31. Juli 2012
Männer mit Depression

Männer mit Depression

Natürlich erkranken nicht nur Frauen an Depression. Doch Männer leiden anders – und brauchen deshalb eine andere Therapie. Wir haben eine Spezialklinik besucht.

Mann, Depression
© thinkstockfoto
Mann, Depression

Es kostet Überwindung. Jeden Tag stellt sich Jens Büsing vor den Spiegel und sagt diesen Satz: „Ich bin ein toller Typ.“ Stimmt er? Der 37-Jährige nickt. „Ja, so langsam glaube ich wieder daran.“ Er lächelt und blinzelt in die Sonne. Aus den uralten Bäumen ertönt das tägliche Kon- zert unzähliger Singvögel. Der große Garten der „Tagesklinik für Männer“ in Sehnde bei Hannover, die zum Klinikum Wahrendorff gehört, soll ein Ort zum Wohlfühlen sein. Jens Büsing versucht das. Stück für Stück ist sein Ich in Deutschlands erster Tagesklinik für depressive Männer wieder aufgeblüht.
„Meine Ehe auch“, erzählt der Anlagensteuerer glücklich. „Es ist fast so, als hätten wir uns gerade kennengelernt.“ Der Hobby-Kampfsportler trägt seine Haare nach hinten gekämmt und einen Dreitagebart. In seinem kurzärmeligen Hemd wirkt er voller Tatendrang. „Ich will zu Hause wieder mehr machen“, sagt er. „Das Zimmer unserer Tochter renovieren, das mache ich jetzt.“ Wie viel die Neunjährige von den Depressionen ihres Vaters mitbekommen hat, wird sich im Laufe der Zeit zeigen. „Ich habe versucht, mir vor ihr nicht so viel anmerken zu lassen“, sagt Jens Büsing. Denn wie erklärt man einer Grundschülerin, was ein – so der Klinik-Slogan - „Fachkrankenhaus für die Seele“ ist?

Das beantwortet Markus Wagner, Diplompsychologe und Therapeut in der Männer-Klinik. Er sitzt bei seinem Patienten, hält aber jenen Abstand, der ohne Worte signalisiert: Sie schaffen das allein. Der 34-Jährige strahlt Ruhe aus. Er empfiehlt den Eltern einen Vergleich: Bricht sich jemand ein Bein, bekommt er einen Gips, und jeder sieht, dass er krank ist. Bei Papa siehst du es nicht, weil seine Seele einen Verband braucht.

Der Leidensweg

Acht Jahre hat Jens Büsing allein und immer verzweifelter gegen seine Depression gekämpft. „Ein typisches Verhalten bei Männern“, wird Verhaltenstherapeut Markus Wagner später sagen. „Sich einzugestehen, ich habe ein Problem, ist die größte Hürde.“ Weil dieses Eingeständnis allem widerspricht, was die Betroffenen schon als Kinder lernen: Reiß dich zusammen!
Indianerherz kennt keinen Schmerz! Psychologen nennen das „Orientierung an Maskulinitätsnormen“. Sie führt nicht nur dazu, dass Männer viel später zum Arzt gehen als Frauen. Sie löst bei ihnen auch völlig andere Depressionssymptome aus. Fachleute wie Markus Wagner wissen das. Viele niedergelassene Ärzte dagegen suchen lange nach körperlichen Ursachen – und verzögern damit die richtige Diagnose.

Das hat fatale Folgen: Etwa 75 von 100 Selbstmordopfern in Deutschland sind Männer. „Gleichzeitig müssen etwa 80 Prozent aller Suizide auf eine Depression zurückgeführt werden“, so Prof. Anne Maria Möller-Leimkühler, leitende Sozialwissenschaftlerin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität München.
„Eine hohe Suizidrate bei niedriger Depressionsrate lässt eine hohe Dunkelziffer bei Männern vermuten.“ Umso alarmierender sind solche Statistiken: Die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage wegen psychischer Erkrankungen stieg bei Männern zwischen 1994 und 2003 um 82 Prozent. So steht es im 2010 erstmals erschienenen Männergesundheitsbericht (herausgegeben von der Stiftung Männergesundheit). Und laut AOK erhöhte sich diese Fehlzeit von 2004 bis 2010 noch mal um knapp 40 Prozent.

Der Alltag

Dabei fühlte sich Jens Büsing bestens für das Leben gewappnet. „Ich hatte ein tolles Elternhaus“, erzählt er strahlend. Dort lernte er, offen auf Menschen zuzugehen, unterschiedliche Meinungen zu akzeptieren, Probleme anzusprechen. Bei seinen Chefs kommt so ein Verhalten gut an, sie unterstützen ihn. „Mit einigen hatte ich sehr guten Kontakt.“ So motiviert übernimmt der Anlagensteuerer in einer Fabrik zusätzliche Aufgaben, ist immer mit vollem Einsatz dabei.

Seine Kollegen reagieren mit Mobbing. „Nacktschnecke“ taufen sie ihn, weil er angeblich bei Vorgesetzten „schleimt“. Zu Festen wird er nicht eingeladen.

Will er sich neue Arbeitsschritte erklären lassen, fängt das Team bewusst ohne ihn an. Sogar sein Familienleben wird infrage gestellt. „,Wer hier arbeitet, braucht keine Familie‘, bekam ich zu hören“, erinnert sich Jens Büsing. Jeden Tag lassen ihn seine Kollegen erneut spüren: Du passt nicht zu uns. Dich hier zurechtzufinden, das schaffst du eh nicht. „Stellen Sie sich mal vor, man würde Ihnen ständig sagen:Ihre Arbeit ist der letzte Dreck!‘“, schnaubt der Niedersachse. Doch sich krankschreiben zu lassen kommt für Jens Büsing nicht in Betracht. Nicht mal, als seine Selbstzweifel und Versagensängste immer größer werden. Er stellt alles infrage. Sich selbst. Sein Leben. Frau Büsing versucht, ihren Mann aufzumuntern. „Lass die doch labern. Zieh dir den Schuh nicht an“, sagt die 40-Jährige zu ihm. Aber sie erreicht ihren Mann kaum noch. „Er wirkte total abwesend und flüchtete ständig zum Sport.“ Heute weiß sie, dass dieses Verhalten typisch ist für depressive Männer. Manche trainieren bis zur totalen Erschöpfung, um den inneren Druck loszuwerden. Jens Büsing macht Taekwondo, koreanischen Kampfsport. „Da bekam ich noch ein bisschen Anerkennung“, sagt er. Irgendwann reicht auch die nicht mehr aus. Jens Büsing bricht zu Hause weinend zusammen. „Ich hatte das Gefühl, dass alles vorbei ist. Mein Leben hatte keinen Sinn mehr“, erzählt er offen und sucht nach einem passenden Bild für seine Gefühle. „Es erdrückt dich – wie ein Auto auf der Brust. In mir war nur noch dieses weinende Wesen, das am ganzen Körper bibbert und überhaupt nichts mehr entscheiden kann.“

Männer leiden anders

Typische Symptome einer Depression:
  • gedrückte Stimmung
  • fehlendes Interesse
  • keine Freude im Alltag
  • Appetitlosigkeit
  • Schlafstörungen
  • quälende Unruhe
  • Neigung zum Rückzug
  • gehemmtes Denken
  • Energielosigkeit
  • geringes Selbst bewusstsein
  • Hoffnungslosigkeit, Angst
  • Gedanken über den Tod
  • Suizidgedanken

Symptome einer Depression bei Männern:

  • geringe Stresstoleranz
  • erhöhte Risiko bereitschaft
  • Ausagieren von Gefühlen
  • geringe Impulskontrolle
  • Wut- oder Gewaltausbrüche
  • Irritiertheit, Unzufriedenheit
  • depressive Denk inhalte
  • Suchtverhalten (Alkohol, Tabletten)

Als ihr Mann schließlich mit dem Auto nach Sehnde ins Klinikum Wahrendorff fährt – er hat darüber einen Zeitungsartikel gelesen – ahnt seine Frau nicht, wie groß die Gefahr ist, ihn zu verlieren. „Von seinen Selbstmordgedanken wusste ich damals nichts“, sagt die Betriebswirtschaftlerin leise. Tatsächlich weiß Jens Büsing schon genau, gegen welche Mauer er rasen will. Er behält seine Pläne für sich. Erst mit den Ärzten in Sehnde spricht er darüber. Sie verlegen ihn auf eine „geschützte“ Station. Als seine Frau ihm noch einige Sachen bringen will, muss sie sich anmelden und warten, bis ihr die Türen geöffnet werden. Es wirkt wie ein Gefängnis.

„Was mache ich hier?“ – das ist Jens Büsings erster Gedanke, als er seine Mitpatienten kennenlernt. „Ich hatte das Gefühl, dass es denen viel, viel schlechter geht als mir.“ Er bekommt ein Antidepressivum verordnet, das die Konzentration bestimmter Botenstoffe in seinem Gehirn verändert. „Das war schon ein Problem für mich“, gibt er zu. „Ich wusste ja nicht, was das mit mir macht.“ Es hilft. Schließlich fängt sich Jens Büsings Seele so weit, dass er seine Behandlung an der Tagesklinik für Männer fortsetzen kann. Abends und am Wochenende ist er nun wieder zu Hause bei seiner Frau und seiner Tochter, für ihn ein sicherer Hafen im Strudel des Lebens.

Die Klinik

Über einen Trampelpfad verlässt Jens Büsing den Garten und betritt durch eine breite Tür den großzügigen Eingangs- und Gemeinschaftsbereich der Tagesklinik. Angenehm kühl ist es hier. Die dicken Mauern des Amtshauses aus dem 19. Jahrhundert halten die sommerliche Hitze ab. Sechs Männer warten in schwarzen Ledersesseln auf die Visite, die immer montags gegen 14 Uhr beginnt. Zwei Neuzugänge sind darunter.

Die Männerklinik
© Denhnis Williamson
Die Männerklinik

Sie stehen am Anfang des Weges, den Jens Büsing fast hinter sich hat. Ihre Gesichter wirken noch abwesend, müssen das Lächeln erst wieder lernen. Jens Büsing wählt einen Sessel mit einem bunten Kissen, der etwas abseits steht. „Die Idee, nur Männer zu behandeln, fand ich am Anfang gewöhnungsbedürftig“, sagt er. Das ist vorbei. „Die Leute hier verstehen dich sofort. Da muss niemand viel erklären.“

Auch Psychologe Markus Wagner fand das Konzept „Männer-Klinik“ erst seltsam. „Ich dachte, da entsteht so eine Art Stammtisch-Atmosphäre“, erklärt er seine Bedenken. Mittlerweile ist er längst überzeugt. „Die anderen Patienten sind der vierte Therapeut hier“ – neben Psychologen, Ergotherapeuten und Pflegern. Vier Frauen gehören zum siebenköpfigen Team. „Aber das Geschlecht spielt da keine Rolle“, so Markus Wagner. „Wir werden sozusagen als ,therapeutisches Neutrum‘ gesehen.“ Dass es anders läuft, wenn Frauen und Männer gemeinsam behandelt werden, hat Markus Wagner bei seinem vorherigen Ar- beitgeber erlebt: „Sitzen in den Gruppentherapien auch Frauen, ziehen sich die Männer zurück und sprechen nie die Themen an, die sie wirklich beschäftigen.“

Muss ich mich jeden Tag rasieren? Soll ich die Wäsche aufhängen? Wie lerne ich eine Frau kennen? Wie ergeht es anderen Vätern, die sich viel um ihre Kinder kümmern? Solche Fragen wirken nur auf den ersten Blick banal. „Dahinter steckt der Konflikt zwischen altem und neuem Männerbild“, das weiß Markus Wag- ner aus zahlreichen Gesprächen. Macho oder Softie? „Viele Männer fragen sich: Wo stehe ich? Vor Patientinnen wird darüber nicht gesprochen.“ Eine zentrale Rolle im Konzept der Tagesklinik spielen die damit zusammenhängenden Werte und Bewertungen. Schritt für Schritt gehen die Therapeuten sie mit den Patienten durch. Dabei wachsen am Tafelschreibblock Schaubilder aus Kästen und Pfeilen: Am unteren Rand des langen Papiers steht das Verhalten, am oberen stehen die verborgenen Bedürfnisse, die dahinterste- cken. Gedanken, die Gefühle auslösen – und umgekehrt. So wird der Kreislauf der Seele für die Männer sichtbar.

„Manche wirken wie Roboter, wenn sie zu uns kommen“, erzählt Markus Wagner. „Sie können überhaupt keine Gefühle zulassen.“ Andere befürchten, von Emotionen überflutet zu werden. Der Verhaltens- therapeut nimmt einen kleinen Korb mit Deckel vom Regal. Ein Wollknäuel ist darin, ein Fläschchen China-Öl, ein gelber Igelball, breite Gummibänder, Brause- tabletten. „Das sind unsere Skills“, erklärt Markus Wagner. Sie helfen den Männern, Herr ihrer Gefühle zu bleiben. Je nach dem, wie ausgeprägt diese sind, setzen die Skills einen starken Gegenreiz.
Eine sprudelnde Tablette im Mund, das Parfum der Freundin oder ein Gummiband, das gegen den Unterarm geschnippst wird, zieht alle Aufmerksamkeit auf sich und wird zur Notbremse am quälenden Gedankenkarussell.

Adressen & Bücher

Klinik:
Klinikum Wahrendorff GmbH, Tagesklinik für Männer, Hindenburg - straße 1, 31319 Sehnde, Tel. 0 51 32/ 90 38 38, www.wahrendorff.de Orientierungshilfe:
Stiftung Deutsche Depressionshilfe, Semmelweisstraße 10, 04103 Leipzig, Tel. 03 41/972 44 93, www.deutsche-depressionshilfe.de Selbsthilfe:
Deutsche Depressions Liga e.V., Auf der Lache 44, 71729 Erdmannhausen, www.depressionsliga.de
Familie:
Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker, Oppelner Str. 130, 53119 Bonn, Tel. 02 28/71 00 24 24 (das „Seelefon“), www.psychiatrie.de

Für betroffene Männer:
„Männer weinen nicht“ von Constanze Löffler u. a., Goldmann, 250 S., 8,99 Euro
Für ihre Partnerinnen:
„Wenn der Mensch, den du liebst, depressiv ist“ von Laura Epstein u. a., 352 S., 9,99 Euro

Gespräche im Gruppenraum
© Dennis Williamson
Gespräche im Gruppenraum

Und: Sich vorzustellen, dass der innere Scharfrichter („Du bist ein Versager!“) auf einmal die Stimme von SpongeBob hat, sich klarzumachen, dass das Gehirn evolutionsbedingt zu 80 Prozent solche negativen Gedanken produziert, schafft Distanz, bannt die Gefahr.
Das Denken verbeißt sich nicht länger in die Vergangenheit oder die Zukunft. Die Männer lernen, mit ihrer Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt zu bleiben und diese Momente zu genießen. Sie können still sein, wenn die Patienten im Gruppenraum zu einer Entspannungsstunde oder Imaginationsübung zusammenkommen. Oder laut, wenn beim Fußballspielen über Tore gejubelt oder im Garten gemein- sam auf den „DrumBalls“, großen Pezzi-Bällen, getrommelt wird. Dann ist die Depression ganz weit weg.

Das Ende

Durchschnittlich sechs Wochen dauert die Behandlung an der Tagesklinik.

Für ihre Wochenenden bekommen die Männer Hausaufgaben: sich wieder mit Freunden verabreden. Fremde nach der Uhrzeit oder nach dem Weg fragen, um soziale Ängste abzubauen. Die Tipps aus der Klinik im Alltag umsetzen. „Wir machen hier keine Reha“, betont der Psychologe. „Es tut schon weh, an sich zu arbeiten.“ Umso mehr freut er sich über die Fortschritte seiner Patienten. Einer von ihnen, ein Soldat, schenkte Markus Wagner am Ende der Therapie einen Orden, den er selbst verliehen bekommen hatte. „Er sagte zu mir: ,Alles, was mir dieser Orden mal bedeutet hat, ist jetzt in mir. Ich brauche ihn nicht mehr‘“, erinnert sich Markus Wagner. „Das war unglaublich, richtig toll.“ Noch ein paar Tage, und Jens Büsings sieben Wochen in der Tagesklinik für Männer sind vorüber. „Das baldige Therapie-Ende nagt schon an mir“, gesteht er nach seinem Visitegespräch. „Hoffentlich reicht das, was ich hier gelernt habe.“ Er schlägt eine Seite in einem schmalen Ordner auf, in den er alle Klinikunterlagen geheftet hat. Auf dem Papier sitzt ein Mann in einer großen, gelben Blase. Rote Flammen greifen ihn an, die aber an der Blase abprallen. „Das habe ich gemalt, als wir uns hier einen sicheren Ort vorstellen sollten“, erzählt Jens Büsing nachdenklich. Hat er Angst vor einem Rückfall? „Ja, die habe ich. Aber die Blase beschützt mich. Und ich kann auf die Unterstützung meiner Familie bauen.“

Männer sollen sich solidarisieren

VITAL: Warum eine Tagesklinik nur für Männer?
Dr. Michael Hettich:
Auslöser war der Männergesundheitsbericht, der 2010 erstmals veröffentlicht wurde. Beim Lesen habe ich festgestellt: Die bisherige Behandlung von Depressionen erreicht Männer nicht, weil sie auf Frauen abgestimmt ist. In dem Bericht standen viele Sätze mit „sollte“ oder „müss te“. Ich dachte: Wir machen das jetzt. Gleichwohl muss natürlich nicht jeder Mann in die Männerklinik.

Was ist das Neue an der Klinik?
Die Therapie-Bausteine, die wir hier einsetzen, sind alle gut erprobt und erforscht. Das Neue ist die Umgebung: Männer unter sich. Das ist das Experiment. Wir wollen, dass sich die Männer untereinander solidarisieren und davon zusätzlich profitieren.

Worauf zielen die einzelnen Therapie-Bausteine ab?
Manche Übungen helfen, Gefühle wahrzunehmen und den Umgang mit Stress zu verbessern. Außerdem lernen die Männer Entschärfungsstrategien. Es ist emotional etwas anderes, wenn ich statt „Ich bin ein Versager“ denke: „Aha, mein Gehirn denkt gerade, dass ich ein Versager bin.“ Unser Sportangebot unterstützt Patienten, im Hier und Jetzt zu bleiben. Sie sollen etwas Positives tun und er le ben, dass sie eine Zeit lang nicht an ihre Depressionen denken

Steigt die Zahl der depressiven Männer?
Ja, vor allem bei den 20- bis 50-Jährigen. Auch sie erleben eine Doppelbelastung. Einerseits wollen und sollen sie mehr Aufgaben in der Familie übernehmen, andererseits bleiben sie meist der Hauptverdiener, der mit großem beruflichen Druck fertigwerden muss. Der Ausgleich kommt zu kurz.

Michael Hettich
© Dennis Williamson
Dr. Michael Hettich:   Chefarzt der Klinik für Psychotherapie in Wahrendorff, leitet die Tagesklinik für Männer.  

Woran liegt das?
Ich glaube, dass wir in der Arbeitswelt gerade an einem ähnlichen Wendepunkt angekommen sind, wie es ihn schon einmal während der Industrialisierung gab. Damals mussten die Arbeiter körperlich ungeheuer viel leisten und wurden immer öfter körperlich krank. Daraufhin wurden der Arbeitsschutz und andere Maßnahmen eingeführt. Inzwischen sind wir wieder so weit, nur dass es jetzt um die psychische Gesundheit geht. Das heißt, Prävention muss dorthin gehen, wo Männer sich die meiste Zeit aufhalten – in den Betrieben.

Ihre Klinik arbeitet sehr erfolgreich.
Ja, und darauf bin ich auch ein bisschen stolz. Bislang haben wir etwa 250 Männer behandelt. Deren Daten gehen alle in eine Studie ein, die wir gemeinsam mit der Universität München durchführen. Die Ergebnisse werden wir voraussichtlich nächstes Jahr veröffentlichen. 1 In der Klinik werden auch Freundschaften fürs Leben geschlossen: Jens Büsing mit einem Mitpatienten 2 So stellt sich Jens Büsing seinen sicheren Ort vor, an den er jederzeit gedanklich flüchten kann 3 Jens Büsings Notfall-Set für die Seele: Brausetabletten und Gummi bänder lenken ab, wenn die Gefühle explodieren.

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