manchmal fremd

"Alex wurde mir immer fremder", erzählt Petra Wiedemann aus München und verrät VITAL ihre Geschichte.

Kennengelernt haben sich Petra und Alex Wiedemann (beide 43) in ihrer Studienzeit. Seit 21 Jahren sind sie ein Paar, seit 18 verheiratet. Er ist Finanzleiter in einem Unternehmen. Sie hat einen kleinen Verlag. Ihre beiden Söhne sind neun und drei Jahre alt. Alles schien in Ordnung. Doch dann, vor knapp drei Jahren, geriet ihre Beziehung in eine Schieflage. „Ich hatte damals einen anderen Job und war dort unglücklich“, erinnert sich Alex Wiedemann.

Familie Wiedemann
© Thomas Dashuber
Familie Wiedemann

Die Arbeit raubte mir die ganze Kraft.“ Lange hatte Petra Wiedemann Verständnis dafür, dass ihr Mann kaum noch Zeit für sie und die Kinder hatte. „Aber die schlechte Stimmung bei der Arbeit hat sich mehr und mehr auf die Stimmung zu Hause ausgewirkt. Irgendwann war ich nur noch müde, gestresst und ungeduldig“, erzählt Alex Wiedemann weiter. Auch für Petras Probleme hatte er immer weniger Verständnis – und das machte sie wütend. Schließlich organisierte sie den Alltag quasi allein, neben ihrer Arbeit im Verlag. „Wir haben viel gestritten, oft über Kleinigkeiten“, sagt Alex Wiedemann.

Der Alltag ist Gift für eine Beziehung

Doch seine Arbeit war nicht der einzige Grund. „Rückblickend würde ich sagen, dass bei uns ziemlich viel auf einmal los war“, sagt Petra Wiedemann. Die Familie zog um, der zweite Sohn kam zur Welt. „Wir waren beide gestresst, fühlten uns ständig missverstanden und verfielen in einen Automatismus, aus dem wir nicht mehr rauskamen.“ Zwei Jahre lang ging das so, mit einigen Aufs und Abs. „Alex wurde mir immer fremder“, erzählt Petra Wiedemann. „Das machte mich traurig.“ Mehrmals schlug sie ihm vor, sich beraten zu lassen – vergeblich. Alex Wiedemann: „Ich dachte mir, wie wahrscheinlich viele Männer in so einer Situation: Das ist halt eine blöde Phase. Wird schon wieder.“ Erst als Petra Wiedemann ihrem Mann ein Ultimatum setzte und klar sagte, dass sie über eine Trennung nach denke, willigte er ein. „Ich war geschockt“, gibt Alex Wiedemann zu. „Aber ich wollte unsere Ehe nicht aufs Spiel setzen.“

Die Aussprache auf neutralem Boden

Petra Wiedemann suchte über das Internet eine Therapeutin in der Nähe. „Besonders das erste Treffen war emotional sehr aufgeladen“, blickt sie zurück. Ihr fiel es eher leicht, vor einer Fremden über ihre Probleme zu reden. Alex Wiedemann war zurückhaltender. Aber die Scheu war schnell über wunden. Beide sprachen Themen an, die sich über Monate angestaut hatten. „Das Gute an den Treffen mit der Therapeutin war: Es war eine neutrale Zone“, erzählt Petra Wiedemann. „Wir konnten unsere schwierige Situation besprechen, ohne ständig in dieses eingefahrene Muster zu verfallen.“ Schon lange hatte sie sich in ihrer Beziehung nicht mehr wertgeschätzt gefühlt. „Allein die Tatsache, dass Alex zur Beratung mitkam, gab mir das Gefühl, dass er mir zuhört, mich schätzt und liebt.“ Mithilfe der Therapeutin wurde den Wiedemanns auch bald klar, dass ihre Ehe alles andere als am Ende war. Sie mussten lernen, anders miteinander zu reden. „Plötzlich hatten wir das Gefühl, dass wir was machen konnten, dass die Lage nicht aussichtslos war“, sagt Petra Wiedemann. „Das war eine unglaubliche Erleichterung.“

Buchtipps

Krisen als Entwicklungschance: „Wie Partnerschaft gelingt – Spielregeln der Liebe“ von Hans Jellouschek, Herder, 224 Seiten, 9,99 Euro

Die Kraft der Imago-Methode: „Leih mir dein Ohr und ich schenk dir mein Herz“ von Sabine und Roland Bösel, Goldmann, 191 Seiten, 8,99 Euro

Revierkämpfe der Liebe: „Hoheitsgebiete“ von Berit Brockhausen, Südwest, 224 Seiten, 14,99 Euro

Die Beraterin schlug dem Paar vor, ein „Beziehungskonto“ zu führen, um zu sehen, wer was für den anderen tut. Denn nicht nur Alex Wiedemann war durch seinen Job gestresst, auch seine Frau fühlte sich müde und erschöpft. „Es war mir deshalb wichtig, dass ich zumindest eine kurze Auszeit vom Alltag bekomme“, sagt Petra Wiedemann. Eine Woche verbrachte sie allein in einem Wellness-Hotel in den Bergen. „Das tat mir richtig gut!“ Die beiden haben nicht alle Vorschläge der Therapeutin umgesetzt. „Wir nutzen die, die zu uns passen“, sagt Alex Wiedemann. Seit Kurzem hat er einen neuen Job. „Natürlich habe ich jetzt auch mal Stress. Aber es ist anders als während unserer Krise. Wir achten wieder mehr aufeinander, sprechen über uns und unsere Träume und engagieren öfter mal einen Babysitter, um auszugehen.“

Tipps für einen Neustart

Er bemüht sich, früher Feierabend zu machen, holt häufiger die Kinder ab, um Petra zu entlasten. Sie gewährt ihm dafür mehr Freiraum für Sport und Kultur-Events. „Wir haben unsere alte Verbundenheit wiedergefunden und das Gefühl, es geschafft zu haben“, resümiert Alex Wiedemann zufrieden. Seine Frau nickt. „Wir gehen wieder viel offener miteinander um. Die drei Termine mit der Therapeutin haben uns gutgetan. Wir haben vor allem Denkanstöße und Anregungen bekommen, die Beziehungsarbeit mussten wir aber selbst leisten. Wir können wirklich nur jedem Paar empfehlen, sich Hilfe zu holen, wenn man allein nicht mehr weiterweiß.“

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