25. Juni 2012
Kreativität verleiht Kraft

Kreativität verleiht Kraft

Wer gut malen oder schreiben kann, den finden wir originell. Erfinderisch zu sein bedeutet aber auch, schöpferischer mit uns selbst umzugehen, mit unserer Seele und all ihren Stärken und Schwächen. Ich-Kreativität heißt diese verborgene Kraftquelle in uns allen. Um sie anzapfen zu können, bekommen Sie hier fünf Werkzeuge – Tools –, exklusiv in Vital.

Kreative Frau
© thinkstockphotos
Kreative Frau

Ein realer Dirigent hätte vor so einem Orchester längst den Dienst quittiert: Die Streicher maulen über die erste Geige. Die forschen Bläser findet die zart besaitete Harfe einfach nur vorlaut. Der Trommler kocht innerlich vor Wut, weil er gern viel öfter auf die Pauke hauen würde. So ähnlich sieht es wohl in uns allen aus. Der Dirigent? Das ist unser bewusstes Ich. Die Musiker-Truppe? Das ist – Dienst quittieren also zwecklos – unser unbewusstes Ich.
Widersprüchliche Bedürfnisse, runtergeschluckte Gefühle, Gewissensbisse, der innere Schweinehund, Ängste, Kindheitserinnerungen – jeden Tag ringen wir mit ihnen. Manchmal wachsen wir dabei über uns hinaus. Um im Bild zu bleiben: Wir spüren auf einmal die herrliche Wucht eines Sinfonieorchesters. Sprechen mit ungewohnter Klarheit. Sind ganz bei uns. Denken nicht mehr nach, was wir tun, sondern folgen unserer Intuition. Wieso? Weil der Dirigent in diesen Momenten einen Verbündeten hat: die Ich- Kreativität.
Diese unterbewusste Kraftquelle hilft uns, zu unseren Stärken zu stehen, ihnen voll zu vertrauen und unsere Schwächen anzunehmen. Leider neigt dieser Zustand dazu, sich rar zu machen. Ich-Kreativität erleben viele Menschen als Energie, die ausgerechnet dann nicht verfügbar scheint, wenn wir sie am meisten brauchen.
„Doch wer Ich-Kreativität schon mal in sich gespürt hat, weiß, dass es sie gibt“, sagt der US-Psychologe Phil Stutz. „Sie lässt uns Dinge erreichen, die wir sonst für unmöglich halten.“ Dass sie flüchtig ist, gibt allerdings auch er zu. „Meistens finden wir nur in Notsituationen Zugang zu ihr“ – wenn unser Ich in die Enge getrieben wird. Sollen wir uns dann freuen, dass das nicht allzu oft im Leben passiert, Mister Stutz? Ist es demnach riskant, die Ich-Kreativität zu wecken?
„Das Risiko, das Sie eingehen, hat ausschließlich einen positiven Rückkopplungseffekt in Ihrem Unterbewusstsein“, ermutigt uns Stutz. „Es setzt dadurch neue Ideen frei und ermuntert Sie, daran zu arbeiten. Je mutiger Sie vorgehen, desto mehr Ideen entstehen.“ Die Ich-Kreativität beginnt zu sprudeln. Keine Gefahr also. Dass dieser Effekt ein völlig neuer Weg zum Ich ist, weiß wohl niemand besser als Phil Stutz. Er und sein Kollege Barry Michels haben mehr als 60 Jahre therapeutische Erfahrung mit der Ich-Kreativität.

Kreativitäts-Bremsen

Gegner der Ich-Kreativität ausschalten

Ihre Praxen liegen in Hollywood, und ja, auch Stars werden bei ihnen behandelt. Doch wenn die beiden Therapeuten erzählen, wird schnell klar: Unsere Psyche kennt keinen „Promi- Bonus“. Sie entwickelt in Hollywood dieselben Probleme wie in Hamburg, Hannover oder Hameln.
Um die zu lösen, haben Phil Stutz und Barry Michels in den vergangenen Jahren fünf Werkzeuge entwickelt („The Tools“, Arkana, 288 Seiten, 17,99 Euro). Nichts Abgehobenes für Stars, sondern alltagstaugliche und lebens nahe Übungen, die jedem von uns helfen können, alle Gegner der Ich-Kreativität auszuschalten.
Auf den ersten Blick wirken die „Tools“ ein bisschen esoterisch. Aus gutem Grund: Sie sollen im Unterbewusstsein verankert werden. Und das spricht seine eigene Sprache, Stichwort: Träume. Der größte Hemmschuh der Ich-Kreativität ist ein Wesen, das die US Psychologen „Schatten“ nennen. Eine Idee, die ursprünglich von Carl Gustav Jung (1875–1961) stammt, dem Begründer der analytischen Psychologie. Er schrieb: „Der Schatten ist alles, was du auch bist, aber auf keinen Fall sein willst.“ Klingt bedrohlich. „Tatsächlich ist er eine Art Verbindungsmann zum Unterbewusstsein“, stellt Barry Michels klar. „Der Schatten ist die Quelle unserer Kreativität und Gewandtheit.“ Tool eins hilft uns, sich mit ihnen zu verbünden.

Achtung vor der Kreativitäts-Bremse

Eher kindliche Anteile unserer Persönlichkeit stehen ebenfalls auf der Kreativitäts-Bremse. „Wir nennen sie ,Stimme X‘“, sagt Stutz. „Sie haut pausenlos auf den Tisch, weil ihr nichts gut genug ist. Sie hält sich für die Königin des Universums. Doch das sagt ihm dauernd: Sorry, Kleine, bist du nicht. Und sie schreit zurück: Bin ich doch!“
Wut, Arroganz, ständig in der Opferrolle, Gereiztheit, Überempfindlichkeit, Widerstand – das sind die Haupteigenschaften dieses „inneren Dreikäsehochs“. Tool drei und vier bändigen ihn, schaffen Klarheit und gesundes Selbstbewusstsein. Gegner Nummer drei ist der „Weg des geringsten Widerstands“. Aufschieberitis, Konflikte vermeiden, Nicht-Neinsagen-Können, eigene Bedürfnisse zurückstellen – all das gehört dazu.
„Es ist dieser leichte Schmerz, den wir alle spüren, wenn wir z. B. am Computer sitzen und die Steuererklärung erledigen und plötzlich unbedingt im Internet surfen müssen“, erklärt Barry Michels. „Bei anderen springt die Aufmerksamkeit umher wie ein Floh. Sie schmerzt es, sich nur auf eine einzige Sache zu konzentrieren.“ Nicht wenigen Klienten musste er verbieten, ihre Kinder mit dem mobilen Terminplaner in der Hand ins Bett zu bringen. Und er übte mit ihnen das Tool zwei.
Zu guter Letzt: fehlendes Durchhaltevermögen und die Tendenz, es sich mit seinem Ich gemütlich zu machen – der Bremser Nummer vier. Auch um ihn auszuhebeln, ließen sich die Tool-Entwickler von C. G. Jung inspirieren. „Es fehlt scheinbar eine äußere Autorität, die uns antreibt“, so Michels. „Aber ich sage Klienten, dass sie existiert, jedoch nicht menschlich ist. Es ist die Zeit selbst, die unerbittlich abläuft. Wenn wir Dinge vertagen, trotzen wir dieser Autoritätsperson.“
Tool fünf hilft, sich „Ur-Vater Chronos“ bewusst zu machen und seine Vorherrschaft anzunehmen. „Einfach ausgedrückt bewirkt das Tool, dass wir unseren Hintern hochkriegen“, sagt Michels und lacht. Stutz und er wissen, dass ihre Tools bei vielen Kollegen eher Kopfschütteln auslösen. „Ja, sie sind schon völlig anders als der psychologische Mainstream“, räumt Barry Michels ein. „Aber es gefällt uns ganz gut, so ein bisschen die Einzelgänger zu sein.“ Wer heilt, hat recht. Und nirgendwo ist der Druck, „ich-kreativ“ sein und bleiben zu müssen, stärker als in Hollywood. Dort haben sich die Tools bereits bewährt. Dann klappt das bei Ihnen erst recht! Probieren Sie es aus.

So wecken Sie Ihre Kreativität

Tool 1 - Den V-Mann nutzen

Das Ziel: Der Schweizer Psychologe C. G. Jung fasste Teile unserer Persönlichkeit, die wir eher ablehnen, als „Schatten“ zusammen. Doch der ist keine Bedrohung, sondern ein nützlicher Partner mit „guten Kontakten“ ins Unterbewusstsein. Dieses Tool lädt ihn ein.

Das Werkzeug: Stellen Sie sich Ihren Schatten als Person vor. Müssen Sie z. B. vor Publikum sprechen, begleitet er Sie dorthin. Sagen Sie vorher in Gedanken zu ihm: „Ich sorge für dich, egal, wie das hier ausgeht.“ Sind dann alle Augen auf Sie gerichtet, stellen Sie sich vor, wie der Schatten und Sie gemeinsam rufen: „Zuhören!“ Das festigt Ihre (vereinigte) Autorität. Nach dem Vortrag – wie auch immer er Ihrer Meinung nach gelaufen ist – wenden Sie sich noch einmal an Ihren Schatten. Danken Sie ihm für die Zeit, die er Ihnen beigestanden hat.

Tool 2 - Rein- statt umgehen

Das Ziel: Unangenehmes wie die Steuererklärung treibt die Aufmerksamkeit in die Flucht oder lässt uns alles versuchen, um die Situation zu umgehen. Das soll aufhören.

Das Werkzeug: Ab jetzt heißt es: Her damit! Diesen stillen Ausruf richten Sie in Gedanken an eine Wolke aus Schmerz. Es tut immer ein bisschen weh, Unangenehmes durchzustehen. Stellen Sie sich vor, wie Sie sich durch die Wolke hindurchboxen. Am Ende „spuckt“ sie Sie regelrecht aus. Sagen Sie dann zu sich selbst: „Der Schmerz befreit mich.“ Er hält Sie nicht länger ab, sondern wird zu einer positiven Kraft, die hilft, vorwärts zu gehen. Auch Kritik kann zur Schmerzwolke und so zum Antrieb werden, es besser zu machen.

Tool 3 - Wut überwinden

Das Ziel: Ereignisse und Menschen, die uns ärgern, bringen vor allem die kindlichen Anteile unserer Persönlichkeit in Rage. Die Zweijährige in uns will anerkannt und geliebt werden. Ihre Überempfindlichkeit blockiert unsere unterbewusste Ich-Kreativität.

Das Werkzeug: Kocht die Wut in Ihnen? Dann denken Sie bewusst nur an Menschen, die Sie mögen. Diese Liebe breitet sich wie ein warmes Licht in Ihnen aus. Atmen Sie es langsam aus. Denken Sie dabei an den Menschen, der Sie ärgert. Stellen Sie sich vor, wie er das Licht einatmet – und am Ende zu Ihnen zurückschickt. Sie können die Ungerechtigkeit annehmen und die Wut hinter sich lassen, selbstbewusster und gelassener reagieren.

Tool 4 - Gutes nicht verlieren

Das Ziel: Unser „inneres Kind“ ist nicht nur schnell sehr wütend (s. Tool 3). Es fühlt sich auch häufig als Opfer, klein und schwach. („Warum sollte der Chef ausgerechnet mir zuhören?“) Negative Gedanken bremsen die Ich-Kreativität.

Das Werkzeug: Geht ein Plan auf, erreichen wir ein Ziel oder wird unser Einsatz belohnt, fühlen wir uns großartig und sind dankbar. Wir spüren das, was Stutz und Michels „die Quelle“ nennen. Zapfen Sie sie an! Zählen Sie in Gedanken mindestens fünf Dinge auf, für die Sie dankbar sind. Danken Sie im Stillen auch all jenen, die dazu etwas beigetragen haben. Das vertreibt negative Gedanken, richtet uns innerlich auf. Tool 4 hilft, das Positive im Leben nicht aus den Augen zu verlieren – was dem „inneren Kind“ doch mal passiert.

Tool 5 - Durchhalten können

Das Ziel: Entweder schieben wir auf. („Morgen ist auch noch ein Tag.“) Oder wir werfen voreilig die Flinte ins Korn. („Jetzt mache ich das schon 14 Tage – und nichts passiert.“) Beides ist die Trotzreaktion auf eine Autorität, die wir nicht missachten können: die (Lebens-)Zeit. Sie verdient Respekt, warnen Stutz und Michels.

Das Werkzeug: Um etwas anzufangen und durchzuhalten, brauchen wir schlicht Willenskraft. Stellen Sie sich vor, Sie treffen Ihr eigenes gealtertes Ich. Sie sehen, wie es sich in einem Bett aufrichtet und Sie anschreit: „Vergeude mein Leben nicht!“ Dieses innere Bild weckt sofort das Gefühl, nicht das zu tun, was man will – und erzeugt so den nötigen Druck. Die Ich-Kreativität bleibt wachsam. „Das Gefühl, dass es in jedem Augenblick um die eigene Zukunft geht, ist der stärkste Motivator“, sagt Phil Stutz.

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