2. Mai 2013
Ich bin nicht so wie du, Mama

Ich bin nicht so wie du, Mama

Wir und unsere Mütter: Keine andere Beziehung prägt uns so tief und birgt so viel Streitpotenzial. Drei Töchter und zwei Mütter erzählen, wie sie am Ende doch zueinandergefunden haben.

Mutter-Tochter-Beziehung
© thinkstockphoto
Mutter-Tochter-Beziehung

Ich wollte nie so werden wie meine Mutter.“ Diesen Satz haben wir wohl alle schon mal gesagt oder gedacht. Um früher oder später im Stillen hinzuzufügen: „Und bin es dann doch geworden …“ Ohne Frage: Unsere erste und wohl wichtigste Beziehung ist die zu unserer Mutter. Und offensichtlich brauchen wir – irgendwann im Leben – Abstand voneinander. Vielleicht, weil wir schon vor der Geburt mit ihr durch ihren Alltag schaukeln, mit ihr unsere ersten Erfahrungen mit der Welt machen. Sie ist der Spiegel unserer Gefühle und Bedürfnisse. Dabei schafft es kaum eine Mutter, ihrer Tochter alles recht zu machen. Ob sie sich sorgt oder gelassen bleibt, lobt oder kritisiert, berät oder sich
zurückhält, redet oder schweigt – es kommt der Augenblick, wo alles zu viel, alles zu wenig ist. Viele Töchter brechen dann mit ihrer Mutter. Für beide Seiten ein schmerzhafter Prozess, aber: Er kann heilsam sein, wenn beide spüren, wann er vorüber ist, und bereit sind für eine Versöhnung.

Unterschiede erkennen

Am Beispiel der Mutter lernen Mädchen, wie es ist, eine Frau zu sein

„Wann lernst du endlich, dass ich nicht du bin?“ Marianne Fischer, 68, erinnert sich bis heute an diesen Satz ihrer Tochter Ann-Katrin. Hingeknallt, als diese in der Pubertät war. Wie ein Schlag in die Magengrube. Heute ist Ann-Katrin Lorenzen 39 Jahre alt, hat selbst zwei Kinder. Manchmal, wenn ihr Sohn Felix,5, morgens wieder am Frühstückstisch muffelt, will sie ihm am liebsten sagen: „Sei doch wie ich – fröhlich!“ Aber dann denkt sie: Felix ist eben Felix. Er ist nicht sie. Genau das hätte sie sich damals von ihrer Mutter gewünscht: mehr Sinn für Unterschiede. „Und? Hast du es mittlerweile gelernt?“, fragt die Tochter augenzwinkernd. „Immer noch nicht“, gibt Marianne Fischer zu. Doch es steht nicht mehr zwischen ihnen.

Aus Konflikten lernen

Claudia Haarmann, Autorin und Psychotherapeutin aus Essen, hält solche Konflikte für lebensnotwendig. „Sie sind wichtig für die Entwicklung der Tochter“, erläutert sie. Am Beispiel der Mutter lernen Mädchen, wie es ist, eine erwachsene Frau, berufstätig, Hausfrau und Liebespartnerin zu sein – und eifern ihr nach. Bis sie selbst eine erwachsene Frau werden, selbstständig, eigen. Ein schwieriger Moment, vielleicht der schwierigste. „Dann müssen Töchter die Mutter vom Sockel stoßen, um ihren eigenen Weg gehen zu können“, so Haarmann. „Im Idealfall bleibt sie wie ein Hafen, in den die Tochter immer wieder zurückkommen kann.“ Im Idealfall. Annike Bergens erlebte ihn nie. Die 38-jährige konnte sich auf ihre Mutter nicht verlassen, litt unter ihren Launen. Je älter sie wurde, umso öfter musste Annike Bergens für die Mutter sorgen. Sich entfernen, um sich selbst entwickeln zu können? Fast unmöglich. Mit 14 schrieb Annike Bergens in ihr Tagebuch: „Wenn ich nur stiller werde, wird alles gut.“ Ein Satz voll Resignation, Unterordnung und Selbstaufgabe.

Gegenseitige Akzeptanz

Manchmal wird Töchtern erst nach Jahrzehnten klar, in welche Rolle sie von der Mutter gedrängt wurden. Wer soll dann den ersten Schritt machen? „In der Regel ist es gut, wenn die Tochter auf die Mutter zugeht“, rät Expertin Claudia Haarmann. „Erkennt die Mutter allerdings, dass viel Schwieriges passiert ist, ist es gut, wenn sie es tut.“ Warum? „Weil Kinder einen starken Gerechtigkeitssinn besitzen. Wurden sie ungerecht behandelt, hängt ihnen das ein Leben lang nach.“ Töchter wünschen sich dann nichts mehr von ihren Müttern als diesen einen Satz: „Es tut mir leid, ich konnte es damals nicht besser.“ Ist die Chance dafür nicht irgendwann vertan? „Nein, für eine Versöhnung ist es nie zu spät“, ermutigt Haarmann. Auch wenn die Wege dorthin verschieden sind.
Es kostet Kraft aufzubrechen. Doch wenn beide es tun – Mutter und Tochter –, wird schon auf halber Strecke eine Begegnung möglich. Von Frau zu Frau.

Umfrage

Von 100 Frauen sehen immerhin 82 ihre Mutter als "gute Freundin"

Das Leben des Anderen akzeptieren

Bei einer repräsentativen Umfrage des „frei Hautforschungsinstituts“ in Nürnberg nannten 82 Prozent der interviewten Frauen ihre Mutter eine „gute Freundin“, 76 Prozent schätzten sie als „Ratgeberin“. Zugegeben: In Umfragen sagen die Teilnehmer gern das, was „gut klingt“, und selten das, was der Realität entspricht. Langzeitstudien schalten diesen Effekt aus. Seit 14 Jahren befragt die TU Chemnitz regelmäßig 10 000 Töchter und Söhne zu ihrem Verhältnis zu den Eltern.
Ergebnis: Jede zweite Frau und jeder siebte Mann bespricht persönliche Probleme mit der Mutter. Dann funktioniert er, der sichere Hafen.
Doch in erster Linie sind Mütter für Psychotherapeutin Claudia Haarmann „auch Menschen“. So heißt auch ihr Ratgeber. Kinder glauben noch, dass es die Mama erst seit ihrer Geburt gibt. Natürlich wissen erwachsene Töchter es besser. Doch gerade in Konfliktsituationen meldet sich das „innere Kind“ zurück, das von der Lebensgeschichte der Mutter nichts wissen will. Dabei ist sie, so Claudia Haarmann, auch für die Tochter wichtig. „Die Vergangenheit der Mutter berührt auch sie und in der Folge ihre Kinder“, erklärt die Expertin. „Das ist ein großes zwischenmenschliches Abenteuer, das sich über viele Generationen erstreckt.“

So tragen Mütter nicht nur ihre, sondern wiederum auch die Geschichte ihrer eigenen Mütter in sich und geben vieles weiter. Versöhnung beginnt für Claudia Haarmann deshalb auch damit, die Geschichte der eigenen Mutter wahrzunehmen und anzuerkennen. „Im Verhältnis zur Mutter eine innere Balance zu finden“, sagt sie, das ginge eben nicht, indem man krampfhaft bemüht Entfernung herstellt – ob man nun weit wegziehe oder sich emotional abwende.
Einfach anders sein zu wollen als die Mutter beantworte die Frage nach der Freiheit eines eigenen Lebens auch nicht. In ihrer therapeutischen Arbeit mit Töchtern und Müttern hat Claudia Haarmann in den vergangenen Jahren etwas ganz anderes beobachtet: „Jeder Schritt auf die Mutter zu ist auch ein Schritt in die persönliche Freiheit der Tochter.“

Drolshagen und Roennau
© Emma Carlsson
Drolshagen und Roennau

Was bedeute ich meiner Mutter?

„Als ich nach dem Abitur auszog, um in Berlin Jura zu studieren, richtete meine Mutter in meinem Kinderzimmer schon nach wenigen Tagen ihr Büro ein.“ Dieses Erlebnis liegt bereits mehr als 20 Jahre zurück. Doch Salloa Roennau, inzwischen erfolgreiche PR-Frau in Flensburg, schüttelt heute noch den Kopf über die Geschwindigkeit, mit der ihre Mutter Hilke damals auf ihr Weggehen reagierte. „Ich kenne Familien, da haben die Kinder ihr Zimmer noch, wenn sie schon erwachsen sind und selbst Kinder haben.“

Mutter Hilke Drolshagen, 60

"Ich habe immer versucht, die Leine lang zu lassen - wenn alles gut ging. Sonst hätte ich die Zügel angezogen."

Heute ist die Entrüstung der 40-Jährigen nur gespielt. Die Anekdote hat längst all ihre Brisanz verloren. Während die beiden Frauen darüber sprechen, sitzen sie lachend am großen Tisch in Salloa Roennaus Esszimmer. „Aber damals tat das schon wirklich weh“, erinnert sich die Tochter. Lange wurde sie dieses Gefühl nicht los, dass sie ihrer Mutter gleichgültig ist. Warum sonst mischte die sich nie in die Angelegenheiten der Tochter ein? Wieso überließ sie immer ihr alle Entscheidungen? Doch was Salloa Roennau als Desinteresse interpretierte, war in Wahrheit nur dem unendlich großen Optimismus ihrer Mutter geschuldet. Wird schon klappen, hatte sich Hilke Roennau gesagt, als sie 1972 drei Monate nach dem Abitur ein kleines Mädchen zur Welt brachte. Der Vater kam aus dem Ausland. Auch nicht leicht damals. Trotzdem: „Wird schon klappen“, sagte Hilke Roennau auch später immer zu ihrer Tochter.

„Diese Freiheit hat aber zwei Seiten“, findet Salloa Roennau. Als Jugendliche konnte sie dieses Verhalten der Mutter nicht einordnen. Als sie in Berlin studierte, geriet sie schließlich in tiefe Sinnkrisen, merkte, wie sie vor Konflikten davonlief. Sie fragte sich, was Partnerschaften eigentlich ausmacht, was es bedeutet, jemanden zu lieben. „Was immer du auch vorhast, ich glaube fest daran, dass es funktioniert.“ Dieses Gefühl wollte Hilke Roennau ihrer Tochter vermitteln. Doch die fühlte sich eher alleingelassen. „Zu der Zeit war es für mich eine Höchstleistung, mit meiner Mutter überhaupt einen Streit anzufangen“, erinnert sich Salloa Roennau. „Es war für mich sehr anstrengend, immer als stark genug zu gelten. Ich wäre gern mal fürchterlich bemuttert worden, um mich dann dagegen zu wehren.“

Tochter Salloa Roennau, 40

"Ich habe lange nicht gewusst, ob ich meiner Mutter gleichgültig bin oder ob sie es vielleicht doch gut mir mir meint."

Die Mutter bekommt diese tiefe Unzufriedenheit immer wieder bissig vorgehalten – bis beide es schaffen, über die Ursache zu sprechen. Heute hat Salloa Roennau selbst zwei Kinder. Sie holt sich gern Rat bei deren Oma. „Da muss ich aber schon direkt fragen, sie mischt sich immer noch konsequent nicht ein.“ Jetzt weiß Salloa, warum.

Schätze jeden Moment

Für einen Augenblick gab es so etwas wie Versöhnung. Das war 1997. Annike Bergens Mutter hatte gerade eine OP am Gehirn überstanden und danach von ihren letzten Ersparnissen eine gemeinsame Reise gebucht. Drei Wochen Hawaii. Eines Abends hörte Annike Bergens sie plötzlich sagen: „Was habe ich dir angetan!“ Nach so vielen Jahren
eine Entschuldigung.

Immer wieder hatte die heute 38-Jährige nach der Scheidung der Eltern unter den Angriffen und Kränkungen ihrer Mutter gelitten. Ihr zu genügen war fast unmöglich. Strafen wie Stubenarrest und Liebesentzug prägten Annike Bergens Kindheit. Als die Eltern sich trennten, war sie elf. „Dabei liebte ich meine Mutter so sehr. Wir hatten auch wunderschöne Zeiten miteinander“, erinnert sich die Rechtsanwältin heute. Grundsätzlich aber, erzählt sie weiter, neigte ihre Mutter doch zu emotionaler Erpressung.

Emotionale Erpressung

Und die wirkte. „Als ich zum Beispiel nach dem Abitur auszog, hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich sie allein ließ.“ Ständig hatte sie als Studentin Angst, ihre Mutter könnte wieder krank werden. „Und dann wäre ich nicht da gewesen, um ihr zu helfen.“ Ihre Befürchtungen traten ein. Der Tumor im Kopf der Mutter begann wieder zu wachsen. Mit gerade einmal Anfang 50 wurde sie dement. Anneke Bergens Beziehung zu ihr veränderte sich, einfacher wurde sie nicht.

„Die Grenze zwischen Bösartigkeit und Krankheit war für mich schwer zu erkennen“, sagt die Tochter. Rollentausch. Sie war 24 und musste der Mutter helfen, ohne selbst Hilfe zu bekommen. Am Ende brachte Anneke Bergens sie in einem Pflegeheim unter. „Sie bekam Medikamente und war wieder ein bisschen wie früher. Lustig“, sagt die Hamburgerin über diese Zeit.

Die Versöhnung

Besuchte sie ihre Mutter, sangen sie Lieder von Peter Maffay und träumten von einer weiteren gemeinsamen Reise nach Frankreich. Anneke Bergens fing an, ein Buch über ihre Mutter zu schreiben. Dann fiel ihre Mutter ins Wachkoma – und sie fühlte sich ihr näher als je zuvor. „Sie hat zwei Jahre lang all meine Liebe bekommen und konnte sich nicht dagegen wehren“, sagt Anneke Bergens. „Ich konnte alles aussprechen, die Trauer, die Wut, die Verzweiflung. Das hat mir geholfen. Und ich bin sicher, dass meine Mutter jedes Wort gehört hat.“ Am 9. Dezember 2006 ist sie gestorben – Anneke Bergens hat sich mit ihr ausgesöhnt.

Lorenzen und Fischer
© Emma Carlsson
Lorenzen und Fischer

Den Anderen respektieren

Als Kind war Ann-Katrin Lorenzen die Pflegeleichte. Ein Sandwich-Kind, also das zweite von drei Geschwistern. Nie Probleme in der Schule, musikalisch, sportlich und in der Theatergruppe. Wohlbehütet. Marianne Fischer, ihre Mutter, arbeitete in Rissen, einem Stadtteil von Hamburg, als Lehrerin. Beinah jeden Tag liefen ihr Schüler, deren Eltern oder ehemalige Pennäler über den Weg. Die junge Ann-Katrin war meist „die Tochter von Frau Fischer“. Die Sommerferien verbringt die Familie häufig in Schweden.Marianne Fischers zweiter Mann besitzt dort ein idyllisches Bauernhaus. Alles läuft perfekt, wie geplant – bis Ann-Katrin ausbricht. Sie ist 17, trifft sich nur noch mit Jungs, raucht, trinkt zu viel Alkohol, schmeißt Partys und kommt nächtelang nicht nach Hause. Die Schule bricht sie ab und fängt trotzig als Verkäuferin in einem Fischgeschäft an. Marianne Fischer ist entsetzt: „Dieses vielversprechende Kind!“ Ann-Katrin Lorenzen will es nicht mehr sein.

Mutter Marianne Fischer, 68

"Heute frage ich nach, ob ich mich bei Problemen einmischen soll - oder lieber nicht."

„Ich wollte einfach eine Nische haben, in der ich wirklich mal die Tolle war“, erzählt die 39-Jährige. Als sie sich dann doch dazu durchringt, ihren „Latin Lover“ zu verlassen und wieder zur Schule geht, fühlt sie sich frei. Sie, nicht ihre Mutter, hat entschieden. Wenig später telefoniert ihre Mutter mit dem Schuldirektor – und trifft erneut den wunden Punkt ihrer Tochter. „Sie hat immer alles geregelt.“ Ann-Katrin Lorenzen hasst dieses Gefühl. Es macht sie klein. Studieren, Lehrerin werden – kann, darf ihre Zukunft nicht auch anders aussehen? Der Groll gegen die Mutter lässt erst Jahre später nach. Inzwischen ist Ann- Katrin Lorenzen tatsächlich ihren Weg gegangen. Erst wurde sie Hotelfachfrau, dann studierte sie doch noch. Heute arbeitet sie als Berufsschullehrerin.

Tochter Ann-Katrin Lorenzen, 39

"Meinen Sinn für Gerechtigkeit, für Schwächere habe ich von meiner Mutter. Und ich bin froh, dass ich so geworden bin."

 

„Ähnlich wie meine Mutter, ja“, gibt sie zu. „Aber es war mein Weg.“ Am Ende führt er auch zurück zur Mutter. Die Annäherung der beiden Frauen beginnt, als Ann- Katrin Lorenzen selbst Mutter wird. Marianne Fischer ist sofort in ihren Enkel Felix, heute 5, verliebt. Ein Neuanfang? „Ich habe gelernt, dass ich mich innerlich von meinen Kindern trennen muss, ohne sie weniger zu lieben“, sagt die Großmutter. Sechs Monate im Jahr lebt sie mit ihrem Mann in Schweden: „Das tut Ann- Katrin und mir gut.“ Sie mischt sich nicht mehr in das Leben ihrer Tochter ein – es sei denn, sie wird gefragt.

Eine Versöhnung mit der Mutter

Autorin Renate Ahrens
© Emma Carlsson
Autorin Renate Ahrens:

Auch die Autorin Renate Ahrens, 57, plädiert für eine Versöhnung mit der Mutter und verrät VITAL einige Details aus ihrem Roman.

VITAL: In Ihrem Roman „Ferne Tochter“ trifft eine Frau nach Jahrzehnten ihre Mutter wieder. Wie wichtig ist Versöhnung?

Buchtipps

  • „Mütter sind auch Menschen“ von Claudia Haarmann, Orlanda, 315 Seiten, 19,50 Euro
  • „Ferne Tochter“ von Renate Ahrens, Knaur, 287 Seiten, 9,99 Euro
  • „Ich wollte nie so werden wie meine Mutter“ von Simone Schmollack, Schwarzkopf & Schwarzkopf, 316 Seiten, 9,90 Euro

Renate Ahrens: Versöhnung ist ein schwieriger Prozess. Aber es ist wichtig, sie wenigstens versucht zu haben. Das Ende jeglichen Kontakts zwischen Mutter und Tochter ist für beide sehr schmerzhaft. Der Mutter geht Zukunft verloren, der Tochter fehlt die Verbindung zur Kindheit.

Haben Sie so etwas auch erlebt?
Zum Glück nicht. Meine Mutter hat mich beschützt und gefördert. Aber ich bin vielen Frauen begegnet, die mir von der zerrütteten Beziehung zu ihrer Mutter erzählt haben. Diese Erfahrungen sind in meine Romanfigur Judith eingeflossen. Sie ringt mit der Mutter um Nähe und Abstand gleichermaßen. Zu viel Autonomie löst Haltlosigkeit aus, zu viel Nähe bedroht die Freiheit. Die richtige Distanz zwischen Mutter und Tochter muss immer wieder neu verhandelt werden.

Ihre Mutter starb sehr plötzlich, als Sie „Ferne Tochter“ schrieben.
Ja, das war ein großer Schock. Die Erinnerung an ihre zuversichtliche Haltung half mir. „Du wirst doch nicht meinetwegen aufhören zu schreiben“, hätte sie gesagt. „Versuch wenigstens ein oder zwei Seiten pro Tag, sonst bist du unzufrieden mir dir.“ So schrieb ich weiter.

Mutter-Typen

Die abweisende Mutter weckt in der Tochter eine tiefe Sehnsucht, denn sie lernt als Kind: Ich bin nicht liebenswert. Fürsorgliche Menschen, z. B. die Großeltern, können diesen Mangel zwar ausgleichen. Für die erwachsene Tochter wird es dennoch darum gehen zu lernen, dass sie liebenswert ist und die Beziehungswelt heute anders ist, als sie früher war.

Die ambivalente Mutter ist für die Tochter unvorhersehbar. Sie lernt früh, dass Liebe unzuverlässig ist. Später im Leben kann das zu unerklärbarer Eifersucht führen, da das Vertrauen fehlt. Die erwachsene Tochter muss daher lernen, dass die Welt nicht gleich untergeht, wenn ein Partner, Freund sich mal zurückzieht.

Die Freundin-Mutter steht sinnbildlich neben der Tochter und nicht schützend hinter ihr. Meist spielen die Töchter diese „verkehrte Welt“ lange mit. Werden die Bedürfnisse der Mutter jedoch zu groß, muss die Tochter diese „Freundschaft“ beenden, sich trennen, um später – als Kind, nicht mehr als Freundin – wieder auf die Mutter zugehen zu können.

Die überfürsorgliche Mutter sitzt – wie ein Huhn auf dem Ei – auf dem Leben der Tochter. Diese muss lernen, zwischen sich und der Familie zu trennen: Was ist mein Leben, was ist das meiner Mutter? Die Herausforderung ist, ihr das Grundbedürfnis nach einem eigenen Leben deutlich zu machen, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben.

Die emanzipierte Mutter signalisiert der Tochter: „Sei unabhängig!“ Und reicht oft einen von der eigenen Mutter gelernten Glaubenssatz weiter: „Ich brauche keinen, ich kann alles allein.“ Doch der führt leicht in die Einsamkeit. Die große Aufgabe der erwachsenen Tochter wird sein zu sagen: „Ich brauche dich.“

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