19. August 2011
Mutige Frauen

Mutige Frauen

Kann ich das, darf man das? Und vor allem: Schaffe ich das? Solche Zweifel kennen viele, wenn sie mal wieder an einer Gabelung ihres Weges stehen. Vital besuchte Frauen, die beherzt Ja geantwortet und eine Entscheidung getroffen haben, die ihr Leben umkrempelte – ohne es je zu bereuen.

Gräfin Beatrice von Keyserlingk
© Dominik Asbach, Alex Trebus
Gräfin Beatrice von Keyserlingk

Heike von Joest räumte auf dem Höhepunkt ihrer Karriere den Chefinnensessel bei einem Arbeitgeberverband
„Ich bin auf eigenen Wunsch und ohne Sicherheitsnetz in mein neues Leben gesprungen. In ein Leben ohne Reisen, ohne Fahrdienst und Sekretärin, die meine Termine koordiniert. In ein Leben ohne Einkommen, ohne die gewohnte Aufmerksamkeit der Medien und ohne die Chance, die perfekte Entscheidung zu treffen, von der 8000 Unternehmen profitieren. Drei Jahre war ich Hauptgeschäftsführerin des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall und habe die Herausforderung geliebt, ständig neue Lösungen für scheinbar unlösbare Probleme zu finden. Höher, schneller, weiter – das war mein Motto. Doch dann, mit 42 Jahren, wurde ich zum ersten Mal schwanger. Ich hatte mir immer eine Familie gewünscht und wollte auch als Mutter keine halben Sachen machen. Für mich stand sofort fest: Ich kündige und kremple mein Leben um. Heute fahre ich mit dem Fahrrad zur Arbeit – und ich verdiene nichts mehr. Denn ich arbeite ehrenamtlich für die Bürgerstiftung Berlin. Von meinen neuen Kollegen, die sich alle unbezahlt für die gute Sache einsetzen, und von meinen Kindern habe ich in den letzten drei Jahren gelernt, dass manch eine Entwicklung Zeit braucht. Und dass sich nicht alles meinem Tempo anpassen lässt. Statt anderen vorzuschreiben, was sie tun sollen, motiviere ich als Vorstandsvorsitzende heute meine Mitarbeiter täglich aufs Neue. Meine Prioritäten haben sich stark verschoben. Ich bin ruhiger und reflektierter geworden und dankbar, wenn ich einem sozial benachteiligten Menschen helfen konnte. Der Schritt ins neue Leben hat sich gelohnt.“

Gräfin Beatrice von Keyserlingk gründete nach dem Tod ihres Freundes eine Hilfsorganisation
„Dass ich mutig sei, sagen meine Freunde. Ich weiß nur, dass ich nicht aufgeben will. Als mein Freund Christian 2003 bei einem Einsatz als Kriegsreporter im Irak starb, war ich wie gelähmt. Ich konnte nichts essen und nichts trinken. Unsere geplante Hochzeit, das Kind, das wir adoptieren wollten, der Traum von einer gemeinsamen Zukunft – alles war weg. Es ist schwer, mit einem so großen Verlust klarzukommen. Aber das Leben bleibt nicht stehen. Weil Christian das nicht mehr kann, versuche ich seine Vision von einem friedlichen Leben umzusetzen. Gemeinsam mit seinen Eltern, seinem Chef, seinen Kollegen und engsten Freunden habe ich die Christian-Liebig-Stiftung e.V. ins Leben gerufen (www.christian-liebig-stiftung.de). Sie soll dort helfen, wo meine große Liebe und ich heute leben würden: in Afrika. Seit neun Jahren fliege ich regelmäßig nach Malawi. Dort haben wir 19 Grundschulen gebaut. Auf den Schulbänken sitzen hochmotivierte Kinder und pauken Schreiben, Rechnen und Fremdsprachen. Währenddessen sammeln wir Spenden, um das Schulgebäude um einen Schlafsaal für Mädchen zu erweitern. Solange die Mädchen in ärmlichen Strohhütten auf Fußmatten übernachten müssen, weil ihr Schulweg zu weit für die tägliche Heimreise wäre, begeben sie sich in Lebensgefahr. Manchmal werde ich gefragt, wie ich es schaffe, neben meinem Beruf als Goldschmiedin bis in die Abendstunden, an meinen freien Tagen und im Urlaub für die afrikanischen Kinder da zu sein. Ich will einfach der Sinnlosigkeit und Leere, die Christians Tod hinterlassen hat, etwas Gutes entgegensetzen. Weil ich selbst keine Kinder mehr bekommen habe, macht es mich umso glücklicher, den jungen Menschen von Malawi zu helfen.“

Anika Wolke
© Dominik Asbach, Alex Trebus
Anika Wolke
Anika Wolke kündigte ihre Festanstellung für eine Weltreise
„Meine Chefin ist aus allen Wolken gefallen, als ich meine Festanstellung gekündigt habe. Ich bin nicht die typische Aussteigerin. Im Gegenteil, ich bin immer gern ins Büro gegangen. Aber der Wunsch, zusammen mit meinem Freund eine Weltreise zu machen, wurde immer stärker. Ich wollte frei sein. Herausfinden, wie es sich ohne festen Wohnsitz lebt, ohne durchorganisierten Alltag, ohne zu wissen, wie der nächste Tag aussehen wird und wie man ihn beendet. Ich wollte fremde Kulturen kennenlernen, Neuland betreten. Also habe ich in wenigen Wochen mein halbes Leben entsorgt. Ich kündigte meine Altbauwohnung und vertickte vom Sofa bis zur Kommode alle Möbel bei Ebay. Auch mein silbernes Cabrio, das ich mir von meinem ersten selbst verdienten Geld gekauft hatte, musste dran glauben. Komischerweise fiel mir die Trennung von allem Materiellen nicht schwer. Ich fand es eher befreiend, das eigene Leben zu entrümpeln. Was nicht auf den Dachboden meiner Eltern passte, kam weg. Ein mulmiges Gefühl hatte ich erst, als ich ohne Krankenversicherung, aber mit „Round The World Ticket“ im Flugzeug saß. Ich dachte nur: Mein Gott, was tue ich hier, ich hatte doch ein echt schönes Leben? Acht Monate reisten wir beide von Land zu Land, von Kontinent zu Kontinent. Wir freundeten uns mit Einheimischen in Kambodscha an und bretterten mit einem Camper die einsame australische Nordküste entlang. Wir waren unabhängig, selbstbestimmt und glücklich. Seit vier Wochen sind wir wieder zurück und suchen dringend eine neue Wohnung. Vorerst lebe ich zwischen Kisten mit den Überbleibseln meines alten Lebens im Gästezimmer meiner Eltern. Aber das war mir die Sache wert.“

Diese Frauen sagten Ja zur Veränderung

Mut lernen - in fünf Schritten nach Psychologe Dr. Andreas Dick

1 Die richtige Entscheidung treffen. Wer ein Gespür dafür entwickelt, was richtig und was falsch ist, traut sich leichter bedeutsame Entscheidungen zu.

2 Hoffnung und Zuversicht haben. Nur wenn die Hoffnung größer ist als die Angst, kann man Risiken eingehen.

3 Eine Vision haben. Wer sich persönlich weiterentwickelt und sich nicht mit kleinlichen Intrigen und egoistischen Spielchen aufhält, erreicht seine Ziele auch.

4 Einen freien Willensentschluss zeigen. Immer nur anderen gehorchen bringt nicht weiter. Wichtig ist, dass man spürt, was man selbst will und welche Wünsche unterbewusst noch da sind.

5 Risiken eingehen. Wer nichts wagt, macht keine Fehler, erarbeitet sich aber auch keine Erfolge.

Marina Bartel entschied sich für ihren behinderten Sohn
„Es war der 26. April 2006, als ich die Diagnose bekam. ,Ihr Kind wird mit hoher Wahrscheinlichkeit Trisomie 21 haben’, sagte die Gynäkologin. Ich war im fünften Monat schwanger und geschockt. Ich habe geweint und hatte Angst vor dem Ungewissen, der gesellschaftlichen Ablehnung und davor, dass ich ihn nicht annehmen könnte. Der Arzt riet mir zu einer späten Abtreibung, zumal dieses Kind sicher nie studieren werde, wie er sagte. In dem Moment schlug meine Trauer in Wut um und in Kampfgeist. Nur weil mein Kind nicht perfekt ist, liebe ich es doch trotzdem! Mein Mann, meine Familie und meine Freunde haben meine Entscheidung unterstützt. Fünf Monate später hielt ich Phil im Arm und fand ihn wunderschön. Nur sein schwerer Herzfehler, der operiert werden musste, beunruhigte mich. Phil brauchte vom ersten Tag an besonders viel Zuwendung und Geduld. Er bekommt bis heute Krankengymnastik und Reittherapie. Als er mit drei Jahren zum ersten Mal ein paar Schritte laufen konnte, habe ich geweint vor Glück und Stolz. Phil ist ein echtes Unikat. Er kann sich alles merken und ist wahnsinnig ordentlich: Krümel auf dem Teller werden nicht geduldet. Er hat unser Leben schon jetzt so bereichert. Und mich hat er stärker gemacht. Wenn Fremde ihn anstarren, gucke ich längst nicht mehr unsicher weg, sondern halte den neugierigen Blicken stand. Ich bin mutiger geworden. Ich weiß heute, was wichtig ist. Zum Beispiel, dass Phil genau wie seine siebenjährige Schwester Chantelle auf eine normale Schule gehen kann. Das ist nicht selbstverständlich. Mit einem so besonderen Kind muss man für Dinge kämpfen, die andere Mütter ganz einfach bekommen. Aber das ansteckende Lachen von Phil entschädigt mich für alles.“

Tina Jelveh
© Dominik Asbach, Alex Trebus
Tina Jelveh
Tina Jelveh kandidierte – und wurde jüngste Bürgermeisterin Deutschlands
„Für eine Studentin führe ich ein ungewöhnliches Leben. Ich werde mit dem Dienstwagen zu Sommerfesten, Ausstellungseröffnungen und Kirchenfesten gefahren. Fremde Menschen sprechen mich in der Straßenbahn an (,Sie sind doch unsere Bürgermeisterin, oder?‘), und gemütliches Ausschlafen ist passé. Ich stehe pünktlich um sieben Uhr auf. Nur so kann ich meinen Aufgaben als Bürgermeisterin samt Master-Studium gerecht werden. Vor fünf Jahren bin ich in die Partei Die Grünen eingetreten, wurde schon bald Stadtverordnete. Aber ich hätte nicht im Traum für möglich gehalten, dass ich mit 24 Jahren gefragt werde, ob ich mir den Posten der dritten Bürgermeisterin vorstellen könne. Konnte ich zuerst absolut nicht. Eine Bürgermeisterin, die mit dem Fahrrad zur Vorlesung fährt, zu Uni-Partys geht und für ihr Germanistik-Examen büffelt? Für mich unvorstellbar! Drei Wochen lang habe ich das Für und Wider abgewogen. Erst dann hatte ich den Mut, Ja zu sagen und diese Chance zu nutzen. Als Bürgermeisterin vertrete ich die jungen Menschen von Herne, und ich kann ein Vorbild sein für andere Frauen mit Migrationshintergrund. Ich selbst wurde im Iran geboren und bin mit acht Jahren nach Deutschland gekommen. Mein Vater ist wahnsinnig stolz, dass seine Tochter seit anderthalb Jahren Bürgermeisterin ist. Im Arbeitsalltag ist mein Amt als eine Vertretung des Oberbürgermeisters rein repräsentativ. Ich halte Grußworte, übergebe Preise – und lerne leider auch, dass man als Newcomerin die eine oder andere Intrige der politischen Gegner überstehen muss. Aber zu einfach darf es eben nicht sein im Leben.“
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