12. Juni 2012
Kompromisse bei der Urlaubsplanung

Kompromisse bei der Urlaubsplanung

Der Relax-Faktor einer Reise wirkt bis zu einem Jahr nach – wenn Sie für unterschiedliche Erwartungen und Bedürfnisse gute Kompromisse finden.

Paar am Strand
© thinkstockphotos
Paar am Strand

Selten herrscht höherer Erwartungsdruck. „Urlaub ist die populärste Form des Glücks“, sagt Prof. Dr. Ulrich Reinhardt, Leiter der Stiftung für Zukunftsfragen in Hamburg. Allenfalls vor Weihnachten stressen uns ähnlich große Hoffnungen und Wunschvorstellungen. Dass mehr als zwei Drittel aller Paare im Urlaub heftig aneinandergeraten und jede dritte Scheidung unmittelbar danach eingereicht wird, überrascht daher nicht. Trotzdem ist die Gleichung Sonne + Strand + Meer = Streit keine unumstößliche psychologische Gesetzmäßigkeit. Sie lässt sich ganz leicht auflösen. Der entscheidende Faktor dafür heißt Kompromissbereitschaft.

Berge gegen Meer

Sie träumt von Strandbräune, er vom Sturm aufs Gipfelkreuz. Wie passt das zusammen? „Paare können zum Beispiel nach dem ,Ein-Jahr-ich-ein-Jahr-du-Verfahren’ vorgehen“, rät Prof. Reinhardt. „Sollten sich die Vorstellungen zu sehr unterscheiden, verschonen sie ein ander vielleicht mit Spezial-Urlauben und fragen stattdessen einen Freund mit ähnlichen Interessen.
Je größer der Kompromiss, desto geringer der Erholungswert einer Reise.“
Tipp: Alle Beteiligten überlegen für sich, wie ihr schönster Urlaub aussah, und versuchen diese Ideale miteinander zu verbinden. Das eine „richtige“ Reiseziel gibt es nicht. Deshalb hat es keinen Sinn, den anderen von der eigenen Wunschdestination überzeugen zu wollen. Findet sich partout kein gemeinsames Ziel für den Jahresurlaub, verreisen Paare lieber erst eine Woche getrennt und danach eine Woche gemeinsam.

Zweisamkeit gegen Solotrip

Im Urlaub mit dem Partner ist psychologisch betrachtet immer „alles inklusive“: Beide bringen alles mit – unausgesprochene Konflikte, Marotten, die Badehose, die optisch nicht mehr überzeugt. Hinzu kommt, dass beide von morgens bis abends zusammen sind. Aber permanente Begegnung erzeugt Reibung, Reibung führt zu Streit.
Tipp: „Im Urlaub auch mal einen Solotrip unternehmen“, empfiehlt Prof. Reinhardt. „Sie lässt sich auf der Piazza einen Cappuccino schmecken, er besichtigt das Museum. So bekommt jeder eine Auszeit vom anderen, und beim gemeinsamen Dinner haben sich beide um so mehr zu erzählen.“
Genauso wichtig sind gemeinsame Aktivitäten. Schließlich trennt der Alltag Paare oft genug. Und haben Sie bloß kein schlechtes Gewissen, weil Sie im Bett kuscheln, während das Frühstücks-Büfett wartet. „Paare sollten den Urlaub nicht überbewerten“, sagt Prof. Dr. Ilse Kryspin- Exner, Psychologin am Institut für klinische, biologische und differenzielle Psychologie in Wien. „Wer im Alltag gut zurechtkommt, muss sich nicht trennen, weil die Ferien mies waren. Urlaub ist eine Sondersituation. Der Alltag ist das eigentliche Leben, und da hocken wir auch nicht ständig aufeinander.“

Fremdenführer gegen Faulenzer

„Der Deutsche verzichtet lieber auf Möbel oder ein neues Auto, um in Urlaub fahren zu können. Das schürt die Erwartungen“, sagt Prof. Reinhardt. „Außerdem leben wir erlebnisorientiert: Der Urlaub muss uns etwas bieten. Ein guter Reiseführer kann das Gelingen zu einem Großteil absichern. Er weckt Vorfreude, minimiert Reinfälle und erspart Stress.“
Ausflugstipps und Hintergrundinfos entzerren den Urlaubsplan, geben Sicherheit vor Ort und helfen, vorher zu entscheiden, welche Sehenswürdigkeiten wir eher uninteressant finden. Negative Überraschungen lassen sich so vermeiden. Allerdings: Zu viel Information birgt die Gefahr von zu viel Planung.
Tipp: Takten Sie Ihren Urlaub nicht durch wie den Büroalltag! Halten Sie genug Freiraum offen für spontane Trips und süsses Nichtstun am Strand. Dann können Sie sich treiben lassen – durch eine aufregende Stadt oder traumhafte Landschaft oder mit den Menschen um Sie herum. Urlaub heißt nämlich auch: Leben nach dem Lustprinzip.

Experten-Rat für's Verreisen

Handyfreie Zone gegen Erreichbarkeit

Keine Frage: Am besten erholen Sie sich ohne Handy und ohne E-Mails. Je früher Sie sich darum kümmern, Ihre Vertretung im Büro einzuarbeiten, Ihr Telefon umzuleiten und im Mail-Programm eine Abwesenheitsnotiz einzurichten, desto weniger stellt sich das Gefühl ein, erreichbar bleiben zu müssen. Das gilt auch für die eigenen vier Wände. Wer gießt die Blumen? Wer kümmert sich um die Post? Ist das Zeitungs-Abo unterbrochen?
Je eher Sie solche Fragen klären, desto mehr Platz wird im Kopf frei für Urlaub. Ist eine komplette „Abnabelung“ nicht möglich, weil z. B. die Eltern krank sind, die Kollegin allein überfordert ist oder ein Kind parallel woanders die Ferien verbringt, hilft dieser
Tipp: feste Tageszeiten für die Korrespondenz festlegen, z. B. nach dem Frühstück eine halbe Stunde. Danach gilt wieder: bitte Handy und Rechner aus.

Direkt weg gegen Pufferzone

Die letzten Minuten im Büro, rein ins Taxi, ab zum Flughafen – und weg. Die Urlaubstage sind knapp, deshalb versuchen viele sie so gut wie möglich auszunutzen. Aber: „Das schnelle Umschalten von Arbeitsmodus auf Entspannung beansprucht den Körper mehr als permanenter Stress“, sagt Prof. Reinhardt. Deshalb lieber nicht direkt am ersten Tag in den Urlaub düsen, sondern langsam reingleiten. Die beste Formel für Körper und Seele lautet 3–14–4 und bedeutet: drei Tage zu Hause. So können Sie in Ruhe alles erledigen und sich einstimmen. Dann zwei Wochen am Urlaubsort. Danach noch mal vier Tage zu Hause.
Tipp:
Wenn der Körper vom Arbeits- in den Urlaubsmodus wechselt, sinkt das Schutzniveau unseres Immunsystems, und statt am Strand liegen wir krank im Hotelbett. Versuchen Sie deshalb schon vor Reiseantritt mehr Vitamine zu essen, ausreichend zu schlafen und weniger Alkohol zu trinken.

Prof. Dr. Ilse Kryspin-Exner, Gesundheitspsychologin an der Universität Wien

VITAL: Was hat den höchsten Entspannungswert im Urlaub?
Prof. Dr. Kryspin-Exner: Da es die Routine ist, die uns psychisch ermüdet, hilft es, eine andere Rolle einzunehmen. So kann der Vater sich mehr um die Kinder kümmern, und die Mutter zieht sich mit einem Buch zurück. Wer einen verantwortungsvollen Job hat, übergibt die Regie im Urlaub an den Partner. Und wenn das nicht geht? Lässt sich das Rollengefüge nicht nennenswert verändern, sollten Sie sich einen Traum erfüllen. Was wollten Sie schon längst mal machen? Fallschirmspringen? Wasserskifahren? Einen Ausritt am Strand? Gönnen Sie Ihrem Körper einen Cocktail aus Energieund Glückshormonen.

Prof. Dr. Ilse Kryspin-Exner, Gesundheitspsychologin an der Universität Wien
Prof. Dr. Ilse Kryspin-Exner: Gesundheitspsychologin an der Universität Wien

Wie umschiffen Urlauber zu hohe Erwartungen?
Sehen Sie Ihren Urlaub als das, was er ist: ein Zeitfenster der Entspannung. Nicht mehr und nicht weniger. So können hohe Erwartungen nicht enttäuscht werden. Alle anderen Anforderungen verschieben Sie lieber auf den Alltag.

Was hilft gegen den Frust, wenn der Urlaub vorbei ist?
Versuchen Sie, positiv zu denken. Freuen Sie sich, dass Sie gebraucht werden. Wer lange genug entspannt hat – die Reha-Medizin empfiehlt drei Wochen –, freut sich meist automatisch, wieder in ein gewohntes soziales Gefüge zurückkehren zu können.

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