8. Januar 2014
Mein magischer Moment

Mein magischer Moment

Eine besondere Begegnung, eine Erkenntnis, eine Welle des Glücks: In manchen Momenten scheint die Zeit stillzustehen. Dann offenbart uns das Leben, wie alles gut werden kann.

Nonne sitzt auf einer Bank
© Thekla Ehling
Nonne sitzt auf einer Bank

Sein Leben konnte er sich nicht schöner vorstellen: Der junge Matthias Beck, Junior-Europameister im Dressurreiten, steht kurz vorm Abschluss seines Medizinstudiums. Hand in Hand spaziert er mit seiner Freundin über die Felder in der Nähe eines Gestüts bei Hannover. Da trifft es ihn wie ein Blitzschlag: „Plötzlich wusste ich, dass es mehr gibt als all das. Dass eine Kraft mich hält. Dass etwas sich stark verändert hat.“

Die Erkenntnis dauert gerade mal eine Sekunde. Lange genug, um den damals 25-Jährigen komplett zu erschüttern. Er quält sich durch die Examensprüfungen, verkauft seine Pferde, beendet seine Beziehung. „Ich war klar bei Verstand, aber trotzdem total durcheinander. Der Umbruch hatte begonnen“, erzählt der heute 57-Jährige. Er dauerte viele Jahre. Heute ist Beck Theologie-Professor am Institut für Moraltheologie in Wien. Außerdem Medizinethiker und seit zwei Jahren katholischer Priester. In Büchern und Schriften hat er sich mit dem Phänomen dieser besonderen Augenblicke befasst. „Sie wirken wie eine Initialzündung. Ohne, dass man das will oder steuert oder es besondere Auslöser gibt. Man wird einfach getragen von einer Kraft, die außerhalb unseres Verstandes liegt.“

Wunder kommen ungeplant

Das ist das Magische an solchen Momenten: Sie treffen, überschütten und erfüllen den ganzen Menschen völlig ungeplant. Für eine Sekunde, eine Stunde, einen Tag. Zeit und Raum spielen keine Rolle. Plötzlich macht das Leben eine Vollbremsung, und es ist klar, dass der Wegweiser von nun an in eine andere Richtung zeigt. Wen es erwischt, der steckt mittendrin und hat doch den Überblick über das große Ganze, kann es aber oft erst viel später begreifen. Ein Phänomen unser heutigen Zeit sind solchen magischen Erlebnisse keineswegs. Kairos nannten die Philosophen im antiken Griechenland diesen besonderen Moment, den geglückten, den richtigen, den lebensverändernden. Zu allen Zeiten hat er die Menschen beschäftigt. Immer wieder wurde er anders gedeutet.
Und nie war ganz klar: Ist er ein Geschenk oder eher eine Belastung? Denn eines steht fest: Ein so intensives, überraschendes Erlebnis kann wunderschön sein, aber auch verstörend und beängstigend. „Niemand reißt sich um eine radikale Kursänderung. Man wird vielmehr geschoben und gedrückt“, sagt Beck.

Jeder kann den magischen Moment erleben

Den einen trifft es wie der Blitz, beim anderen wird es vollkommen still, oder warmes Licht überflutet alles: So unterschiedlich wie die Menschen und ihre Lebensgeschichten sind, so verschieden kommen auch ihre magischen Momente daher. Die Apothekerin mit Abneigung gegen das Klosterleben spürt beim Klosterbesuch plötzlich, dass sie dorthin gehört. Die Agraringenieurin wird von einer Indianerin auf den schamanischen Weg „berufen“. Eine junge Mutter erwacht nach schwerer Krankheit aus dem Koma und fühlt grenzenlose Dankbarkeit und neuen Lebensmut. Das sind die Schicksale der Frauen in unserer Geschichte. Erleben kann solche magischen Momente grundsätzlich jeder, sagt Beck. Er als religiöser Mann nennt diese einschneidenden Erlebnisse jedoch „Einbrüche des Göttlichen in unser Leben“. Dafür müssen wir keine gläubigen Menschen sein. Beck: „Jeder Mensch trägt diese tiefe innere Stimme in sich. Man kann sie Intuition nennen oder einen Raum des Absoluten. Auf jeden Fall bewegt sich unser Bewusstsein da in eine andere Dimension."

Hören Sie auf die innere Stimme

Wir müssen nur bereit sein, dies auch wahrzunehmen: Viel zu oft werde die innere Stimme zugeschüttet von Alltag, Hektik und Lärm. „Vor allem Männer, die gern alles rational erklären, schieben Intuitives beiseite“, sagt der Experte. Sicher hilft es, achtsam mit sich umzugehen, oft innezuhalten. Zum Beispiel in der Meditation, im Gebet. Aber Vorsicht, nicht den echten magischen Moment verwechseln mit einem schönen Erlebnis, etwa beim Anblick des Meeres. Ob es sich tatsächlich um Kairos handelt, den lebensverändernden Zeitpunkt, kann Beck genau sagen. Er hat Kriterien für den Einbruch des Göttlichen in unser Leben aufgestellt: „Es erschüttert den ganzen Menschen unmittelbar. Es ist schön und erschreckend zugleich. Die Erkenntnis ist von Dauer, vergessen geht nicht. Erinnert man sich später daran, steht einem alles noch genau vor Augen. Es hat einen Realitätsbezug, also wirklich mit dem Leben des Betroffenen zu tun. Es muss Konsequenzen haben, führt meist automatisch zu einer langfristigen Kursänderung. Auf Dauer vergeht der erste Schreck, und ein tiefer Friede stellt sich ein.“

Offen sein für Veränderungen

Nüchterner erklärt Psychotherapeut und Traumaexperte Dr. Christian Lüdke den magischen Moment: „Im Gehirn werden bei einem solchen Erlebnis durch den Schock Denken, Fühlen und Handeln voneinander entkoppelt und viel Adrenalin und körpereigene Opiate ausgeschüttet. Der Mensch wird auf sein Ursprünglichstes zurückgeworfen. Mitten in der Stressreaktion suchen wir nach Bildern. Je klarer uns diese Bilder vom eigenen Leben vor Augen stehen, umso leichter ist es, die Zukunft danach auszurichten, etwas Erneuerndes zu tun.“

Auch Christian Lüdke sieht in magischen Momenten Wendepunkte. „Das sind Weckrufe. Sie treten im Leben oft am Übergang von einer Entwicklungsstufe in die nächste auf“, erklärt er. Etwa alle sieben Jahre durchlaufen wir Menschen solche Stufen. „Da frage ich mich: Ist mein Leben so, wie ich es mir vorgestellt habe?“ Verbirgt sich hinter Kairos also nur die ewige Sehnsucht jedes Menschen: dass ich einmal zugreifen und das volle Leben erwischen kann, in diesem Moment, in dem sich das Universum oder Gott oder das Glück mit mir verbindet? „Nein“, sagt Lüdke. Er habe schon austherapierte Krebspatienten kennengelernt, die nach einem derart verdichteten magischen Erlebnis mit so viel Kraft an ihre Genesung glaubten, dass sie noch heute leben. Als Psychotherapeut hat Lüdke mit traumatisierten Opfern des 11. September in New York und des Tsunamis an den Küsten des Indischen Ozeans gearbeitet. „Vielen dieser Menschen stand während des schockierenden Ereignisses ebenfalls plötzlich vor Augen, was in ihrem Leben bisher nicht gut gelaufen ist und was sie ändern möchten.“

Veränderungen im Leben sind notwendig

Ob Kairos, Schock oder magischer Moment: Um das für sich nutzen zu können, müssen sich die Personen, da sind sich beide Experten einig, Zeit nehmen, um Abstand zum Erlebten zu gewinnen. Dann mit einem Vertrauten darüber sprechen, um das Ereignis zu reflektieren und in die Lebensgeschichte einzufügen. Auch das ist eine Besonderheit magischer Momente: Danach weiterzumachen wie bisher scheint fast unmöglich. Beck: „Hat einmal ein Umbruch stattgefunden, muss man ihm folgen, weil es einem sonst nicht gut geht. Der Weg kann steinig sein, aber am Ende winkt ein Leben in Fülle.“

Aus der Narkose ins neue Leben

„Die Intensivstation eines Krankenhauses – mein magischer Moment hat sich keinen angenehmen Ort ausgesucht. Damals war ich schwanger, 32. Woche. Plötzlich bekam ich Fieber und ein Ziehen im Bauch. Akutes Leberversagen, stellten die Ärzte im Krankenhaus fest. Die Herztöne meines Babys wurden schwächer. Als man mich in Vollnarkose versetzte, bekam ich noch schemenhaft mit, wie einer der Ärzte verzweifelt mit der Hand gegen die Wand schlug.
Mutter und Tochter
© Thekla Ehling
Ulrike Montani, 44, mit ihrer Tochter Amelie, 4

Ein anderer sagte: „Dann bekommt sie halt eine neue Leber.“ Ich war hoffnungslos, dachte, ich würde sterben und mein Kind ... Aber ich erwachte wieder aus der Vollnarkose, in einer 60 Kilometer entfernten Transplantationsklinik. Als ich zu mir kam, sagte die Krankenschwester: ,Sie haben eine neue Leber bekommen. Ihr Baby ist wohlauf. Sie hatten so viel Pech, aber auch so viel Glück.‘

Dann passierte es: Ich sah plötzlich vieles vor mir, was in meinem Leben nicht so gut gelaufen war – und es verschwand. Als hätte jemand auf die Löschtaste gedrückt. Zum Beispiel hatte ich von meinen Eltern nie viel Liebe bekommen. Das nagte an mir. Doch jetzt hatten so viele Menschen so viel für mich getan. Ich war erfüllt von Licht und Dankbarkeit für dieses Geschenk, das neue Organ, mein neues Leben. Weil ich in direkter Lebensgefahr schwebte, hatte ich die Leber so schnell bekommen. Ich spürte: Mir war ein Wunder geschehen. Was passiert war, hatte nicht mehr in meiner Hand gelegen. Doch ab jetzt wollte ich kämpfen für mein Leben. Das musste ich auch: Ich war zu schwach, um mein Baby zu halten, verbrachte noch vier Monate im Krankenhaus. Heute geht es uns gut. Oft sehe ich jetzt alltägliche Dinge mit den staunenden Augen eines Kindes.“

Sie liebte ihr weltliches Leben

„Ich erinnere mich genau an jenen kalten Januartag vor elf Jahren. Mein magischer Moment war wunderbar, aber er kam mir total ungelegen. Im Januar 2003 fuhr ich mit dem Auto zu einem mir unbekannten Kloster. Von außen sah ich nur eine riesige, hässliche Baustelle.
Schwester Ursula im Kloster
© Thekla Ehling
Ursula Hertewich, 37, lebt als Schwester Ursula seit acht Jahren im Kloster Arenberg.
Da wollte ich umkehren. Ich glaubte schon damals fest an Gott, bin in einer katholischen Familie aufgewachsen und war gern in der Kirche aktiv. Kurz zuvor hatte mir ein befreundeter Pfarrer das Leben in einer geistlichen Gemeinschaft vorgeschlagen. ,Nein‘, antwortete ich, denn glückliche Ordensleute hatte ich nie getroffen. Und ich wollte mein Leben nicht auf den Kopf stellen. Ich liebte es, so wie es war: meine liebevollen Eltern, meine Arbeit in unserer Familienapotheke, meine vielen Freunde. Das alles war in diesem Moment vor dem Kloster 220 Kilometer entfernt. Und schlagartig vergessen, als mich eine sympathische Schwester über das Klostergelände führte.
Wie angewurzelt blieb ich stehen: Es war, als hätte jemand einen überwältigenden Gefühlscocktail aus Geborgenheit, Glück und Freude über mir ausgeschüttet. Ich war total überrascht und erfüllt von grenzenloser Stille. Plötzlich hatte ich keine Fragen mehr. Nur die Erkenntnis: Du gehörst hierher. Trotzdem war nach diesem Tag lange nicht alles gut: Nun wusste ich zwar, wohin ich gehörte, wollte aber mein altes Leben nicht aufgeben. Drei Jahre dauerte der Prozess der Ablösung, dann wurde ich Schwester Ursula. Bereut habe ich diesen Schritt niemals.“

Eine unsichtbare Indianerin half

Wenn ich an meinen magischen Moment denke, spüre ich noch heute seine Kraft. Ich steckte mitten in einer Lebenskrise und wollte einfach nur raus. Meine Kinder waren 5 und 6 Jahre alt. Eine schwierige Ehe und ein zermürben- der Trennungskampf lagen hinter mir. Ich fuhr mit dem Auto allein in die Schweiz, nahm mir ein Zimmer in einer kleinen Pension. Dort streifte ich durch die Natur, genoss die Kraft der Berge. Eines Abends lag ich im Bett, wach, aber entspannt.

Barbara ist Schamanin
© Thekla Ehling
Barbara Sassen, 59: Früher arbeitete die Marburgerin als Agraringenieurin, heute als Schamanin.
Plötzlich sah ich vor meinem inneren Auge deutlich einen Weg hinunter in die Erde. Ohne Angst stieg ich hinab. Unten am Feuer saß eine alte Indianerin. Das sah ich nicht nur, sondern spürte mit allen Sinnen die Wärme der Flammen und die freundliche Atmosphäre.

Die Indianerin lud mich zu sich ein und sagte, sie werde mich dabei unterstützen, wieder zu mir selbst zu finden und stark zu sein. Dann stieg ich wieder hinauf. Obwohl sich dieses Erlebnis mit dem Verstand nicht erklären lässt: Ich fühlte mich überhaupt nicht verstört, sondern war vielmehr zutiefst dankbar und gerührt. Gestärkt kehrte ich aus dem Urlaub zurück. Ich wusste, dass ein anstrengender Weg vor mir lag. Ich trennte mich endgültig von meinem Mann und erzog meine Kinder allein. Doch von da an half mir die Spiritualität. Heute helfe ich als Schamanin anderen Menschen und kann davon leben.“

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