12. Juni 2012
Humor ist die beste Therapie

Humor ist die beste Therapie

Gerade wenn wir uns blöd fühlen, entfaltet Humor seine erstaunliche Wirkung: Er entkrampft das Denken, stoppt Ängste und schafft die nötige Distanz. Nicht nur im Alltag. Psychologen bauen mithilfe des Lachens kranke Seelen wieder auf.

Lachende Frauen
© thinkstockphotos
Lachende Frauen

Er bittet mich ständig um Geld und ich weiß nicht, wofür“, beklagt sich eine 40-jährige Klientin. Sie macht sich Vorwürfe, weil sie ihren Sohn hinter dem Rücken ihres Mannes finanziell unterstützt. Keines der Gespräche, dass die Frau auf Anraten der Therapeutin mit dem Sohn führte, veränderte etwas. „Ihr Sohn ist ein ganz schön gemeiner Hund. Knurren Sie doch, wenn er Sie wieder anhaut“, rät die Psychologin jetzt.
Zwei Wochen später kommt die Klientin zur nächsten Sitzung. „Ich habe es getan“, berichtet sie mit zufriedenem Lächeln. „Geknurrt wie ein Hund. Sie hätten sein Gesicht sehen sollen. Das nächste Mal belle ich.“ Jetzt lacht auch die Therapeutin. Viel später sagt die Klientin: „Ich habe das als große Bestätigung empfunden. Da habe ich gemerkt, dass Sie mich wirklich verstehen und mögen.“

Gemeinsames Lachen wird zum kreativen Werkzeug

Diese Szene erlebte die Schweizer Psychoanalytikerin Verena Kast in ihrer Praxis. Natürlich setzt sie solche humorvollen Ratschläge bewusst und nur dann ein, wenn Patient und Therapieverlauf es zulassen. Aber dann mit Erfolg. „Der Humor brachte in dieser Situation Vitalität und Hoffnung“, so Kast. „Für uns beide war das ein wichtiger Moment der Gemeinsamkeit. Es löste sich etwas. Anspannung wich Vertrauen.“ Humor in der Psychotherapie? Ja, Sie haben richtig gelesen. In aktuellen Studien erweist er sich durchweg als kraftvoller Motor der Genesung.
Depressive lernen in Gruppentherapien, das Witzige in unterschiedlichen Situationen (wieder) zu entdecken. Immer mehr Ärzte und Therapeuten setzen gezielt Ironie, Witze oder schlicht das Lachen im Rahmen ihrer Behandlung ein. Denn Humor hilft, therapeutische Einsichten zu vermitteln. Er dient als diagnostischer Gradmesser, der anzeigt, wie tiefgreifend eine psychische Erkrankung ist und wie viel die Therapie schon bewirkt hat, und als kreatives Werkzeug, um aus einem anderen Winkel auf das Leben und seine Probleme zu blicken, er macht Festgefahrenes beweglich. „Manchmal öffnet der Humor blitzartig eine neue Perspektive“, sagt auch Prof. Barbara Wild, Neurologin und Psychiaterin an der Universitätsklinik Tübingen. Hilft das, Lebenskrisen zu bewältigen?
Und was, wenn einem das Lachen vergangen ist? Können wir Humor trainieren? Seit Jahren beschäftigt sich Wild mit solchen Fragen. 2007 veröffentlichte sie eine Pilotstudie zu Clowns in der Psychiatrie. Sie untersuchte, wie Depressionen, Schizophrenie und Gewebeveränderungen im Gehirn den Sinn für Humor verändern. „Ich habe es in der Therapie immer wieder erlebt, dass bei den Patienten gerade Deutungen ihres Zustands mit Ironie und einem Augenzwinkern positive Gefühle hervorrufen“, erzählt die Expertin.

Humor macht uns freier und mutiger

Humor wirkt wie eine Art Schutzzone für die Seele. Denn ein Lachen oder Lächeln ist nicht unbedingt die Reaktion auf gute Witze. „Mithilfe eines Lächelns können wir Ansichten probeweise äußern, sie aber auch wieder zurücknehmen, uns sozusagen im Bereich des Möglichen bewegen“, erklärt Prof. Wild. Humor nimmt uns die Angst, sich dem Unangenehmen zu stellen. Das macht freier, mutiger. Das gilt auch – und gerade – im Alltag. Mal im Ernst: Wie viele Konflikte haben Sie schon mit einem Lachen entschärft? Haben lächelnd etwas gefordert, das unerreichbar schien – und es tatsächlich bekommen? Eben.
Humor ist eine Erfolgsstrategie; im Privaten, im Berufsleben, für ganze Unternehmen“, bestätigt Jumi Vogler, Kommunikations-Trainerin aus Hannover. Bei ihren Vorträgen lässt sie schon mal rote Nasen regnen. Sie will Menschen eine humorvolle Lebensart beibringen. Genauer: Fähigkeiten, die an den Humor geknüpft sind. „Die schlummern in jedem von uns. Meist müssen sie nur wachgeküsst werden“, sagt Vogler, die auch die nachfolgenden Übungen entwickelt hat.
Der Clou: Hat unsere Psyche erst mal wieder Zugriff auf die Kraftquelle Humor, blüht sie regelrecht auf. Wir werden gelassener, kreativer, wirken präsenter.

Humor hinterfragt die Perfektionistin in uns allen

Heißt das, wir sollen alle mit einem Dauergrinsen durch unser Leben gehen? „Um Himmels willen!“, protestiert Jumi Vogler. Ihr geht es um viel mehr. „Egal, ob Sie eine Rede halten, einen Raum betreten oder zum Chef gehen, um über mehr Gehalt zu verhandeln – Sie werden gesehen.“ Vor allem Frauen neigten dann dazu, sich durch negative Gedanken zu sabotieren („Ich kann das nicht!“). Solche Situationen trainiert Vogler mit ihren Klientinnen, damit sie die wichtigste Eigenschaft des Humors erleben: Er schafft gedankliche Distanz. Er hilft, die Dinge wieder so zu sehen, wie sie sind. „Der humorvolle Mensch sieht sich selbst und andere mit ihren Macken und kann sie trotzdem gern haben.
Echter Humor ist geprägt von Wertschätzung und Fehlertoleranz“, betont Jumi Vogler. Im Kern ist er sogar sehr ernsthaft, weil er genau hinsieht, den Perfektionisten in jedem hinterfragt. „Wer das kann“, verspricht die Expertin, „entwickelt Einfühlungsvermögen, schärft sein Bauchgefühl und stärkt sein Selbst bewusstsein.“ Im Gehirn wirkt Humor ähnlich ganzheitlich, zeigen neurowissenschaftliche Studien. Er aktiviert nicht nur unser Gefühlszentrum, sondern auch Areale, die für logisches Denken, Entscheiden und Kreativität verantwortlich sind. „Humor ist eine uns allen angeborene Fertigkeit, mit seinen Denkfähigkeiten zu spielen und sie auf diese Weise weiterzuentwickeln“, sagt der US-Psycho loge Paul E. McGhee von der Oakland University in Michigan, einer der Pioniere der Humor-Forschung. Soll heißen: Wut beißt sich fest. Humor findet eine Lösung.

Dem Alltag die rote Nase zeigen

Humor hat nichts mit einem aufgesetzten Dauer grinsen zu tun. Er ist eine innere Kraftquelle, die (wieder-)entdeckt werden will. Diese sieben Übungen helfen Ihnen dabei. Je öfter sie ab jetzt in Ihrem Alltag zum Einsatz kommen, desto leichter fällt es Ihnen, gedanklich entspannt die rote Nase aufzusetzen.

Übung 1: Humor-Bremsen wieder lösen

Vielen Menschen ist gar nicht mehr bewusst, wer oder was ihnen echte Freude bereitet. Das hilft: Zeichnen Sie zwei Spalten auf ein Blatt Papier. In die linke schreiben Sie, was Sie nicht mögen, was Sie langweilt, ärgert oder unglücklich macht – Ihre Humor-Bremsen. In der rechten Spalte zählen Sie auf, wer oder was Sie mit tiefer Freude erfüllt, was Sie unbedingt tun und erreichen wollen. Das sind Ihre Humor-Beschleuniger. Versuchen Sie von nun an, Bremsen durch Beschleuniger zu ersetzen oder, wenn das nicht geht, Humor-Blocker mit Humor-Verstärkern auszugleichen.

Übung 2: Spielen Sie Humor-Tennis

Kinder lachen pro Tag bis zu 400 Mal, Erwachsene nur 15 Mal. Das hilft: Holen Sie Ihre kindliche Vorstellungskraft zurück! Denken Sie sich gemeinsam mit Ihrem Partner oder einer Freundin Fantasiegeschichten aus. Nicht unbedingt realitätsnah, aber in sich schlüssig. Setzen Sie Ihrer Fantasie keine Grenzen. Einer fängt an und gibt nach ein paar Sätzen ab. Der andere erzählt die Story aus der Ich-Perspektive weiter.

Beispiele:

  • Eine Reise mit einem sprechenden Hund, der Ihnen am Ende einen romantischen Heiratsantrag machen will.
  • Sie haben im Wald einen Pilz gefunden, der alle nervigen Fehler in Computerprogrammen beseitigen kann.
  • Sie drehen einen Film über Ihr Leben, der in Hollywood fünf Oscars gewinnt.

Übung 3: Schlagfertig entschärfen

Humor zu haben, heißt nicht, alles lächelnd hinzunehmen, sondern Konflikte geschickt zu beruhigen, wenn andere zu Totschlagargumenten greifen. Bestes Beispiel: „Das haben wir immer schon so gemacht.“

Das hilft: Versuchen Sie mal eine dieser Antworten: pHat es auch mal geklappt?

  • Oh, Sie müssen ja leidensfähig sein.
  • Eben, und nun machen wir es mal anders.
  • Hier staubt’s (dann pusten Sie in die Luft).
  • In Ihrem Gesicht sehe ich Kreativität und den Willen zur Veränderung. Den werden Sie jetzt auch brauchen.

Natürlich passt nicht immer jede Antwort. Aber allein schon, sie sich auszudenken, schult Ihre Redegewandtheit – und bringt Spaß.

Übung 4: Die inneren Saboteure zu Witzfiguren machen

Humor befähigt uns, auch in schwierigen Situationen das Komische oder Absurde zu sehen (siehe Übung 5 „Humor- Brille“). Ein Beispiel aus der Praxis von Jumi Vogler: „Ein Geschäftsführer hatte wegen negativer Gedanken Redeangst. Ich schlüpfte in die Rolle seiner Selbstzweifel, gab ihnen Namen wie Waldemar und Friedhelm. Der eine lispelte, der andere schimpfte. Ergebnis: Ich brachte ihn auf die Palme, und er musste lachen und zog seine Rede durch. Sein innerer Widerstand wurde zu einem äußeren und dadurch besiegbar.“ Und jetzt Sie: Sobald sich Ihre inneren Saboteure das nächste Mal melden, geben Sie ihnen alberne Namen und sprechen deren Bedenken laut aus. Auch eine gute Freundin kann diesen Part wunderbar übernehmen.

Übung 5: Die „Humor-Brille“

Stellen Sie sich zwei oder drei Situationen vor, in den Ihnen Unangenehmes widerfahren ist. Wie haben Sie sich damals gefühlt? Waren Sie wütend, deprimiert? Versuchen Sie jetzt, etwas Witziges oder zumindest Gutes in Ihren Erlebnissen zu entdecken.

Beispiel 1: Sie haben Ihr Portemonnaie verloren – definitiv kein Spaß! Das hilft: eine Prise Sarkasmus. Was soll’s? Auf dem Foto im Personalausweis erkennt mich sowieso keiner mehr. Ich gönne mir jetzt eine neue Porträt-Serie und lasse mich vorher beim Friseur verwöhnen.

Beispiel 2: Ihnen fällt der Vorname einer Bekannten Ihrer Freundin nicht ein. So retten Sie die Situation: „Hallo, leider er innere ich mich nicht an deinen Namen. Bis jetzt warst du für mich immer ,Claudias nette Freundin’.“ Das Peinliche verfliegt, und Sie schaffen eine humorvolle, emotionale Verbindung.

Übung 6: Tagebuch für Lacher

In der Hektik des Alltags geht uns der Blick auf das Erheiternde schnell verloren. Das hilft: Schulen Sie diesen Sinn! Legen Sie z. B. ein Notizbuch an (oder eine Textdatei auf dem Computer) und schreiben Sie alle komischen Situationen hinein, die Ihnen tagsüber begegnen. Auch Witze gehören dazu. Nur so zum Spaß! Beim Durchblättern verschwindet miese Laune ruck, zuck. Und bläst der Partner, die Freundin oder die Kollegin mal Trübsal, holen Sie sie mit einer kleinen Anekdote aus dem Tief wieder heraus. „Suchen Sie Komik in Ihrem Leben, dann wird die Komik Sie finden“, schreibt Jumi Vogler in ihrem neuen Buch („Erfolg lacht“, Gabal, 224 Seiten, 19,90 Euro).

Übung 7: Dem Lustigen den Weg ebnen

Humor macht kreativ. Er verleiht eine spezielle Beobachtungsgabe, die uns das Überraschende im Alltäglichen entdecken lässt. Das klappt aber auch umgekehrt: Wer sich bewusst auf kreative Gedankenspiele einlässt, bahnt dem Lustigen fast automatisch den Weg.

Das hilft: Schreiben Sie 14 Gegenstände auf ein Blatt Papier, z. B. Blumenstrauß, Käse, Sekretär, Hering, Krokodil, Vertrag, Alpenveilchen, Gurke, Schlange, Chef, Toast, Zahnpasta, Klarsichtfolie, Limonade. Versuchen Sie jetzt, sich diese Liste zu merken, indem Sie eine möglichst abstruse Geschichte erfinden („Der Blumenstrauß war erstaunlicherweise mit Käse gespickt. Alfons, der Sekretär, nickte zufrieden und fügte noch einen Hering hinzu …“ usw.). Am Ende können (und wollen) Sie das Lachen nicht mehr verhindern. Versprochen!

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